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„Genre ernst nehmen“: Interview mit Artur Brzozowski zur 40. Ausgabe Fantasy Filmfest

Am 21. August startete der Vorverkauf für das Fantasy Filmfest 2026 in Köln. Das diesjährige Festival ist ein besonderes, denn das FFF feiert die 40. Ausgabe. Es begann in Hamburg; Köln gehört seit 1992 zu den derzeit sieben Festivalstädten. Festival-Co-Direktor Artur Brzozowski lässt die Geschichte des größten deutschen Genrefilmfestivals im Interview Revue passieren, gibt Einblicke in den Maschinenraum des Festivals und stellt einige persönliche Highlights der diesjährigen Ausgabe vor.

Von Nils Bothmann


Ihr feiert dieses Jahr die 40. Ausgabe des Fantasy Filmfest. Kannst du etwas zur Entstehung und zur Geschichte des Festivals erzählen?

Das Fantasy Filmfest gibt es seit 1987 und wurde von meinem Kollegen Rainer Stefan gegründet. Angefangen hat alles natürlich wesentlich kleiner als heute, aber die Grundidee ist über die Jahre erstaunlich konstant geblieben: Filme auf die große Leinwand zu bringen, die im regulären Kinoprogramm häufig keinen Platz finden. Horror war dabei immer ein wichtiger Bestandteil, aber das Festival war nie ein reines Horrorfilmfestival. Thriller, Science-Fiction, Fantasy und generell Filme, die Grenzen überschreiten oder sich nicht so einfach einordnen lassen, gehören genauso zu unserer DNA.

In 40 Ausgaben hat sich natürlich unglaublich viel verändert. Das Festival ist gewachsen, neue Städte sind dazugekommen, die Filmbranche und die Art, wie wir Filme entdecken und schauen, haben sich komplett verändert. Gleichzeitig gibt es ein Publikum, das uns teilweise schon seit Jahrzehnten begleitet. Das finde ich gerade zum Jubiläum besonders schön. Manche kommen seit den ersten Jahren, andere entdecken das Festival gerade mit Anfang 20. Diese Mischung macht sehr viel aus.

Festivalgründer und -leiter Rainer Stefan (r.) im Gespräch mit Regisseur Xavier Gens bei Vorstellung von Farang auf dem Fantasy Filmfest 2023 (Copyright: Fantasy Filmfest)

Wann und wie kamst du persönlich zum Festival?

Ich bin 2010 als technischer Manager und Kurzfilmprogrammierer zum Fantasy Filmfest gekommen. Damals habe ich mich vor allem um die technische Umsetzung und die Kurzfilme gekümmert und bin dann über die Jahre immer stärker in die Programmierung und andere Bereiche des Festivals hineingewachsen. Seit Anfang 2019 bin ich Co-Director.

Das heißt, ich kenne das Festival inzwischen aus ziemlich unterschiedlichen Perspektiven. Erst sehr stark über die Filme und die Auswahl, später zunehmend auch über alles, was rundherum dazugehört.

Kannst du gewisse Trends und Strömungen im Festivalprogramm über die Jahre ausmachen?

Auf jeden Fall. Genrekino reagiert sehr stark auf gesellschaftliche Entwicklungen, deshalb verändern sich Themen und Ästhetiken ständig. Es gab beispielsweise Phasen, in denen bestimmte Formen des Extremkinos sehr präsent waren, dann den großen Zombie-Boom oder eine starke Welle von Found-Footage-Filmen. In den letzten Jahren sehen wir wiederum sehr viel Horror, der mit Trauma, Familie, Identität oder gesellschaftlichen Ängsten arbeitet.

Gleichzeitig ist Genrekino internationaler und durchlässiger geworden. Einige der spannendsten Filme kommen längst nicht mehr aus den klassischen Genrefilmländern. Korea ist dafür ein gutes Beispiel, aber auch aus Südamerika, Südostasien oder Osteuropa kommen immer wieder Filme, die mit bekannten Genres etwas vollkommen Eigenes machen.

Und natürlich verschwimmen die Grenzen stärker. Ein Film kann Horrorfilm, Familiendrama und schwarze Komödie gleichzeitig sein. Genau diese Filme sind für uns oft besonders interessant.

