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Dekolonisierung des Kinos im Fokus

Das Internationale Frauen* Film Fest Dortmund+Köln 2025 widmet sich in seinem Fokus-Programm dem Thema „Learning and Unlearning Film – Decolonising Cinema“. Ziel ist es, die koloniale Vergangenheit und deren Nachwirkungen im Film zu analysieren und neue Perspektiven auf das Medium zu eröffnen.

Von Sandra Riedmair.


Im Interview erzählt Panorama-Kuratorin Betty Schiel, dass die Idee zu diesem Programm das Festivalteam schon lange begleitet. Dabei gehe es nicht nur darum, Filme einfach zu zeigen, sondern auch um eine tiefgehende Auseinandersetzung mit filmhistorischen und strukturellen Fragen.

„Wie gehen wir mit toxischen Archiven um?“ Diese Frage stellt sich nicht nur in der Kunstvermittlung, sondern auch in der Filmgeschichte. Doch was genau macht ein Archiv toxisch? Oft ist es der subjektive Blick, der entscheidet, was problematisch erscheint und was nicht. Die Herausforderung besteht darin, eigene blinde Flecken zu erkennen. Deshalb widmet sich das Festival nicht nur den Filmen selbst, sondern auch ihren Produktionsbedingungen. Es bietet Einführungen, Gespräche und Workshops an, um neue Perspektiven zu vermitteln und das „Sehen“ im Sinne einer kritischen Reflexion neu zu erlernen.

Schiel fasst es treffend zusammen: „Die Filmgeschichte ist eine sexistische, homophobe und rassistische Angelegenheit. Die Debatte um Restitutionen von geraubten Kunstgegenständen brachte uns dazu, unsere eigene Geschichte intensiver zu betrachten. In Deutschland überdeckt die Geschichte des Faschismus oft den Kolonialismus, obwohl beides eng zusammenhängt.“ Wie lässt sich das also anhand der Filmgeschichte untersuchen? Quer durch die Filmgeschichte und Regionen werden rassistische Bilder also dekonstruiert. Teils durch die Filme selbst, die Archive nutzen, teils durch Speaker, die die Filme einführen und ihnen einen Rahmen geben.

Filme seit 1903 bis heute

Das Programm betrachtet historische Aufnahmen, beginnend mit einem Film aus dem Jahr 1903, und analysiert, wie Kolonialbilder im Film genutzt wurden. Dabei ist es dem Festival wichtig, rassistische Strukturen nicht zu reproduzieren, sondern filmische Darstellungen kritisch zu kontextualisieren.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf Schwarzen Protagonistinnen. Häufig wurden sie in rassistischen Stereotypen dargestellt, doch das Festival sucht nach alternativen Narrativen und Sichtweisen. So wird die Komödiantin Berta Regustus gewürdigt, die bereits 1903 als eine der wenigen Schwarzen Frauen in den Credits eines Films aufgeführt wurde. Ebenso beleuchtet das Festival das nationale indische Filmarchiv, das Filme aus der britischen Kolonialzeit enthält. Viele dieser Filme enthalten Symbole des Widerstands gegen die Kolonialherrschaft.

Schiel betont, dass es nicht darum geht, problematische Filme einfach zu „canceln“, sondern sie sichtbar zu machen und einzuordnen: „Sehen lernen – ich habe lange Filme angesehen und mir nichts dabei gedacht. Doch Sehen muss man auch verlernen, um es neu zu lernen.“

Ein Beispiel für diese kritische Auseinandersetzung ist Sarah Maldorors Film „Sambizangavon 1972, der als erster afrikanischer Spielfilm von einer Schwarzen Frau gilt. Maldoror bringt eine dezidiert weibliche Perspektive in die von Männern dominierte Erzählung des afrikanischen Befreiungskampfes ein.

Bertha Regustus in „Laughing Gas“ von 1907, Foto: IFFF

Dekolonisierung des weißen Blicks

Viele Filme im Programm nutzen ethnografisches Material – oft stark rassistisch geprägt – und bearbeiten es neu. Filmemacherinnen schneiden sich selbst in die Aufnahmen, treten in Dialog mit den gezeigten Protagonistinnen und schaffen so eine intergenerationelle Verbindung. Die Regisseurin Eva Knopf hinterfragt in ihrer Arbeit die „Krux der Archivarbeit“ das Dilemma, dass man entweder auf rassistische Bildwelten zurückgreifen muss oder gar kein visuelles Material zur Verfügung hat.

Neben den Filmvorführungen werden alle Werke eingeführt und in anschließenden Gesprächen diskutiert. Rosine Mbakam leitet einen Workshop zur Dekolonisierung des weißen Blicks im Film. Auch andere Bereiche der Filmindustrie werden reflektiert: Kerstin Honeiths Film „Ich muss mit ihnen sprechen“ setzt sich mit der Synchronisation von Schwarzen Menschen auseinander, die historisch oft von Weißen gesprochen wurden. Das Panel zur Koproduktion diskutiert die Ungleichheiten in der Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern in der Filmproduktion.

Das Internationale Frauen* Film Fest Dortmund+Köln findet vom 1. bis 6. April 2025 in Dortmund statt. Das vollständige Programm ist auf der offiziellen Festivalwebsite einsehbar.

„Ich muss mit ihnen sprechen“ von Kerstin Honeith, Foto: IFFF

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