Jetzt Tickets sichern! Mit seiner 43. Ausgabe positioniert sich das Internationale Frauen Film Fest Dortmund+Köln (IFFF) einmal mehr als eine der zentralen Plattformen für feministisches Kino im europäischen Festivalkontext. Vom 22. bis 26. April 2026 entfaltet sich ein Programm, das weniger als Schaufenster denn als kuratorischer Denkraum funktioniert – zwischen ästhetischer Radikalität, politischer Dringlichkeit und diskursiver Anschlussfähigkeit. Heute erschien das vollständige Programm.
Von Sandra Riedmair.
Der wiederkehrende Leitgedanke „What IFFF the future of film is feminist?“ ist weniger rhetorische Geste als programmatische Klammer. Das Festival versteht sich explizit als Intervention in bestehende Machtverhältnisse der Filmkultur – mit einem Fokus auf FLINTA*-Perspektiven entlang der gesamten Wertschöpfungskette: von Produktion und Bildgestaltung bis hin zu Distribution und Rezeption.
In einem Klima zunehmender kulturpolitischer Restriktionen und regressiver Genderdiskurse setzt das IFFF bewusst auf Präsenz, Vernetzung und Austausch im physischen Raum. Panels, Werkstattgespräche und informelle Begegnungsformate sind integraler Bestandteil eines Festivals, das sich als sozialer und diskursiver Knotenpunkt versteht.
Wettbewerbe als Seismografen aktueller Filmpraktiken
Der Internationale Spielfilmwettbewerb fungiert erneut als präziser Seismograf für gegenwärtige filmische Positionen. Acht Debüt- und zweite Spielfilme verhandeln Fragen von Agency, Körperpolitik und postkolonialen Verhältnissen.
Semmalar Annam folgt in Mayilaa einer Frau in Indien, die versucht, sich mit einem eigenen Geschäft ökonomisch zu behaupten und dabei auf Klassenschranken und patriarchale Strukturen trifft. Perla erzählt von einer Künstlerin im Wien der 1980er Jahre, deren Vergangenheit als Dissidentin sie einholt und sie zu einer riskanten Rückkehr in die Tschechoslowakei zwingt. In If I Had Legs I’d Kick You gerät eine Mutter zunehmend an die Grenzen ihrer Belastbarkeit, während die unsichtbare Krankheit ihrer Tochter und die Abwesenheit ihres Partners ihr Leben destabilisieren. Die Jury bilden Athina Rachel Tsangari, Annouchka de Andrade und Bettina Brokemper.
Female Gaze
Der Wettbewerb „Female Gaze“ geht über eine reine Repräsentationslogik hinaus und versteht Kameraarbeit als eigenständige ästhetische und epistemologische Praxis. Die ausgewählten Arbeiten zeigen, wie Bildgestaltung als Mittel eingesetzt wird, um Nähe, Körperlichkeit und soziale Spannungen neu zu verhandeln.
Besonders interessant ist hier die konsequente Absage an visuelle Klischees: Statt Affirmation etablierter Blickregime entstehen Arbeiten, die zwischen dokumentarischer Beobachtung und poetischer Verdichtung oszillieren – und damit neue Formen des Sehens vorschlagen.
Panorama: Verbindung als kuratorisches Leitmotiv
Das Panorama-Programm setzt auf das Motiv der Verbindung, nicht im Sinne eines harmonisierenden Narrativs, sondern als fragile, oft prekäre Praxis, die nicht zuletzt überlebenswichtig ist. Die Filme arbeiten mit Archivmaterial, autobiografischen Fragmenten und essayistischen Formen, um kollektive Erinnerung und gegenwärtige Erfahrung miteinander zu verschränken.
The Strike von Gabrielle Stemmer nimmt einen von Ovidie inspirierten Sexstreik zum Ausgangspunkt und verbindet Bilder von körperlicher und materieller Arbeit zu einem filmischen Manifest über weibliche Selbstbestimmung und die Bedingungen von Intimität. Der iranische Film The Vanishing Point(Bani Khoshnoudi) nähert sich über Fotografien, leere Räume und fragmentierte Erinnerungen dem Leben im Exil und in politischer Unfreiheit an und entwirft ein vielschichtiges Bild von Verlust und Widerstand. In I Lost Sight of the Landscape begleitet Sophie Bédard Marcotte sich selbst durch eine Phase des Liebeskummers, während sie zugleich versucht, einen Film über ihren Nachbarn zu realisieren – ein Spiel mit Perspektiven, das kreative Krisen, Selbstreflexion und die Zufälligkeit von Begegnungen miteinander verwebt.
Ergänzt wird diese Auseinandersetzung durch die Sektion Formfragen, die – dem Motiv von Ariadnes Faden folgend – nach feministischen Erzählweisen und kuratorischen Praktiken fragt und dabei insbesondere nicht-lineare, körperlich und erfahrungsbasierte Formen des Storytellings in den Fokus rückt. Im Zentrum steht der Film Fia Fabula von Alice Dalgalarrondo, der durch eine künstlerische Intervention mit Filmhaus ergänzt wird.
