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Medienstadt Köln unter Druck: Was der Streit um Filmförderung für den Standort bedeutet

Die deutsche Filmförderung steckt im Reformstau: Ohne Steueranreizmodell und ohne verbindliche Investitionspflicht für Streamingdienste verliert der Standort weiter an Boden. Was das für NRW und Köln konkret bedeutet – und warum die Branche jetzt Planungssicherheit statt „weicher“ Selbstverpflichtungen fordert – zeigt dieser Beitrag mit Stimmen aus Politik und Branche.

Von Frank Olbert.


Die Filmförderung in Deutschland steht vor einem dringenden Reformbedarf, doch was Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) und Finanzminister Jörg Kukies (SPD) in der vergangenen Legislatur auf den Weg brachten, blieb Stückwerk. Das Ampel-Aus verhinderte, dass sie über die Erhöhung staatlicher Zuschüsse und einigen Änderungen im Regelwerk des Filmfördergesetzes hinaus zu zwei zentralen Vorhaben voranschreiten konnten – einem steuerlichen Anreizmodell, wie es in vielen europäischen Ländern angeboten wird, sowie zu der Frage, wie die höchst erfolgreichen Streamingdienste zur dauerhaften Investition in den deutschen Markt gebracht werden können.

Beides ist dringend notwendig, denn die Film- und Fernsehwirtschaft in Deutschland und damit auch an den wichtigen Standorten Nordrhein-Westfalen und vor allem in der Medienstadt Köln steht unter Druck. Besonders krass zeigte sich das an der Ankündigung des Kölner Privatsenders RTL, mindestens 600 Stellen zu streichen. Neben der allgemeinen Kostenentwicklung, verursacht unter anderem durch hohe Energiepreise, sind auch die spezifischen Entwicklungen des Fernsehmarkts schuld: Die Werbeeinnahmen sinken, weil immer mehr Firmen statt im klassischen TV in den sozialen Medien oder auch bei den Streamern Reklame für sich treiben, während die Streamer gleichzeitig immer größere Marktanteile erobern. Hinzu kommen hausgemachte Probleme für den Kölner Sender wie das Quotendesaster für Stefan Raab, den man mit viel Tamtam und noch mehr Geld zurück auf den Bildschirm geholt hatte.

Die Krise der Privaten, die Ungewissheit, wie die Beitragsfrage bei den Öffentlich-Rechtlichen geklärt wird, hohe Kosten und wegbrechende Nachfrage – all dass drückt auch den Produzenten in NRW und ganz Deutschland aufs Gemüt. Dass Roths Nachfolger im Kultursstaatsministerium, der parteillose Wolfram Weimer, in dieser Situation sowohl auf ein Steueranreizmodell als auch auf eine gesetzlich verankerte Investitionsverpflichtung für die Streamer verzichten will, erzürnt nicht allein die Produktionsallianz und die Gewerkschaft Ver.di, sondern auch den Koalitionspartner SPD. Schließlich hatte man vor nicht allzu langer Zeit im Koalitionsvertrag vereinbart, Netflix, Amazon und all die anderen Schwerverdiener aus den USA per Gesetz zur Investition in Deutschland zu verpflichten, wo sie bedeutende Gewinne erzielen.

Sabine de Mardt, Foto: Gaumont

Eine Selbstverpflichtung der Streamer spüle in den kommenden Jahren mehr als 1,8 Milliarden Euro in die Kasse, rechnet Weimer vor – doch Sabine de Mardt, Geschäftsführerin der Kölner Firma Gaumont, glaubt nicht, dass eine solche freiwillige Verpflichtung in irgendeiner Weise rechtssicher sei. „Weil es sich um wachsweiche Erklärungen handelt. Allein ein Gesetz schafft Sicherheit für die Zukunft, darüber hinaus ist es Teil des Koalitionsvertrags – warum um Himmels Willen soll das nicht in die Tat umgesetzt werden?“ Nach de Mardts Ansicht sollten die Streamer einen moderaten Teil der in Deutschland erzielten Einnahmen wieder in den Markt zurückzugeben. „In vielen anderen europäischen Ländern klappt das bereits hervorragend mit einfachen Kennzahlen: Umsatz,  davon je nach Land zwischen 15 und 25 Prozent. Der Effekt für Programm und Branche ist enorm“ – und lukrativer als in Weimers Rechnung.

Sven Lehmann, Foto: Bündnis 90/Die Grünen

Nicht allein die SPD, auch der Kölner Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen), Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien, kritisiert Weimers Pläne. „Für NRW gilt, was für die gesamte deutsche Filmbranche gilt: Die Lage ist ernst. 85 Prozent der Produzent*innen schätzen die wirtschaftliche Situation bundesweit inzwischen als schlecht oder sehr schlecht ein. Das ist ein drastischer Anstieg gegenüber 77 Prozent im Jahr 2024 und 56 Prozent im Jahr 2022. Damit geraten auch zahlreiche Arbeitsplätze entlang der gesamten Produktionskette in Gefahr.“

Laut der Herbstumfrage der Produktionsallianz machen ein Drittel der Unternehmen im Fiction-Segment derzeit Verluste. Ein weiteres Drittel liegt im Bereich von prekären Gewinnmargen zwischen Null und 2,5 Prozent. Wer heute in Deutschland noch Filme produziere, so formuliert es die Geschäftsführerin der Allianz, Michelle Müntefering, müsse entweder äußerst idealistisch sein oder verrückt.

Nathanael Liminski, Foto: MBEIM NRW / Ralph Sondermann

Nordrhein-Westfalens Medienminister Nataniel Liminski (CDU) springt dem Berliner Kulturstaatsminister dennoch zur Seite. „Die seit Jahren andauernde Diskussion rund um die Investitionsverpflichtung zeigt, wie schwierig ein solcher Ansatz in der praktischen Umsetzung ist. Meine Position war immer, dass eine gesetzliche Regelung nur das letzte Mittel der Wahl sein sollte. Insofern begrüße ich das Engagement von Staatsminister Weimer, schnell umsetzbare Vereinbarungen mit der Branche zu treffen. In Verbindung mit den deutlich aufgestockten Fördermitteln des Bundes besteht nun die realistische Chance, einen spürbaren Investitionsschub für den Produktionsstandort Deutschland auszulösen. Entscheidend ist, dass die zugesicherten Investitionen auch tatsächlich kommen.“

Nordrhein-Westfalen habe sich für einen Weg ausgesprochen, der auf Anreize, Motivation und Gestaltungsspielräume setze, so Liminski. Dazu könnten auch steuerliche Modelle gehören, die im internationalen Wettbewerb unbestreitbar erfolgreich seien. „Entscheidend ist jedoch, dass solche Instrumente in der Praxis umsetzbar sind und nicht zu zusätzlichen bürokratischen Hemmnissen führen. Am Ende kommt es nicht allein auf die Höhe der Fördermittel an, sondern darauf, dass diese Mittel nachhaltig in die heimische Produktionswertschöpfung fließen“, so der Minister. 


Dem Kultursstaatsminister Wolfram Weimer und NRW-Medienminister Nathanael Liminski widerspricht der Geschäftsführer der Film- und Medienstiftung NRW – Walid Nakschbandi im aktuellen Interview mit Filmszene.Koeln:

Titelbild:
Moderne Virtual-Production-Demonstration in den MMC-Studios in Köln-Ossendorf, Foto: Werner Busch

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