Filmkritik

Review: A Poet

„A Poet“ (Un poeta) von Simón Mesa Soto, Cannes-prämiert in Un Certain Regard, ist ein kantiges, tragikomisches Porträt eines gescheiterten Dichters in Medellín, der sein Leben im Alkohol und in nostalgischen Selbstbildern versenkt – bis er in einer Studentin ein „Talent“ entdeckt und sich ungefragt als Mentor aufdrängt. In körnigem 16-mm-Look und mit sprunghaften Schnitten erzählt der Film von Projektionen, Fremdzuschreibungen und der Frage, was vom „Poet*in-Sein“ bleibt, wenn das Schreiben selbst längst verstummt.

Von Jonas Neldner.


„A Poet“ (Spanisch: Un poeta) ist der zweite Film des kolumbianischen Regisseurs Simón Mesa Sota nach „Amparo“ aus 2021. „A Poet“ hatte seine Premiere bei den 78. Internationalen Filmfestspielen von Cannes, gewann dort den Jury‑Preis der Sektion Un Certain Regard und startet am 12. März in den deutschen Kinos.

Der Dichter Óscar Retrepo lebt zusammen mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in Medellín und kümmert sich weder um das Dichten noch um seine Mutter. Es gibt zwei Bücher, die er in jüngeren Jahren veröffentlicht hat, und zudem eine Tochter, die jedoch wenig von ihm wissen möchte. Über den Film erfahren wir ebenfalls wenig von Óscars Poesie. Wenn wir seine Bücher sehen, dreht er diese um und versteinert beim Anblick seines jüngeren Selbst, das den Buchrücken ziert. Es wird schnell umgedreht, zu schmerzvoll wirkt diese Erinnerung an alte Tage. Dieser Blick auf das Vergangene steht emblematisch dafür, wie Alltag und Verantwortung an ihm vorbeiziehen. So schleift er sich wortkarg und gekrümmt durch seine Arbeitslosigkeit und ergibt sich dem Alkohol, bis er auf die Studentin Yurlady trifft, bei der er ein Talent für Poetik und Prosa erkennt und sich bemüht, ihr Mentor zu werden. Und dafür ist es, aus seiner Sicht, auch vollkommen egal, ob sie diese Option für sich selbst beantwortet hat.

Der mit Handkamera und auf 16 mm gedrehte Film wirkt dokumentarisch, bricht jedoch Szenen mit harten Schnitten und Jump‑Cuts. War das wichtig, oder kann es doch weg? Óscar dürfte es nicht interessieren. So auch die Anfangsszene, in der er ein Rezept für seine Mutter abholt. Obwohl er das Rezept selbst abholt und liest, fragt er dennoch lieber seine Mutter, ob es ein neues ist und stärker sei. Er leiht sich von ihr Geld und klagt, dass es zu wenig sei. Ein Motiv, das sich durch den gesamten Film ziehen soll. Die Kamera fängt dies ein. Bewegt sich Óscar, so folgt die Kamera seinem Gang. Im Sprechen mit anderen wird geschnitten, als wäre eine Kluft zwischen ihm und der Außenwelt; das Innere von ihm bleibt dabei sinnhaft lückenhaft nicht auserzählt.

Ein weiteres wiederkehrendes Element sind seine Autofahrten. Seine Mutter ermahnt ihn stets, das Auto dort zu lassen. Diese Fahrten dienen nicht nur dem physischen Fortbewegen, sondern vor allem dem lauten Hören von Nikki‑Gee‑Liedern. Das ist auf unterschiedlichen Ebenen spannend, denn ähnlich wie Óscar operiert Nikki Gee nostalgisch verladen; so klingen „I won’t stop now“ und „Crying out your name“ eher wie 80er‑Rockballaden, obwohl sie von 2020 und später stammen. Und es sind auch die wenigen Momente des Films, in denen Óscar Emotionen nicht zurückhält. Beispielsweise weint er – Typ ‘ugly cry’ – während „Crying out your name“ über die Lautsprecher läuft. Der Film lässt diesen Momenten wenig Zeit. Wie ein Jingle werden sie eingeflogen, nur um dann wieder mit Emotion und Szene zu brechen. Dadurch wird dem Poeten das, was sein Wirken ausmacht, nämlich der Zugang zu und das Heranführen an Emotionen, entzogen. Óscar füllt diese Schuhe nicht aus, sodass der Titel des Films wie eine scheinriesenhafte und mahnende Erinnerung an ein Symbol wirkt, und weniger an die Person selbst. Gleicherweise bezieht sich der Titel des Films auch nicht auf eine bestimmte Person, sondern auf das Konzept Poet*in selbst, welches aber nie angetastet wird.

