„Sirens Call“ beginnt mit einem Mythos – und endet als kollektive Gegenwart: Im Gespräch erzählen die Kölner Filmemacher:innen Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann, warum sie die Meerjungfrau aus queer-feministischer Perspektive neu besetzen wollten, nicht als Männerfantasie, sondern als Figur für Verbindung, Überleben und Gemeinschaft. Aus einer Recherche-Reise nach Portland entwickelte sich über Jahre eine unhierarchische Kollaboration mit Una und der Merfolk-Community – und ein Film, der so hybrid durch Genres wandert, wie seine Protagonistin sich selbst beschreibt.
Von Frank Olbert.
Miri Ian, wie seid ihr darauf gekommen, einen Film über die Merfolk-Subkultur zu drehen?
Miri Ian Gossing: Lina Sieckmann und ich arbeiten bereits seit über zwölf Jahren künstlerisch zusammen und haben dabei eine stark auf Recherche und Orten basierende Praxis entwickelt. Wir haben die meisten Filme über Architekturen und ihnen innewohnende Zustände beziehungsweise Geister gemacht. „Sirens Call“ lag ein grundlegendes Interesse am Mythos der Meerjungfrau zugrunde. Aus queer-feministischer Perspektive ist dieser Mythos ja recht negativ konnotiert, denn es ist davon die Rede, dass die Meerjungfrauen für die Liebe eines Mannes sterben würden, dass sie ihre eigene Stimme aufgeben oder zu Meeresschaum werden.
Diese Perspektive nehmt ihr nun ganz und gar nicht ein.
Wir wollten eine neue Form von Mythologie erschaffen – Meerjungfrauen, die Mensch, Natur und Technik neu verknüpfen und andere Existenzformen vorschlagen. Es geht um nicht weniger als um das existienzielle Überleben auf unserem sterbenden Planeten, um das Überleben im Kapitalismus unter den Bedingungen, die gerade in den USA und weltweit extrem sind. Positiv formuliert: um das Finden von Gemeinschaft, Verbindung und Sinn in dieser Gesellschaft.
Wie seid ihr konkret auf Una, die Protagonisten des Films, aber auch auf die Merfolk-Gemeinschaft in Portland gestoßen?
Wir haben ein Exposé geschrieben, in dem wir unsere Idee vorgestellt haben, nämlich einen Film zu drehen über dieses tatsächlich weltweite Phänomen des „Mermaiding“ und was dieses Verkörpern dieser mythologischen Figur gesellschaftlich bedeuten könnte. Dafür haben wir das Wim-Wenders-Stipendium bekommen, um drei Monate in den USA recherchieren zu können. Dieses Stipendium hat uns ermöglicht, dass wir an Orten, die sich mit utopisch-futuristischen Entwürfen, vor allem aber auch mit der Figur der Meerjungfrau beschäftigen, Nachforschungen betreiben konnten. Dort sind wir über ein Online-Forum auf Una gestoßen, die in Portland, Oregon, lebt.
Und habt euch auf Anhieb zueinander hingezogen gefühlt?
Es gab vom ersten Treffen an eine spezielle Verbindung, auch weil sie im Unterschied zu vielen Unterwassermodels, Sportlerinnen, Aktivistinnen zur Community des Merfolks gehörte, die so unterschiedlich ist wie die Community der Menschen überhaupt – im Vergleich dazu also empfindet sie eine tiefe Identifikation und Verbindung mit dem Mythos. Sie trug bei unserer Begegnung normale Alltagskleidung und sagte dazu: „Right now I’m in costume.“ Die Kombination aus Mythos und Aktivismus verkörperte sie ganz selbstverständlich. Über sie haben wir ihre Community in Portland kennen gelernt, und über den Drehzeitraum von mehreren Jahren hat sich die Form des Films entwickelt, als eine Art unhierarchische Kollaboration.
Ihr nehmt nicht die Perspektive von außen ein, vielmehr von innen fast als Teil der Community, so hat man das Gefühl.
Ja durch die vielen Jahre, die wir vor Ort verbracht haben, war es uns wichtig, Merfolk nicht als eine Außenseiter-Gemeinschaft darzustellen und Protagonist:innen zu objektifizieren. Es ging uns darum zu erfassen, was die Personen bewegt, wie radikal anders ihr Blick auf die Welt ist. Was können wir voneinander lernen, wenn wir uns einander ehrlich öffnen?
