Wie forscht man weiter, wenn die Welt brennt? Ein Dokumentarfilm, der die Dringlichkeit des größten Dilemmas unserer Zeit schmerzhaft erfahrbar macht: Drei Naturwissenschaftler:innen ringen mit ihrer Profession und der Frage danach, was passiert, wenn wissenschaftliche Fakten ohne Konsequenzen bleiben.
Von Werner Busch.
Eigentlich müsste das Universum an jeder Ecke vor Leben überschäumen. Bei Milliarden Galaxien, unzähligen Sternen, zahllosen Planeten – und der simplen Tatsache, dass die Bausteine des Lebens überall zu finden sind – müsste es selbstverständlich sein, dass irgendwo da draußen längst Zivilisationen funken und senden. Aber: Das Universum ist scheinbar völlig leer, Stille. „Where is everybody?“ ist die zentrale Frage des Fermi-Paradoxons, das nach dieser unerklärlichen Diskrepanz fragt.
Sie führt zu einer unbequemen Idee: Vielleicht gibt es eine Art „großen Filter“. Vielleicht scheitert intelligentes Leben immer an sich selbst. An Technik, die schneller wächst als Verantwortung. An Ressourcenhunger, Krieg, Kollaps. Und wenn das stimmt, dann ist vielleicht bald die Frage gar nicht mehr, warum wir niemanden hören – sondern, ob wir wir nicht gerade im Begriff sind, selbst zu verstummen.
Florian Heinzen-Ziobs Dokumentarfilm „Das Gewicht der Welt“ zeigt etwas, das ebenso erschreckend ist wie die Vorstellung vom großen Zivilisations-Filter: eine Gegenwart, in der jede Menge Fakten und Wissen vorhanden sind, aber das richtige Handeln ausbleibt. In der die Klimakrise zwar wissenschaftlicher Konsens ist, menschengemacht und existenziell bedrohlich – und trotzdem politisch, medial und gesellschaftlich immer wieder versickert.
Heinzen-Ziob begleitet seine drei Protagonist:innen, die genau an dieser Sollbruchstelle leben: Dr. Maria Hörhold, Glaziologin am Alfred-Wegener-Institut, Prof. Dr. Sebastian Seiffert, Physikalischer Chemiker an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, und Dr. Nana-Maria Grüning, Molekularbiologin. Alle drei sind Naturwissenschaftler:innen – und alle werden im Verlauf des Films zu Chronist:innen einer Welt, die kippt. Nicht, weil sie dramatisieren wollen, sondern weil ihre Daten, Messreihen und Beobachtungen keinen anderen Schluss zulassen.
Eine große Leistung des Films ist, dass er diese Menschen nicht als Held:innen ausstellt und auch nicht als „Klima-Kleber“-Gegenbilder in einer Empörungsdramaturgie verbrät. Er zeigt vielmehr, wie kompliziert die Frage nach Rolle und Haltung geworden ist. Wie gefährlich es sein kann, Wissenschaftler:in und Aktivist:in zugleich zu sein – weil man sich schnell dem Vorwurf aussetzt, „nicht mehr neutral“ zu sein. Der Film sortiert das klug: Wissenschaft soll nicht politisch sein, sagen manche. Aber Wissenschaftler sollten politisch sein – weil Naturgesetze keine Parteimitglieder sind und „Natur nicht verhandelt“. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist im Alltag eine Zumutung: Wer ihn ernst nimmt, muss handeln, auch wenn das unbequem wird. Nicht selten stehen die Wissenschaftler:innen darum vor beruflichen und privaten Problemen.
Dr. Nana-Maria Grüning ist Molekularbiologin und Klimaaktivistin, alle Fotos: mindjazz
Dabei ist „Das Gewicht der Welt“ erfreulich unaufgeregt in seinen Mitteln. Zum Beispiel taucht Harald Lesch, als eines der bekanntesten Wissenschaftler-Gesichter in den Medien, zwar auf – aber angenehm dosiert. Und die üblichen Klimakleber-Bilder, an denen sich Spiegel TV und andere News-Outlets so gern ergötzen, bleiben am Rand. Als Teil einer Medienlogik, die Aufmerksamkeit belohnt, aber Verständnis selten, stehen sie da nicht schlecht.
Stattdessen hält der Film dorthin, wo er wehtut: zu den leisen Rissen im Privaten. Nana erzählt: „Meine Familie schickt Videos, wie sie mit meinen Nichten Schlitten fahren. Ich schicke ihnen ein Video, wie ich von der Polizei getackelt werde“. Aber von Familie und Freunden kommt nur wenig Ermutigung, der Aktivismus schafft anscheinend oft Distanz zu den Menschen in ihrem engsten Umfeld zu schaffen. Eine von vielen bitteren Erkenntnissen des Films: politische Arbeit kann Einsam machen.
Visuell bleibt der Film eher sachlich, findet aber auch immer wieder überwältigende Aufnahmen für sein Thema, etwa bei den abgestorbenen Wäldern im Harz rund um den Brocken, die wie apokalyptische Visionen aus der Zukunft anmuten. Seifferts Fahrten – bis hin zur absurderweise kohlebetriebenen Brockenbahn – bekommen dadurch eine doppelte Schicht: Es sind Wege durch Kindheitsräume, die verschwinden, und zugleich Wege durch Widersprüche, die wir uns längst angewöhnt haben.
