In Saarbrücken startet heute das 47. Filmfestival Max Ophüls Preis – und Köln ist in den Wettbewerben so präsent wie lange nicht. Sieben Filme tragen die Handschrift ihrer Filmemacher:innen und Filmhochschulen. Sie zeigen, wie vielfältig der Nachwuchsstandort zwischen KHM und ifs inzwischen aufgestellt ist.
Von Werner Busch
Dass Köln beim Max Ophüls Preis 2026 gleich mit sieben Arbeiten vertreten ist, lässt sich nicht auf ein einziges Thema oder eine gemeinsame Ästhetik herunterbrechen – eher im Gegenteil. Im Wettbewerb Dokumentarfilm steht mit Jelena Ilić’ „Eine Krankheit wie ein Gedicht“ ein Film, der die persönliche Perspektive radikal ernst nimmt und dabei eine gesellschaftliche Großfrage aufruft. Ilić, ausgebildet an der Kunsthochschule für Medien Köln, begleitet die Situation ihres Vaters, der an einer drogeninduzierten Psychose leidet und seit Jahren in der forensischen Psychiatrie lebt. Je näher seine Entlassung rückt, desto dringlicher wird die Frage, wie Vertrauen nach Gewalt und Kontrollverlust überhaupt wieder entstehen kann – innerhalb einer Familie, aber auch innerhalb eines Systems, das Wiedereingliederung verspricht und zugleich Angst produziert.
Das Projekt wurde in seiner Entwicklung auch vom Arbeitsstipendium des Filmbüro NW getragen. Ein Beispiel dafür, wie Stoffentwicklung Freiräume schafft, damit ein so komplexer, verletzlicher Film überhaupt entstehen kann.
Im Wettbewerb Mittellanger Film ist Köln doppelt präsent – und wieder könnten die Positionen kaum unterschiedlicher sein. „M.“ von Adrian Witzel, als Abschlussfilm an der KHM entstanden, kehrt an einen Ort zurück, der selbst wie ein Speicher funktioniert: ein Haus, in dem mehrere Generationen Spuren hinterlassen haben. Die Titelfigur kommt als Erwachsene, um sich an ihre verstorbene Mutter zu erinnern, und findet statt klarer Antworten eine Erinnerung, die ständig die Form wechselt: Kindheit, Loslassen, die Brutalität des Erwachsenwerdens, das Verschieben von Wahrheit und Erfindung. Der Film macht daraus kein lineares Trauerstück, sondern eine Bewegung durch Zeiten und Zustände – als würde das Gebäude die Emotionen selbst archivieren.
Jon Grandpierres „S’Tuntschi vo Juf“, eine KHM-Produktion, schlägt wiederum die Brücke ins Mythische. In einem Haus in den Bündner Bergen treffen Tochter und Enkelin nach dem Tod der Mutter auf eine seltsame Gegenwart: Entrümpeln wird zum Beschwören, Besuch wird zur Begegnung mit Figuren, die wie heimliche Begleiter der Verstorbenen wirken. Neben einem Jäger und einem aufdringlichen Fußpfleger tritt die Sagenfigur der zum Leben erwachten Puppe aus der „Sennentuntschi“-Legende auf – und verknüpft Familiengeschichte mit einer Erzählung, die den Bergraum selbst als Resonanzkörper von Schuld, Begehren und Verlust inszeniert.
Zwei ifs-Filme feiern ihre Premiere beim Festival: »Mein Name Akim« im Wettbewerb Mittellanger Film und »Splitter« im Kurzfilm-Wettbewerb, Fotomontage: ifs.
Die ifs Internationale Filmschule Köln ist 2026 mit zwei Abschlussfilmen vertreten, die beide sehr unmittelbar von den Zumutungen des Alltags erzählen. „Mein Name Akim“ von Aleksandr Kim folgt einem Trans*Mann, der nach Deutschland geflüchtet ist und in einer Unterkunft lebt, in der er seine Identität aus Angst vor den Mitbewohnern verbergen muss. Der Film beobachtet das Leben im Wartestand und die Hürden, die aus Anerkennungsverfahren, Arbeitszuweisungen und Sprachverboten entstehen: Ausgerechnet der Zugang zur Sprache, also zu Teilhabe, wird zur bürokratischen Schranke. Akims Versuch, sich Deutsch selbst beizubringen, wird so zur Selbstbehauptung – leise, aber existenziell.
