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Review: No Mercy

„No Mercy“ von Isa Willinger versammelt Stimmen radikaler Filmemacher:innen und fragt, warum ihre Werke so oft als „hart“ etikettiert wird – und was diese Zuschreibung über patriarchale Bilder und Sprachmuster verrät. Aus Interviews, Filmausschnitten und persönlichen Erfahrungen entsteht ein dichtes Essay über Blickregime, Produktionsbedingungen und die Frage, wie Feminismus das Kino nicht als Thema, sondern als Grundlage neu sortiert.

Von Lena Mrachacz.


Was haben Ana Lily Amirpour, Catherine Breillat, Jackie Buet, Margit Czenki, Virginie Despentes, Alice Diop, VALIE EXPORT, Nina Menkes, Marzieh Meshkini, Mouly Surya, Céline Sciamma, Joey Soloway, Monika Treut, Apolline Traoré und Kira Muratova gemeinsam? Sie machen Filme, die von vielen als radikal, laut und hart beschrieben werden. Sie machen außerdem Arbeit in einer Branche, in der sie als FLINTA* Personen unterrepräsentiert sind. Und, so argumentiert „No Mercy“, nicht nur die Branche ist patriarchal organisiert, auch die Bilder, die wir seit Jahren prominent auf der Leinwand zu sehen bekommen.

In ihrem neuen Dokumentarfilm spricht die Regisseurin Isa Willinger mit all diesen anderen Filmemacher:innen – ausgenommen der 2018 verstorbenen sowjetischen Filmemacherin Kira Muratova, die sie als Schlüsselfigur fungieren lässt. In einem Interview vor vielen Jahren sagte diese nämlich, dass Filme von Frauen* (sie berief sich zu der Zeit auf ihren Besuch beim 1979 gegründeten Frauenfilmfestival – Festival International de Films de Femmes de Créteil) härter seien, als die von Männern. Doch was bedeutet Härte eigentlich und wessen Blick bedingt diese Wortwahl? Wieso machen wir überhaupt die Unterteilung in Filme von Männern und Frauen*? Und wie schreibt sich das Patriarchat eigentlich ins Filmemachen selbst und in die Sprache ein, derer wir uns bedienen, um diese zu beschreiben?

Die zahlreichen Interviews mit all diesen Filmemacher:innen aus den unterschiedlichsten Epochen und Genres spickt Isa Willinger immer wieder mit Filmausschnitten, die sich in die Narration des Films einbinden oder diese aufbrechen. Die Bilder stellen parallel zu Isa Fragen, oder geben Antworten, oder verorten sich irgendwo dazwischen. Und diese Bilder und Interviews übers Filmemachen verweben sich dann wiederum mit privaten Geschichten aus dem Leben der Regisseur:innen.

Und in dieser Ansammlung von Stimmen und Meinungen liegt die Qualität von Isa Willingers neuem Film. Die Aussagen und Herangehensweisen ihrer Protagonist:innen sind verschieden und so auch ihre persönlichen Erfahrungen: Margit Czenki war wegen politischem Bankraub im Gefängnis („Was ist die Gründung einer Bank gegen ein Bankraub oder so ähnlich“, sagt sie) und erzählt als eine der ersten Frauen* von ihrer Erfahrung in der Zelle. Apolline Traoré erzählt von der brutalen Realität von Frauen* in Burkina Faso. Und Catherine Breillat erzählt von ihrer Vergewaltigung, als hätte sie diese Geschichte schon hundert Mal erzählt. Es wird klar, dass der weibliche Körper – und daraufhin alle Körper – aus der künstlerischen Arbeit nicht wegzudenken ist. Die Kraft, mit der ab der Hälfte des Films über Vergewaltigung gesprochen wird, ist das Widerspenstigste, was ich seit Langem gesehen habe.

Ana Lily Amirpour, © Real Fiction Filmverleih

Der Film nimmt Feminismus und die Arbeit von Frauen* nicht als Thema, sondern als Grundlage, um über die Erfahrungen zu sprechen. Isa Willinger geht nicht nur auf die Inhalte der Filme ein, die Bilder und Geschichten, sondern weitet den Blick auf Produktionsbedingungen, die Vermarktung von Filmen und die Auswertung. Und sogar noch weiter: Es ist am Ende auch ein Film über Sprache. Er beschäftigt sich zum Beispiel mit der Frage: Sollten wir den Begriff Female Gaze oder Female Filmmaker überhaupt benutzen? Trans* Autor und Filmemacher Joey Soloway beschreibt, dass Filmemachen oft behandelt wird wie ein Sportevent oder wie Krieg – zwei inhärent männliche Ereignisse. Einer von Solowys radikalen Akten am Set besteht zum Beispiel darin, statt “ACTION” zu brüllen, mit einem sanften „Off you go“ den Dreh zu beginnen.

Und spätestens da wird klar: Es geht gar nicht um irgendeine Härte, die in den Filmen niedergeschrieben ist. Jede Person kann sanfte oder harte, leise oder laute Filme machen. Aber Filmemachen von FLINTA* Personen ist, auch in der heutigen Zeit, immer noch abseits der Norm und dadurch eigenständig, ungewohnt und inhärent revolutionär. So auch Isa Willingers Dokumentarfilm, der eine These aufstellt und sich dann, manchmal sanft und manchmal hart von ihr in alle Richtungen treiben lässt. NO MERCY lässt Filmemacher:innen zu Wort kommen, hört zu und reflektiert. Isa Willinger drückt ihre Protagonist:innen nicht in irgendeine Rolle. Sie legt ihnen nichts auf. Sondern sie fragt – und wir haben das Privileg, ihnen zuzuhören.

Vielleicht geht es gar nicht um Härte sondern um Stärke und Resilienz. Und um die Frage zu beantworten, ob es so etwas wie starke Frauen* gibt und einen Eindruck für die vielen klugen, interessanten, manchmal traurigen und oft lustigen, spannenden und revolutionären Gedanken, die der Film einfängt, zu geben, möchte ich Ana Lily Amirpour zitieren: „To push a kid out of your vagina requires strength. So it would be safe to assume that women are strong.“


Der Film ist ab dem 5. März 2026 im Filmhaus Köln zu sehen. Am 5.3. ist Regisseurin Isa Willinger zu Gast.

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