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KinoPerspektiven: Der natürliche Tod

KinoPerspektiven: Der natürliche Tod

Alles anders. Zum Start des Kurzfilmtage 2020 ist kein Kölner Filmjournalist in Oberhausen. Die genießen in der Domstadt neue alte Freiheiten wieder: Cafés haben nach dem Corona-Lockdown gerade erst wieder öffnen dürfen. Auch das Filmcafé in der Traumathek, wo ich Filmkritiker und -kurator Daniel Kothenschulte traf, um mit ihm über Haben und Soll der aktuellen Kino- und Festivallandschaft in der Pandemie-Krise zu sprechen.

Werner Busch: Bist du in den letzten Tagen ein Fan von Online-Filmfestivals geworden?

Daniel Kothenschulte: Nein, das geht mir total gegen den Strich. (lacht) Ich verstehe nicht, wie man sich so leicht damit anfreunden kann, wie das andere Leute getan haben. Das digitale Filmeschauen ist das denkbare Gegenmodell dessen, wofür das Kino steht: Größe, Dunkel, Magie, Gemeinschaft, Ausschließlichkeit. Gerade beim Kurzfilm sind auch die unterschiedlichen Formate und Vorführtechniken für mich ganz besonders wichtig. Ich war überrascht, wie leicht gerade Oberhausen darauf verzichten konnte. Ich hatte gehofft, man würde mit neuen Orten experimentieren, open-air- oder Ausstellungskontexte, das wäre ja schon wieder erlaubt gewesen. Die Lösungen, die die Festivalmacher gefunden haben, bergen natürlich Chancen und es könnte bleibende Mehrwerte geben. Bei den Kurzfilmtagen Oberhausen finde ich es zum Beispiel wirklich gut, dass eine große Online-Mediathek nun nicht mehr ausschließlich für Fachbesucher zugänglich ist. Auch was die generelle Online-Präsenz von Festivals angeht, hat man glaube ich dazu gelernt und kann dauerhaft davon profitieren. Ich habe meine Festivalberichte über München, Stuttgart und Oberhausen nun zu Beginn der Festivals und nicht mehr am Ende veröffentlicht, damit der Vorteil nicht verloren geht, dass nun die Filme, über die ich schreibe, auch wirklich gesehen werden können. Anders als bei der Berlinale.

Hast du bereits Oberhausen-Filme gesehen?

Ja, zum Beispiel einen fantastischen Animationsfilm von Katharina Huber, „Der natürliche Tod der Maus“. Die Filmemacherin hat über ein Jahr daran gearbeitet, hat von Hand diesen 21-minütigen Film gezeichnet und gestaltet. Keine Premiere zu haben ist natürlich der denkbare „downer“ nach so einer langen Arbeit. Keine Leinwand ist der „natürliche Tod des Films“. Ich gehe gerne aus dem Haus, um einen Film zu sehen. Ein kluger Mensch sagte schon vor Jahrzehnten: „Das gute am Kino ist, dass die Tür zu geht“. Ich lasse mich bei Festivals gerne beeinflussen, höre auf Empfehlungen oder lausche Gesprächen zu Filmen. Und das nicht zufällig, das ist Strategie.

Katharina Hubers „Das natürliche Tod der Maus“ war einer der herausragenden Filme zum Start der Kurzfilmtage Oberhausen, dem die Premiere auf der Kinoleinwand verwehrt blieb.

Was sind deine Prognosen für das restliche Filmfestival-Jahr? Aufgrund der Abstandsregeln scheint eine Kinonormalität in weiter Ferne…

Mein Gefühl ist, dass sich eine Normalität für Kinogehen und Festivals schneller einstellen wird, als wir das gerade erwarten. Die Absage von Locarno finde ich mit Blick auf die aktuellen Lockerungen voreilig. Der Regisseur Paul Schrader hat gerade in einem Interview gesagt: Das nächste Festival, das stattfinden wird, ist die Berlinale und das wird die beste Berlinale aller Zeiten sein. Ich denke aber, dass Cannes und Venedig auch noch dieses Jahr zum Zuge kommen werden, beide Festivals tüfteln da im Hintergrund etwas aus. Dieses Jointventure wird voraussichtlich im September die Kinosaison beflügeln.

Wird die Pandemie die Festivallandschaft dauerhaft verändern?