Common Land: Kino als Commons
Mit dem Fokus „Common Land“ verschiebt das IFFF den Blick von individuellen Narrativen hin zu kollektiven Strukturen. Die Filme untersuchen Formen des Zusammenlebens jenseits von Eigentumslogiken und entwickeln dabei eine Ästhetik der Relationalität.
Arbeiten wie Chão von Camila Freitas oder Our Land, Our Freedom von Zippy Kimundu und Meena Nanji bewegen sich im Spannungsfeld von Aktivismus und filmischer Form. Sie stellen die Frage, inwiefern Kino selbst als Commons gedacht werden kann – als Raum gemeinsamer Erfahrung und potenzieller Handlung. Mit Filmen von Sarah Maldoror wird dieser Diskurs historisch erweitert: Ihr Werk verweist auf eine lange Tradition antikolonialer und diasporischer Filmpraktiken, die kollektive Kämpfe und solidarische Strukturen bereits früh ins Zentrum gestellt haben.
Lange Filmnacht
Ein Klassiker des IFFF ist die Lange Kurzfilmnacht, kuratiert von Jessica Manstetten und dieses Jahr erstmals im Orangerie Theater in der Südstadt. 17 genre- und zeitübergreifende Kurzfilme beschäftigen sich mit Digitaler Frustration, analogen Geister, Schaffenskrisen oder vertauschten Geschlechterrollen. Darunter How to Make a Mud Cake von Helena Uambembe, die einen Online-Kochkurs mit der Aufarbeitung kolonialer Traumata verbindet, Ansitzen von Franca Pape, ein assoziativer Film über Abtreibung, Scham und Bilderproduktion oder How to Be a Ghost in Bangkok? von Jing Zhao, wo persönlicher Herzschmerz in eine spielerische Auseinandersetzung mit Geisterexistenz überführt wird.
Diskursräume und Branchenrelevanz
Neben den Filmen gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm: Panels zu queer-feministischem Kuratieren, Gespräche mit internationalen Filmschaffenden sowie Networking-Formate wie Speed-Datings erweitern das Festival über die Leinwand hinaus.
Dabei wird auch die prekäre Situation kuratorischer und filmkultureller Arbeit thematisiert – ein Aspekt, der im aktuellen Festivalbetrieb zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Das gesamte Programm findet ihr Online!
Jetzt Tickets sichern! Mit seiner 43. Ausgabe positioniert sich das Internationale Frauen Film Fest Dortmund+Köln (IFFF) einmal mehr als eine der zentralen Plattformen für feministisches Kino im europäischen Festivalkontext. Vom 22. bis 26. April 2026 entfaltet sich ein Programm, das weniger als Schaufenster denn als kuratorischer Denkraum funktioniert – zwischen ästhetischer Radikalität, politischer Dringlichkeit und diskursiver Anschlussfähigkeit. Heute erschien das vollständige Programm.
Von Sandra Riedmair.
Der wiederkehrende Leitgedanke „What IFFF the future of film is feminist?“ ist weniger rhetorische Geste als programmatische Klammer. Das Festival versteht sich explizit als Intervention in bestehende Machtverhältnisse der Filmkultur – mit einem Fokus auf FLINTA*-Perspektiven entlang der gesamten Wertschöpfungskette: von Produktion und Bildgestaltung bis hin zu Distribution und Rezeption.
In einem Klima zunehmender kulturpolitischer Restriktionen und regressiver Genderdiskurse setzt das IFFF bewusst auf Präsenz, Vernetzung und Austausch im physischen Raum. Panels, Werkstattgespräche und informelle Begegnungsformate sind integraler Bestandteil eines Festivals, das sich als sozialer und diskursiver Knotenpunkt versteht.
Wettbewerbe als Seismografen aktueller Filmpraktiken
Der Internationale Spielfilmwettbewerb fungiert erneut als präziser Seismograf für gegenwärtige filmische Positionen. Acht Debüt- und zweite Spielfilme verhandeln Fragen von Agency, Körperpolitik und postkolonialen Verhältnissen.
Semmalar Annam folgt in Mayilaa einer Frau in Indien, die versucht, sich mit einem eigenen Geschäft ökonomisch zu behaupten und dabei auf Klassenschranken und patriarchale Strukturen trifft. Perla erzählt von einer Künstlerin im Wien der 1980er Jahre, deren Vergangenheit als Dissidentin sie einholt und sie zu einer riskanten Rückkehr in die Tschechoslowakei zwingt. In If I Had Legs I’d Kick You gerät eine Mutter zunehmend an die Grenzen ihrer Belastbarkeit, während die unsichtbare Krankheit ihrer Tochter und die Abwesenheit ihres Partners ihr Leben destabilisieren. Die Jury bilden Athina Rachel Tsangari, Annouchka de Andrade und Bettina Brokemper.
