Im Kölner Filmclub 813 treffen derzeit drei Ikonen des amerikanischen Undergroundkinos aufeinander: John Waters sowie George und Mike Kuchar. Eine absolut sehenswerte Filmreihe, die herrlich respektloses Kino zeigt und daran erinnert, wie subversiv, lustvoll und radikal unabhängig Film einmal sein konnte.
Von Werner Busch.
Es gibt Filmreihen, die wie kleine cinephile Nachhilfestunden funktionieren. Und es gibt solche, die eher wie eine kontrollierte Explosion wirken. Die aktuelle John-Waters/George-&-Mike-Kuchar-Retrospektive im Filmclub 813 gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Dass John Waters im April 80 geworden ist, liefert den willkommenen Anlass. Doch die Reihe ist weit mehr als eine Geburtstagsgratulation an den „Papst des schlechten Geschmacks“. Sie ist vor allem eine Rückführung zu den Ursprüngen eines Kinos, das sich nie um Regeln, Anstand oder Marktgängigkeit geschert hat.
Wer heute an John Waters denkt, denkt schnell an Divine, an PINK FLAMINGOS, an demonstrative Geschmacklosigkeit, an das lustvolle Überschreiten jeder denkbaren Grenze. Waters wurde zur Kultfigur, weil er Dinge zeigte, die das amerikanische Kino lieber verdrängte: queere Existenzen, sexuelle Obsessionen, bürgerliche Verklemmtheit, den Wahnsinn der Vorstadt und die Schönheit des Abseitigen.
Doch Waters fiel nicht vom Himmel. Seine eigentlichen Ahnen heißen George und Mike Kuchar.
Die Zwillingsbrüder aus der Bronx begannen bereits in den 1960er-Jahren, ein Kino zu machen, das in seiner DIY-Radikalität bis heute erstaunlich modern wirkt. Ohne Geld, ohne institutionelle Förderung, ohne Rücksicht auf technische Perfektion drehten sie Filme mit Freunden, improvisierten Requisiten und einer wilden Liebe für Hollywood-Melodramen, Science-Fiction-B-Movies und emotionalen Exzess.
Was dabei entstand, war kein dilettantisches Amateurkino, sondern eine völlig eigene Filmsprache. Die Kuchar-Brüder verstanden Camp nicht als ironische Pose, sondern als kreative Überlebensstrategie. Ihre Filme sind hysterisch, komisch, erotisch, traurig, künstlich und gleichzeitig seltsam aufrichtig. Sie lieben das Übertriebene, aber nie aus Distanz. Gerade darin liegt ihre Größe.
Dass John Waters die Kuchars einmal als seine wichtigste Inspiration bezeichnete – wichtiger noch als Warhol oder Kenneth Anger –, ist keine nostalgische Höflichkeit, sondern eine ziemlich präzise Standortbestimmung. Denn auch Waters übernahm dieses Prinzip: Mach dein eigenes Kino. Mit deinen Leuten. Mit deinem Humor. Mit deiner Obsession.
Aus dieser Haltung entstand mit den Dreamlanders und Divine eines der eigenwilligsten Filmuniversen des amerikanischen Kinos. Waters’ frühe Filme sind Angriffe auf kulturelle Normierung. Auf guten Geschmack als Herrschaftsinstrument. Auf das, was als „normal“ gilt. Heute, in einer Zeit, in der selbst Nonkonformismus oft sofort als Stil verkauft wird, wirkt dieses Kino wieder sehr frisch.
Besonders schön an der Reihe im Filmclub 813 ist, dass sie Waters nicht isoliert als Pop-Ikone feiert, sondern in seinen genealogischen Zusammenhang stellt. Man macht sichtbar, wie Undergroundkino sich fortschreibt: von den improvisierten, emotional überladenen Kuchar-Werken bis zu Waters’ schmutziger, queerer Gegenkultur.
Und natürlich passt genau so etwas perfekt in den Filmclub 813. Kaum ein Kölner Kino steht so sehr für kuratorische Leidenschaft, Analogfilm-Liebe und Programme, die nicht nach algorithmischer Gefälligkeit zusammengestellt sind.
Ein besonderes Highlight dürfte POLYESTER werden – in Odorama. Ja, inklusive Geruchskarte. Kino zum Riechen. Allein dafür lohnt sich der Besuch.
Die kommenden Termine der Reihe:
19. Mai 2026, 20 Uhr c.t. FUEGO (Armando Bo) Vorprogramm mit John Waters Presents Movies That Will Corrupt You: Fuego
27. Mai 2026, 20 Uhr c.t. THE DEVIL’S CLEAVAGE (George Kuchar)
29. Mai 2026, 20 Uhr c.t. POLYESTER (John Waters) – In Odorama! Vorprogramm mit ECLIPSE OF THE SUN VIRGIN
5. Juni 2026, 20 Uhr c.t. PINK FLAMINGOS (John Waters) Vorprogramm mit THE CRAVEN SLUCK
10. Juni 2026, 20 Uhr c.t. THUNDERCRACK! (Curt McDowell)
17. Juni 2026, 20 Uhr c.t. DESPERATE LIVING (John Waters) Vorprogramm mit HOW TO CHOSE A WIFE
24. Juni 2026, 20 Uhr c.t. YOLANDA + ASCENSION OF THE DEMONOIDS (George Kuchar)
27. Juni 2026, 20 Uhr c.t. A DIRTY SHAME (John Waters) Vorprogramm mit THE STRANGER IN APARTMENT 9F
Im Kölner Filmclub 813 treffen derzeit drei Ikonen des amerikanischen Undergroundkinos aufeinander: John Waters sowie George und Mike Kuchar. Eine absolut sehenswerte Filmreihe, die herrlich respektloses Kino zeigt und daran erinnert, wie subversiv, lustvoll und radikal unabhängig Film einmal sein konnte.
