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Review: Nouvelle Vague

Warum ist da eigentlich noch niemand vorher drauf gekommen? „Nouvelle Vague“ rekonstruiert die Dreharbeiten zu Godards „Außer Atem“ als schwarz-weiße Set-Chronik voller Tempo, Improvisation und Reibung. Richard Linklater gelingt dabei mehr als eine Cinephilen-Übung: ein unterhaltsamer Film übers Filmemachen, der sofort Lust macht, den Klassiker (wieder) zu sehen.

Von Andreas Füser.


Paris 1959: Während viele Kolleg:innen aus dem Umfeld der „Cahiers du Cinéma“ bereits ihre ersten Filme gedreht haben, wartet Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck) mit wachsender Ungeduld auf seine Chance. Erst der Erfolg, den sein Freund François Truffaut (Adrien Rouyard) mit „Sie küssten und sie schlugen ihn“ in Cannes feiert, verändert die Lage. Produzent Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst) erklärt sich bereit, auch Godards Debüt zu produzieren – allerdings unter der Bedingung, dass Truffauts Konzept für einen Gangsterfilm als Vorlage dient.

Doch Godard mag keine Pläne – und schon gar kein festes Drehbuch. Stattdessen lässt er seine jungen Stars Jean Seberg (hervorragend: Zoey Deutch) und Jean-Paul Belmondo (eine Entdeckung: Aubry Dullin) lieber spontan vor der Kamera von Raoul Coutard (Matthieu Penchinat) agieren. Das irritiert Team und Ensemble gleichermaßen – zugleich zieht Godards Energie alle in den Bann. Seberg, geprägt durch die streng organisierte Arbeit an Sets eines Otto Preminger, würde die Dreharbeiten am liebsten abbrechen. Belmondo hingegen fühlt sich gerade in dieser Spontaneität, jenseits jedes kommerziellen Kalküls, zu Hause. Zu Recht: Der Film wird sein Durchbruch.

„Außer Atem“ wird zum Meisterwerk, das die Nouvelle Vague entscheidend mitprägt – und bis heute als Beleg dafür gilt, was Mut, Tempo und formale Freiheit im Kino bewirken können.

In den Hauptrollen überzeugen Newcomer Guillaume Marbeck als Jean-Luc Godard und Zoey Deutch („Juror #2“) als Jean Seberg. Seine Weltpremiere feierte „Nouvelle Vague“ 2025 unter großem Beifall im Wettbewerb von Cannes. Kürzlich wurde der Film beim französischen Filmpreis César, wo er in zehn Kategorien nominiert war, mit vier Preisen ausgezeichnet: Richard Linklater erhielt den César für die Beste Regie; zudem wurden David Chambille (Kamera), Catherine Schwartz (Schnitt) und Pascaline Chavanne (Kostüme) geehrt.

Die Schwarz-Weiß-Bilder von „Nouvelle Vague“ wirken oft fast dokumentarisch und bringen die Zuschauer:innen dicht an die Produktion. Man erlebt chaotische Set-Situationen, Godards unkonventionelle Arbeitsweise, die Seberg immer wieder zur Verzweiflung treibt – und die entspannte Souveränität Belmondos, der sich im improvisierten Moment sichtbar wohlfühlt.

„Nouvelle Vague“, (c) JeanLouisFernandez

Gleich zu Beginn gleitet die Kamera von David Chambille durch das Paris der jungen Filmemacher:innen, beobachtet sie im Büro, bei Empfängen und Premieren. Namen wie Rohmer, Varda, Rivette, Truffaut oder Chabrol schwirren durch den Raum – bis der Film sich auf Godards starken Antrieb konzentriert, endlich den ersten eigenen Film drehen zu dürfen.

Das klingt nach einem Film ausschließlich für Cineast:innen. Doch auch wer Godard nicht gut kennt oder „Außer Atem“ tatsächlich noch nie gesehen hat, wird „Nouvelle Vague“ mit großem Vergnügen anschauen – und danach sehr wahrscheinlich Lust bekommen, „Außer Atem“ nachzuholen. Linklater fängt dessen Ton und Energie erstaunlich genau ein, inszeniert Szenen so, als sähe man den echten Dreharbeiten zu, und schafft daraus einen faszinierenden Film über das Filmemachen selbst. „Nouvelle Vague“ ist vieles: ein Film über Kino für alle, die sich dafür interessieren; eine sehenswerte Hommage an eine Bewegung; und schlicht sehr gutes, unterhaltsames Kino.

„Nouvelle Vague“ startet am 12. März 2026 bundesweit im Kino.


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In diesem Jahr feiert der Kölner Filmverleih Real Fiction sein 30-jähriges Bestehen. Der erste Film, den der Verleih veröffentlichte, war „Jean Seberg – American Actress“ (Fosco und Donatello Dubini) – und zum Jubiläum wurde er noch einmal gezeigt. Auch hier spielt „Außer Atem“ eine zentrale Rolle. Wer sich für Jean Sebergs Arbeit, ihre Verbindungen zur Black-Panther-Bewegung und ihren bis heute rätselhaften Tod interessiert, dem kann dieser Film besonders empfohlen werden. Er wird demnächst digital restauriert und anschließend wieder verfügbar sein.

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