Female Gaze
Der Wettbewerb „Female Gaze“ geht über eine reine Repräsentationslogik hinaus und versteht Kameraarbeit als eigenständige ästhetische und epistemologische Praxis. Die ausgewählten Arbeiten zeigen, wie Bildgestaltung als Mittel eingesetzt wird, um Nähe, Körperlichkeit und soziale Spannungen neu zu verhandeln.
Besonders interessant ist hier die konsequente Absage an visuelle Klischees: Statt Affirmation etablierter Blickregime entstehen Arbeiten, die zwischen dokumentarischer Beobachtung und poetischer Verdichtung oszillieren – und damit neue Formen des Sehens vorschlagen.
Panorama: Verbindung als kuratorisches Leitmotiv
Das Panorama-Programm setzt auf das Motiv der Verbindung, nicht im Sinne eines harmonisierenden Narrativs, sondern als fragile, oft prekäre Praxis, die nicht zuletzt überlebenswichtig ist. Die Filme arbeiten mit Archivmaterial, autobiografischen Fragmenten und essayistischen Formen, um kollektive Erinnerung und gegenwärtige Erfahrung miteinander zu verschränken.
The Strike von Gabrielle Stemmer nimmt einen von Ovidie inspirierten Sexstreik zum Ausgangspunkt und verbindet Bilder von körperlicher und materieller Arbeit zu einem filmischen Manifest über weibliche Selbstbestimmung und die Bedingungen von Intimität. Der iranische Film The Vanishing Point(Bani Khoshnoudi) nähert sich über Fotografien, leere Räume und fragmentierte Erinnerungen dem Leben im Exil und in politischer Unfreiheit an und entwirft ein vielschichtiges Bild von Verlust und Widerstand. In I Lost Sight of the Landscape begleitet Sophie Bédard Marcotte sich selbst durch eine Phase des Liebeskummers, während sie zugleich versucht, einen Film über ihren Nachbarn zu realisieren – ein Spiel mit Perspektiven, das kreative Krisen, Selbstreflexion und die Zufälligkeit von Begegnungen miteinander verwebt.
Ergänzt wird diese Auseinandersetzung durch die Sektion Formfragen, die – dem Motiv von Ariadnes Faden folgend – nach feministischen Erzählweisen und kuratorischen Praktiken fragt und dabei insbesondere nicht-lineare, körperlich und erfahrungsbasierte Formen des Storytellings in den Fokus rückt. Im Zentrum steht der Film Fia Fabula von Alice Dalgalarrondo, der durch eine künstlerische Intervention mit Filmhaus ergänzt wird.
Common Land: Kino als Commons
Mit dem Fokus „Common Land“ verschiebt das IFFF den Blick von individuellen Narrativen hin zu kollektiven Strukturen. Die Filme untersuchen Formen des Zusammenlebens jenseits von Eigentumslogiken und entwickeln dabei eine Ästhetik der Relationalität.
Arbeiten wie Chão von Camila Freitas oder Our Land, Our Freedom von Zippy Kimundu und Meena Nanji bewegen sich im Spannungsfeld von Aktivismus und filmischer Form. Sie stellen die Frage, inwiefern Kino selbst als Commons gedacht werden kann – als Raum gemeinsamer Erfahrung und potenzieller Handlung. Mit Filmen von Sarah Maldoror wird dieser Diskurs historisch erweitert: Ihr Werk verweist auf eine lange Tradition antikolonialer und diasporischer Filmpraktiken, die kollektive Kämpfe und solidarische Strukturen bereits früh ins Zentrum gestellt haben.
Lange Filmnacht
Ein Klassiker des IFFF ist die Lange Kurzfilmnacht, kuratiert von Jessica Manstetten und dieses Jahr erstmals im Orangerie Theater in der Südstadt. 17 genre- und zeitübergreifende Kurzfilme beschäftigen sich mit Digitaler Frustration, analogen Geister, Schaffenskrisen oder vertauschten Geschlechterrollen. Darunter How to Make a Mud Cake von Helena Uambembe, die einen Online-Kochkurs mit der Aufarbeitung kolonialer Traumata verbindet, Ansitzen von Franca Pape, ein assoziativer Film über Abtreibung, Scham und Bilderproduktion oder How to Be a Ghost in Bangkok? von Jing Zhao, wo persönlicher Herzschmerz in eine spielerische Auseinandersetzung mit Geisterexistenz überführt wird.
Diskursräume und Branchenrelevanz
Neben den Filmen gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm: Panels zu queer-feministischem Kuratieren, Gespräche mit internationalen Filmschaffenden sowie Networking-Formate wie Speed-Datings erweitern das Festival über die Leinwand hinaus.
Dabei wird auch die prekäre Situation kuratorischer und filmkultureller Arbeit thematisiert – ein Aspekt, der im aktuellen Festivalbetrieb zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Das gesamte Programm findet ihr Online!