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KinoPerspektiven: „Die Revolution findet nicht im Kino statt“

An der Kunsthochschule für Medien findet zu dieser Zeit üblicherweise eine Exkursion nach Oberhausen im Rahmen eines Seminars statt. In diesem Jahr sind beides – Seminar und Kurzfilmtage – online. Marcel Kolvenbach, Professor für Dokumentarfilm mit Schwerpunkt TV und Internet über die vielen Tode des Kinos und kreative Überlebensstrategien.


Sandra Riedmair: Was hältst du von der Entscheidung die Kurzfilmtage Oberhausen online stattfinden zu lassen?

Marcel Kolvenbach: Als absehbar war, dass die Kurzfilmtage Oberhausen wegen Covid19 ganz ausfallen oder in diesem Jahr zum ersten mal ausschließlich online stattfinden würden, haben Melissa de Raaf, Peter Vignold von der Ruhr Universität Bochum und ich intensive Gespräche mit dem Festival Direktor Lars Henrik Gass geführt, was das für unsere Kooperation und die teilnehmenden Studierenden bedeutet. Das Online-Konzept des Festivals hat uns dann sehr überzeugt und auch neugierig gemacht. Uns allen ist natürlich klar, dass es ein großes Experiment sein wird. Ich verstehe das als ein Labor. Wie wird der virtuelle Festivalraum unsere Wahrnehmung der Filme verändern? Wie werden wir uns über Filme austauschen, gibt es in diesem virtuellen Festival-Raum noch ein gemeinsames Erleben, Diskutieren, Streiten, oder werden wir – jede und jeder für sich – auf seine Vereinzelung zurückgeworfen in einer Welt, die uns zunehmend abhanden kommt. An welchen Stellen werden wir scheitern, wo werden wir überraschende, neue Erfahrungen machen? Es ist definitiv eine Zäsur in der Kino- und Festivalkultur und wahrscheinlich ist es auch ein „point-of-no-return“, der Weichens stellen wird, die tiefgreifende Veränderungen schaffen werden.

Welche Gefahren siehst du, Filme im digitalen Raum zu präsentieren?

Der Fluxus Künstler Wolff Vostell beschrieb 1968 in einem Interview mit dem WDR ziemlich genau das Gerät, das Steve Jobs am 9. Januar 2007 in San Francisco präsentierte. Das erste iPohne. Vostell sagte 68 voraus, dass die Menschen in 50 Jahren Geräte mit sich herumtragen werden, auf denen sie Bilder und Töne mit der ganzen Welt teilen würden. Die Menschheit verbunden in einem einheitlichen virtuellen, ästhetischen Raum. Vostell prophezeite, dass eine solche Revolution die Politik, wie wir sie kennen, aber auch die Architektur obsolet machen würde. Während also dieser virtuelle Raum zunächst unmerkbar und dann immer aggressiver und schneller virusartig, exponentiell in unser Leben, die Arbeit und die Kunst eingedrungen ist, hat das Coronavirus jetzt auch noch die letzten öffentlichen Räume zur „no-go Zone“ gemacht. Ich habe mich dieser virtuellen Welt lange verweigert. Und in meiner Arbeit als Dokumentarfilmemacher brauche ich die un-mittelbare (im Sinne von „ohne zwischengeschaltete Medien“) Begegnung mit Menschen. Ich brauche die Erfahrung des physischen Ortes, das Eintauchen in Welten mit ihren politischen und sozialen Lebenswirklichkeiten – um arbeiten, aber auch um leben und atmen zu können. Das Virus hat diesen Raum – zumindest für den Augenblick – vernichtet.

Bezogen auf die Frage befürchte ich, dass wenn uns nun auch dauerhaft die Orte verlorengehen, an denen wir uns begegnen, um gemeinsam Filme zu erleben, die mit künstlerischen und filmischen Mitteln die Realität verhandeln, wir bald noch weniger zwischen Realität und Simulation unterscheiden werden können. Das Coronavirus liefert uns darum den virutellen Räumen und der Logik ihrer Algorithmen alternativlos aus. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Die Gefahr ist groß, dass wir den menschlichen Maßstab verlieren. Die Gefahr ist groß für die Demokratie und die Kunst.

Beherbergen Krisen nicht auch immer Chancen – auch für den Film?

In der Krise werden die tiefen Gräben zwischen den verschiedenen Akteur*innen im und um das „Medium Film“ deutlich sichtbar, teilweise unüberbrückbare Differenzen unüberhörbar. Filmemacher*innen – auch ich – machen Filme, die wir machen wollen, weil wir sie machen müssen als künstlerischer, politischer, persönlicher Ausdruck. Das gilt natürlich vor allem für künstlerische und dokumentarische Formen. Die wenigsten dieser Filme bringen aber Kinobetreiber*innen ausreichenden Umsatz, um auch nur den Betrieb aufrecht zu erhalten. Damit sie dennoch „stattfinden“ hängen alle irgendwie an einem Fördersystem, das ganz wesentlich durch ein Medium finanziert und mitbestimmt wird, dass für den ersten Tod des Kinos mitverantwortlich war: das Fernsehen. In dieser gegenseitigen ungewollten Abhängigkeit entstehen dann Filme, für die es kein Publikum mehr gibt, außer auf Festivals – allerdings auch nur dann, wenn es den Filmen gelungen ist, ihre künstlerische und politische Unabhängigkeit zu bewahren.

