Allgemein Festival Filmszene Aktuell

Amin Farzanefar und Lale Konuk von Visions of Iran im Interview

Von Donnerstag, den 26. Mai, bis Sonntag, den 29. Mai, findet im Filmforum in NRW in Köln die diesjährige Ausgabe des Filmfestivals Visions of Iran statt – erstmals seit 2019 wieder in Präsenz, nachdem das Festival in den letzten beiden Jahren in den digitalen Raum ausweichen musste. Sechs Spielfilme, drei Dokumentationen und ein Kurzfilmprogramm geben Einblicke in das aktuelle iranische Filmschaffen. Dabei werden gesellschaftliche Diskurse aufgegriffen: Die Dokumentation „Woodgirls“ etwa erzählt von zwei Autodidaktinnen, die ihre eigene Schreinerei aufbauen wollen, obwohl es für Frauen noch nicht einmal eine entsprechende Lizenz gibt.

Im Interview erzählen Festivalleiter und Programmkurator Amin Farzanefar und Projektleiterin Lale Konuk, welche Schwerpunkte das diesjährige Festival setzt, mit welchen Schwierigkeiten iranische Filmemacher*innen auch bei Festivalbesuchen zu kämpfen haben und welche Trends im aktuellen iranischen Kino zu erkennen sind.

Nach zwei pandemiebedingten Online-Ausgaben können Sie das Festival wieder in Präsenz stattfinden lassen. Was ist das für ein Gefühl? Ging in den letzten Jahren etwas verloren?

Visions of Iran Ist ja nicht nur ein Festival für Cineast*innen, sondern auch eine Community, wo die Iraner*innen unterschiedlichster Herkünfte und Generationen miteinander, aber auch mit den Filmschaffenden in Austausch treten. Diese Live-Atmosphäre haben ja viele Festivals und Kulturveranstaltungen vermisst – bei uns aber nochmal besonders, weil der Iran ja ein besonderes Land ist, und das Filmfestival umso mehr von dem engagierten und bunten Publikum und den Diskussionen lebt.

Jetzt freuen wir uns auf diese Ausgabe und hoffen, dass das Publikum auch wieder zurück ins Kino findet. Wobei einzelne auch die Möglichkeit vermissen, per Stream aus der Ferne am Festival teilzunehmen.

Wir müssen nur unsere Zuschauer*innen wieder an den Kulturkonsum gewöhnen, sie in die Kino-, Theater- und Konzertsäle zurückholen. Da ergeht es uns nicht anders, als den anderen Kulturinstitutionen. Deswegen ist es wichtig, hochwertige und attraktive Angebote zu schaffen und diese durch eine gesamtstädtische Strategie zu unterstützen.

Amin Farzanefar

Welche thematischen Schwerpunkte gibt es bei der diesjährigen Filmauswahl?

Um den Einstieg einfach zu machen, haben wir die „Specials“ der letzten Jahre – mit Sonntagsmatineen, Klassikern, Musikfilmen – etwas zurückgestellt, und vor allem einen Fokus auf aktuelle Arthaus-Spielfilme gelegt – vom Mystery-Thriller „Absence“ bis zum Liebesdrama „Light Year“.  Ein Thema, das uns seit Jahren begleitet und immer globalere Dimensionen annimmt, ist die Wasser- und Klimaproblematik: anschließend an die Dokumentation „Water will take us“ wollen wir mit Expert*innen die verheerenden Überschwemmungen in Iran und Nordrhein-Westfalen diskutieren. Und immer versuchen wir, insbesondere den Filmemacherinnen und dem filmischen Nachwuchs eine Plattform zu bieten, diesmal etwa mit „Short & Sweet“, dem Kurzfilmprogramm von Regisseurinnen.

Welche Trends erkennen Sie im aktuellen iranischen Kino? Inwieweit spiegeln sich diese im Festivalprogramm wider?

