Festival Filmszene Aktuell

Zwei Dekaden für den Filmschnitt: 20 Jahre Edimotion

Alles nahm seinen Anfang auf dem Filmfest Lünen: Dort vergaben Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten, Gründungsmitglieder der Filmzeitschrift Schnitt, erstmals den „Schnitt Preis Spielfilm“. Das Ziel der beiden, sowohl im journalistischen Bereich als auch durch die Preisvergabe: Den Blick nicht nur auf die Inhalte, sondern auch auf die technischen Seiten eines Films zu lenken. Nicht nur auf die Montage, die Zeitschrift wie Preis den Namen gab, sondern auch auf andere Gewerke, aber natürlich ganz besonders auf den Schnitt. 2001 wurde aus dem Preis ein eigenes Festival unter dem Namen Filmplus, dessen Spektrum an Auszeichnungen bald erweitert wurde. Seit 2004 werden auch Dokumentarfilme prämiert, seit 2005 Kurzfilme und schon 2002 wurde ein Ehrenpreis für die Lebensleistung eines Editors oder einer Editorin eingerichtet.

Auch der Fokus erweiterte sich über den deutschen und den deutschsprachigen Raum hinaus. Seit 2011 lädt das Festival internationale Besucher gezielt ein und kooperiert jede Ausgabe mit einem anderen Gastland. Diese Öffnung schlägt sich auch in der Auswahl der potenziellen Preisträger nieder: Erst durften auch österreichische Produktion an den Wettbewerben teilnehmen, seit diesem Jahr auch Filme aus der Schweiz. Das internationale Forum, auf dem sich EditorInnen aus anderen Nationen präsentieren, ist inzwischen ein Herzstück des Festivals. 2019 war sogar Hollywood zu Gast, als unter anderem Ang Lees Stamm-Editor Tim Squyres (Der Eissturm, 1997; Gemini Man, 2019) und Tatiana S. Riegel (Fright Night, 2011; I, Tonya, 2017) in Werkstattgesprächen Einblick in ihre Arbeit gaben. Auf der 2018er Ausgabe des Festivals reifte dort eine Idee, die 2019 im Rahmen des Forums umgesetzt wurde: Die Gründung von TEMPO, einem internationalen Dachverband verschiedener nationaler Organisationen, zu dem auch der Bundesverband Filmschnitt Editor e.V. (BFS) zählt.

Seit diesem Jahr heißt Filmplus nun Edimotion, die Leitung gaben Baumgarten und Nikitin ab, dafür übernahmen diese 2017 Dietmar Kraus, Jenny Krüger und die langjährige Künstlerische Leiterin Kyra Scheurer. Scheurer in dieser Funktion bereits seit 2009 Bestandteil des Festivals, als ehemalige Redakteurin des 2012 eingestellten „Schnitt“ aber noch viel länger mit ihm vertraut. Auf die Frage, wie sich der 20. Festivalgeburtstag Ende Oktober anfühlt, antwortet sie dann auch: „Sehr gut – aber auch ein bisschen wie beim Klassentreffen, man will manchmal gar nicht so genau darüber nachdenken, wie lange manche Sachen schon her sind.“

Der Eröffnungsfilm von Edimotion ist die Premiere der digital restaurierten Fassung von Der Boxprinz (2000) um den skandalträchtigen Schauspieler und Boxer Norbert Grupe, besser bekannt als „Prinz Wilhelm von Homburg“.

Aus rund zwei Jahrzehnten Festivalgeschichte gehen ihr als erstes an „viele intensive Gesprächsmomente mit Editoren und Editorinnen durch den Kopf, beeindruckende Persönlichkeiten, von denen einige, wie Brigitte Kirsche, Jean-Marc Lesguillons, Peter Przygodda oder Raimund Barthelmes leider mittlerweile verstorben sind – Menschen, von denen ich viel gelernt habe, die wichtig für unser Festival waren, mit denen man aber auch einfach toll feiern konnte.“ Lustiger ist dagegen die Rückschau auf die Abteilung „Pleiten, Pech und Pannen“: „Etwa das Jahr als uns – damals fanden wir noch einen Monat später statt – der damalige Oberbürgermeister auf dem Weihnachtsmarkt auf der Domplatte abhanden kam, als er eigentlich auf dem Weg zum Grußwort unserer Preisverleihung war. Da haben Nikolaj und ich in der Moderation einfach improvisiert und den ‚Nachzügler‘ bei seinem Eintreffen wie selbstverständlich zum spontanen Dialog über Filmschnitt auf die Bühne gebeten, was offenbar wie geplant wirkte. Oder der Kurzfilmabend, an dem die ‚Welt der Gegenstände‘ ein Eigenleben führte, ständig während der Editorengespräche der Vorhang am Rand der Leinwand hin und her fuhr, ein Filmton plötzlich und unabhängig vom Bild startete, die Mikrophone ein Eigenleben führten und schließlich nicht nur das Publikum, sondern auch wir selbst den ein oder anderen Lachkrampf nicht mehr unterdrücken konnten.“

Die Liste der bisherigen Preisträger liest sich auch wie ein „Who Is Who“ der deustchen Editoren: Den Ehrenpreis erhielten unter anderem Norbert Hertzner (Out of Rosenheim, 1987; Knight Moves, 1992), Gisela Haller (Herrliche Zeiten im Spessart, 1967; Manta, Manta, 1991) und Dominik Grafs langjährige Editorin Christel Suckow (Die Katze, 1988; Die Sieger, 1994) – letztere von Graf auf dem Festival 2015 persönlich mit einer Laudatio bedacht. Michael Hanekes Stamm-Editorin Monika Willi erhielt den Spielfilmpreis 2010 für Das weiße Band (2009), Fatih-Akin-Spezi Andrew Bird 2004 für Gegen die Wand (2004). Manche junge Karriere wurde von dem Festival ordentlich in Schwung gebracht. Marty Schenk etwa erhielt 2005 als erster Editor die Kurzfilmauszeichnung für Leroy räumt auf (2005) und schnitt später unter anderem die Komödie 13 Semester (2009) sowie alle Folgen der Christian-Ulmen-/Fahri-Yardim-Serie jerks. Bei Edimotion kommen Nachwuchstalente und alte Hasen, Editoren aus dem In- und Ausland, Populäres und Kunstfilm zusammen – die gesamte Welt des Filmschnitts auf dem Festival mit zwei Dekaden Tradition.

Nils Bothmann

Alle Infos zum Programm, zum Ticketing für die Live-Events und Zugang zum Streaming auf www.edimotion.de

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