Die Kölner Komponistin und Filmemacherin Koxi verfilmt Elfriede Jelineks Roman „Die Liebhaberinnen“ als bitteraktuellen Blick auf Klassen- und Geschlechterdynamiken. Im Interview erzählt die KHM-Absolventin, wie sie Jelineks Ton ins Filmische übersetzt, warum sie Brigitte und Paula in die Gegenwart versetzt hat und wie ihr Berlinale-Debüt Gestalt annahm.
Von Frank Olbert.
Koxi alias Caroline Kox, 1983 im Saarland geboren und in Luxemburg aufgewachsen, ist Musikerin, Filmproduzentin und Regisseurin. Sie hat an der Kunsthochschule für Medien in Köln Drehbuch und Regie studiert. „Liebhaberinnen“ nach einer Romanvorlage von Elfriede Jelinek ist ihr Regiedebüt mit einem Langfilm. Der u. a. von den Kölner Firmen Coin Film und bildundtonfabrik produzierte Film hat auf der Berlinale im Forum Premiere – im Herbst kommt er ins Kino.
Koxi, Elfriede Jelineks „Die Liebhaberinnen“ ist ein Buch, das sich in einem drängenden, sarkastischen Sprachfluss vorwärtsbewegt und dabei eigentlich keinem stringenten Plot folgt. Wie treu bist Du bei der Verfilmung dieser Vorlage geblieben?
Koxi: Dazu muss ich etwas ausholen. Ich habe in meiner Jugend schon vieles von Elfriede Jelinek gelesen, und zwar mit einer großen Begeisterung, so dass ich zu vielen ihrer Figuren eine Verbundenheit spürte. Das galt speziell für „Die Liebhaberinnen“, nicht, weil ich mich in diesem Frauenbild wiederfinde, sondern weil ich erkannte, dass genau dieses Frauenbild noch immer, Jahrzehnte nach Entstehung des Romans, existierte.
Dich hat also die Aktualität des Stoffes fasziniert?
Genau. Wir bleiben im Film dem Thema treu. Der Roman war ja als marxistisch-feministische Karikatur eines Heimatromans angelegt – für uns heute ist die Geschlechterdynamik, sind die Mechanismen der Unterdrückung, die Klischees in einer Weise präsent, die den Roman unvermindert relevant erscheinen lassen, allen Fortschritten und vieler feministischer Debatten zum Trotz.
Aber nochmal zurück zur Frage, wie sehr Du bei dieser Vorlage geblieben bist?
Klar, die Übersetzung ins Filmische war zugleich ein Prozess, das Zeitgeschehen im Blick zu behalten, die Veränderungen, die über die Jahre passiert sind. Mein Autor Antonio de Luca und ich haben versucht, die beiden Hauptfiguren Brigitte und Paula ins Heute zu versetzen. Was ist heute das Äquivalent zu einer Näherin in einer Miederwarenfabrik im Österreich der 70er-Jahre?
Ja, wobei sie wie bei Jelinek alles tun, nach oben zu gelangen, ihr Glück durch den gesellschaftlichen Aufstieg zu suchen, egal, wie krass man sich dabei verbiegen muss und wie sehr die Frauen dabei sexuell ausgebeutet werden – wobei auch die Männer absolut gefangen sind in ihrem kranken Koordinatensystem. Brigitte arbeitet also jetzt auf einer Messe für mobile Luxusbunker, also spiegelt sich die neue Zeit auch in den Schauplätzen wider. Die Menschen suchen ja förmlich nach Sicherheit.
Wo habt ihr gedreht?
Hauptsächlich in NRW und im Saarland, in Köln-Hahnwald zum Beispiel und auf der Messe Düsseldorf, aber weil man nicht tagelange auf einer richtigen Messe drehen kann, haben wir diesen Teil in den MMC-Studios in Köln nachgebaut – großes Shoutout an Bastie Griese von den MMC Studios!
Das Buch wird getragen von einem ironischen, oder besser sarkastischen Ton. Übernehmt ihr diesen Sound?
