Festival Filmszene Aktuell

Von Gender, Gewalt und Geschichte – das Internationale Frauen*Film Fest 2021

Noch Mitte Mai hatte es geheißen, dass das Internationale Frauen*Film Festival Dortmund+Köln (IFFF) vom 15. bis 20. Juni als reine Online-Veranstaltung stattfinden würde. Die Lockerungen, die Ende Mai in NRW die Öffnung der Kinos möglich machten, führten zu einer Planänderung: Neben den Online-Screenings der eingeladenen Filme waren auch Vorstellungen in Dortmunder Kinos möglich, in einer der beiden Heimaten des in Köln und Dortmund ansässigen Festivals.

Den ersten Live-Talk des Festivals bildete eine Online-ifs-Begegnung Gender & Diversity am 16. Juni, in welcher der experimentelle Dokumentarfilm In the Name Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran (2019) im Mittelpunkt stand, der man bereits eine Woche zuvor kostenfrei über die Videoplattform des Festivals streamen konnte. Im Online-Talk beantwortete Regisseurin Narges Kalhor Fragen zu ihrem Mix aus Dokumentarfilm, fiktionalen Inhalten und animierter Rahmenhandlung, der sich mit Repression in den Ländern des Nahen Ostens ebenso beschäftigt wie mit deutscher Fragerei danach, wo jemand mit migrantischen Wurzeln „denn wirklich herkommt“, auch wenn er oder sie in Deutschland geboren wurde.

Neben den Wettbewerben und Rubriken wie „Begehrt! – Filmlust Queer“ oder einem Programm für Kinder und Jugendliche lag der Fokus dieses Jahr auf den Beziehungen zwischen Menschen und nicht-menschlichen Wesen. „The Connection: Von Pflanzen, Menschen und anderen Tieren“ hieß die Rubrik. Drei Dokumentation beschäftigten sich mit dem Verhältnis verschiedener Spezies. Becoming Animal (2018) handelt von den nicht-menschlichen Lebewesen und ihrer Wahrnehmung durch den Menschen, mit dem Kulturökologen David Abram als Reiseleiter in diese neue Art des Umgangs mit der Natur. Tarpaulins (2017) dagegen nimmt eine spezifische Tierart in den Blick: Termiten. Allerdings auch hier im Umgang mit dem Menschen, genauer gesagt den Kammerjägern, welche die titelgebenden Plastikplanen über Gebäude ziehen, ehe sie die ungewünschten Bewohner auszuräuchern versuchen. In Donna Haraway – Story Telling for Earthly Survival (2016) steht die titelgebende Biologin und Poststrukturalistin als Gesprächspartnerin im Mittelpunkt. Sie plädiert für ein Neudenken der Beziehungen von Tier und Mensch. Mit ihrem einflussreichen, vielzitierten Essay „A Cyborg Manifesto“ hatte Haraway sich bereits 1985 nicht für eine Überwindung klassischer Abgrenzungen zwischen Mensch/Tier/Maschine, sondern auch für eine Überwindung klassischer Genderkonzepte stark gemacht.

Donna Haraway – Story Telling for Earthly Survival

Den Nachhall von Haraways Thesen konnte man auch in einigen Filmbeiträgen spüren, etwa im argentinischen One in a Thousand (2020). Dieser handelt von der 17-jährigen Iris, die mit ihrer Clique herumhängt und ihre zweite große Leidenschaft neben dem Basketball entdeckt, als sie sich in die drei Jahre ältere Renata verliebt. Regisseurin Clarisa Navas wählt einen beobachtenden, beinahe dokumentarischen Ansatz, wenn ihre Kamera stets nah bei den Figuren ist, ihnen folgt und lange Einstellungen dominieren. Die zentralen Figuren – neben Iris und Renata sind dies Iris‘ Cousins Dario und Ale – leben allesamt queere Sexualitäten aus, jedoch auf unterschiedliche Weise: Dario flippig-flamboyant, Ale dagegen eher verschämt und zurückhaltend. Dies führt zu Problemen, gerade wenn die Lebensentwürfe der braven Romantikerin Iris und der erfahreneren, sexuell offenherzigeren Renata aufeinandertreffen. One in a Thousand nimmt dabei keine Seiten ein, lässt das Publikum selbst beurteilen, ob Renata eine selbstbewusste Frau ist, die sich nicht den Normen der Gesellschaft unterwirft, oder das auf Safer Sex verzichtende Flittchen, als das sie im Tratsch in der Siedlung gilt. Allen Figuren gemein ist jedoch der Überlebenskampf, weniger aufgrund der prekären Verhältnisse, in denen sie leben, sondern aufgrund einer Gesellschaft, in der andere das Sagen haben und sich das, was sie sollen, mit Gewalt nehmen, auch die sexuelle Befriedigung.