Ich habe mich vorhin über die Online-Festivals beschwert, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich am letzten Oberhausen-Tag immer schon vorm Laptop gesessen und nachgeholt, was ich verpasst habe. Gewinnerfilme zum Beispiel. Ich habe über viele Filme geschrieben, als wenn ich sie prunkvoll im Kinosaal gesehen hätte, aber die Realität von Filmjournalisten ist oft eine andere. Ich bin mir sicher, dass diese Sichtungsmöglichkeiten verstärkt Teil der Festivalkultur werden. Die Festivals werden die Pandemie gut überstehen: die Städte brauchen sie, die Regionen brauchen sie, es sind einfach wichtige Events. Ich habe mich oft beklagt, wenn der regionale Event-Aspekt über das Inhaltliche gestellt wurde, aber im selben Maße, in dem die internationale Filmkunst aus dem Fernsehen und den Innenstadtkinos verschwunden ist, wurden die Festivals unverzichtbar.

Du klingst wie ein Optimist. Aber was wird aus der Kinokultur?

Ein Pessimist war ich jedenfalls nie, aber wir müssen uns klar machen, dass der Boom von Streaming-Plattformen bleiben wird. Ich fürchte, wir verlieren den letzten Rest einer natürlich gewachsenen Kinokultur, die dazu geführt hat, dass Menschen wie ich auch mal gerne spontan ins Kino gegangen sind. Es wird herbe Verluste geben. Genauso wie in anderen Branchen wie dem Einzelhandel. Oder schauen wir uns an, wo wir sitzen: eine Videothek. Die Traumathek in Köln ist ein fantastischer Ort, eine von vielleicht noch drei bedeutenden Videotheken in ganz Deutschland. Sie und die Kinos der Stadt waren schon vor der Krise bedroht und nun könnte es ganz schnell gehen mit dem Kinosterben. Das macht mir Angst.

Filmkritiker Daniel Kothenschulte kennt einen guten Ort für Filmgespräche: Nach wochenlangem Lockdown hat die Traumathek ihr Café wieder öffnen können. (FOTO: W. Busch)

Wie wird sich das Medium Film durch die Pandemie verändern? Es gibt Berichte darüber, dass ältere Figuren aus Drehbüchern geschrieben werden oder intime Szenen mit Körperkontakt. Werden wir in ein paar Jahren zurückblicken und sagen können: das waren Pandemie-Filme?

Das kommt mir ein bisschen so vor wie ohne Drehgenehmigung in New York drehen. So entstanden die schönsten Filme! Ein paar Sachen muss man auch einfach mal machen, auch wenn sie verboten sind. Ich meine, was wäre das für ein Kino? Ich halte viele dieser Restriktionen für aufgebauscht, wenn es sie für die Branche gibt oder geben wird. Ich kenne diese Berichte nicht. Ich fände es schlimm, wenn Fußballspieler fußballspielen dürfen, aber Schauspieler nicht mehr schauspielern sollen. Da werden verschiedene Wertmaßstäbe angelegt und die Kulturbranche ist natürlich mal wieder ganz weit hinten. Das darf nicht sein. Viele der Verordnungen sind so wirr und inkonsequent. Warum sind Fitnessstudios offen und gleichzeitig sollen Schauspieler an einem Set Abstandregeln in ihrem Spiel einhalten? Die Aerosole in einem Fitnessstudio sind für Gäste, aber noch viel mehr für die Mitarbeiter, ja schlimmer als jede Nacht in einer Raucherkneipe. Wenn es wirklich solche Limitierungen bei Dreharbeiten geben sollte, dann sehe ich darin einen Ausdruck für die Geringschätzung der Kultur. Aber was für Filme sollen das denn sein, die mit solchen Restriktionen entstehen? Aus einem guten, drehfertigen Buch können sie nicht einfach so eine Figur herausschreiben, nur weil sie zu alt ist. Das geht vielleicht in einer daily-soap.  Ohne die geplante Massenszene, ohne die Intimszene, dann kann man diese Filme dann einfach gerade nicht drehen.

Das war auch eine Frage, die in Oberhausen gestellt wurde: Soll man gerade jetzt Filme drehen und welche?

Dietrich Brüggemann hat das in einem Oberhausen-Beitrag sehr lustig beantwortet: „Man muss eigentlich nie ‚jetzt‘ Filme drehen und mit der Pandemie noch viel weniger…“ oder so ähnlich. Der große Plot, den wir noch gar nicht begreifen, der uns aber das Jahrzehnt über beschäftigen wird, wurde durch die Pandemie nur etwas sichtbarer: Der soziale Wandel, die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, die Verletzlichkeit des Privaten – inklusive der sexuellen Identitäten – die Konsumkritik als Spiegel des Klimawandels, die Gentrifizierung der Innenstädte. All das lässt Filme schon jetzt anders aussehen.

