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Oft übersehenes Gewerk: Zur Arbeit der Film-PR in Corona-Zeiten

Seit November sind die Kinos zu. Inzwischen gibt es einen Stufenplan, unter welchen Konditionen sie öffnen dürfen, doch angesichts der aktuellen Inzidenzwerte dürfte dies nicht so bald passieren. Jüngst kündigte Warner beispielsweise an, dass die deutschen Starts von Godzilla vs. Kong (2021) und Mortal Kombat (2021), die für März bzw. April geplant waren, auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Seit Beginn der Pandemie hat man immer wieder Stimmen von Produzenten, Verleihern und Kinobesitzern gehört, die unter dem Geschehen leiden. Doch ein Gewerk kam dabei selten zur Sprache: Die Presseleute im Filmbereich. Dies ist nicht verwunderlich, denn gute Pressearbeit ist die, die man normalerweise gar nicht bemerkt, die aber dennoch hilft Aufmerksamkeit für einen Titel zu erzeugen. Wir haben mit zwei Betroffenen gesprochen, die ganz unterschiedliche Enden des Spektrums abdecken.

Nina Lobinger, Inhaberin des Büro Lobinger in Köln, macht auch Pressearbeit für kleinere Kulturprojekte, ist aber vor allem für die Titel von Universal zuständig. Sie beschreibt ihre Tätigkeit so: „Letztlich ist die Filmpressearbeit sehr vielfältig. Es geht damit los, dass es natürlich viel Büroarbeit ist, aber man ist auch oft unterwegs. Ich habe Kontakt mit Journalisten und Journalistinnen bei Pressevorführungen, aber es gibt auch Veranstaltungen wie Premieren oder Interview-Junkets, zu denen Filmschaffende anreisen. Der Kontakt und das Netzwerken ist bei alldem das Wichtigste.“ Während die Büroarbeit erhalten bleibt und Lobinger weiterhin viel virtuellen Kontakt hält, fällt der Rest ihres Tätigkeitsbereichs weg. „Ich sitze im Büro und harre der Dinge“, umreißt sie ihre Situation mit einem kleinen Lachen.

Das bedeutet, dass ihre Arbeit nicht komplett stillsteht, ganz im Gegenteil. „Ich plane weiterhin, muss auf die Lockdown-Verlängerungen und die Start-Verschiebungen reagieren und dann entsprechend umplanen. Das ist nicht sehr befriedigend, aber es bleibt mir nichts anderes übrig“, erklärt sie. „Natürlich sind viele Einnahmen für mich weggefallen, etwa für die Betreuung von Journalisten bei Pressevorführungen. Aber ich musste mich bisher nicht um staatliche Hilfe bemühen, was ich hätte tun können. Den Aufwand, den ich dafür hätte aufbringen müssen, habe ich lieber darein gesteckt, neue Aufträge an Land zu ziehen. Ich habe schon immer ein Standbein neben der Film-PR gehabt: Ich texte und lektoriere“, offenbart Lobinger. „Das ist mein persönliches Glück, denn ich kann in dem Bereich jetzt etwas mehr machen.“

The Hunt

Da ihr Themenfeld die Filmpresse für den Kinobereich ist, war Lobinger nicht in die Promotion von Universal-Filmen involviert, die nach geplantem Kinostart als Premium-Video-on-Demand veröffentlicht wurden wie beispielsweise The Hunt (2020) oder Trolls World Tour (2020).

Während Lobinger langjährige Erfahrung mit Pressearbeit hat, wurden der Filmagentur KERN DES GANZEN, die am ersten Januar 2020 gegründet wurde, die Auswirkungen der Corona-Pandemie quasi mit in die Wiege gelegt. Filmpresse ist nur ein Standbein der Agentur, siehe dazu auch unser Portrait. „Wir wurden am 1. Januar gegründet, sind im Februar in den regulären Betrieb gegangen und im März kam der Lockdown. Wir arbeiten gewissermaßen von Anfang an unter Sonderbedingungen“, fasst Geschäftsführerin Elisa May zusammen. Doch sie können auf die Erfahrungen des Teams bauen. „Unsere Presseagentin Jennifer Jones ist seit Jahrzehnten dabei, da kommt viel unseres Wissens her.“ Da KERN DES GANZEN vor allem Doku-Projekte aus dem Indie- und Arthouse-Bereich betreut, in dem die Budgets geringer und die Strukturen kleiner sind, deckt die Arbeit der Agentur alle Auswertungsformen ab.

„Natürlich ist es schwierig. Oft wird in dieser Lage umentschieden, ob ein Film ins Kino kommt oder doch eine Streaming-Premiere feiert. Da sind wir von den Lizenzgeber*innen abhängig und müssen dementsprechend reagieren“, erläutert May. „Dementsprechend ist es schwierig in der Kommunikation mit Journalisten, die selbst verunsichert sind, wann und wie ihre Berichte zu den Filmen erscheinen. Bei Startverschiebungen haben wir ein Problem: Wenn man einmal eine gewisse Aufmerksamkeit für einen Film erzeugt hat und der Start verschoben wird, dann kann man nicht davon ausgehen, dass man sechs Monate später das gleiche Level erreichen kann.“ Manche Formate würden auch ohne den Kinostart berichten, was hilfreich sei. Und manchmal habe ihnen die Pandemie sogar in die Hände gespielt: „Wenn die großen Starts wegbrechen, dann kann es sein, dass ein kleiner Film eine Besprechung in der FAZ erhält, die er sonst nie bekommen hätte.“

Auch Online-Events bekommen in diesen Zeiten mehr Aufmerksamkeit als zuvor. „Sonst war Kino ja immer das Zugpferd, das ändert sich nun“, beobachtet die Geschäftsführerin. Programmatisch sei es zudem hilfreich, dass KERN DES GANZEN sich auf Dokumentarfilme mit sozialem Fokus spezialisiert hat. „Die gesellschaftliche Relevanz hilft uns bei der Aufmerksamkeit, während der klassische Bereich der Filmbesprechung leider immer weiter zurückgedrängt wird. Darunter, dass der Platz für Kritiken weniger wird, dass Filmbesprechungen oft eingekauft und in zig Zeitungen veröffentlicht werden, hat vor allem der fiktionale Film zuletzt sehr gelitten“, teilt May ihre Einschätzung mit.

KERN DES GANZEN litt unter der Krise, musste Kurzarbeit beantragen, gerade als Start-Up-Unternehmen. „Wir bekommen kein Geld als Kompensation für Kinoschließungen, hängen aber gleichzeitig an eventuellen Liquiditätsproblemen der Lizenzgeber*innen“, fasst May die schwierige Lage der Filmpresse zusammen. Manchmal sei die Krise jedoch auch eine Chance gewesen. „Wir hatten mit We Almost Lost Bochum eine famose Autokinotour. Der Ruhrpottfilm über den Deutsch-Rap der Neunziger erlebte so nicht nur einen tollen Kinosommer, sondern passte auch perfekt in das Setting des Autokino“, erinnert sich die Geschäftsführerin zurück.

Egal ob Mainstream oder Arthouse, Spielfilm oder Doku – die Kinolandschaft wartet darauf, endlich wieder aus dem Lockdown erwachen zu können. Dann werden auch das Büro Lobinger und KERN DES GANZEN ihre Arbeit in vollem Umfang wieder aufnehmen und weiterhin geräuschlos dafür sorgen, dass Filme bei ihren Starts auch die nötige Aufmerksamkeit erlangen. Denn auch diese Tätigkeiten braucht eine funktionierende Filmlandschaft.

Text: Nils Bothmann

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