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Interview: augenschein Filmproduktion

Mit starbesetzten Arthouse-Filmen starten die Kölner Filmproduzenten Jonas Katzenstein und Maximilian Leo gerade richtig durch und haben augenschein mit ihrer Strategie zu einer der führenden Filmproduktionen in Deutschland gemacht.

Von Frank Olbert.


Selbst Erfolg kann manchmal enttäuschen – diese Erfahrung haben Jonas Katzenstein und Maximilian Leo gemacht, als sie im Jahr 2017 mit „My Happy Family“ beim Sundance-Festival eine Weltpremiere feierten, mit „Ana Mon Amour“ den Silbernen Bären der Berlinale gewannen, mit „Los Perros“ in Cannes mitmischten und in Venedig gleich mit drei Filmen vertreten waren. Tolle Filme, großer Zuspruch, doch am Ende dieses „Wahnsinnsjahrs“ waren die beiden Produzenten der Kölner Firma „augenschein“ doch ein wenig frustriert, erstreckte sich der Erfolg doch weitgehend auf die Arthaus-Nische, wie Katzenstein und Leo erzählen. „Die Filme schafften es nicht in den breiten Markt.“

Jonas Katzenstein, geboren 1980, schloss 2002 sein Studium als Audio Engineer ab und gründete 2004 das artaudio Tonstudio in Köln. Maximilian Leo, geboren 1979, studierte von 2005 bis 2009 an der Kunsthochschule für Medien Köln mit dem Schwerpunkt Spielfilmregie. 2008 gründeten sie „augenschein“. Mit welchem Konzept sie es schafften, sich eine immer größere Rolle im internationalen Film vor allem im Zusammenspiel mit den USA zu erobern, berichten sie im Interview. „Islands“ (Regie: Jan Ole Gerster) startet am 8. Mai, „The Assessment“ (Regie: Fleur Fortune) am 3. April. 

„The Assessment“ mit Alicia Vikander und Elisabeth Olsen entstand weitestgehend in den MMC-Studios in Köln-Ossendorf, produziert von augenschein

Interview


Jonas Katzenstein und Maximilian Leo, wie würdet ihr Eure Zusammenarbeit beschreiben?

Jonas Katzenstein: Wir sind wie ein altes Ehepaar. Nach 17 Jahren „Ehe“, weiß man, was der andere denkt und kann den Satz des anderen beenden.

Wenn also zum Beispiel Produktionen angeschoben werden wie „The Assessment“ oder „Islands“, die nun beide ins Kino kommen – macht ihr das beide zusammen oder kümmert sich einer darum und der andere um etwas ganz anderes?

J.K.: Wir produzieren immer alles gemeinsam. Es gibt bei uns keine Aufteilung nach dem Motto: der eine ist fürs Finanzielle und der andere fürs Kreative zuständig. Wir haben vielmehr ergänzende Gedanken und Persönlichkeitsprofile. Ich bin ein bisschen vorsichtiger und suche nach dem Fehler und Max ist lösungsorientierter. Oft schreibt Max einen ersten Entwurf und ich redigiere, ganz gleich ob es ein Finanzierungsplan oder Drehbuchanmerkungen sind.

In den vergangenen Jahren und mit umfangreicheren Projekten hat sich Euer Zusammenspiel aber verändert?

Maximilian Leo: Es gibt eine etwas größere Aufteilung, zumindest physisch. Manchmal ist der eine mehr das „Gesicht” der Produktion, manchmal der andere. Aber alle großen Entscheidungen fällen wir weiter gemeinsam. Bei „The Assessment“ war Jonas zum Beispiel mehr vor Ort und jeden Tag am Set. Bei „Islands“ war es dann umgekehrt, da war ich die Bezugsperson für den Regisseur Jan-Ole Gerster und die ganze Zeit am Set. Dennoch sind wir jederzeit wie ein „Telefon-Joker” für den Anderen. Wir streben bewusst an, dass der eine die Frosch- und der andere die Vogelperspektive einnimmt. Während also einer mit dem ganzen Klein-Klein zu kämpfen hat, schwebt der Andere darüber und wahrt die Übersicht und die Relationen. Das ist eine sehr gesunde Mischung für das Projekt.

