Ein Sci-Fi-Psychodrama der besonderen Art mit glänzend aufgelegten Hauptdarsteller:innen. Mit „The Assessment“ startet am 3. April der Debütfilm der hochtalentierten französischen Musikvideo-Regisseurin Fleur Fortuné, der federführend von der Kölner Firma Augenschein produziert wurde.
Von Frank Olbert.
Es ist alles schön im Leben von Mia und Aaryan. Ihr Anwesen aus Naturstein, das sich so vorzüglich in die umgebende Wüstenlandschaft einschmiegt. Die Fenster aus bunten Rechtecken, die wie eine Farbkomposition von Piet Mondrian wirken. Sogar der virtuelle Affe im Labor, der sich auf dem Sofa räkelt, während Aaryan ständig an der Felldichte herumprobiert, ist ein feiner Kerl. Natürlich sind auch Mia und Aaryan schön. Wirklich alles in ihrem Leben ist schön und wohlgeordnet.
Dass sich vor allem Letzteres grundstürzend ändern kann, wenn Kinder ins Haus kommen, wissen Eltern jeglicher Prägung. So ist es auch in der Welt von Mia und Aaryan, die Fleur Fortuné, bekannt für ihre Musikvideos und Kurzfilme, in ihrem Spieldebüt mit einem berauschenden Sinn für Ästhetik und Harmonie erschafft.
Es ist eine Welt in naher Zukunft, die der Klimawandel unerbittlich in Zonen aufgeteilt hat: In der einen Hälfte vegetieren die Verlierer vor sich hin – sie sind den Verheerungen der neuen Zeit ausgesetzt. In der anderen leben Mia und Aaryan und ihresgleichen, und doch bezahlen sie einen Preis für trinkbares Wasser und saubere Luft und all die Schönheit um die herum. Tiere existieren nur noch in einer artifiziellen Version, und wer einen Kinderwunsch hegt, muss sich über sieben Tage hinweg einer Prüfung unterziehen. Vorausgesetzt, man zählt zu den „wertvollen Menschen“, so wie Mia und Aaryan.
Wenn das Leben von einer Prüfung abhängt
„The Assessment“ legt Fortuné als eine Mischung aus Dystopie, psychologischer Studie und philosophischem Gedankenspiel an, die überraschend gut gelingt: Was, wenn der Fortbestand der Menschheit vom Urteil einer Prüferin abhängt, die sich im Laufe der sieben Tage in ein launisches und extrem anstrengendes Gör verwandelt? Wenn sich also die Verhältnisse unter dem Druck eines ebenso autoritären wie anonymen Regimes umkehren und das Kind die Eltern erzieht? Vor allem Aaryan jedenfalls verwandelt sich für eine Woche in das, was man heute wohl einen Helikopter-Vater nennen würde.
Binnen kürzester Zeit treibt Fortuné die Disruptionen in dieser experimentellen Kleinfamilie auf die Spitze. Während Aaryan wohl oder übel auf das Spiel der Gutachterin eingeht, kann Mia nicht übersehen, dass es sich bei dieser Virginia nicht um ein wirkliches Kind, sondern um eine erwachsene und obendrein attraktive junge Frau handelt. Während Aaryan also bald traulich Daddy genannt wird, steuert das Verhältnis von Mutter und „Tochter“ ein ums andere Mal auf Katastrophen zu, die „The Assessment“ in eine sich konsequent steigernde desaströse Familienaufstellung verwandeln.
Das hat sowohl satirische wie auch beklemmende Seiten: Fortuné persifliert eine Gesellschaft, die in ihrer Bereitschaft zur permanenten Selbstoptimierung im Vergleich zu unserer Zeit nur wenig übertrieben scheint – zugleich wächst sich dieser Zwang, bloß nicht aus der Rolle zu fallen, zu einem System umfassender Anpassung und Kontrolle aus. Selbst beim Sex sollen sich Mia und Aaryan zusehen lassen, denn es müssen ja alle Aspekte ihres Zusammenlebens von Virginia unter die Lupe genommen werden.