Von Werner Busch.
Es gibt Filmreihen, die wie kleine cinephile Nachhilfestunden funktionieren. Und es gibt solche, die eher wie eine kontrollierte Explosion wirken. Die aktuelle John-Waters/George-&-Mike-Kuchar-Retrospektive im Filmclub 813 gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Dass John Waters im April 80 geworden ist, liefert den willkommenen Anlass. Doch die Reihe ist weit mehr als eine Geburtstagsgratulation an den „Papst des schlechten Geschmacks“. Sie ist vor allem eine Rückführung zu den Ursprüngen eines Kinos, das sich nie um Regeln, Anstand oder Marktgängigkeit geschert hat.
Wer heute an John Waters denkt, denkt schnell an Divine, an PINK FLAMINGOS, an demonstrative Geschmacklosigkeit, an das lustvolle Überschreiten jeder denkbaren Grenze. Waters wurde zur Kultfigur, weil er Dinge zeigte, die das amerikanische Kino lieber verdrängte: queere Existenzen, sexuelle Obsessionen, bürgerliche Verklemmtheit, den Wahnsinn der Vorstadt und die Schönheit des Abseitigen.
Doch Waters fiel nicht vom Himmel. Seine eigentlichen Ahnen heißen George und Mike Kuchar.
Die Zwillingsbrüder aus der Bronx begannen bereits in den 1960er-Jahren, ein Kino zu machen, das in seiner DIY-Radikalität bis heute erstaunlich modern wirkt. Ohne Geld, ohne institutionelle Förderung, ohne Rücksicht auf technische Perfektion drehten sie Filme mit Freunden, improvisierten Requisiten und einer wilden Liebe für Hollywood-Melodramen, Science-Fiction-B-Movies und emotionalen Exzess.
Was dabei entstand, war kein dilettantisches Amateurkino, sondern eine völlig eigene Filmsprache. Die Kuchar-Brüder verstanden Camp nicht als ironische Pose, sondern als kreative Überlebensstrategie. Ihre Filme sind hysterisch, komisch, erotisch, traurig, künstlich und gleichzeitig seltsam aufrichtig. Sie lieben das Übertriebene, aber nie aus Distanz. Gerade darin liegt ihre Größe.
Dass John Waters die Kuchars einmal als seine wichtigste Inspiration bezeichnete – wichtiger noch als Warhol oder Kenneth Anger –, ist keine nostalgische Höflichkeit, sondern eine ziemlich präzise Standortbestimmung. Denn auch Waters übernahm dieses Prinzip: Mach dein eigenes Kino. Mit deinen Leuten. Mit deinem Humor. Mit deiner Obsession.
Aus dieser Haltung entstand mit den Dreamlanders und Divine eines der eigenwilligsten Filmuniversen des amerikanischen Kinos. Waters’ frühe Filme sind Angriffe auf kulturelle Normierung. Auf guten Geschmack als Herrschaftsinstrument. Auf das, was als „normal“ gilt. Heute, in einer Zeit, in der selbst Nonkonformismus oft sofort als Stil verkauft wird, wirkt dieses Kino wieder sehr frisch.
Besonders schön an der Reihe im Filmclub 813 ist, dass sie Waters nicht isoliert als Pop-Ikone feiert, sondern in seinen genealogischen Zusammenhang stellt. Man macht sichtbar, wie Undergroundkino sich fortschreibt: von den improvisierten, emotional überladenen Kuchar-Werken bis zu Waters’ schmutziger, queerer Gegenkultur.
Und natürlich passt genau so etwas perfekt in den Filmclub 813. Kaum ein Kölner Kino steht so sehr für kuratorische Leidenschaft, Analogfilm-Liebe und Programme, die nicht nach algorithmischer Gefälligkeit zusammengestellt sind.
Ein besonderes Highlight dürfte POLYESTER werden – in Odorama. Ja, inklusive Geruchskarte. Kino zum Riechen. Allein dafür lohnt sich der Besuch.
Die kommenden Termine der Reihe:
19. Mai 2026, 20 Uhr c.t.
FUEGO (Armando Bo)
Vorprogramm mit John Waters Presents Movies That Will Corrupt You: Fuego
27. Mai 2026, 20 Uhr c.t.
THE DEVIL’S CLEAVAGE (George Kuchar)
29. Mai 2026, 20 Uhr c.t.
POLYESTER (John Waters) – In Odorama!
Vorprogramm mit ECLIPSE OF THE SUN VIRGIN
5. Juni 2026, 20 Uhr c.t.
PINK FLAMINGOS (John Waters)
Vorprogramm mit THE CRAVEN SLUCK
10. Juni 2026, 20 Uhr c.t.
THUNDERCRACK! (Curt McDowell)
17. Juni 2026, 20 Uhr c.t.
DESPERATE LIVING (John Waters)
Vorprogramm mit HOW TO CHOSE A WIFE
24. Juni 2026, 20 Uhr c.t.
YOLANDA + ASCENSION OF THE DEMONOIDS (George Kuchar)
27. Juni 2026, 20 Uhr c.t.
A DIRTY SHAME (John Waters)
Vorprogramm mit THE STRANGER IN APARTMENT 9F
Nähere Informationen zu den Filmen findet ihr auf:
www.filmclub-813.de