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Rückkehr nach fünf Jahren Pause: Die Stummfilmkonzerte kehren in die Rochuskirche zurück

Nach fünf Jahren Unterbrechung kehren die Stummfilmkonzerte mit Livemusik am kommenden Samstag in die Rochuskirche Köln-Bickendorf zurück. Zum Neustart ist mit GREED ein wuchtiger amerikanischer Stummfilmklassiker zu sehen – begleitet von einer neuen Musikfassung für Orgel und Live-Elektronik von Wilfried Kaets.

Von Werner Busch.


Nach fünf Jahren pandemie- und renovierungsbedingter Pause lebt in der Rochuskirche Köln-Bickendorf eine besondere Tradition wieder auf: die legendären Stummfilmkonzerte mit Livemusik. Am Samstag, 28. März, wird dort um 19.30 Uhr Erich von Stroheims Monumentalfilm 𝗚𝗥𝗘𝗘𝗗 (deutsch: 𝗚𝗶𝗲𝗿) aus dem Jahr 1924 in einer historischen USA-16mm-Fassung auf Großleinwand gezeigt. Es ist die Rückkehr eines Formats, das in Köln seit Jahrzehnten für außergewöhnliche Kinoerlebnisse steht.

Schon der Ort verleiht dem Abend eine besondere Aura. Die Rochuskirche gilt als einzige Kirche in Deutschland mit fest installiertem professionellem Kinoprojektor samt Schallschutzkabine auf der Empore. Seit vielen Jahren ist sie ein Raum, in dem experimentelle und zeitgenössische Projekte ebenso ihren Platz finden wie besondere Formen der Filmaufführung. Die Reihe „Konzert zum Einstieg in die Karwoche“ hat dort immer wieder nach künstlerischen Zugängen zu großen existenziellen Fragen gesucht. Mit 𝗚𝗥𝗘𝗘𝗗 knüpft man nun genau daran an.

Der Film, nach Frank Norris’ Roman „McTeague“ entstanden, zählt zu den bedeutenden Werken des amerikanischen Stummfilms. Im Zentrum steht McTeague, ein einfacher Mann, der in einem Bergwerk arbeitet. Er verliebt sich in Trina, die ursprünglich mit seinem Freund Marcus verbunden ist, heiratet sie – und gerät mit ihr und dem Freund in einen zerstörerischen Strudel aus Besitzdenken, Neid und sozialem Absturz. Als Trina einen hohen Lotteriegewinn macht, beginnt ein erbitterter Kampf um Geld, Macht und Geltung. Was zunächst wie ein melodramatisches Dreiecksverhältnis anmutet, entwickelt sich zu einer schonungslosen Studie über menschliche Gier und ihre verheerenden Folgen.

Gerade darin liegt bis heute die Wucht des Films. 𝗚𝗥𝗘𝗘𝗗 erzählt nicht nur von Habgier, sondern von den Abgründen des Menschen überhaupt: von Wut, Verzweiflung, Sinnlosigkeit, aber auch von Liebe, Hingabe und der Suche nach Erlösung. In der Ankündigung ist von einer „filmischen Sinnsuche abseits bekannter Wege“ die Rede – und tatsächlich besitzt dieser Film auch mehr als hundert Jahre nach seiner Entstehung eine verstörende Gegenwärtigkeit.

Zum besonderen Ereignis wird die Aufführung auch durch ihre musikalische Gestaltung. 𝗪𝗶𝗹𝗳𝗿𝗶𝗲𝗱 𝗞𝗮𝗲𝘁𝘀, einer der erfahrensten und profiliertesten Stummfilmmusiker Deutschlands, hat eine neue Musikfassung für konzertante Orgel und Live-Elektronik geschaffen. Kaets hat bislang mehr als 300 Stummfilme vertont und weltweit präsentiert. Er gilt als einer derjenigen, die seit den 1980er-Jahren entscheidend dazu beigetragen haben, historische Filme wieder regelmäßig im Kirchenraum mit Livemusik zu zeigen – und damit diese besondere Aufführungsform in Deutschland neu zu beleben.

Vor dem Konzert wird der Filmreferent 𝗝𝗼𝗮𝗰𝗵𝗶𝗺 𝗦𝘁𝗲𝗶𝗻𝗶𝗴𝗲𝘄𝗲𝗴 in den Abend einführen und die bewegte Entstehungsgeschichte von 𝗚𝗥𝗘𝗘𝗗 beleuchten, die ihn zu den großen Legenden des amerikanischen Kinos macht. Die Aufführung dauert rund 140 Minuten.

𝗚𝗥𝗘𝗘𝗗 ist kein dekorativer Klassiker, sondern ein düsteres, radikales Werk, das dem Publikum einiges abverlangt – und gerade darin seine Kraft entfaltet. Die Verbindung aus historischer Filmkopie, Kirchenraum, Live-Musik und Einführung verspricht einen Abend, der weit über gewöhnliche Kinoroutine hinausgeht.

Der Kostenbeitrag beträgt 12 Euro, ermäßigt 6 Euro für Schüler:innen und Studierende. Für Kulturinteressierte, Stummfilmfans und alle, die Film einmal in einer besonderen Form erleben möchten, dürfte dieser Neustart in der Rochuskirche also ein Pflichttermin sein.


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Um sieben Stunden gekürzt: Die Entstehungsgeschichte von GREED

Besonders legendär ist 𝗚𝗥𝗘𝗘𝗗 auch wegen seiner dramatischen Entstehungs- und Kürzungsgeschichte. Erich von Stroheim hatte den Film ursprünglich als monumentales Epos konzipiert: Der erste Director’s Cut soll aus 42 Filmrollen bestanden haben und eine Laufzeit von rund neun Stunden gehabt haben.

Diese Fassung bekamen allerdings nur zwölf Personen bei einer MGM-Studiovorführung zu sehen. Noch vor dem offiziellen Start kürzte von Stroheim sein Werk selbst auf 24 Rollen beziehungsweise etwa sechs Stunden – ein schmerzhafter Kompromiss, mit dem er dem Studio entgegenkommen wollte, ohne den Charakter des Films ganz aufzugeben. Doch MGM verlangte weitere massive Eingriffe.

Über mehrere Zwischenschritte wurde der Film schließlich auf etwa zehn Rollen und rund 145 Minuten reduziert. Mehr als drei Viertel des ursprünglichen Materials gingen verloren. Ganze Figuren, Nebenhandlungen und Entwicklungslinien fielen dem Schnitt zum Opfer; schon die ersten zwei Stunden der Langfassung wurden nahezu vollständig entfernt. Von Stroheim selbst soll eine spätere Fassung nur noch als „das Skelett meines toten Kindes“ bezeichnet haben. Gerade diese radikale Verstümmelung hat wesentlich zum Mythos von 𝗚𝗥𝗘𝗘𝗗 beigetragen: Der Film gilt bis heute nicht nur als Meisterwerk des Stummfilms, sondern auch als eines der berühmtesten Beispiele für den Konflikt zwischen künstlerischem Anspruch und der Macht des Studiosystems. Und ist ein besonders trauriges Beispiel für das Phänomen verlorener Filme bzw. vollständiger Filmversionen.

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