„Splitter“ von Marie Pauline Bagh, ebenfalls ein ifs-Abschlussfilm, konzentriert sich auf eine junge Studentin, die jobbt, nachts mit Freund:innen in einer griechischen Taverne hängt – und zugleich Mutter ist. Hanna und ihre Tochter Ida sind im Alltag ein eingespieltes Team, bis die Einschulung eine Verschiebung auslöst: Zeitpläne, Abhängigkeiten und Rollen geraten neu in Bewegung. Der Film erzählt davon ohne Sozialreportage-Geste, sondern als feine Beobachtung einer Beziehung, die sich verändern muss, damit sie bestehen kann.
Vanessa Montis „Consagración“, als Kurzspielfilm an der KHM entstanden, setzt auf ein heikles, hochgradig privates Objekt: Eine VHS-Kassette, die ein Abtreibungsritual dokumentiert und unerwartet in die Hände eines Dates gerät. In einem stillen deutschen Winter prallen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander, Schuld und Sehnsucht verweben sich, und aus Bogotá drängen Erinnerungsfragmente nach vorn, die nicht einfach „aufgearbeitet“ werden können, sondern eher als Filmgedicht nachhallen.
Ekaterina Reinbolds „Keine Stadt, kein Dorf“, ebenfalls eine KHM-Produktion, führt in ein Vereinshaus, in dem eine Familie den Geburtstag des Großvaters feiert. Die Protagonistin Zhenya will den Anlass nutzen, um ihrer Mutter wieder näherzukommen, und gerät in Gespräche, die zwischen kleinen Reibereien und lang überfälligen Sätzen pendeln. Nach und nach öffnen sich die Familienmitglieder, sprechen über das zurückgelassene Leben in Kasachstan und den schwierigen Neubeginn in Deutschland – und Zhenya findet in diesem Stimmengewirr einen Zugang zu ihrer eigenen Geschichte.
Dass Köln mit diesen sieben Filmen beim Max Ophüls Preis nicht nur „dabei“ ist, sondern in mehreren Wettbewerben sichtbar wird, ist für Filmszene Köln ein starkes Signal. Hier zeigt sich eine Stadt, deren Filmkultur nicht bei Premieren und Panels endet, sondern in Ausbildung, Entwicklung und Produktion ineinandergreift – und deren Nachwuchsarbeiten Themen und Formen findet, die weit über den lokalen Horizont hinausweisen.
Titelbild: Jelena Ilić’ in ihrem Film „Eine Krankheit wie ein Gedicht“
In Saarbrücken startet heute das 47. Filmfestival Max Ophüls Preis – und Köln ist in den Wettbewerben so präsent wie lange nicht. Sieben Filme tragen die Handschrift ihrer Filmemacher:innen und Filmhochschulen. Sie zeigen, wie vielfältig der Nachwuchsstandort zwischen KHM und ifs inzwischen aufgestellt ist.
Von Werner Busch
Dass Köln beim Max Ophüls Preis 2026 gleich mit sieben Arbeiten vertreten ist, lässt sich nicht auf ein einziges Thema oder eine gemeinsame Ästhetik herunterbrechen – eher im Gegenteil. Im Wettbewerb Dokumentarfilm steht mit Jelena Ilić’ „Eine Krankheit wie ein Gedicht“ ein Film, der die persönliche Perspektive radikal ernst nimmt und dabei eine gesellschaftliche Großfrage aufruft. Ilić, ausgebildet an der Kunsthochschule für Medien Köln, begleitet die Situation ihres Vaters, der an einer drogeninduzierten Psychose leidet und seit Jahren in der forensischen Psychiatrie lebt. Je näher seine Entlassung rückt, desto dringlicher wird die Frage, wie Vertrauen nach Gewalt und Kontrollverlust überhaupt wieder entstehen kann – innerhalb einer Familie, aber auch innerhalb eines Systems, das Wiedereingliederung verspricht und zugleich Angst produziert.
Das Projekt wurde in seiner Entwicklung auch vom Arbeitsstipendium des Filmbüro NW getragen. Ein Beispiel dafür, wie Stoffentwicklung Freiräume schafft, damit ein so komplexer, verletzlicher Film überhaupt entstehen kann.
Im Wettbewerb Mittellanger Film ist Köln doppelt präsent – und wieder könnten die Positionen kaum unterschiedlicher sein. „M.“ von Adrian Witzel, als Abschlussfilm an der KHM entstanden, kehrt an einen Ort zurück, der selbst wie ein Speicher funktioniert: ein Haus, in dem mehrere Generationen Spuren hinterlassen haben. Die Titelfigur kommt als Erwachsene, um sich an ihre verstorbene Mutter zu erinnern, und findet statt klarer Antworten eine Erinnerung, die ständig die Form wechselt: Kindheit, Loslassen, die Brutalität des Erwachsenwerdens, das Verschieben von Wahrheit und Erfindung. Der Film macht daraus kein lineares Trauerstück, sondern eine Bewegung durch Zeiten und Zustände – als würde das Gebäude die Emotionen selbst archivieren.