Das habe ich versucht, wobei ich nie versucht habe, mich über die Figuren zu erheben. Ich wollte immer auf Augenhöhe bleiben, aber natürlich die Eigenarten von Geschmack, Milieu, Habitus und Klasse beibehalten. Am Anfang befindet sich Brigitte immer auf dieser wuseligen, lauten Messe, und sie übernachtet auf dem Boden des 24-Stunden-Fitness-Studios, also in einer wirklich prekären Situation, und dann kommt es zum Aufstieg, dann ist sie in Hahnwald in der Villa mit dem Heinz. Den hat sie sich geangelt, das ist emotionale Arbeit, die sie da verrichtet, oder eher eine Art von Prostitution, und besonders zum Ende des Films hin mündet das in einen heterosexuellen Albtraum. Den bösen Blick haben wir uns dabei bewahrt.
Es gibt im Buch berühmt gewordene Sätze. „wenn einer ein schicksal hat, ist es ein mann. wenn einer ein schicksal bekommt, ist es eine Frau.“ Wie bringt ihr eine solche Botschaft im Film rüber, ohne eine Erzählerin einzusetzen?
Wir haben versucht, manche Jelinek-Sätze in die Dialoge hineinzumanövrieren. Der Satz, den Du zitiert hast, kommt im Film so nicht vor, aber ich hoffe, dass er durch die Ästhetik der Verfilmung, auch durch das Spiel der Darsteller*innen unausgesprochen mitschwingt. Darüber hinaus gibt es Sprachnachrichten der Mutter von Brigitte, in denen manche Romansätze aufgefangen werden. Aber manches fiel auch wieder dem Schnitt zum Opfer, weil es zu sehr nach 70er-Jahre klang …
… oder zu sehr nach Literatur?
Auch das – wir wollten alles Theatralische vermeiden und auch durch die Musik eine bestimmte Stimmung erzeugen, die Jelinek sozusagen „verkörpert“. Normalerweise versuchen wir immer, die Musik nicht zu stark emotional aufzuladen, die Zuschauenden nicht zu sehr in eine Richtung zu drängen, aber das ist diesmal bewusst anders. Antonio De Luca hat den tollen Score komponiert und ist genau umgekehrt vorgegangen, so dass die Musik fast eine eigenständige Stimme ist, die das Geschehen kommentiert. Eine Jelinek’sche, urteilende Stimme. Oder eine Jelinek-Dirigentin, so fühlt sich das für mich an.
Du hast schon darauf hingewiesen, dass Jelinkes Buch ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Wie sehr tragen #metoo, Weinstein und Epstein und all diese Verbrechen dazu bei, dass es uns noch so viel sagt?
Ich glaube tatsächlich, dass all das sehr viel dazu beigetragen hat, dass dieser Film finanziert werden konnte. Auch der französische Fall um die Massenvergewaltigungen von Gisèle Pelicot hat noch einmal meine Denkrichtung verändert. Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der die schlafende Brigitte Assoziationen zu diesem Fall weckt.
Dennoch war es für Dich nicht einfach, die Finanzierung auf die Beine zu stellen.
Als ich damit begann, über den Stoff nachzudenken und nach Partner*innen suchte, war man vielleicht an einem Punkt zu denken, man hat all das schon überwunden – und dann erst kamen #metoo und das Bewusstsein, dass der weibliche Körper trotz aller feministischen Anstrengungen immer noch ausgebeutet und objektifiziert wird. Der Film ist die Literaturadaption eines Buches von Elfriede Jelinek aus den 1970er-Jahren, er ist mein Debüt, er stellt Frauen nicht als Heldinnen dar – das gehörte wohl auch zu den Gründen, warum eine Finanzierung von „Liebhaberinnen“ zunächst schwierig war. Das muss man ehrlicherweise sagen, das wäre mir fast zum Verhängnis geworden.
Wie war die Erfahrung, Regie zu führen?
Ich habe an der Kunsthochschule für Medien in Köln Drehbuch und Regie studiert, deswegen war mir das nicht ganz so neu. Außerdem habe ich ein paar Kurzfilme gedreht. Das Musikmachen, vor allem für Filme würde ich deswegen aber nicht aufgeben: Musik und Film sind sozusagen die beiden Welten, in denen ich mich bewege. Für „Liebhaberinnen“ konnte ich mich zum Glück auf ein supergutes Team verlassen, auch aufgrund der wenigen Drehtage. Kamera, Ton, Licht, alles Topleute, bis hin zur Ausstattung mit ihrer Detailverliebtheit. Man hat bei allen gemerkt, wie sehr sie hinter dem Projekt stehen.