Rebeca Andrade (Yurlady), Foto: jip Film

Was davon übrig bleibt, wird in einer anderen Szene gezeigt, als Óscar mit einem jüngeren Mann auf der Straße über die Poeten José Asunción Silva und Gabriel García Márquez streitet. Während Óscar Silva als größten Poeten bezeichnet, wird er vom Gegenüber als nicht signifikant und nicht einmal seiner Mutter bekannt abgewertet. Das Hauptargument der beiden ist die Verwendung der Gesichter der beiden Schriftsteller auf Geldnoten: Silva erscheint nur auf der 5.000‑Peso‑Note, García Márquez auf der 50.000‑Peso‑Note. Nun ja, „der mit dem Schnurrbart, der diesen Preis gewonnen hat“. Der Streit legt offen, dass es hier weniger um das Schreiben selbst geht, sondern vielmehr um das Erinnern und die Strahlkraft des Erinnerns. Ein Bild von Silva hängt z. B. auch an Óscars Wand, was sein Nacheifern unterstreicht und zeigt, dass er das eigene Leben im Umkehrschluss nicht lebt. Silvas Leben beschreibt Óscar als Gedicht, bevor er in Rage gerät. Ein Schnitt fast forward zum nächsten Morgen (ein wiederkehrendes Element des Films) lässt erahnen, dass dieser Wechsel von Nacht zu Tag keine Seltenheit in Óscars Leben darstellt.

Das Zyklische wird durch Yurladys Auftauchen und Schreiben aufgebrochen. Konsequenterweise sieht Óscar sie weniger als Person und vielmehr als Poetin. Ähnlich handeln Efraín und Alonso, die das Poesiefestival der Stadt leiten und Yurlady als Poster‑Girl für Marketingzwecke ausnutzen wollen. So falsch sich diese drei Sätze auch lesen, so ist das Marketing‑Video nicht nur inhaltlich inszeniert, sondern auch formal anders, denn hier bricht der Film mit der 16‑mm‑Formel und zeigt das Werbevideo in gestochen scharfer Full‑HD‑Qualität und verschiebt das zuvor bekannte Bildformat und wir fallen für einen Moment aus dem Film heraus.

Yurlady wird von den drei Männern um sie herum fremdbestimmt und fremdbeschrieben und es entsteht eine Parallele zwischen ihr und Óscar, da beide eher als groteske Figuren skizziert sind und weniger dreidimensionale Charaktertiefe besitzen. Für Óscar ist Yurlady eine Art Nordstern und obwohl sie betont, nur schreiben zu wollen, nimmt sie für ihn kurzerhand den Platz des Dichters José Asunción Silva ein und wird zum Kompass seines Lebensinhalts, wodurch die eigene Familie und sein eigenes Leben weiter in den Hintergrund rücken. Beim Eröffnungsabend des Poesiefestivals trinkt sie zu viel, und Óscar lässt sie völlig überfordert vor ihrer Haustür zurück. Das Chaos entfaltet sich. Anders als bei seinen Alkoholeskapaden zeigt der Film nicht den Weg zum Kontrollverlust im Konsum, sondern setzt ein, als sie sich übergibt. Durch diese beiden ungleichen Stücke fügt sich ein Ganzes zusammen, und durch Óscars Handeln schließt sich die parasitär anmutende Beziehung der beiden.

Bei Letterboxd ist der meistbewertete Kommentar, dass „A Poet“ die Bojack Horseman ist, wenn er ein unbekannter Dichter aus Kolumbien wäre. Für Letterboxd dürfte diese Review zu lang und unlustig sein, aber ebenso funktionieren Tragik und Komik in Simón Mesa Sotos Film. Es ist holprig, verschachtelt, eckt an und ist zum Teil unausladend erratisch, verpackt dies aber mit viel Liebe für das Kantige und den Menschen der in der Petrischale beobachtet wird. Und so ist die vielleicht größte Frage des Films: Ist man eher eine Zoë oder eine Zelda? Und Du?

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