Glänzend verschlagen, durchtrieben und trotzig
Seine beachtliche Wirkung erzielt der Film vor allem durch die drei Hauptdarsteller. Elizabeth Olsen und Himesh Patel sind ein Paar, das in Umgangsformen und Selbstgewissheit scheinbar nichts aus der Ruhe bringen kann – umso berührender zeigt besonders Olson, wie sie das Assessment regelrecht umwirft, zumal die Konfrontation mit Virginia offenbar alte Wunden aufreißt, die in Mias Verhältnis zur eigenen Mutter gründen. Eine Glanzleistung liefert dabei Alicia Vikander in der Rolle der Gutachterin ab: Sie spielt mit undurchdringlicher Miene die strenge Richterin ebenso überzeugend wie das freche Mädchen – verschlagen, durchtrieben und trotzig im einen Moment, gekränkt, zu Tode betrübt im nächsten.
Es ist eine erlesene Szenerie, vor dem sich das Drama dieser drei Personen abspielt – dessen Dynamik, weniger die gesellschaftlichen Verwerfungen im Zeichen der Umweltkatastrophe, stehen im Fokus von Fortunés Film. „The Assessment“ ist ein Psychodrama, das Inneres und Äußeres beständig ineinander spiegelt. Die Menschen und ihre Welt wollen vollkommen, elegant und strahlend schön sein. Und doch sind sie vollkommen zerstört.
„The Assessment“ wurde federführend von der Kölner Firma Augenschein produziert. Die Premiere fand im vergangenen Jahr auf dem Toronto Filmfestival statt, auch auf den Festivals in Zürich, Hamburg, Köln und London war der Film zu sehen.
Regisseurin Fleur Fortuné während der Dreharbeiten in Köln, Foto: CapelightDer Film wurde der federführend von der Kölner Firma Augenschein produziert und in den MMC-Studios in Köln Ossendorf gedreht, Alle Fotos: Capelight
Ein Sci-Fi-Psychodrama der besonderen Art mit glänzend aufgelegten Hauptdarsteller:innen. Mit „The Assessment“ startet am 3. April der Debütfilm der hochtalentierten französischen Musikvideo-Regisseurin Fleur Fortuné, der federführend von der Kölner Firma Augenschein produziert wurde.
Von Frank Olbert.
Es ist alles schön im Leben von Mia und Aaryan. Ihr Anwesen aus Naturstein, das sich so vorzüglich in die umgebende Wüstenlandschaft einschmiegt. Die Fenster aus bunten Rechtecken, die wie eine Farbkomposition von Piet Mondrian wirken. Sogar der virtuelle Affe im Labor, der sich auf dem Sofa räkelt, während Aaryan ständig an der Felldichte herumprobiert, ist ein feiner Kerl. Natürlich sind auch Mia und Aaryan schön. Wirklich alles in ihrem Leben ist schön und wohlgeordnet.
Dass sich vor allem Letzteres grundstürzend ändern kann, wenn Kinder ins Haus kommen, wissen Eltern jeglicher Prägung. So ist es auch in der Welt von Mia und Aaryan, die Fleur Fortuné, bekannt für ihre Musikvideos und Kurzfilme, in ihrem Spieldebüt mit einem berauschenden Sinn für Ästhetik und Harmonie erschafft.
Es ist eine Welt in naher Zukunft, die der Klimawandel unerbittlich in Zonen aufgeteilt hat: In der einen Hälfte vegetieren die Verlierer vor sich hin – sie sind den Verheerungen der neuen Zeit ausgesetzt. In der anderen leben Mia und Aaryan und ihresgleichen, und doch bezahlen sie einen Preis für trinkbares Wasser und saubere Luft und all die Schönheit um die herum. Tiere existieren nur noch in einer artifiziellen Version, und wer einen Kinderwunsch hegt, muss sich über sieben Tage hinweg einer Prüfung unterziehen. Vorausgesetzt, man zählt zu den „wertvollen Menschen“, so wie Mia und Aaryan.