Dieses Jahr ist Quentin Dupieux mit VERTIGINOUS im Programm vertreten, fast jeder seiner Filme lief auf einer FFF-Veranstaltung. Gibt es Filmschaffende, die quasi „gesetzt“ sind, wenn das Release ihres aktuellen Werks in euren Veranstaltungsplan passt?

Quentin Dupieux ist tatsächlich ein sehr gutes Beispiel für einen Regisseur, dessen Arbeit uns schon sehr lange begleitet. Wenn ein neuer Film von ihm kommt, schauen wir ihn uns natürlich sofort an.

Aber wirklich „gesetzt“ ist niemand. Wir würden keinen Film nur deshalb programmieren, weil der vorherige Film eines Regisseurs bei uns lief. Am Ende muss immer der konkrete Film funktionieren und zu der jeweiligen Ausgabe passen.

Natürlich gibt es Filmschaffende, bei denen wir besonders aufmerksam werden, weil wir ihre Entwicklung teilweise über viele Jahre verfolgen. Das ist auch etwas Schönes an einem Festival mit einer so langen Geschichte. Man zeigt einen frühen Film eines Regisseurs und irgendwann merkt man, dass daraus fast eine kleine gemeinsame Filmografie entstanden ist. Das Publikum kennt diese Namen dann ebenfalls und entwickelt seine eigenen Beziehungen zu ihnen.

Der spätere Guardians of the Galaxy-Regisseur und heutige DC-Studio-Chef James Gunn stellt seinen Film Super auf dem Fantasy Filmfest 2011 vor (Copyright: Fantasy Filmfest)

Bei den Anmoderationen erzählen du und deine Kollegen ja oft, dass ihr sehr viele Filme sichtet. Wie läuft das ab? Besucht ihr viele Filmmärkte oder findet das mittlerweile eher digital statt? Kannst du uns etwas zum Auswahlprozess erzählen?

Wir schauen tatsächlich sehr, sehr viele Filme. Ein großer Teil der Sichtungen findet inzwischen digital statt. Wir bekommen Filme direkt von Weltvertrieben, Verleihern, Produzent:innen und Filmschaffenden und verfolgen natürlich genau, was auf internationalen Festivals läuft.

Wichtige Anlaufstellen sind für uns außerdem die Filmmärkte in Berlin und Cannes. Dort können wir viele Filme früh sehen, mit internationalen Vertrieben und Filmschaffenden sprechen und einen Eindruck davon bekommen, welche Titel in den kommenden Monaten relevant werden könnten. Gleichzeitig ermöglicht uns das digitale Screening, viel breiter zu suchen als früher.

Festivals und Filmmärkte sind aber nicht nur wegen der Filme wichtig, sondern auch für den persönlichen Austausch. Man erfährt dort, woran Firmen gerade arbeiten, welche Filme entstehen und was vielleicht erst Monate später fertig sein wird. Außerdem schauen wir sehr genau, was unsere internationalen Kolleg:innen bei ähnlichen Festivals entdecken und programmieren, etwa in Sitges, Neuchâtel oder beim Fantastic Fest. Dieser Austausch ist für uns sehr wertvoll, weil wir dadurch Filme und neue Stimmen kennenlernen, die wir sonst vielleicht erst deutlich später auf dem Radar hätten.

Bei der Auswahl geht es natürlich darum, die besten Filme zu finden. Gleichzeitig bauen wir ein Programm, in dem die einzelnen Filme miteinander funktionieren und unterschiedliche Genres, Länder, Perspektiven und Tonalitäten vertreten sind. Wir diskutieren sehr viel. Und manchmal sind gerade die Filme besonders spannend, bei denen wir am Anfang nicht alle derselben Meinung sind. Das bedeutet nicht, dass wir Kompromisse bei der Qualität machen, sondern dass wir gemeinsam sehr genau abwägen, welche Filme das Festivalprogramm bereichern und unser Publikum überraschen können.

Kommen wir zum diesjährigen Programm. Gibt es Titel, die du besonders herausheben oder besonders empfehlen möchtest?

Das ist bei einem eigenen Programm natürlich immer eine etwas gemeine Frage. Unser Eröffnungsfilm LEVITICUS ist für mich aber definitiv ein Highlight. Ich finde es schön, die 40. Ausgabe mit einem Film zu eröffnen, der sehr gegenwärtig ist und gleichzeitig genau diese Mischung aus Genre und starken gesellschaftlichen Themen mitbringt.