Maximilian Leo (links) und Jonas Katzenstein (rechts) mit dem „Islands“-Team auf der Weltpremiere während der Berlinale 2025, Foto: Sebastian Gabsch / Leonine

Mir hat einmal jemand gesagt, dass ihr eigentlich ein sehr unwahrscheinliches Paar gewesen seid, um so eine Firma zu gründen, aber eigentlich klingt es so, als würdet Ihr Euch prima ergänzen.

J.K.: Wir sind wie „zwei harmonierende 10er auf dem Spielfeld”. Und trotzdem ist es ein Wunder, dass ein gelernter Tontechniker und ein Regisseur ein gutes Produzentenduo abgeben ;-). Es ist das Vier-Augen-Prinzip, das uns stark macht – dafür bedarf es zwar einer großen Disziplin und der Bereitschaft zur Kommunikation. Dann bringt es aber riesige Vorteile auch emotional, weil alles irgendwie geteiltes Leid, aber auch doppelte Freude ist.

Wie groß ist Eure Firma mittlerweile?

M.L.: Auf jedem Projekt werden natürlich Hunderte Mitarbeiter:innen angestellt. Das permanente Team hingegen ist eine kleine schlagkräftige Truppe. Über viele Jahre hinweg waren wir da nur zu dritt, dann irgendwann sieben bis acht Mitarbeiter:innen – das hat sich in den letzten zwei Jahren nahezu verdoppelt: Wir haben zum Beispiel einen CFO, also einen Financial Manager, bereits vor fünf Jahren eingestellt. Neuerdings haben wir aber auch fest einen Syndikusanwalt im Team, also einen hausinternen Juristen. Es gibt einen zweiten Herstellungsleiter. Früher hatten unsere Projekte ein Budget von zwei bis drei Millionen Euro, jetzt sind es eher 15, manchmal  30 Millionen bei drei, vier Projekten im Jahr.

Eure Spezialität ist die deutsch-amerikanische Freundschaft, zumindest beim Film. Nun gab es die Corona-Krise, dann kamen die Streikwellen in Hollywood, jetzt gibt es die politischen Veränderungen. Wie wirkt sich das auf Eure Arbeit aus?

J.K.: Corona hat sich insofern stark ausgewirkt, da wir seitdem weniger oft im Jahr physisch in die USA reisen müssen, denn es geht fast alles über Videocalls. Auch die Streiks waren spürbar, da die Amerikaner dadurch vermehrt nach sicheren Produktionsstandorten geschaut haben. Von der aktuellen politischen Situation merken wir noch nicht viel, außer der Tatsache, dass die Amerikaner noch stärker nach Möglichkeiten suchen, im Ausland zu drehen. Insgesamt sind die USA in den letzten Jahren europaaffiner geworden und sich noch unsicherer über das, was in ihrem Land passiert. Das hat uns tatsächlich einen Boost beschert, weil es in den USA extrem kompliziert wird, die qualitativ hochwertigen Indie-Filme weiter zu produzieren.

Sam Riley und Stacy Martin spielen die Hauptrollen in Jan-Ole Gersters neuem Film „Islands“, der ebenfalls von Augenschein produziert worden ist. Foto: Leonine

Ihr profitiert also von der Lage in den USA?

M.L.: „Leider” ja, in diesen schwierigen Zeiten ist unser Ansatz auch für viele Filmemacher:innen ein Ausweg. Uns werden immer mehr und bessere Projekte angeboten, wir müssen immer öfter „Nein” sagen. Auch, weil es zu unserem Grundprinzip gehört, auf Augenhöhe zu produzieren und nicht nur ein Sparringspartner der Amerikaner zu sein.