Wenn das Leben von einer Prüfung abhängt
„The Assessment“ legt Fortuné als eine Mischung aus Dystopie, psychologischer Studie und philosophischem Gedankenspiel an, die überraschend gut gelingt: Was, wenn der Fortbestand der Menschheit vom Urteil einer Prüferin abhängt, die sich im Laufe der sieben Tage in ein launisches und extrem anstrengendes Gör verwandelt? Wenn sich also die Verhältnisse unter dem Druck eines ebenso autoritären wie anonymen Regimes umkehren und das Kind die Eltern erzieht? Vor allem Aaryan jedenfalls verwandelt sich für eine Woche in das, was man heute wohl einen Helikopter-Vater nennen würde.
Binnen kürzester Zeit treibt Fortuné die Disruptionen in dieser experimentellen Kleinfamilie auf die Spitze. Während Aaryan wohl oder übel auf das Spiel der Gutachterin eingeht, kann Mia nicht übersehen, dass es sich bei dieser Virginia nicht um ein wirkliches Kind, sondern um eine erwachsene und obendrein attraktive junge Frau handelt. Während Aaryan also bald traulich Daddy genannt wird, steuert das Verhältnis von Mutter und „Tochter“ ein ums andere Mal auf Katastrophen zu, die „The Assessment“ in eine sich konsequent steigernde desaströse Familienaufstellung verwandeln.
Das hat sowohl satirische wie auch beklemmende Seiten: Fortuné persifliert eine Gesellschaft, die in ihrer Bereitschaft zur permanenten Selbstoptimierung im Vergleich zu unserer Zeit nur wenig übertrieben scheint – zugleich wächst sich dieser Zwang, bloß nicht aus der Rolle zu fallen, zu einem System umfassender Anpassung und Kontrolle aus. Selbst beim Sex sollen sich Mia und Aaryan zusehen lassen, denn es müssen ja alle Aspekte ihres Zusammenlebens von Virginia unter die Lupe genommen werden.
Glänzend verschlagen, durchtrieben und trotzig
Seine beachtliche Wirkung erzielt der Film vor allem durch die drei Hauptdarsteller. Elizabeth Olsen und Himesh Patel sind ein Paar, das in Umgangsformen und Selbstgewissheit scheinbar nichts aus der Ruhe bringen kann – umso berührender zeigt besonders Olson, wie sie das Assessment regelrecht umwirft, zumal die Konfrontation mit Virginia offenbar alte Wunden aufreißt, die in Mias Verhältnis zur eigenen Mutter gründen. Eine Glanzleistung liefert dabei Alicia Vikander in der Rolle der Gutachterin ab: Sie spielt mit undurchdringlicher Miene die strenge Richterin ebenso überzeugend wie das freche Mädchen – verschlagen, durchtrieben und trotzig im einen Moment, gekränkt, zu Tode betrübt im nächsten.
Es ist eine erlesene Szenerie, vor dem sich das Drama dieser drei Personen abspielt – dessen Dynamik, weniger die gesellschaftlichen Verwerfungen im Zeichen der Umweltkatastrophe, stehen im Fokus von Fortunés Film. „The Assessment“ ist ein Psychodrama, das Inneres und Äußeres beständig ineinander spiegelt. Die Menschen und ihre Welt wollen vollkommen, elegant und strahlend schön sein. Und doch sind sie vollkommen zerstört.
„The Assessment“ wurde federführend von der Kölner Firma Augenschein produziert. Die Premiere fand im vergangenen Jahr auf dem Toronto Filmfestival statt, auch auf den Festivals in Zürich, Hamburg, Köln und London war der Film zu sehen.
Der Film wird in Köln zum Kinostart am 3. April zunächst im OFF Broadway Kino zu sehen sein.