Jon Grandpierres „S’Tuntschi vo Juf“, eine KHM-Produktion, schlägt wiederum die Brücke ins Mythische. In einem Haus in den Bündner Bergen treffen Tochter und Enkelin nach dem Tod der Mutter auf eine seltsame Gegenwart: Entrümpeln wird zum Beschwören, Besuch wird zur Begegnung mit Figuren, die wie heimliche Begleiter der Verstorbenen wirken. Neben einem Jäger und einem aufdringlichen Fußpfleger tritt die Sagenfigur der zum Leben erwachten Puppe aus der „Sennentuntschi“-Legende auf – und verknüpft Familiengeschichte mit einer Erzählung, die den Bergraum selbst als Resonanzkörper von Schuld, Begehren und Verlust inszeniert.
Die ifs Internationale Filmschule Köln ist 2026 mit zwei Abschlussfilmen vertreten, die beide sehr unmittelbar von den Zumutungen des Alltags erzählen. „Mein Name Akim“ von Aleksandr Kim folgt einem Trans*Mann, der nach Deutschland geflüchtet ist und in einer Unterkunft lebt, in der er seine Identität aus Angst vor den Mitbewohnern verbergen muss. Der Film beobachtet das Leben im Wartestand und die Hürden, die aus Anerkennungsverfahren, Arbeitszuweisungen und Sprachverboten entstehen: Ausgerechnet der Zugang zur Sprache, also zu Teilhabe, wird zur bürokratischen Schranke. Akims Versuch, sich Deutsch selbst beizubringen, wird so zur Selbstbehauptung – leise, aber existenziell.
„Splitter“ von Marie Pauline Bagh, ebenfalls ein ifs-Abschlussfilm, konzentriert sich auf eine junge Studentin, die jobbt, nachts mit Freund:innen in einer griechischen Taverne hängt – und zugleich Mutter ist. Hanna und ihre Tochter Ida sind im Alltag ein eingespieltes Team, bis die Einschulung eine Verschiebung auslöst: Zeitpläne, Abhängigkeiten und Rollen geraten neu in Bewegung. Der Film erzählt davon ohne Sozialreportage-Geste, sondern als feine Beobachtung einer Beziehung, die sich verändern muss, damit sie bestehen kann.
Vanessa Montis „Consagración“, als Kurzspielfilm an der KHM entstanden, setzt auf ein heikles, hochgradig privates Objekt: Eine VHS-Kassette, die ein Abtreibungsritual dokumentiert und unerwartet in die Hände eines Dates gerät. In einem stillen deutschen Winter prallen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander, Schuld und Sehnsucht verweben sich, und aus Bogotá drängen Erinnerungsfragmente nach vorn, die nicht einfach „aufgearbeitet“ werden können, sondern eher als Filmgedicht nachhallen.
Ekaterina Reinbolds „Keine Stadt, kein Dorf“, ebenfalls eine KHM-Produktion, führt in ein Vereinshaus, in dem eine Familie den Geburtstag des Großvaters feiert. Die Protagonistin Zhenya will den Anlass nutzen, um ihrer Mutter wieder näherzukommen, und gerät in Gespräche, die zwischen kleinen Reibereien und lang überfälligen Sätzen pendeln. Nach und nach öffnen sich die Familienmitglieder, sprechen über das zurückgelassene Leben in Kasachstan und den schwierigen Neubeginn in Deutschland – und Zhenya findet in diesem Stimmengewirr einen Zugang zu ihrer eigenen Geschichte.
Dass Köln mit diesen sieben Filmen beim Max Ophüls Preis nicht nur „dabei“ ist, sondern in mehreren Wettbewerben sichtbar wird, ist für Filmszene Köln ein starkes Signal. Hier zeigt sich eine Stadt, deren Filmkultur nicht bei Premieren und Panels endet, sondern in Ausbildung, Entwicklung und Produktion ineinandergreift – und deren Nachwuchsarbeiten Themen und Formen findet, die weit über den lokalen Horizont hinausweisen.
Titelbild: Jelena Ilić’ in ihrem Film „Eine Krankheit wie ein Gedicht“