Allgemein Festival

Geister im Garten des Fortschritts: VIDEONALE.scope #7

Eine Filmreihe an der Schnittstelle zwischen Experimentalfilm, Video und Performancekunst. Und auch Gespräche und Führungen sind Teil der diesjährigen Ausgabe von VIDEONALE.scope, die sich mit „Ghosts in the Garden of Progress“ ein somnambules Motto in die Veranstaltungs-Unterüberschrift geschrieben hat. Am heutigen Freitag, 22. November, startet die siebte Ausgabe des Experimentalfilmfestivals, die von Katrin Mundt kuratiert wird, um 19 Uhr im Filmforum im Museum Ludwig mit zwei Kurzfilmprogammen.

Filme, die Landschaft als Resource betrachten und einen „Blick auf Landschaft als Land geben, das besessen, enteignet und wieder eingefordert wird“ stehen im Fokus dieser Screenings, die zumeist in Australien oder Chile angesiedelt sind. Der erste Block beginnt mit dem 18-Minüter Two Women, der auf einer Reise durch die indigenen Gebiete Zentralaustraliens entstand. Er erzählt von einem kurzen Kontakt in der Gegenwart und einer langen Geschichte der Unterdrückung. Warrah macht mit Hilfe des Dreifarbseparationsverfahrens die komplexe Ökologie an der Küste von New South Wales sicht- und hörbar. Diese beiden Filme von Corinne und Arthur Cantrill sind in den späten 1970er Jahren entstanden, der abschließende dritte Film In Night Time Go ist aktuell und macht die Zwangsumsiedlungen von Aborigines im Zweiten Weltkrieg zum Ausgangspunkt für eine alternative Version dieser historischen Ereignisse.

Die Landschaft als künstlerisches Genre diene oft als Medium einer Ideologie, die die gewaltsamen Prozesse von Staatenbildung, Industrialisierung und Kolonisierung ausblende. Dem setzen die Macher der VIDEONALE.scope „neuere Landschaftsfilme entgegen, die diese Spuren offenlegen und die politischen und ökonomischen Kräfte benennen“.

Die Programme umfassen Filme aus fünf Jahrzehnten, die frühere Bemühungen um eine technologische „Aufrüstung“ der natürlichen Welt auf ihre zerstörerische Wirkung, aber auch auf ihr utopisches Potential für die Gegenwart hin befragen. Sie untersuchen die Langzeitfolgen von Ressourcengewinnung und Kolonisierung und verbinden sie mit dem Kampf um indigene Landrechte und Repräsentation. Andere wiederum intervenieren spielerisch in den symbolischen Kosmos von Fortschritt und Prosperität, wie ihn insbesondere die moderne Stadt repräsentierte, oder nehmen das unbewusste Gendering urbaner und ländlicher Räume kritisch in den Blick. Damit machen sie jene Kräfte sicht- und hörbar, von denen in der Erzählung von den Gärten des Fortschritts keine Rede war.

EINTRITT
5 Euro / 3 Euro (ermäßigt)
Kombiticket (2 Progamme): 8 Euro / 4 Euro (erm.)
Scope-Ticket (alle Veranstaltungen): 24 Euro / 12 Euro (erm.)
Programm in der Temporary Gallery: 2,50 Euro

Mehr Infos auf der Webseite von VIDEONALE.sope 17

Fr, 22.11.2019

19:00
VIDEONALE.scope #7: Kurzfilme #1

Ein Blick auf Landschaft als Land, das besessen, enteignet und wieder eingefordert wird. Two Women entstand auf einer Reise durch die indigenen Gebiete Zentralaustraliens. Er erzählt von einem kurzen Kontakt in der Gegenwart und einer langen Geschichte der Unterdrückung. Warrah macht mit Hilfe des Dreifarb-separationsverfahrens die komplexe Ökologie an der Küste von New South Wales sicht- und hörbar. In Night Time Go werden die Zwangsumsiedlungen von Aborigines im Zweiten Weltkrieg zum Ausgangspunkt für eine alternative Version dieser historischen Ereignisse.

• Corinne & Arthur Cantrill, Two Women, AU 1976-79, Farbe, 16mm, 18’ (Pitjantjatjara OF)
• Corinne & Arthur Cantrill, Warrah, AU 1980, Farbe, 16mm, 15’ (ohne Dialoge)
• Karrabing Film Collective, Night Time Go, AU 2017, Farbe, digital, 30’ (engl. OmeU)Filmforum NRW, Köln


21:00
VIDEONALE.scope #7: Kurzfilme #2

Drei Filme, die Landschaft als Ressource betrachten. In ALTIPLANO wird indigenes Land zum Schauplatz einer filmischen Inszenierung, in der sich jahrhundertealte Kosmologien und die Spuren moderner Rohstoffgewinnung begegnen. Una luna de hierro rekonstruiert die ungeklärten Tode chinesischer Seeleute vor der nord-chilenischen Küste: ein Blick auf die Landschaften der „Neuen Welt“ im Licht einer neokolonialen Wirtschaftsordnung. Europium zeichnet nach, wie aus den Tauschobjekten animistischer Gemeinschaften ein wertvoller Rohstoff wird, der den Welt-Bildern auf unseren elektronischen Displays Präsenz und Leben einhaucht.

