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INTERVIEW: Der Kampf für Frauen im Film

Festivalleiterin Silke J. Räbiger © Guido Schiefer

Der Kampf für Frauen im Film

Ende April fand die 35. Ausgabe des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund | Köln in der Domstadt statt. Für Festivalleiterin Silke J. Räbiger war es die letzte – sie gibt nach über 25 Jahren den Staffelstab an eine neue Generation weiter. Mit Werner Busch von Filmszene Köln sprach sie über Jury-Präsidentinnen mit Alibi-Funktion, Quotenregelungen und den Kampf für Frauen im Film:

Werner Busch: Gerade läuft ja das Cannes-Filmfestival in Frankreich und – vielleicht liegt es auch nur an meiner Facebook-Filterblase – aber das Thema „Frauen im Film“ scheint dort sehr präsent, etwa durch Aktionen der Jury-Präsidentin Cate Blanchett.
Silke Räbiger: Eine Sache fand ich besonders bemerkenswert: Vor ein paar Tagen hielt Cate Blanchett auf der Treppe in Cannes eine Rede zum Thema, zusammen mit insgesamt 82 Frauen. Diese Zahl war kein Zufall, sie standen symbolisch für die 82 Filme von Frauen, die seit dem Festivalstart 1946 im Wettbewerb liefen. Dem gegenüber stehen 1688 Beiträge von männlichen Kollegen. Das ist sowas von bitter, schlimmer geht es eigentlich nicht mehr. Es ist unglaublich peinlich für dieses Festival, das eines der renommiertesten Weltweit ist. Das kann mir doch keiner erzählen, dass über viele Jahrzehnte immer nur Männer gute Filme gemacht haben. Das halte ich für völligen Humbug. Mir war das selbst nicht bewusst, weil ich nie nachgezählt habe.

Vermutlich würde aber auch im deutschsprachigen Raum die Bilanz ähnlich aussehen?
Beim Deutschen Kamerapreis habe ich nachgezählt und da hat man eine ähnlich kleine Rate – eine verschwindend kleine Zahl von nominierten Frauen. Da finden sich gewöhnlich nur eine oder maximal drei Nominierte jedes Jahr. Gerade im Bereich Bildgestaltung kenne ich mich durch unseren Preis, den wir beim Frauenfilmfestival alle zwei Jahre vergeben, aber gut aus und weiß, dass die Zahl der Frauen, die mittlerweile als Bildgestalterinnen arbeiten, beachtlich gestiegen ist. Und frage mich natürlich, warum ich die nur so selten beim Deutschen Kamerapreis sehe, warum werden die nicht nominiert? Werden sie nicht wahrgenommen? Da hat sich immer noch sehr wenig getan.

Das Aufstellen weiblicher Jurypräsidenten allein ist wahrscheinlich zu wenig…
Die großen Festivals wie jetzt Cannes mit Cate Blanchett oder auch die Berlinale stellen ja ganz gerne eine Jurypräsidentin auf, die sie medienwirksam einsetzen, und nehmen auch ein oder zwei weitere Frauen in die Hauptjury mit auf. Aber es geht doch darum, wie die Auswahlkommission tickt. Die muss auf dem Schirm haben, dass es bei einem Wettbewerb von 20 Filmen doch eine gute Sache wäre, mindestens 10 herausragende Filme von Frauen im Programm zu haben. Und diese Filme kann man finden! Die gibt es!

Eine verbindliche Quotenregelung wäre in solchen Dingen also wichtig?
Ich bin für eine Quote, einfach um es im allgemeinen Bewusstsein mal verankert zu sehen, dass es viele Frauen gibt, die herausragende und wichtige Filme machen. Aber eine solche Regelung muss nicht für alle Zeiten bestehen. Die Quote ist nur ein temporäres Hilfsmittel, das aber notwendig ist, um das Ruder herumzureißen. Und irgendwann hoffentlich, wird man sie nicht mehr brauchen.