Im Moment gibt es eine große Varianz: Das traditionell international erfolgreiche Sozialdrama – Asghar Farhadi – ist nach wie vor sehr stark, und aktuell auch im Wettbewerb in Cannes vertreten, aber auch Genres die früher noch nicht ausgereift waren haben, sind immer mehr präsent:  Fantastik, Horrorfilme, besonders auch historische Themen und Settings, und fast immer mit der typischen Mehrdeutigkeit, die das iranische Kino so faszinierend macht – wir können diese Vielfalt nur ausschnitthaft wiedergeben: etwa das surreale Roadmovie „The Great Leap“ oder „Majority“, eine Adaption von Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, die teilweise an einen Italowestern erinnert. Und dann auch das Genre, mit dem das iranische Kino seinen internationalen Durchbruch hatte – der sozial engagierte Kinder- und Jugendfilm, der auch Erwachsene anspricht; da zeigen wir, zusammen mit „Cinepänz“, den Berlinalebeitrag „The Apple’s Day“.

Unter Donald Trump wurde der Iran zum Schurkenstaat erklärt und die Sanktionen hochgefahren, was wiederum zu Unruhen im Land führte, Joe Biden versucht einen Kurs der Annäherung. Macht sich diese Weltpolitik und ihre Auswirkungen auch im iranischen Film bemerkbar?

Von der Annäherung, die nur mit Russland geschehen kann und nun durch den Ukrainekrieg ins Stocken geraten ist, ist im Iran überhaupt nichts zu spüren. Dort greift noch die volle Härte der Sanktionen, die uns beispielsweise den Transfer von Filmmieten in den Iran unmöglich machen. Und das Kino als recht kostspielige Kunst leidet stark unter der Wirtschafts- und Versorgungskrise, fast ein Wunder, dass dennoch so viele hochwertige Filme entstehen.

Lale Konuk

Das iranische Regime und sein Vorgehen selbst gegen weltbekannte Filmemacher wie Jafar Panahi machen immer wieder Schlagzeilen. Haben auch Sie Probleme, wenn es um das Einladen von Gästen geht?

Einige Filmemacher – wie eben Panahi – haben Ausreiseverbot, das wissen wir aber schon im Vorfeld, da gibt es keine „Überraschungen“. Probleme rühren vor allem von der strengen Visapolitik der deutschen Behörden her, das schließt auch die Corona-Bestimmungen mit ein: Der den meisten Iranern zugängliche chinesische Impfstoff Sinopharm wird von Deutschland nicht akzeptiert, was unsere Gäste angesichts des momentan entspannten Pandemiegeschehens erstaunt.  Unterm Strich: Zwei Tage vor Festivalbeginn wissen wir immer noch nicht, ob unsere Gäste, für die Flug und Hotel gebucht sind, auch kommen können.

Gibt es Filme, Programmpunkte oder Gäste, auf die Sie in diesem Jahr besonders hinweisen möchten?

Naja, spannend ist ja immer, wenn sich zu scheinbar Fernem unverhofft eine Nähe herstellen lässt – unser Eröffnungsfilm „Absence“ erinnert an die Zeit, als unter dem Schah zahlreiche iranische Linke in den Ostblock, in die Tschechoslowakei flüchteten. Nebenher ein leiser wunderbar atmosphärischer Film voller Geheimnisse, der auch an einige Werke von Kieslowski oder Polanski erinnert. Eine iranisch-tschechisch-slowakische Koproduktion, die wir mit Unterstützung des „Creative Europe Desk NRW“ präsentieren, solche Kollaborationen könnt es noch viel mehr geben.  Und toll, dass wir Shahram Mokris in Venedig ausgezeichneten, visuell sehr starken „Careless Crime“ jetzt endlich auf der großen Leinwand zeigen können, nachdem wir ihn zuvor online ausgewertet haben. Da ist es fast sicher, dass einer der Hauptdarsteller kommt: Mahmud Behraznia lebt in Hamburg.

Alles weitere zum Programm und zum Ticketerwerb gibt es auf der Homepage des Festivals.

Veranstalter*innen

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