Festival Filmszene Aktuell

Interview mit Amin Farzanefar

Seit 2006 gibt die Filmreihe Tüpisch Türkisch in Köln einen Einblick in das türkische Filmschaffen, dieses Jahr wird sie volljährig. Zum diesjährigen Programm gehören unter anderem Auf trockenen Gräsern (2023), das neueste Werk des gefeierten Regisseurs Nuri Bilge Ceylan, und die Dokumentation Hatay: 1.-11. September 2023 (2023), die sich mit verheerenden Erdbeben im Februar 2023 und dessen Folgen beschäftigt und von drei Kurzfilmen zu dem Thema flankiert wird. Wann immer möglich, erfolgen Gespräche mit den Filmschaffenden nach dem Screening, entweder persönlich oder via Zoom. Im Vorfeld sprachen wir mit Amin Farzanefar, der das Festival gemeinsam mit Lale Konuk veranstaltet.

Im diesjährigen Programm von Tüpisch Türkisch finden sich zwei Filme, die sich mit der Situation türkischer Einwander*innen in Deutschland beschäftigen, zum einen der gegenwärtige Behind Closed Doors (2023), zum anderen die restaurierte 4K-Fassung von In der Fremde (1975). Kann man dies als implizite Aufforderung verstehen, beide Filme und die dargestellten Situationen auch im Vergleich zueinander zu lesen?

Die Vertreterinnen des sogenannten deutsch-türkischen Kinos führen einen langen Kampf, diesen Begriff überflüssig zu machen, und einfach als deutsches Kino aufzugehen. Andererseits lassen sich halt dort, wo Kulturen sich berühren, besondere und interessante Stoffe erzählen. Und die Aufregung um den oscarnominierten Ilker Çatak zeigt, dass es noch ein weiter Weg ist zur endgültigen Gleichstellung. Die genannten Filme vertreten zwei ungewohnte Blickrichtungen: einmal den eines iranischen Exil-Regisseurs – der 1975 mit einem Film auf die türkischen Arbeitsmigrant*innen auch seine eigene Fremdheitserfahrung verarbeitet; Alpgiray Ugurlu hingegen filmt innerhalb einer Community junger, meist gut ausgebildeter Türk*innen in Berlin – hier sind deutliche Unterschiede erkennbar, aber auch die Suche nach Zugehörigkeit.

Amin Farzanefar, Foto: privat

Ein großes Thema in den Filmen des Programms sind die Restriktionen durch die AKP-Regierung und die daraus resultierende Situation für gewisse Bevölkerungsgruppen – Millenials in dem Spielfilm Almost Entirely A Slight Desaster (2023) oder Transpersonen in der Doku Blue ID (2023). Ist dies ein Ausdruck der wachsenden Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen dort oder bleiben es Einzelstimmen?
Das türkische Kino kann gar nicht vorbeigehen an der aktuellen Stimmung, die wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Krise wird dabei in unterschiedlichen Erzählformen und Tonlagen verarbeitet. Das Besondere bei Almost Entirely … ist, wie liebevoll und auch humoristisch der Regisseur die Perspektivlosigkeit seiner vier Millenials zeichnet – da ist noch nicht alle Hoffnung verloren. Filme über die schwierige Situation queerer Communities, queerer Menschen, hat es schon immer gegeben, aktuell nimmt die Homophobie aber wieder zu; dies zeigt der Ausschluss queerer Charaktere aus Fernsehserien.

Einige Restriktionen treffen auch die Kulturszene selbst. Der diesjährige Festivalbeitrag The Decree (2023) wurde vom Filmfestival Antalya ausgeschlossen, was zum Abbruch der Veranstaltung führte, gegen Burning Days (2022), der auf der letztjährigen Ausgabe von Tüpisch Türkisch lief, wurde mit Rückzahlungsforderungen für Fördergelder angegangen. Wie ist die Lage für türkische Filmschaffende in dieser Hinsicht? Haben die Restriktionen zugenommen?
Bereits 2015 hatte ein Zensurfall die Filmschaffenden zum solidarischen Abbruch des großen Istanbul Filmfestivals bewogen, damals ging es um eine Doku über die PKK. Seither ist die Situation eher schlechter geworden: Cigdem Mater, eine der wichtigsten Produzentinnen des unabhängigen türkischen Kinos, mit zahlreichen internationalen Kontakten, wurde 2022 zu 18 Jahren Haft verurteilt; der Vorwurf: sie habe die regierungskritischen Geziproteste von 2013 initiiert – eine Bürgerbewegung. Dieselbe Anschuldigung trifft den Mäzen Osman Kavala, der seit 2017 inhaftiert ist.
Kavalas Stiftung „Anadolu Kültür“ hatte mit ihren Austauschprogrammen zwischen dem „weißen“ türkischen Westen und dem kurdischen Osten, oder zwischen jungen Türk*innen und Armenier*innen auch viele Filmprojekte unterstützt. Viele Filmschaffende beklagen eine indirekte Zensur der „Austrocknung“: man entscheidet sich in den Fördergremien einfach nicht mehr für die Unterstützung allzu kritischer Stoffe. All dies gesagt, ist das Vorgehen nicht ganz systematisch: es entstehen immer mehr, immer bessere Filme – das liegt an der Professionalisierung der Filmentwicklung, den Koproduktionsstrukturen und vielleicht auch an der Herausforderung, für die gegenwärtige Situation eine angemessene Filmsprache zu finden.

Mit Auf trockenen Gräsern (2023) ist der prominente Regisseur und mehrfach Cannes-Preisträger Nuri Bilge Ceylan im Programm vertreten. Was erwartet das Publikum mit seinem neuesten Werk?
Es geht um einen in die Provinz versetzten Lehrer, und wie er mit dem Vorwurf umgeht, eine Schülerin belästigt zu haben. Ein Thema, das sich durch Ceylans Werk durchzieht, ist die dünne Schicht an Modernität männlicher türkischer Intellektueller und Bildungsbürger – eher behauptet, in Konventionen und Routinen praktiziert, aber nicht wirklich in einem demokratischen Bildungssystem angeeignet. Da diese Figuren auf mehrfache Weise entwurzelt sind, schaffen sie es weder ihre tiefer liegenden, widersprüchlichen und auch destruktiven Impulse auszuleben, noch diese zu sublimieren oder transformieren. Das ist wie gesagt Ceylans pessimistische Sicht, die er mit geschliffenen Dialogen, brillanten Darsteller*innen und eine großartigen Bildgestalten umsetzt – mit allen Registern des Arthauskinos.

Gibt es Filme auf die Sie im diesjährigen Programm besonders hinweisen möchten oder Informationen, die Sie Leser*innen gern im Vorfeld an die Hand geben würden?
Angesichts der schwierigen Visapolitik der deutschen Botschaft möchte ich gerne auf die Veranstaltungen hinweisen, die den Austausch mit unseren angereisten Gästen ermöglichen. Beispielsweise der Schwerpunkt zum Erdbeben von Antakya im letzten Jahr oder den Dokumentarfilm
über den kurdischen Übersetzer von James Joyces „Ulysses“.

Alle weiteren Infos zum Programm, den Filmen und den Gästen finden sich auf der Homepage der Filmreihe.

Interview: Nils Bothmann

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