Festival Filmszene Aktuell

Stranger than Fiction: Dokumentarfilme in schwierigen Zeiten

Heute beginnt das jährlich stattfindende Stranger than Fiction Festival, organisiert von Dirk Steinkühler, Joachim Kühn und Felix Kunert. Von 26. Januar bis 4. Februar werden wieder Dokumentarfilme aus der ganzen Welt, aber auch aus der direkten Umgebung gefeiert. Spielorte sind Köln, Düsseldorf, Dortmund, Münster, Essen, Mülheim und Bochum.

Dass es der Dokumentarfilm schwerer hat als der Spielfilm ist allgemein bekannt, man sieht es bereits am Angebot der Kinos. Selten laufen mehr als zwei Dokfilme gleichzeitig im Programm, und meistens sind sie nach zwei Wochen schon wieder verschwunden. Deshalb ist das Festival für Köln ein besonderer Ort, wenn man der Form etwas abgewinnen kann und vor allem, wenn man Lust hat etwas zu sehen, was es sonst nirgendwo zu sehen gibt. Denn meistens laufen die hier präsentierten Filme auf ein paar Festivals irgendwo auf der Welt und verschwinden dann in der Versenkung. Dirk Steinkühler erzählt im Gespräch, dass dieser Missstand seit der Pandemie sogar noch zugenommen hat. Das liege auch an der Resonanz des Publikums. Spielfilme würden leichter angenommen, dadurch würden die Programmplätze schlechter – zum Beispiel am Nachmittag – Wodurch aber auch automatisch weniger Menschen erreicht würden. Es ist ein Dilemma. „Früher hatten wir in den Top 5 der Filme des Jahres immer noch mehr als zwei Dokumentarfilme. Vor zwei Jahren war es noch einer (Liebe, D-Mark und Tod von Cem Kaya) und letztes Jahr war gar keiner mehr dabei.“

Wie also da rauskommen, wenn der Dokumentarfilm dem Markt nicht ausgeliefert werden soll?

Im Werkstattgespräch des Festivals finden jährlich Gespräche mit Absolvent:innen des Gerd-Ruge-Stipendiums der Film-Stiftung-NRW statt. Das Stipendium ist deshalb erwähnenswert, weil es Filmemacher:innen die Möglichkeit gibt ein Jahr lang bezahlt zu recherchieren, auch ganz ohne Produktionsfirma. Das ist attraktiv, da ein Dokumentarfilm bei klassischen Fördereingaben meistens schon genauso viel vorhersagen muss wie der Spielfilm, was in den seltensten Fällen möglich ist. Aus einem der letzten Stipendien ist der Film This Kind of Hope entstanden. Der Film begleitet den ehemaligen Spitzendiplomaten Andrei Sannikov, der nach Auflösung der Sowjetunion an der nuklearen Abrüstung Belarus beteiligt war, bei Erzählungen von der Geschichte bis heute. Joachim Kühn wird mit dem Regisseur Pawel Siczek und dem Protagonisten Andrei Sannikov das Gespräch dazu führen.

Viele der Filme blicken in Regionen und Settings der Welt, die einen besonderen Zugang voraussetzen: In Grasshopper Republic wird der langwierige Weg der Heuschreckenernte in Uganda begleitet. Ein Highlight für Dirk Steinkühler. Akribisch und kommentarlos zeigt Daniel McCabe die mühsame Arbeit der „Trapper“ – vom Bau spezieller Licht-Anlagen, Landkauf, Begleitkrankheiten und schließlich der Handel auf dem Markt. Eindrücklich ist der Film auch vor allem durch das sirrenden Sounddesigns, das sich lohnt im Kino zu erleben.

Fauna (Stranger than Fiction)

In Fauna besucht der spanische Regisseur Pau Faus zwei nachbarschaftliche und doch gegensätzliche Welten. Am Rande von Barcelona lebt ein Schäfer mit seiner Herde direkt neben einem High-Tech-Labor für Tierversuche. Während der eine beim Verschwinden seines Berufes zusehen muss, sind die Nachbarn mit der Entwicklung Impfstoffen beschäftigt. 

Um Arbeit in einer völlig anderen Dimension wiederum geht es auch in der Produktion Spielerepublik Deutschland von Hendrik Maximilian Schmitt, der in Essen auf der Messe für Gesellschaftsspiele unterwegs ist. Der offensichtliche Spaß der Entwickler steht hier im Mittelpunkt, die wie Kinder an neuen Spielen tüfteln.

Spielerepublik Deutschland (Stranger than Fiction)

Ein kleines Highlight aus Österreich ist der Film 27 Storeys – Alterlaa Forever von Bianca Gleissinger über ein Wiener Wohnprojekt unter dem Motto „Pools für die Proleten“.  Die einstigen Glücksversprechen werden von der Regisseurin, die selbst dort aufgewachsen ist, mit der heutigen Realität konfrontiert. Sie begegnet heutigen Bewohner:innen im Schießverein, im Freddy-Quinn-Museum oder am Pool. Das ist ein großer Spaß anzuschauen mit viel österreichischem Schmäh.

Alle weiteren Filme gibts auf der Homepage im Detail nachzulesen. Tickets können bei den jeweiligen Spielstätten und deren Webseiten gekauft werden. Alle Filme werden in mindestens in Köln im Filmhaus gezeigt, ausgewählte auch an allen anderen.

Von Sandra Riedmair 

Veranstalter*innen

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