Ich freue mich außerdem sehr auf THE PLAGUE mit Joel Edgerton, der bei uns als Centerpiece läuft. TRISTES TROPIQUES von Park Hoon-jung ist ebenfalls ein Film, den ich unbedingt auf der großen Leinwand sehen würde.

Mit HOPE unserem Abschlussfilm haben wir wiederum großes, visuell beeindruckendes Kino im Programm. Und Filme wie SPECIES, NERVOUS, HOKUM, BIRTHDAY PARTY, BUDDY oder ANYMART zeigen ziemlich gut, wie unterschiedlich das Spektrum des Festivals sein kann.

Zum 40. Geburtstag war uns aber auch der Blick zurück wichtig. Deshalb freue ich mich sehr über unsere Screen-Legends-Titel wie A CHINESE GHOST STORY, THE CHASER und DON’T LOOK NOW. Ein Jubiläum sollte für uns nicht nur bedeuten, zurückzuschauen. Es ist viel spannender, Filmgeschichte und aktuelles Genrekino nebeneinander auf der Leinwand zu erleben.

Bereits letztes Jahr hattet ihr Programmpunkte mit Filmschulen in einzelnen Städten, dieses Jahr sogar in jeder Stadt. Mit der DFFB, Filmuniversität Babelsberg, Filmakademie Baden-Württemberg, HFF München und der KHM sind fünf der größten Filmschulen Deutschlands beteiligt, außerdem das Stuttgart Moving Image Center. Wie kamt ihr auf die Idee der Hochschulkooperation?

Uns beschäftigt schon länger die Frage, wie wir nicht nur Genrefilme präsentieren, die bereits im Umlauf sind, sondern auch den Nachwuchs stärker einbeziehen können. Gerade an Filmhochschulen entstehen wahnsinnig spannende Arbeiten, die im regulären Kinobetrieb kaum sichtbar werden.

Im vergangenen Jahr haben wir erste Kooperationen ausprobiert und sehr schnell gemerkt, dass das sowohl für uns als auch für die Hochschulen und vor allem für das Publikum interessant ist. Zum 40. Jubiläum wollten wir diesen Gedanken deshalb konsequenter weiterentwickeln und möglichst in jeder Festivalstadt eine Verbindung zu jungen Filmschaffenden schaffen.

Dabei geht es uns auch darum, Genre ernst zu nehmen. Horror, Fantasy, Thriller und Science-Fiction sind keine Nischen, in die man erst irgendwann nach der Filmhochschule stolpert. Viele junge Regisseur:innen interessieren sich ganz bewusst dafür und experimentieren schon während des Studiums damit. Diesen Filmen möchten wir eine richtige Kinoleinwand und ein Publikum geben.

Festivalleiterin Frederike Dellert (r.) mit Horror-Ikone Barbara Crampton (Re-Animator, From Beyond) auf dem Fantasy Filmfest 2018 (Copyright: Fantasy Filmfest)

Die KHM ist seit diesem Jahr dabei. Wie kam es zu dieser Kölner Kooperation?

Wir wollten die Hochschulreihe in diesem Jahr erweitern und Köln war dabei natürlich ein wichtiger Baustein. Die KHM hat eine sehr spannende und eigenständige Filmtradition und passt deshalb hervorragend zu uns.

Die Idee war von Anfang an, nicht einfach ein fertiges Programm anzufragen, sondern gemeinsam zu schauen, welche Arbeiten wirklich zum Fantasy Filmfest passen. Die KHM schlägt uns geeignete Filme vor und wir stellen daraus gemeinsam eine Auswahl zusammen. Für uns ist das in diesem Jahr der Startpunkt der Kooperation und wir hoffen natürlich, dass daraus etwas Langfristiges entsteht.

n den letzten Jahren gab es einige Neuerungen wie den Einbau von Videobotschaften der Filmschaffenden vor den jeweiligen Filmen, wenn möglich, oder Hinweise auf lokale Filmseiten und Podcasts. Müssen Festivals heute eine stärkere Bindung zum Publikum aufbauen?