Ein inoffizielles Thema des diesjährigen Festivaljahrgangs war die Langzeitbeobachtung. Die französische Dokumentation Far from You I Grew (2020), im Programmheft mit Richard Linklaters Boyhood (2014) verglichen, etwa folgt der Odyssee des mittlerweile 13-jährigen Protagonisten Nicolas durch Kinderheime. Ähnliches lässt sich auch im Zusammenspiel der beiden von Monika Treut inszenierten Dokus Gendernauts (1999) und Genderation (2021) erkennen. In Gendernauts hatte die Filmmacherin das Phänomen der Trans-Geschlechtlichkeit in San Francisco um die Jahrtausendwende erforscht, Mit Genderation kehrt sie über 20 Jahre später zu den damals befragten Trans*Aktivist*innen und anderen Protagonist*innen zurück und hört nach, welche Veränderungen seitdem für sie eingetreten sind und welche Kämpfe sie immer noch ausfechten müssen.

Treut gehört neben der Programmleiterin des Internationalen Frauenfilmfestivals Barcelona Marga Almirall Rotés und der Drehbuchautorin und Produzentin Elma Tataragić zu der Jury des mit 15.000 Euro dotierten Hauptpreises des Festivals. Um diesen konkurrierte unter anderem die renommierte Céline Sciamma (Water Lilies, 2007; Porträt einer jungen Frau in Flammen, 2019), die mit Petite Maman (2021) an den Start ging, welcher von der Trauerarbeit der achtjährigen Nelly nach dem Tod ihrer Großmutter handelt. Den Preis letztendlich mit nach Hause nahm jedoch Jasmila Zbanic, deren Quo vadis, Aida? (2020) sich mit einer immer noch schwelenden Wunde des Jugoslawienkriegs beschäftigt, dem Massaker von Srebrenica. Die Protagonistin des für den Oscar nominierten Films, der am 5. August regulär in die deutschen Kinos kommt, ist Übersetzerin für die UN. Sie und ihre Familie suchen im UNO-Lager Schutz, als die serbische Armee anrückt, aber als Übersetzerin herrscht für Aida wesentlich schrecklichere Klarheit über das, was bevorsteht und später als schlimmstes Kapitel des Bürgerkriegs in die Geschichte einging.

Quo vadis, Aida?

Der ECFA Short Film Awarrd wurde an den sechs Minuten langen, weißrussisch-tschechischen Animationsfilm Blatt (2020) von Aliona Sasková vergeben, der von einem riesigen Seemann erzählt, der durch eine Zufallsbegegnung an die Farben, Klänge und Gerüche seiner Heimat erinnert wird. Der neue Shoot 2021 KHM & IFFF Dortmund+Köln Nachwuchspreis für Künstlerinnen der KHM ging an den experimentellen Dokumentarfilm Life Could Be So Beautiful (2019) von Angelika Hertha. Den Publikumspreis erhielt ein Film aus dem Jugendprogramm, My Name is Baghdad (2020). Regisseurin Caru Alves de Souza erzählt darin von der 17-jährigen Skaterin Bagdá, die in der Machowelt eines Arbeiterviertels von São Paulo aufwächst. Nach einem sexuellen Übergriff steht eine Gruppe weiblicher Skateboarderinnen für sie ein.

Die Preisverleihung wurde über Vimeo live gestreamt, die Preisträgerinnen über Zoom hinzugeschaltet, auch wenn es manchmal – etwa bei der Dankesrede von Caru Alves de Souza – zu technischen Problemen kam. Die handelsüblichen Tücken des Onlineformats eben. Für Auflockerung sorgte die Schauspielerin und Komikerin Thelma Buabeng, die das YouTube-Comedy-Format „Tell Me Nothing from the Horse“ betreibt und hier für Einspieler sorgte. Mit gespielter Empörung verwies die gebürtige Ghanaerin beispielsweise in einem Clip darauf, dass ja nur ein Film aus Afrika zum Festival eingeladen gewesen sei und der noch nicht einmal aus Ghana komme. Im letzten Einspieler des Abends gab sich die 40-Jährige jedoch komplett ernst und gab dem Team um Festivalleiterin Maxa Zoller auf den Weg: „Ich feiere euch wirklich sehr.“ Denn auch in diesem Jahr gab das Festival einer Vielzahl weiblicher Perspektiven aus verschiedenen Teilen des Erdballs Raum, um Themen wie Gender, Geschichte und Gewalt aufzuarbeiten.

Weitere Infos gibt es auf der Homepage des Festivals.

Nils Bothmann

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