Bei etwa der Hälfte unserer Filme handelt es sich zudem um Projekte, die wir komplett von Null auf selbst generieren. Wir entwickeln mit unseren Regisseur:innen die Filme dafür selbst und wollen ganz bewusst deutsche Regisseur:innen auf den Weltmarkt bringen: Franka Potente, zuletzt Jan-Ole Gerster mit Patrick Vollrath beispielsweise machen wir nach „7500“ das Folgeprojekt. Wir können diesen Filmemacher:innen Zugang zu den Hollywood-Stars bieten und gleichzeitig einen kuratierten Schutzraum für ihre künstlerische Vision.

Es geht Euch also nicht darum, bloß irgendwie zu helfen bei großen Produktionen? Ihr wollt selber die Großen sein.

J.K.: Serviceproducer wollen wir gar nicht sein. Wir haben noch nie eine Auftragsproduktion gemacht. Wir identifizieren uns als „Independent Producer”, für uns ist es wichtig, sozusagen „skin in the game” zu haben, also auch im Risiko zu stehen und im Erfolgsfall etwas davon zu haben, nur so können wir die künstlerische Vision unserer Filmemacher:innen schützen und auch langfristig unsere eigene Handschrift bewahren.

Lange hatte der deutsche Film das Image, elitär und schwer zugänglich zu sein, kein großes Publikum anzusprechen. In der Hinsicht hat sich einiges verändert.

M.L.: Man sieht es ja gerade: „September 5“, „Islands“ oder auch „Köln 75“ – das sind drei unklassischere Filme im Rennen um die Lolas, die weit über Deutschland hinaus wahrgenommen werden, obwohl es deutsche Filme sind, die majoritär hier produziert wurden. Uns hat dabei total geholfen, dass wir uns nicht mehr auf die deutsche Sprache beschränken müssen, so haben wir ein zehnfach größeres Publikumspotenzial. Plötzlich werden Science Fiction oder Thriller möglich, die es in Deutschland sonst schwer gehabt hätten.

Anne Hathaway spielt die Hauptrolle in dem lange erwarteten neuen Film von David Lowery: „Mother Mary“ entstand ebenfalls zu großen Teilen in Köln und soll im Jahr 2025 im Verleih von A24 in die Kinos kommen, Foto: augenschein FIlmproduktion

Im Grunde müsstet Ihr mit diesem Modell viele Nachahmer finden?

J.K.: Ich glaube, wir sind noch recht alleine mit diesen Modellen – also dass man ausschließlich englischsprachige Filme als majoritärer/alleiniger Partner produziert. Wir „leihen” uns also nur die Sprache und Schauspieler:innen aus den USA und produzieren und finanzieren einen klassischen deutschen beziehungsweise europäischen Film nur mit einer Besetzung und in einer Sprache, die weltweite Reichweite besitzt. Aber es gibt natürlich noch ein paar weitere tolle Kollegen wie zum Beispiel Komplizen, OneTwo oder auch Flare Films, die auch immer mal wieder englischsprachige Filme produzieren. Aber so konsequent wie wir macht es für den Moment noch keiner.

Was plant ihr als nächstes?

M.L.: Zusätzlich zu „Islands” kommt „The Assessment” mit Alicia Vikander und Elizabeth Olsen in die Kinos, später im Jahr folgt „Mother Mary” mit Anne Hathaway und Michaela Coel. Aktuell im Schnitt befindet sich unser erster Horrorfilm von Nikias Chryssos. Dazu haben wir einen Film mit Franka Potente in der Hauptrolle in Vorbereitung, den wir im Sommer in Köln drehen und bereiten dann noch „The Weight” mit Russell Crowe und Ethan Hawke vor.

J.K.: Langweilig wird uns wahrscheinlich nicht so schnell.


Interview: Frank Olbert

Titelbild: Maximilian Leo und Jonas Katzenstein, Foto: augenschein Filmproduktion / Jule Guder

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