Festival Filmszene Aktuell

Der Festival-Sommer des Film Festival Cologne

Ehe im Oktober die reguläre Ausgabe des Film Festival Cologne ansteht, will das Festival die Wiedereröffnung der Kinos zelebrieren und dabei sowohl ein Best of des Jubiläumsprogrammes 2020 präsentieren als auch Filme würdigen, die aufgrund der Pandemie keinen angemessenen Kinostart erhielten. Der Festival-Sommer läuft seit dem 12. Juli und geht noch bis zum 19. Oktober. Insgesamt sind es 30 Screenings, die in den Spielstätten Odonien, Filmpalast und MAKK stattfinden bzw. stattfanden – der einzige MAAK-Termin, eine Vorstellung von Thomas Vinterbergs tragikomischem Trinkerfilm Der Rausch (2020), war bereits am 17. Juli.

Das Programm umfasst Dokumentarisches und Spielfilme, vornehmlich aus den USA oder Europa, außerdem ein Kurzfilmprogramm am 19. August im Odonien.  An dieses schließt ein Filmgespräch an. Vorabgespräche zu Screenings begleiten den kapitalismuskritischen Dokumentarfilm Oeconomia (2020) über Frankfurter Banker am 4. August und die Doku Ich bin Greta (2020) über Klimaschutz-Ikone Greta Thunberg am 5. August. Weitere Dokumentarfilme beschäftigen sich mit dem 1990 verstorbenen Sektengründer Osho Bhagwan und seinem Einfluss hierzulande (Bhagwan – Die Deutschen und der Guru, 2020; 10. August), der Geschichte des Chaos Computer Clubs (Alles ist eins. Außer der 0., 2020; 31. August) und zwei Frauen, die unfreiwillig zu Attentäterinnen im Auftrag von Kim-Jong Un wurden (Assassins, 2019; 16. September).

Während viele dieser Titel bereits einen regulären Kinostart hatten oder schon auf DVD und Blu-Ray erschienen sind, wartet einer der interessantesten Dokumentarfilme noch auf ein größeres deutsches Release: Feels Good Man (2020). Die Dokumentation von Arthur Jones, die beim letztjährigen Sundance-Festival den U.S. Documentary Special Jury Award for Emerging Filmmaker gewann, beschäftigt sich mit dem Cartoon-Frosch Pepe. Sein erster Auftritt war 2005 in dem Independent-Comic „Boy’s Club“; später entwickelte sich Pepe zum Meme im Internet und wurde schließlich von der Alt-Right-Bewegung zu ihrem Symbol erkoren. Feels Good Man zeichnet nicht nur nach, wie der Schöpfer die Kontrolle über sein Werk verlor und zusehen musste, was aus seiner Kreation wurde, sondern beleuchtet ebenso Furies Versuche Pepe zu reclaimen, wieder zu jenem Symbol der Unschuld zu machen, das er ursprünglich sein sollte.

Gleich zwei Regisseure sind mit Double Features im Programm vertreten. Da ist zum einen Enfant terrible Gaspar Noé, der am 2. September seinen Tag im Festival-Sommer hat. Es beginnt mit Lux Æterna (2019), einem rund 50-minütigen Trip, in dessen Zentrum zwei Schauspielerinnen (Charlotte Gainsbourgh, Beatrice Dalle) stehen, die beim Dreh eines Hexenfilms aufeinandertreffen. Es folgt der neu montierte Straight Cut seines Skandalfilms Irreversibel (2002): Die Geschichte eines Paares, der Vergewaltigung der Frau und des darauffolgenden Rachemords durch den Mann war im Original rückwärts erzählt worden, ist in der neuen Version dagegen chronologisch angeordnet. Wie Noé ist auch Regie-Exzentriker Quentin Dupieux primär in Frankreich tätig. Am 21. September sind Mandibules (2020) und Monsieur Killerstyle (2019) von ihm zu sehen. In ersterem entdecken zwei beste Freunde eines hundegroße Schmeißfliege in ihrem Kofferraum und überlegen Verwendungszwecke für das Tier, in letzterem verliebt sich ein Pseudo-Filmemacher derart in seine Hirschlederjacke, dass er keine andere Jacke neben ihr duldet und anderen Menschen gar das Tragen von Jacken verbieten will.

Lux Aeterna: Alamonde Film/AL!VE

Außerdem im Programm ist Julian Schnabels bewegender Schmetterling und Taucherglocke (2007) über einen Moderedakteur, der nach einem Gehirnschlag nur noch sein linkes Augenlid bewegen kann, sich trotz Schwerstbehinderung aber wieder ins Leben zurückkämpft (24. August). Bisher nur als Stream bei Mubi war Kelly Reichardts neuer Film First Cow (2019) zu sehen, ihr zweiter Ausflug in den Wilden Westen nach Meek’s Cutoff (2010). First Cow soll am 21. November in die deutschen Kinos kommen, ist am 14. September bereits im Rahmen des Festival-Sommers zu sehen. Reichardts Gesellschaftserzählung im Westerngewand handelt von Cookie Figowitz und dem chinesischen Einwanderer King-Lu, die mit Gebäck nach King-Lus Rezepten Geld machen, die dafür benötigte Milch jedoch von der einzigen Kuh in der Nähe, die im Besitz eines reichen Mannes ist, stehlen müssen.

Vergiftete Wahrheit: Tobis/LEONINE

Die Spielfilme des Programms greifen ebenso wie die Doku-Titel politische Themen auf. Moffie (2019) untersucht das Spannungsfeld von Homophobie und Homoerotik in Militärkreisen im südafrikanischen Apartheidsstaat von 1981 (23. September), die deutsche Oscar-Einreichung Und morgen die ganze Welt (2020) nimmt den politischen Rechtsruck und die Gegenreaktionen darauf in den Blick (12. Oktober), The Assistant (2019) ist eine filmische Aufarbeitung des Falls Harvey Weinstein (14. Oktober). Nachhaltig verstörender als viele Horrorfilme ist Todd Haynes‘ Tatsachenthriller Vergiftete Wahrheit (2019) über den Kampf des Anwalts Robert Billot gegen den Chemiekonzern DuPont, der Teflonprodukte herstellt und mit den Abfällen aus dem Produktionsprozess ganze Landstriche verseucht. Der spröde, aber spannende Thriller zeichnet den rund 20 Jahre dauernden Abnutzungskampf nach, der Billot und seiner Familie zusetzt und von Verzögerungstaktiken durch den Konzern gekennzeichnet ist, und verzichtet dabei auf überraschende Twists oder Effekthascherei. Wenn jedoch am Ende des Films, nach einem Etappensieg des Protagonisten, eingeblendet wird, wie große Anteile der Menschheit schätzungsweise zumindest Spuren jener Umweltgifte in sich tragen, dann fröstelt man unweigerlich im Kinosessel (11. August).

Das komplette Programm kann auf der Homepage des Festivals eingesehen werden.

Nils Bothmann

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