Festival Filmszene Aktuell

Von Argento bis Zalava: Die Fantasy Filmfest Nights 2022

Dark Glasses

Ab heute gehen wieder die „Fear Good Movies“ des Fantasy Filmfest an den Start, zumindest für vier Tage Fantasy Filmfest Nights. Der Ableger dient mal wieder als Überbrücker für die Zeit bis zum Hauptfestival im Herbst und kann mit neuen Werken alter Bekannter aufwarten.

Da ist beispielsweise Dario Argento, der nach zehnjähriger Regiepause zurückkehrt und sich zuletzt mit Werken wie Do You Like Hitchcock? (2005), Mother of Tears (2007) und Dario Argentos Dracula (2012) nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert hatte. Doch Dark Glasses (2022), der seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale feierte, orientiert sich vom Look an den großen Zeiten von Profondo Rosso (1975), Suspiria (1977) und Tenebrae (1982) und könnte im besten Fall jene Form von Spät-Giallo sein, die man seit Jahren vom Altmeister erhoffte, aber nicht bekam.

FFF-Dauergast Quentin Dupieux steuert mit Incredible But True (2022) mal wieder abgedrehte Comedy bei, spannender ist jedoch der neue Film von Ti West (The House of the Devil, 2009; In a Valley of Violence; 2016), der als Opener für die diesjährigen Nights gewählt wurde. X (2022) spürt gleich mehreren Spielarten des gritty Bahnhofskinos der 1970er nach: Eine Truppe junger Hippies will den Boom der Pornokinos nutzen und mit einem eigenen X-Rated-Film abräumen, weshalb man auf der abgelegenen Farm eines mürrischen alten Bauern mit den Dreharbeiten beginnt. Doch damals boomte nicht nur das Schmuddelkino um das alte Rein-Raus-Spiel, sondern auch der Backwoodhorror, weshalb das junge Filmteam das nackte Grauen auf dem abgeschiedenen Hof kennenlernt.

X (Copyright: Capelight Pictures)

Mit You’re Next (2011) hatte West schon vor gut zehn Jahren für Furore gesorgt, auch auf dem FFF – Charles Dorfmans Barbarians (2021) versucht sich an einem ähnlichen Mix aus Home-Invasion-Horror und zwischenmenschlicher Beziehungssatire. Zwei ungleiche befreundete Paare treffen sich zum Dinner. Während all die versteckten Konflikte der Vergangenheit hochkochen, treffen auch noch bewaffnete Angreifer ein, die dem Quartett ans Leder wollen – Der Gott des Gemetzels (2011) ganz wörtlich genommen, sozusagen.

Sowieso muss man dieses Jahr nicht in die Ferne schweifen, um das nackte Grauen zu erleben, sondern wird im eigenen Heim und in der eigenen Familie fündig. In The Cellar (2022) geht die Tochter von Elisha ‘Kim Bauer‘ Cuthbert im eigenen Keller verschütt, im finnisch-schwedischen Hatching (2022) legt sich eine Familie im wahrsten Sinne des Wortes ein überdimensionales Kuckucksei ins eigene Nest und im irischen You Are Not My Mother (2021) verschwindet eine Mutter erst spurlos, um in einer neuen, frischeren, aber nicht mehr ganz geheueren Version ihrer selbst wieder aufzukreuzen. Gleichzeitig bieten auch diese Fantasy Filmfest Nights ein World Cinema der etwas anderen Art: Aus Senegal stammt Saloum (2021), aus dem Iran Zalava (2021), der Besessenheitshorror mit der Revolution von 1978 verquickt. Das asiatische Actionkino darf natürlich auch nicht fehlen. Mit The Rescue (2020) fabriziert Genre-Zampano Dante Lam überlangen und CGI-lastigen Bombast-Krawall aus China, während im koreanischen Special Delivery (2022) Parasite-Star Park So-Dam als Fluchtwagenfahrerin in die Fußstapfen bzw. Reifenspuren von Ryan O’Neal, Ryan Gosling und Ansel Elgort treten darf.

Einige Titel wiederum greifen aktuelle Debatten satirisch auf. In Some Like It Rare (2021) aus Frankreich geht es um das Thema Kannibalismus in einer Art, die sowohl in Horrorfilmen wie Texas Chainsaw Massacre (1974) und Motel Hell (1980) als auch in schwarzen Komödien wie Delicatessen (1991) und Dänische Delikatessen (2003) Anwendung fand: Wissen wir wirklich, welches Fleisch wir beim Metzger serviert bekommen? Der böse Dreh beim neuesten Beitrag: Die Schlachter verarbeiten Veganer zum weiteren Verzehr weiter, garantierte Bioqualität. Mimi Caves Spielfilmdebüt Fresh (2022) hingegen kommentiert Themen wie Dating, Geschlechterrollen und Missbrauch: Die resolute Noa (Daisy Edgar-Jones) lernt nach unzähligen nervigen Online-Dates im Supermarkt den „Nice Guy“ Steve (Sebastian Stan) kennen. Bei einem Wochenendtrip zeigt der jedoch eine andere Seite. Starker Tobak irgendwo zwischen Promising Young Woman (2020) und Audition (1999), der hier einen raren Kinoeinsatz erhält: Ansonsten wird er im Stream bei Disney+ zu sehen sein.

Fresh (Copyright: Disney)

Wer in Köln die Gelegenheit ergreifen will, einen der genannten Filme auf großer Leinwand zu sehen, der kann dies von Donnerstag, dem 31. März, bis Sonntag, den 3. April, in der Astor Filmlounge a.k.a. Residenz tun. Alle Informationen zum Programm und zum Ticketkauf gibt es auf der Homepage des Festivals.

Nils Bothmann

Header: Dark Glasses (Copyright: Matteo Cocco)

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