Gibt es aber nicht schon Entwicklungen in diese Richtungen im Filmbereich?
Wo sich definitiv etwas getan hat, ist beim Fernsehen, wo viele Sender inzwischen Selbstverpflichtungen eingegangen sind. Angeregt durch verschiedene Aktivitäten, beispielsweise von Pro-Quote Film. Aber das vor allem für die Regie, es zieht sich längst noch nicht durch alle Gewerke. Gleichstellung ist auch Arbeitskampf und da ist noch sehr viel Arbeit und auch Kampf vor uns.

In welchen Filmgewerken sind Frauen klar unterrepräsentiert und woran liegt das?
Das würde ich beispielsweise bei den Bildgestalterinnen, vor allem bei großen Produktionsbudgets ausmachen und ganz besonders auch bei Filmkomponistinnen, dort bewegt sich der Anteil im Promille-Bereich, selbst in der Produktion arbeiten nur 25% Frauen. Ich denke, der wichtigste Aspekt für junge Frauen, die sich für einen Beruf entscheiden, und es ist egal, ob das nun im Film ist oder nicht: Sie brauchen Vorbilder. Sie müssen sehen: Andere Frauen machen das, also kann ich das auch – if you can see it, you can be it. Wenn ich nie eine Baggerfahrerin gesehen habe, werde ich auch keine Baggerfahrerin.

Abschlussfoto des 35. Int. Frauenfilmfestivals. V.li.: Rüdiger Schmidt-Sodingen, Martin Roelly, Katharina Dießner, Marie Zahir, Paola Calvo, Ursula Strauss, Muriel Coulin, Julia Geiß, Ildikó Enyedi, Katja Rivas Pinzón, Silke Räbiger, Sonja Hofmann, Cynthia Calvo, Petra Müller (c) Guido Schiefer

Die letzte Ausgabe des Frauenfilmfestivals, Ende April hier in Köln, war auch gleichzeitig deine letzte?
Ja, das war mein letztes Festival, ich werde dieses Jahr im November aus dem Internationalen Frauenfilmfestival ausscheiden. Das war eine ganz persönliche Entscheidung, die ich getroffen habe. Seit über 20 Jahren pendele ich zwischen Dortmund und Köln und habe festgestellt, dass es nun auch irgendwann reicht. Im letzten Jahr waren es für mich 30 Jahre Frauenfilmfestival in Dortmund und das hielt ich für eine gute und runde Zahl.

Was war dein Anspruch an das Programm und das Festival insgesamt, welche Themen waren dir besonders wichtig?
Wir verstehen uns als politisches Festival und das Frauenfilmfestival hat immer eine politische Dimension gehabt. „Kino und Kongress“ ist da unser Schlagwort – wir zeigen nicht nur Filme sondern reden auch über sie und stoßen Diskussionen an. Wir wollen zeigen, dass man mit den Filmen von Frauen ein gutes Programm zusammenstellen kann und haben ein besonderes Augenmerk auf die gesellschaftliche Relevanz von Filmen. Das Thema Migration hat uns schon immer viel beschäftigt und beschäftigt uns weiterhin, es ist ein roter Faden, der sich durch die letzten 15 Jahre zieht.

Wenn sich das Ungleichgewicht in der Filmbranche, über das wir gesprochen haben, in hoffentlich greifbar naher Zeit korrigieren wird, sind Frauenfilmfestivals dann überflüssig?
Als wir vor über 30 Jahren mit unserer Arbeit angefangen haben, da habe ich gedacht, dass wir bereits ein Auslaufmodell sind. (lacht) Aber im Moment sieht es noch überhaupt nicht danach aus. Es wird noch lange solche Festivals brauchen. Aber es wäre natürlich schön, wenn die sich eines Tages abschaffen könnten. Dieser Satz klingt erstmal komisch, aber die Festivals sind ja aus einem ganz konkreten Beweggrund heraus entstanden. Und weltweit gründen sich auch weiterhin neue Festivals, weil es weiterhin überall Frauen in der Branche gibt, deren Arbeit nicht gewürdigt wird.

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