Könnte die Krise in der Film- und Festivallandschaft auch kreative Energien freisetzen?

Also für den Mythos, dass durch Krisen irgendwas besser wird, dazu fällt mir eigentlich überhaupt kein Beispiel ein. Das hier ist eine Krise, die so vielen Menschen so unglaublich schadet, dass ich mich weigere, sie so schön zu reden, bevor sie auch nur annähernd vorbei ist. Es verlieren so viele Menschen ihre Arbeit im Moment und ihre langfristigen Perspektiven. Schon die letzte große Krise, die Finanzkrise, hat vor allem den Ärmeren geschadet. Ich fiebere und leide wirklich sehr mit den Kinobetreibern. Ich denke, dass uns ein Kinosterben bevorsteht, ähnlich wie 1962. Da wurden noch einmal große Kinos gebaut und die gingen zu einem Großteil sofort ein. Ich glaube das hier wird noch viel dramatischer.

Welche Perspektiven siehst du für das Kino?

Ich habe schon vor der Corona-Pandemie gesagt, dass die einzige Zukunft für das Kino die Musealisierung des Kinos ist, bei der Städte ihre Lichtspielhäuser wie Theater betreiben, um sie als Kulturorte zu sichern. Damit könnte das Kino in jeder Stadt eine feste und unverwechselbare Rolle im Kulturbetrieb bekommen. Ich befürchte jedenfalls, dass das von Film-Enthusiasten privatwirtschaftlich betriebene Kino, wie wir es heute noch haben, nicht überlebensfähig ist. Die Multiplexe werden weitergehen, sie sind als Schaufenster für die Großproduktionen sicher. Aber das familiär geführte, liebevolle Kino, da mache ich mir ganz große Sorgen drum. Da müssen Kommunen aktiv werden. Hier in Köln, wo Cinemathek und VHS-Forum schon seit langem dicht sind und es kein kommunales Kino gibt, denke ich aktuell insbesondere an die Lichtspiele Kalk, ein neues Kino in einem Vorort, im Wohngebiet, das gerade sein Publikum gefunden hat und ein tolles Programm macht, das ist absolut bedroht von dieser Krise.

„Für den Mythos, dass durch Krisen irgendwas besser wird, fällt mir überhaupt kein Beispiel ein. Ich weigere mich diese Krise schön zu reden“, sagt Daniel Kothenschulte. (FOTO: Werner Busch)

Filmreihen und Filminitiativen könnten einen solchen Verlust wahrscheinlich nicht auffangen?

Nein, das ist kein Ersatz für das Kino, das uns fehlen wird: Ein Kino, das alltäglich ist. Ich möchte nicht eine Woche im Jahr interessante und auch alte Filme sehen können, sondern jeden Tag. Ich denke an eine echte filmische Infrastruktur. Die würde bedeuten, dass man jeden Tag einfach so ins Kino gehen kann und nicht, weil zufällig gerade Festival ist oder eine Filminitiative eine Sondervorstellung macht. Auch der großartige Filmclub 813 ist kein Ersatz dafür, eine nach wie vor ganz wichtige Initiative von Enthusiasten. Warum gibt es in Köln auch weiterhin kein einziges kommunal geführtes Kino? Auch das neue Filmhaus wird dafür kein Ersatz sein. Man muss jeden Tag ins Kino gehen. Doch was das Kino in seiner Glanzzeit war, eine teils privatwirtschaftliche, teils öffentliche Kultur, diese Balance kann auch die Politik kaum retten.

Was ist deine größte persönliche Befürchtung im Moment?

Dass Menschen sich das Kinogehen durch die Streamingdienste abgewöhnen, dass eine neue Privatheit zur Normalität wird. Vielleicht kommen andere Sorgen und ersetzen Corona und lassen die Leute lieber zu Hause bleiben.  Das sind Entwicklungen, die man nicht so einfach beeinflussen kann. Ich habe mich in den letzten Wochen darauf beschränkt, die aktuellen Onlinefestivals zu besprechen, oder Buchveröffentlichungen wie die vieldiskutierte von Woody Allen. Und ich will auch tatsächlich die neue „Hollywood“-Serie bei Netflix besprechen. Aber, ich rechne ehrlich gesagt jeden Tag damit, dass die Redaktionen feststellen, dass sie keine Filmkritiker mehr brauchen. Statt einer Filmkritik lesen die Leute dann auf dem Bildschirm: „Wenn Ihnen das gefallen hat, gefällt Ihnen sicher auch das.“

Interview: Werner Busch

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