Die Kölner Komponistin und Filmemacherin Koxi verfilmt Elfriede Jelineks Roman „Die Liebhaberinnen“ als bitteraktuellen Blick auf Klassen- und Geschlechterdynamiken. Im Interview erzählt die KHM-Absolventin, wie sie Jelineks Ton ins Filmische übersetzt, warum sie Brigitte und Paula in die Gegenwart versetzt hat und wie ihr Berlinale-Debüt Gestalt annahm.
Von Frank Olbert.
Koxi alias Caroline Kox, 1983 im Saarland geboren und in Luxemburg aufgewachsen, ist Musikerin, Filmproduzentin und Regisseurin. Sie hat an der Kunsthochschule für Medien in Köln Drehbuch und Regie studiert. „Liebhaberinnen“ nach einer Romanvorlage von Elfriede Jelinek ist ihr Regiedebüt mit einem Langfilm. Der u. a. von den Kölner Firmen Coin Film und bildundtonfabrik produzierte Film hat auf der Berlinale im Forum Premiere – im Herbst kommt er ins Kino.
Koxi, Elfriede Jelineks „Die Liebhaberinnen“ ist ein Buch, das sich in einem drängenden, sarkastischen Sprachfluss vorwärtsbewegt und dabei eigentlich keinem stringenten Plot folgt. Wie treu bist Du bei der Verfilmung dieser Vorlage geblieben?
Koxi: Dazu muss ich etwas ausholen. Ich habe in meiner Jugend schon vieles von Elfriede Jelinek gelesen, und zwar mit einer großen Begeisterung, so dass ich zu vielen ihrer Figuren eine Verbundenheit spürte. Das galt speziell für „Die Liebhaberinnen“, nicht, weil ich mich in diesem Frauenbild wiederfinde, sondern weil ich erkannte, dass genau dieses Frauenbild noch immer, Jahrzehnte nach Entstehung des Romans, existierte.
Dich hat also die Aktualität des Stoffes fasziniert?
Genau. Wir bleiben im Film dem Thema treu. Der Roman war ja als marxistisch-feministische Karikatur eines Heimatromans angelegt – für uns heute ist die Geschlechterdynamik, sind die Mechanismen der Unterdrückung, die Klischees in einer Weise präsent, die den Roman unvermindert relevant erscheinen lassen, allen Fortschritten und vieler feministischer Debatten zum Trotz.
Aber nochmal zurück zur Frage, wie sehr Du bei dieser Vorlage geblieben bist?
Klar, die Übersetzung ins Filmische war zugleich ein Prozess, das Zeitgeschehen im Blick zu behalten, die Veränderungen, die über die Jahre passiert sind. Mein Autor Antonio de Luca und ich haben versucht, die beiden Hauptfiguren Brigitte und Paula ins Heute zu versetzen. Was ist heute das Äquivalent zu einer Näherin in einer Miederwarenfabrik im Österreich der 70er-Jahre?
Eure Figuren haben neue Berufe …
Ja, wobei sie wie bei Jelinek alles tun, nach oben zu gelangen, ihr Glück durch den gesellschaftlichen Aufstieg zu suchen, egal, wie krass man sich dabei verbiegen muss und wie sehr die Frauen dabei sexuell ausgebeutet werden – wobei auch die Männer absolut gefangen sind in ihrem kranken Koordinatensystem. Brigitte arbeitet also jetzt auf einer Messe für mobile Luxusbunker, also spiegelt sich die neue Zeit auch in den Schauplätzen wider. Die Menschen suchen ja förmlich nach Sicherheit.
Wo habt ihr gedreht?
Hauptsächlich in NRW und im Saarland, in Köln-Hahnwald zum Beispiel und auf der Messe Düsseldorf, aber weil man nicht tagelange auf einer richtigen Messe drehen kann, haben wir diesen Teil in den MMC-Studios in Köln nachgebaut – großes Shoutout an Bastie Griese von den MMC Studios!
Das Buch wird getragen von einem ironischen, oder besser sarkastischen Ton. Übernehmt ihr diesen Sound?