Dafür braucht es auch beim Filmemachen immer zwei Seiten, die bereit sind, sich zu zeigen.
Wie habt ihr euer Verhältnis zu Una empfunden?
Una sagt im Film: „I sent out a frequency that you somehow picked up on.” Sie hat uns quasi ihren Sirens Call geschickt, und wir haben ihn gehört. Wir konnten manchmal gar nicht mehr sagen, was zuerst da war. Unsere Fiktionen, Una’s persönliche Geschichte und die realen, politischen Ereignisse, die in dieser Zeit passierten, haben sich ganz natürlich verschlungen und waren nicht mehr zu trennen.Wir haben mitten in der Pandemie mit den Dreharbeiten begonnen, dadurch hat sich vieles verzögert, und zwischendurch war die Welt eine völlig andere. Wir konnten also oft gar nicht an vorgefertigten Konzepten festhalten. Wir mussten und wollten uns ganz auf den Prozess einlassen.
Zu Beginn des Films hat man nicht den Eindruck, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt, da wirkt er fast wie ein Spielfilm, manchmal wie ein Filmessay. Wie seid ihr zu dieser Mischform gekommen?
Ich würde den Film als hybrid bezeichnen, so wie Una sich als hybrid empfindet. Wir wollten einen Film machen, den wir selber als ein radikales Experiment verstehen. Uns ging es dann darum zu spüren, was an Subkultur universell sein kann, welche Aussagen über das Menschsein an sich getroffen werden. Grundlegend war dabei zu fragen, wo sich Dokumentarisches und Fiktives begegnen und das Medium Film dabei mit zu reflektieren.
Ihr geht aber noch weiter, denn der Film und damit seine Hauptfigur wandern sozusagen durch die Genres …
… wenn Una am Anfang wie in einer Sciencefiction geboren wird, dann auf einen Roadtrip geht, dann in einem Dokumentarfilm über eine Subkultur auftaucht und am Ende in ihrer eigenen Biografie mit einem vielleicht sogar melodramatischen Schluss mitspielt. Im Schnitt standen wir dann vor einer riesigen Herausforderung, das zusammenzubringen.
Ihr habt eine lange Geschichte der Zusammenarbeit, beide habt ihr an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert. Wie seid ihr zusammen gekommen?
Tatsächlich kennen wir uns seit unserer frühesten Kindheit. Wir sind wenige Gehminuten voneinander entfernt im Bergischen Land aufgewachsen. Gemeinsam haben wir auch den Weg zum Kunststudium gefunden, als engste Freundinnen und Kollaborateurinnen, und nachdem wir unsere künstlerische Praxis während des Studiums erforscht haben, wollten wir uns zusammenschließen, um das Fotografische und das Performative weiterzuführen im Medium Film.
Der Film hat eine ausgeprägt politische Dimension im Hinblick auf die Überlebenschancen von Subkulturen in den USA. Wie bewertest Du die Situation?
Wir sind für dieses Projekt über die letzten acht Jahre halbjährlich nach Portland gezogen, hatten also zwei Lebensmittelpunkte, Oregon und Köln. Die Situation hat sich komplett geändert im Prozess des Filmens, weil wir zwei Perioden von Wahlen mitbekommen haben: erst die große Erleichterung, nachdem Biden als Präsident gewählt wurde, und dann die Rückkehr von Trump ins Amt, was die Perspektive auf unseren Film nun erneut verändert. Die Rechte von marginalisierten Personen in den USA sind gerade enorm unter Druck, es herrscht eine existenzielle Bedrohung, so muss man es formulieren. Dabei ist die Resilienz der Community, von der wir erzählen, enorm – der Wille, für eine andere Welt einzutreten, sich die Freude am Leben nicht nehmen zu lassen, progressiv und utopisch widerständig zu sein. Das alles gemeinsam zu erleben, war ungeheuer berührend für alle Beteiligten. Ich hoffe, dass diese kollektive widerständige Kraft im Film spürbar wird und der „Sirens Call“ noch lange nachhallt.