• Malena Szlam, ALTIPLANO, CL/AR/CA 2018, Farbe, 35mm, 15’30’’ (ohne Dialoge)
• Francisco Rodríguez, Una luna de hierro (A Moon Made of Iron), CL/FR 2017, Farbe, 16mm/digital, 28’30’’ (span. OmeU)
• Lisa Rave, Europium, UK/DE 2014, Farbe, digital, 20’ (engl. OmeU)Filmforum NRW, Köln


Sa, 23.11.2019

14:00
VIDEONALE.scope #7: Führung mit der Künstlerin Rheim Alkadhi

Führung durch die Ausstellung Majnoon field mit der Künstlerin Rheim Alkadhi und der Kuratorin Aneta Rostkowska.

In Kooperation mit der Temporary Gallery – Zentrum für zeitgenössische Kunst.Temporary Gallery, Köln

15:30
VIDEONALE.scope #7: Live-Präsentation und Artist Talk

Eine verpixelte Performerin (im regionalen “Emo“-Stil) erscheint hinter einem Podium aus Rauch und vor den Artefakten einer neoliberalisierten Wüste. Queere Anarchien, Choreographien über Grenzen hinweg und überlebende Giftwolken; der Körper verkrampft sich – für einige von uns ist dies immer noch emanzipatorische Praxis.

Rheim Alkadhi, Our Current Dwelling Is Fire, 2018, Live-Präsentation, Projektion, gesprochener Text (in engl. Sprache)

Im Anschluss Get-Together bei Kaffee & Kuchen.

In Kooperation mit der Temporary Gallery – Zentrum für zeitgenössische Kunst.Temporary Gallery, Köln


17:00
VIDEONALE.scope #7: Kurzfilme #3

Drei Filme über Adaption und Widerstand als mögliche Strategien, um in einer prekär gewordenen Umwelt zu überleben: Apple Grown in Wind Tunnel erzählt von Aktivist*innen, die aus den Überresten einer toxischen Landschaft jene Substanzen erzeugen, die ihre Fortexistenz sichern − unter anderem Solidarität. Atomic Garden dokumentiert einen persönlichen Akt des Widerstands und des Bekenntnisses zu einem paradoxen Ort. In der postnuklearen Landschaft von Fukushima blickt Conversation with a Cactus zurück auf die Versuche eines japanischen Erfinders, mit den Mitteln der Technologie die Natur zum Sprechen zu bringen. Ein Versuch, der Politik des Schweigens zu begegnen.

• Steven Matheson, Apple Grown in Wind Tunnel, US 2000, s/w und Farbe, digital, 26’ (engl. OF)
• Ana Vaz, Atomic Garden, FR 2018, Farbe, 16mm/digital, 8’ (ohne Dialoge)
• Elise Florenty & Marcel Türkowsky, Conversation with a Cactus, FR/DE/JP 2017, Farbe, digital, 45’ (jap. OmeU)Filmforum NRW, Köln


19:00
VIDEONALE.scope #7: Vortrag und Diskussion mit Mareike Bernien und Alex Gerbaulet

Mareike Bernien und Alex Gerbaulet forschen ausgehend von der Landkarte ehemaliger Uranabbaugebiete in Sachsen und Thüringen zu einer Geschichte nachstrahlender Landschaften. Sie unternehmen dabei verschiedene Tiefenbohrungen durch Zeit und Raum, um den sedimentierten Narrativen nachzuspüren, die das Uran und seine Zerfallselemente materiell, geo-politisch und metaphorisch umgeben. Gleichzeitig geht es darum, die Zusammenhänge von Radioaktivität und Bildproduktion zu erforschen.

Mareike Bernien & Alex Gerbaulet, Ghostly Extractions / Geisterhafte Extraktionen (in dt. Sprache)

Im Anschluss Diskussion mit den Künstler*innen.

Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei.Filmforum NRW, Köln


20:30
VIDEONALE.scope #7: Kurzfilme #4

Wie konstituieren Landschaften Gemeinschaft? Optimism porträtiert einen Ort, an dem Sonnenstrahlen so selten sind wie das Gold, das in seinem Boden schlummert. Swamp beschreibt eine Bewegung durch dichte Vegetation, ein Navigieren im Dialog. In LHB geben die Blogs von Langstrecken-Hikerinnen in den USA die Route vor für das Nachdenken über ein spezifisch „ländliches“ Queersein außerhalb der Metropolen. Colossal Cave ist eine Expedition, in deren Verlauf aus einer Liebe (zu Höhlen) der Prototyp einer vernetzten Gesellschaft entsteht. Dislocation Blues beschreibt die Proteste indigener Gemeinschaften und ihrer Unterstützer*innen in Standing Rock aus der Perspektive dreier Teilnehmer.

• Deborah Stratman, Optimism, CA/US 2018, s/w und Farbe, Super 8/digital, 15’ (engl. OF)
• Nancy Holt & Robert Smithson, Swamp, US 1971, Farbe, 16mm/digital, 6’ (engl. OF)
• Charlotte Prodger, LHB, UK 2017, Farbe, digital, 20’ (engl. OF)
• Graeme Arnfield, Colossal Cave, UK 2016, Farbe, digital, 11’ (engl. OF)
• Sky Hopinka, Dislocation Blues, US 2017, Farbe, digital, 17’ (engl. OF)

Im Anschluss Gespräch mit Graeme Arnfield.Filmforum NRW, Köln


So, 24.11.2019

18:30
VIDEONALE.scope #7: Kurzfilme #5

Fünf Strategien, städtische Landschaften zu lesen und in gemeinsames Sprechen und Handeln zu übersetzen. Böse zu sein… ist ein Zwiegespräch über Architektur und gesellschaftliche Atmosphären im Berlin der 1980er Jahre. La Cotorra No. 2 wirft inmitten einer Baustelle in Caracas einen ironischen Blick auf die Sprachen des Fortschritts. Im Zentrum von Disseminate and Hold steht ein umstrittenes Bauwerk in São Paulo, das zum Ort einer kollektiven Inszenierung wird. ISM, ISM dokumentiert die Attacken des Künstlers auf das strahlende Lächeln im öffentlichen Gesicht des Kapitalismus. Slides *ist ein schlafwandlerischer Streifzug durch die virtuellen Realitäten einer „smart city“.

• Cynthia Beatt, Böse zu sein ist auch ein Beweis von Gefühl, DE 1983, Farbe, 16mm, 26’ (de. und engl. OmeU)
• Rolando Peña, La Cotorra No. 2 (The Babbling No. 2), VE 1979, Farbe, Super-8/digital, 9’ (span. OmeU)
• Rosa Barba, Disseminate and Hold, DE/BR 2016, Farbe, 16mm/digital, 21’30’’ (bras. OmeU)
• Manuel DeLanda, ISM ISM, US 1979, Farbe, Super 8/16mm, 6’30’’ (stumm)
• Martin Kohout, Slides, CZ/DE/UK 2017, Farbe, digital, 22’ (engl. OF)Filmforum NRW, Köln


20:30
VIDEONALE.scope #7: Kurzfilme#6

Stadtlandschaften, die geprägt sind von lang anhaltenden Konflikten, Vertreibung oder Kolonisierung: Die Filme in diesem Programm erzählen, was nicht (mehr) gezeigt werden kann. Échangeur ist eine Begegnung mit jungen Kongoles*innen, denen die urbane Landschaft von Kinshasa als Bühne dient, auf der sie eigene Versionen ihrer Geschichte aufführen. Farther Than the Eye Can See imaginiert in fragmentierten Bildern einen Ort, der nur noch als Erinnerung existiert. La impresión de una guerra entwirft ein Porträt von Medellín, in dem sich die Eindrücke eines Krieges in Farben und Körpern, in sichtbaren Demarkationslinien und unsichtbaren Kommunikationswegen materialisieren.

• Anne Reijniers & Rob Jacobs, Échangeur, BE/CG 2016, Farbe, digital, 33’ (Lingala und franz. OmeU)
• Basma Alsharif, Farther Than the Eye Can See, JO/AE 2012, Farbe, digital, 14’ (arab. OmeU)
• Camilo Restrepo, La impresión de una guerra (The Impression of a War), CO/FR 2015, Farbe, 16mm/digital, 26’ (span. OmeU)Filmforum NRW, Köln

Copyrights / Courtesy:
Videonale e. V.
La impresión de una guerra, Camilo Restrepo
Night Time Go, Karrabing Film Collective
ALTIPLANO, Malena Szlam
Our Current Dwelling Is Fire, Rheim Alkadhi
Conversation with a Cactus, Elise Florenty & Marcel Türkowsky
Ghostly Extractions, Mareike Bernien & Alex Gerbaulet
LHB, Charlotte Prodger / LUX, London
Slides, Martin Kohout
Two Women, Corinne & Arthur Cantrill

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