Das habe ich versucht, wobei ich nie versucht habe, mich über die Figuren zu erheben. Ich wollte immer auf Augenhöhe bleiben, aber natürlich die Eigenarten von Geschmack, Milieu, Habitus und Klasse beibehalten. Am Anfang befindet sich Brigitte immer auf dieser wuseligen, lauten Messe, und sie übernachtet auf dem Boden des 24-Stunden-Fitness-Studios, also in einer wirklich prekären Situation, und dann kommt es zum Aufstieg, dann ist sie in Hahnwald in der Villa mit dem Heinz. Den hat sie sich geangelt, das ist emotionale Arbeit, die sie da verrichtet, oder eher eine Art von Prostitution, und besonders zum Ende des Films hin mündet das in einen heterosexuellen Albtraum. Den bösen Blick haben wir uns dabei bewahrt.
Es gibt im Buch berühmt gewordene Sätze. „wenn einer ein schicksal hat, ist es ein mann. wenn einer ein schicksal bekommt, ist es eine Frau.“ Wie bringt ihr eine solche Botschaft im Film rüber, ohne eine Erzählerin einzusetzen?
Wir haben versucht, manche Jelinek-Sätze in die Dialoge hineinzumanövrieren. Der Satz, den Du zitiert hast, kommt im Film so nicht vor, aber ich hoffe, dass er durch die Ästhetik der Verfilmung, auch durch das Spiel der Darsteller*innen unausgesprochen mitschwingt. Darüber hinaus gibt es Sprachnachrichten der Mutter von Brigitte, in denen manche Romansätze aufgefangen werden. Aber manches fiel auch wieder dem Schnitt zum Opfer, weil es zu sehr nach 70er-Jahre klang …
… oder zu sehr nach Literatur?
Auch das – wir wollten alles Theatralische vermeiden und auch durch die Musik eine bestimmte Stimmung erzeugen, die Jelinek sozusagen „verkörpert“. Normalerweise versuchen wir immer, die Musik nicht zu stark emotional aufzuladen, die Zuschauenden nicht zu sehr in eine Richtung zu drängen, aber das ist diesmal bewusst anders. Antonio De Luca hat den tollen Score komponiert und ist genau umgekehrt vorgegangen, so dass die Musik fast eine eigenständige Stimme ist, die das Geschehen kommentiert. Eine Jelinek’sche, urteilende Stimme. Oder eine Jelinek-Dirigentin, so fühlt sich das für mich an.
Du hast schon darauf hingewiesen, dass Jelinkes Buch ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Wie sehr tragen #metoo, Weinstein und Epstein und all diese Verbrechen dazu bei, dass es uns noch so viel sagt?
Ich glaube tatsächlich, dass all das sehr viel dazu beigetragen hat, dass dieser Film finanziert werden konnte. Auch der französische Fall um die Massenvergewaltigungen von Gisèle Pelicot hat noch einmal meine Denkrichtung verändert. Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der die schlafende Brigitte Assoziationen zu diesem Fall weckt.
Dennoch war es für Dich nicht einfach, die Finanzierung auf die Beine zu stellen.
Als ich damit begann, über den Stoff nachzudenken und nach Partner*innen suchte, war man vielleicht an einem Punkt zu denken, man hat all das schon überwunden – und dann erst kamen #metoo und das Bewusstsein, dass der weibliche Körper trotz aller feministischen Anstrengungen immer noch ausgebeutet und objektifiziert wird. Der Film ist die Literaturadaption eines Buches von Elfriede Jelinek aus den 1970er-Jahren, er ist mein Debüt, er stellt Frauen nicht als Heldinnen dar – das gehörte wohl auch zu den Gründen, warum eine Finanzierung von „Liebhaberinnen“ zunächst schwierig war. Das muss man ehrlicherweise sagen, das wäre mir fast zum Verhängnis geworden.
Wie war die Erfahrung, Regie zu führen?
Ich habe an der Kunsthochschule für Medien in Köln Drehbuch und Regie studiert, deswegen war mir das nicht ganz so neu. Außerdem habe ich ein paar Kurzfilme gedreht. Das Musikmachen, vor allem für Filme würde ich deswegen aber nicht aufgeben: Musik und Film sind sozusagen die beiden Welten, in denen ich mich bewege. Für „Liebhaberinnen“ konnte ich mich zum Glück auf ein supergutes Team verlassen, auch aufgrund der wenigen Drehtage. Kamera, Ton, Licht, alles Topleute, bis hin zur Ausstattung mit ihrer Detailverliebtheit. Man hat bei allen gemerkt, wie sehr sie hinter dem Projekt stehen.
Interview: Frank Olbert
Foto: Hans Diernberger