„Sirens Call“ beginnt mit einem Mythos – und endet als kollektive Gegenwart: Im Gespräch erzählen die Kölner Filmemacher:innen Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann, warum sie die Meerjungfrau aus queer-feministischer Perspektive neu besetzen wollten, nicht als Männerfantasie, sondern als Figur für Verbindung, Überleben und Gemeinschaft. Aus einer Recherche-Reise nach Portland entwickelte sich über Jahre eine unhierarchische Kollaboration mit Una und der Merfolk-Community – und ein Film, der so hybrid durch Genres wandert, wie seine Protagonistin sich selbst beschreibt.
Von Frank Olbert.
Miri Ian, wie seid ihr darauf gekommen, einen Film über die Merfolk-Subkultur zu drehen?
Miri Ian Gossing: Lina Sieckmann und ich arbeiten bereits seit über zwölf Jahren künstlerisch zusammen und haben dabei eine stark auf Recherche und Orten basierende Praxis entwickelt. Wir haben die meisten Filme über Architekturen und ihnen innewohnende Zustände beziehungsweise Geister gemacht. „Sirens Call“ lag ein grundlegendes Interesse am Mythos der Meerjungfrau zugrunde. Aus queer-feministischer Perspektive ist dieser Mythos ja recht negativ konnotiert, denn es ist davon die Rede, dass die Meerjungfrauen für die Liebe eines Mannes sterben würden, dass sie ihre eigene Stimme aufgeben oder zu Meeresschaum werden.
Diese Perspektive nehmt ihr nun ganz und gar nicht ein.
Wir wollten eine neue Form von Mythologie erschaffen – Meerjungfrauen, die Mensch, Natur und Technik neu verknüpfen und andere Existenzformen vorschlagen. Es geht um nicht weniger als um das existienzielle Überleben auf unserem sterbenden Planeten, um das Überleben im Kapitalismus unter den Bedingungen, die gerade in den USA und weltweit extrem sind. Positiv formuliert: um das Finden von Gemeinschaft, Verbindung und Sinn in dieser Gesellschaft.
Wie seid ihr konkret auf Una, die Protagonisten des Films, aber auch auf die Merfolk-Gemeinschaft in Portland gestoßen?
Wir haben ein Exposé geschrieben, in dem wir unsere Idee vorgestellt haben, nämlich einen Film zu drehen über dieses tatsächlich weltweite Phänomen des „Mermaiding“ und was dieses Verkörpern dieser mythologischen Figur gesellschaftlich bedeuten könnte. Dafür haben wir das Wim-Wenders-Stipendium bekommen, um drei Monate in den USA recherchieren zu können. Dieses Stipendium hat uns ermöglicht, dass wir an Orten, die sich mit utopisch-futuristischen Entwürfen, vor allem aber auch mit der Figur der Meerjungfrau beschäftigen, Nachforschungen betreiben konnten. Dort sind wir über ein Online-Forum auf Una gestoßen, die in Portland, Oregon, lebt.
Und habt euch auf Anhieb zueinander hingezogen gefühlt?
Es gab vom ersten Treffen an eine spezielle Verbindung, auch weil sie im Unterschied zu vielen Unterwassermodels, Sportlerinnen, Aktivistinnen zur Community des Merfolks gehörte, die so unterschiedlich ist wie die Community der Menschen überhaupt – im Vergleich dazu also empfindet sie eine tiefe Identifikation und Verbindung mit dem Mythos. Sie trug bei unserer Begegnung normale Alltagskleidung und sagte dazu: „Right now I’m in costume.“ Die Kombination aus Mythos und Aktivismus verkörperte sie ganz selbstverständlich. Über sie haben wir ihre Community in Portland kennen gelernt, und über den Drehzeitraum von mehreren Jahren hat sich die Form des Films entwickelt, als eine Art unhierarchische Kollaboration.
Ihr nehmt nicht die Perspektive von außen ein, vielmehr von innen fast als Teil der Community, so hat man das Gefühl.
Ja durch die vielen Jahre, die wir vor Ort verbracht haben, war es uns wichtig, Merfolk nicht als eine Außenseiter-Gemeinschaft darzustellen und Protagonist:innen zu objektifizieren. Es ging uns darum zu erfassen, was die Personen bewegt, wie radikal anders ihr Blick auf die Welt ist. Was können wir voneinander lernen, wenn wir uns einander ehrlich öffnen?
