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20 Jahre Tüpisch Türkisch: Zwischen Filmkunst und politischer Wirklichkeit

Vom 26. bis 29. März 2026 feiert Tüpisch Türkisch seine 20. Ausgabe im Filmforum NRW in Köln. Von Fatih Akins Aufbruchsjahren bis zur bedrängten Gegenwart kritischer Filmschaffender in der Türkei: Tüpisch Türkisch hat diese Entwicklungen über zwei Jahrzehnte hinweg nicht nur begleitet, sondern in Köln sichtbar gemacht. Im Interview erzählen die Festivalleiter:innen, wie alles begann, was sich verändert hat – und warum die Reihe heute politischer wirkt denn je.

Von Werner Busch.


Seit 20 Jahren steht Tüpisch Türkisch nicht nur für herausragendes Kino aus der Türkei und aus transkulturellen Zusammenhängen, sondern auch für eine klare Haltung in politisch angespannten Zeiten. Die Reihe von Lale Konuk und Amin Farzanefar hat filmische Perspektiven sichtbar gemacht, die unter Druck geraten, verdrängt oder zensiert werden, und sie hat in Köln einen Raum geschaffen für Auseinandersetzung, Widerspruch und kulturellen Austausch. Im Gespräch blicken die beiden Leiter:innen auf die Anfänge des Festivals, auf gesellschaftliche Umbrüche in der Türkei und in Deutschland und auf die Frage, warum diese Programmarbeit heute dringlicher ist als je zuvor.

Wie ist „Tüpisch Türkisch“ damals entstanden und was verbirgt sich hinter seinem augenzwinkernden Titel?

Amin Farzanefar (AF): Der Cannes-Erfolg von Nuri Bilge Ceylans „Uzak/Distant“ und vor allem der Goldene Bär für Fatih Akins „Gegen die Wand“ standen für einen neuen Durchbruch und Aufbruch des türkischen wie des deutsch-türkischen Kinos. Das wollte wir auch nach Köln mit seinen vielen Türkeistämmigen Bürgern vermitteln, die Filme aus der Türkei damals vor allem auf VHS sehen mussten.

Lale Konuk (LK): Den Titel verdanken wir Sevgi Demirkaya, die heute den Kulturbunker Mülheim leitet – damals hatte sie mit Kenan Zöngör ein Label, „Nan-Coeur“, das Sprachwitz als politisches Instrument nutzte: Ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ayşenputtel“ etwa.

AF: Der Durchbruch von uns war eigentlich der allgemeine Aufbruch: in den ersten Jahren der AKP-Bewegung schien unglaublich vieles möglich, gesellschaftlich wie kulturell: minoritäre Themen wie kurdische und armenische Perspektiven, aber auch die LGBT-Bewegung, Aufarbeitung der Vergangenheit und der Blick auf ökologische Themen. Das brachte ständig neue spannende Filme und Gäste zu uns.

LK: Die Entwicklung des „deutsch-türkischen Kinos“ hin zum postmigrantischen und transkulturellen Film haben wir in der Programmauswahl von Anfang an mit begleitet, und wir freuen uns über den „Goldenen Bären“ an Ilker Çatak.

Wie hat sich das türkische Kino in diesen zwei Jahrzehnten verändert?

AF: Die Türkei hat sich als Produktionsstandort etabliert, im Land liebt man türkische Blockbuster, türkische Serien werden in der ganzen Region mit Begeisterung gesehen. Arthauskino ist international erfolgreich, wie ja der „Silberne Bär“ für Emin Alpers „Salvation“ belegt – aber der frühen Aufbruchsdynamik folgte ja schnell die Depression, mit direkter und indirekter Zensur. Immer mehr Filmschaffende greifen daher auf eine mehrdeutige subversive Sprache zurück. Was geblieben ist: die unaufhaltsame Zunahme von Filmemacherinnen, und auch von Produzentinnen – eine der wichtigsten und mutigsten, Çigdem Mater, wurde zu 18 Haft verurteilt.

War das Festival immer im Filmforum-Kino zu Hause?

LK: An Spielstätten haben wir einiges ausprobiert: Die „Erstausgabe“ war im Arkadas-Theater, das ich damals geleitet habe. Dann kamen das Filmhauskino, die Filmpalette, wir spielen auch außerplanmäßig mal in Mülheim, und mal in Krefeld. Als Zweitspielstätte diente immer wieder mal der Filmclub 813, in tatkräftiger Kooperation mit Bernhard Marsch, an den wir hier gerne erinnern wollen.

Was macht „Tüpisch Türkisch“ gerade heute besonders wichtig?

LK: Die politische Situation in der Türkei ist ja seit Jahren „immer anders“ schwierig: Wir versuchen als Multiplikatoren für kritische Filmschaffende zu dienen und ihre Perspektiven hier sichtbarer zu machen.

AF: Die Entwicklung in Deutschland ist auf eine andere Art besorgniserregend: der aufkeimende Rechtsruck macht einen transkulturellen Ansatz, wie wir und andere Kölner Filmreihen und Festivals ihn pflegen, plötzlich sehr kostbar. Aber da ist Köln – oder NRW – noch privilegiert. Die drohenden Kürzungen beobachten wir allerdings mit Stirnrunzeln. Und natürlich verfolgen auch wir aktuell auf Bundesebne die … seltsamen Vorgänge in der Kulturpolitik.

Welche Schwerpunkte setzt ihr in der aktuellen Ausgabe?

LK: Die Kurden im Grenzgebiet Türkei, Syrien, Iran, Irak sind gerade mehrfach bedroht; da setzen wir einen Schwerpunkt – Köln hat eine große und kulturell aktive kurdische Community, die zählen zu unseren treuesten Zuschauerinnen und Zuschauern. Und wir unterstützen wie letztes Jahr die LGBT-Szene in der Türkei durch ein queeres Kurzfilmprogramm, das die Transaktivistin Arya Zencefil für uns zusammengestellt hat.

AF: Ich freu mich auf den Abschlussfilm „The Things you kill“: der in Sundance prämierte Mystery-Thriller bietet eine Überraschung: Den Regisseur Alireza Khatami kennen vielleicht einige noch von dem iranischen Film „Die irdischen Verse“; diesmal hat er in der Türkei gedreht

Was wünscht ihr euch für die Zukunft der Reihe?

LK: Dass wir weiterhin das kritische unabhängige Filmschaffen sichtbar machen, seine Perspektiven nach Europa vermitteln können, und dass wir auch unsere Bündnisse und Kooperationen in Köln weiterführen. Achja: wir beobachten seit einigen Ausgaben eine neue junge Zuschauerschaft, darunter auch ein akademisch gebildetes Publikum aus der Türkei im Exil.

AF: Dass es wieder möglich ist, mehr Filmschaffende zum Austausch nach Köln einzuladen: rein finanziell, von den Unterbringungskosten her, aber auch was das Prozedere der deutschen Visavergabe betrifft. Und dass wir bald wieder einige der aktuell inhaftierten Förderer des Kinos begrüßen können: allen voran Osman Kavala und Çigdem Mater.

Titelbild: Lale Konuk & Amin Farzanefar, Foto: Elif Tunca

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