Ich glaube Online-Angebote haben eine eigene Logik, funktionieren anders und wir werden lernen müssen, welche Filmereignisse losgelöst vom Kino funktionieren und welche diesen Ort unbedingt brauchen. Ich vermute wir werden nach Covid19 die wirkliche Bedeutung der Spielstädten erst begreifen, weil es uns abhanden gekommen ist. Es wird (hoffentlich) eine Renaissance des Kinos geben, vor allem auch des experimentellen Films, des Films als künstlerisches Ereignis, wie das Theater, die Oper oder ein Konzert, das nur in der gemeinsam erlebten Zeit seine volle Wirkung entfalten kann. Vor allem die Leerstellen, die Pausen, die Stille, die Dauer, die Langsamkeit.

Viele Filme werden auch weiterhin für das Kino produziert. Siehst du Alternativen zu diesem heiligen Ort als primären Präsentationsraum?

Unbedingt. Nicht alle Filme sind geeignet für die große Leinwand, finden im Kino nicht ihr Publikum. Und als Filmemacher erreiche ich im Kino einen nur sehr kleinen Ausschnitt der Gesellschaft und auch oft erst viel zu spät für aktuelle gesellschaftliche Diskussionen.

Gerade für den Dokumentarfilm gibt es viele andere Formen, Orte zu bespielen. Etwa das Dokfest on Tour in Kooperation mit der AG Dok West. Die Idee ist, nicht die Menschen ins Kino, sondern das Kino, vor allem den künstlerischen Dokumentarfilm, zu den Menschen zu bringen, auch und gerade an die kulturelle und soziale Peripherie. Aktuell arbeite ich an meinem neuen Kino-Dokumentarfilm „Suche nach Fritz Kann“, der von der Filmstiftung gefördert ist und den ich fürs Kino produziere. Mein Wunsch ist, diesen Film über die Deportation des ersten jüdischen Mannes meiner Großmutter nach der Kino-Premiere vor allem auch an Schulen zu zeigen, mit dem Film quer durchs Land zu ziehen, am liebsten dort, wo Rassismus und Antisemitismus ein Problem ist und auch mit den jungen Menschen zu diskutieren.

Ich mache aber auch viele Filme – sehr bewusst – fürs Fernsehen. Diese investigativen Formate gehören nicht ins Kino. Sie sind dafür zu aktuell produziert und zu skizzenhaft in der Handschrift. Ich liebe diese schnelle, direkte Form, denn sie erfüllt für mich einen politischen und gesellschaftlichen Auftrag im Umgang mit den Realitäten, der für mich im Zentrum einer demokratischen Gesellschaft steht. Ich erreiche mit diesen Beiträgen an einem Abend ein Millionenpublikum mit Themen wie schwere Menschenrechtsverletzungen, korrupte Rüstungsdeals oder gewissenlose Umweltzerstörung. Und wenn so eine Film zur besten Sendezeit in der ARD läuft, dann gibt es einen erheblichen Druck, auf die verantwortlichen Behörden und Unternehmen, auf die Vorwürfe zu reagieren und im besten Fall, etwas zu ändern. Das Kino jedenfalls ist schon lange nicht mehr der Ort für revolutionäre Filme – weder ästhetisch noch inhaltlich. Während ich diese Zeilen schreibe, erhalte ich eine Nachricht, dass ein führender Oppositioneller und Musiker aus Uganda ein Live-Konzert in den sozialen Medien hat. Bobi Wine war in der Vergangenheit verhaftet und fast zu Tode gefoltert worden. Er hat seitdem Auftrittsverbot im eigenen Land. Mit diesem Konzert aus dem #Lockdown über YouTube, Whatsapp und Facebook… hat er heute Nacht zehntausende Menschen in der ganzen Welt erreicht, trotz Konzertverbot und über die Grenzen seines Landes hinweg. Das war die Revolution der Bilder, von der Wolf Vostell 1968 sprach. Diese Revolution findet nicht im Kino statt und auch nicht im Fernsehen.

Marcel Kolvenbach ist Professor für Dokumentarfilm – Schwerpunkt TV und Internet – an der Kunsthochschule für Medien Köln. Er arbeitet als investigativer Journalist und freier Produzent und Dokumentarfilmemacher. Seine aktuelle Kino-Produktion: Suche nach Fritz Kann / Arbeits-Trailer (Work in Progress) https://vimeo.com/393563459

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