Dafür braucht es auch beim Filmemachen immer zwei Seiten, die bereit sind, sich zu zeigen.
Wie habt ihr euer Verhältnis zu Una empfunden?
Una sagt im Film: „I sent out a frequency that you somehow picked up on.” Sie hat uns quasi ihren Sirens Call geschickt, und wir haben ihn gehört. Wir konnten manchmal gar nicht mehr sagen, was zuerst da war. Unsere Fiktionen, Una’s persönliche Geschichte und die realen, politischen Ereignisse, die in dieser Zeit passierten, haben sich ganz natürlich verschlungen und waren nicht mehr zu trennen.Wir haben mitten in der Pandemie mit den Dreharbeiten begonnen, dadurch hat sich vieles verzögert, und zwischendurch war die Welt eine völlig andere. Wir konnten also oft gar nicht an vorgefertigten Konzepten festhalten. Wir mussten und wollten uns ganz auf den Prozess einlassen.
Zu Beginn des Films hat man nicht den Eindruck, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt, da wirkt er fast wie ein Spielfilm, manchmal wie ein Filmessay. Wie seid ihr zu dieser Mischform gekommen?
Ich würde den Film als hybrid bezeichnen, so wie Una sich als hybrid empfindet. Wir wollten einen Film machen, den wir selber als ein radikales Experiment verstehen. Uns ging es dann darum zu spüren, was an Subkultur universell sein kann, welche Aussagen über das Menschsein an sich getroffen werden. Grundlegend war dabei zu fragen, wo sich Dokumentarisches und Fiktives begegnen und das Medium Film dabei mit zu reflektieren.
Ihr geht aber noch weiter, denn der Film und damit seine Hauptfigur wandern sozusagen durch die Genres …
… wenn Una am Anfang wie in einer Sciencefiction geboren wird, dann auf einen Roadtrip geht, dann in einem Dokumentarfilm über eine Subkultur auftaucht und am Ende in ihrer eigenen Biografie mit einem vielleicht sogar melodramatischen Schluss mitspielt. Im Schnitt standen wir dann vor einer riesigen Herausforderung, das zusammenzubringen.
Ihr habt eine lange Geschichte der Zusammenarbeit, beide habt ihr an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert. Wie seid ihr zusammen gekommen?
Tatsächlich kennen wir uns seit unserer frühesten Kindheit. Wir sind wenige Gehminuten voneinander entfernt im Bergischen Land aufgewachsen. Gemeinsam haben wir auch den Weg zum Kunststudium gefunden, als engste Freundinnen und Kollaborateurinnen, und nachdem wir unsere künstlerische Praxis während des Studiums erforscht haben, wollten wir uns zusammenschließen, um das Fotografische und das Performative weiterzuführen im Medium Film.
Der Film hat eine ausgeprägt politische Dimension im Hinblick auf die Überlebenschancen von Subkulturen in den USA. Wie bewertest Du die Situation?
Wir sind für dieses Projekt über die letzten acht Jahre halbjährlich nach Portland gezogen, hatten also zwei Lebensmittelpunkte, Oregon und Köln. Die Situation hat sich komplett geändert im Prozess des Filmens, weil wir zwei Perioden von Wahlen mitbekommen haben: erst die große Erleichterung, nachdem Biden als Präsident gewählt wurde, und dann die Rückkehr von Trump ins Amt, was die Perspektive auf unseren Film nun erneut verändert. Die Rechte von marginalisierten Personen in den USA sind gerade enorm unter Druck, es herrscht eine existenzielle Bedrohung, so muss man es formulieren. Dabei ist die Resilienz der Community, von der wir erzählen, enorm – der Wille, für eine andere Welt einzutreten, sich die Freude am Leben nicht nehmen zu lassen, progressiv und utopisch widerständig zu sein. Das alles gemeinsam zu erleben, war ungeheuer berührend für alle Beteiligten. Ich hoffe, dass diese kollektive widerständige Kraft im Film spürbar wird und der „Sirens Call“ noch lange nachhallt.