Ja, absolut. Filme sind heute permanent verfügbar. Man kann zu Hause innerhalb von Sekunden aus Tausenden Titeln auswählen. Ein Festival muss deshalb einen Mehrwert schaffen, der über „Wir zeigen euch einen Film“ hinausgeht.

Für mich bedeutet das aber nicht, dass man jede Vorstellung mit möglichst viel Programm überladen muss. Es geht vielmehr darum, Nähe herzustellen. Wenn eine Regisseurin oder ein Regisseur nicht nach Deutschland kommen kann, können schon zwei persönliche Minuten vor dem Film einen Unterschied machen. Plötzlich weiß man, wer hinter diesem Film steckt und warum er entstanden ist.

Genauso wichtig finde ich lokale und nationale Partner. Menschen, die in Hamburg, Köln, München oder Nürnberg das ganze Jahr über Filmkultur vermitteln, kennen ihr Publikum. Wenn wir diese Stimmen einbinden, wird das Festival noch stärker Teil der jeweiligen Stadt.

Und letztlich ist genau das die Stärke eines Festivals: gemeinsam etwas zu erleben.

Dieses Jahr gibt es mit Gen G eine Previewveranstaltung in Berlin vor dem eigentlichen Festival, am 28. August, in Zusammenarbeit mit PrevYou. Könntet ihr euch analoge Veranstaltungen in weiteren Städten mit anderen Festivals vorstellen, etwa dem Kurzfilmfestival Köln?

Auf jeden Fall. Gen G findet dieses Jahr zum zweiten Mal statt und für uns ist das auch ein bisschen ein Experimentierfeld. Gemeinsam mit PrevYou bringen wir dort junge Filmschaffende und Kurzfilme zusammen, die sehr unterschiedliche Zugänge zum Genre haben. Gleichzeitig können wir ein Format ausprobieren, das außerhalb unseres eigentlichen Festivalzeitraums stattfindet und uns die Möglichkeit gibt, neue Ideen auszuprobieren.

Solche Kooperationen können wir uns auch in anderen Städten sehr gut vorstellen. Wir sind mit dem Fantasy Filmfest zwar jedes Jahr in sieben Städten zu Gast, möchten aber noch stärker mit der jeweiligen lokalen Filmszene in Kontakt kommen. Das können Filmhochschulen sein, aber genauso andere Festivals, Kinos oder Initiativen. Gerade beim Kurzfilm gibt es viele Möglichkeiten, gemeinsam etwas zu entwickeln. Das Kurzfilmfestival Köln wäre deshalb durchaus ein spannender Partner.

Ich finde es interessanter, gemeinsam ein Format zu entwickeln, das wirklich zu beiden Festivals passt, als einfach ein bestehendes Programm zu übernehmen. Gen G ist dafür ein gutes Beispiel: Die Kooperation hat einen eigenen Charakter bekommen und genau das macht sie für uns interessant.

Artur Brzozowski moderiert das Special Screening von Thanksgiving am 15. November 2023 im CinemaxX am Potsdamer Platz an (Copyright: Fantasy Filmfest)

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage und ein Filmzitat in einem: Was ist dein Lieblingshorrorfilm?

Ich kann mich da wirklich nur schwer auf einen einzigen Film festlegen. David Lynch hat mich sehr geprägt, gerade diese Art von Unbehagen, bei der man gar nicht genau sagen kann, warum eine Szene eigentlich so verstörend ist.

THE BLAIR WITCH PROJECT hat für mich wiederum eine ganz persönliche Bedeutung. Das war einer der ersten Horrorfilme, die ich damals trotz FSK irgendwie im Kino sehen konnte. Allein deshalb ist die Erinnerung daran sehr stark. Dazu kam natürlich dieses Gefühl, nicht genau zu wissen, was davon eigentlich echt ist. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, wie gut dieser Mythos damals funktioniert hat.

Und aus den letzten Jahren würde ich IT FOLLOWS nennen. Ich liebe die Einfachheit der Idee, die Atmosphäre und den Soundtrack. Der Film zeigt für mich sehr schön, dass Horror gar nicht kompliziert sein muss, um sich festzusetzen.

Mehr zum Festival gibt es auf der offiziellen Homepage des FFF.

Copyright des Bilds von Artur Brzozowski im Header: Timo Raab Fotografie

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