„Das Gewicht der Welt“ ist nicht nur ein Film über Klimapolitik, sondern über Wissenschaftsskepsis, Ignoranz und die moderne Kunst, sich nicht zuständig zu fühlen. Der Film insistiert darauf, dass Fakten Grundlage von Politik sein müssen – und dass es demokratiegefährdend wird, wenn Lüge und Gefühlssurrogate diese Grundlage ersetzen. Seine größte Angst ist nicht „die Katastrophe“ als Ereignis, sondern die Gewöhnung an das Wegsehen.
Der Film startet am 7. Mai in den deutschen Kinos und wird zunächst im OFF-Broadway, Odeon und Weisshaus Kino zu sehen sein. Die kommenden Termine:
Wie forscht man weiter, wenn die Welt brennt? Ein Dokumentarfilm, der die Dringlichkeit des größten Dilemmas unserer Zeit schmerzhaft erfahrbar macht: Drei Naturwissenschaftler:innen ringen mit ihrer Profession und der Frage danach, was passiert, wenn wissenschaftliche Fakten ohne Konsequenzen bleiben.
Von Werner Busch.
Eigentlich müsste das Universum an jeder Ecke vor Leben überschäumen. Bei Milliarden Galaxien, unzähligen Sternen, zahllosen Planeten – und der simplen Tatsache, dass die Bausteine des Lebens überall zu finden sind – müsste es selbstverständlich sein, dass irgendwo da draußen längst Zivilisationen funken und senden. Aber: Das Universum ist scheinbar völlig leer, Stille. „Where is everybody?“ ist die zentrale Frage des Fermi-Paradoxons, das nach dieser unerklärlichen Diskrepanz fragt.
Sie führt zu einer unbequemen Idee: Vielleicht gibt es eine Art „großen Filter“. Vielleicht scheitert intelligentes Leben immer an sich selbst. An Technik, die schneller wächst als Verantwortung. An Ressourcenhunger, Krieg, Kollaps. Und wenn das stimmt, dann ist vielleicht bald die Frage gar nicht mehr, warum wir niemanden hören – sondern, ob wir wir nicht gerade im Begriff sind, selbst zu verstummen.
Florian Heinzen-Ziobs Dokumentarfilm „Das Gewicht der Welt“ zeigt etwas, das ebenso erschreckend ist wie die Vorstellung vom großen Zivilisations-Filter: eine Gegenwart, in der jede Menge Fakten und Wissen vorhanden sind, aber das richtige Handeln ausbleibt. In der die Klimakrise zwar wissenschaftlicher Konsens ist, menschengemacht und existenziell bedrohlich – und trotzdem politisch, medial und gesellschaftlich immer wieder versickert.
Heinzen-Ziob begleitet seine drei Protagonist:innen, die genau an dieser Sollbruchstelle leben: Dr. Maria Hörhold, Glaziologin am Alfred-Wegener-Institut, Prof. Dr. Sebastian Seiffert, Physikalischer Chemiker an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, und Dr. Nana-Maria Grüning, Molekularbiologin. Alle drei sind Naturwissenschaftler:innen – und alle werden im Verlauf des Films zu Chronist:innen einer Welt, die kippt. Nicht, weil sie dramatisieren wollen, sondern weil ihre Daten, Messreihen und Beobachtungen keinen anderen Schluss zulassen.
Eine große Leistung des Films ist, dass er diese Menschen nicht als Held:innen ausstellt und auch nicht als „Klima-Kleber“-Gegenbilder in einer Empörungsdramaturgie verbrät. Er zeigt vielmehr, wie kompliziert die Frage nach Rolle und Haltung geworden ist. Wie gefährlich es sein kann, Wissenschaftler:in und Aktivist:in zugleich zu sein – weil man sich schnell dem Vorwurf aussetzt, „nicht mehr neutral“ zu sein. Der Film sortiert das klug: Wissenschaft soll nicht politisch sein, sagen manche. Aber Wissenschaftler sollten politisch sein – weil Naturgesetze keine Parteimitglieder sind und „Natur nicht verhandelt“. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist im Alltag eine Zumutung: Wer ihn ernst nimmt, muss handeln, auch wenn das unbequem wird. Nicht selten stehen die Wissenschaftler:innen darum vor beruflichen und privaten Problemen.
Dabei ist „Das Gewicht der Welt“ erfreulich unaufgeregt in seinen Mitteln. Zum Beispiel taucht Harald Lesch, als eines der bekanntesten Wissenschaftler-Gesichter in den Medien, zwar auf – aber angenehm dosiert. Und die üblichen Klimakleber-Bilder, an denen sich Spiegel TV und andere News-Outlets so gern ergötzen, bleiben am Rand. Als Teil einer Medienlogik, die Aufmerksamkeit belohnt, aber Verständnis selten, stehen sie da nicht schlecht.
Stattdessen hält der Film dorthin, wo er wehtut: zu den leisen Rissen im Privaten. Nana erzählt: „Meine Familie schickt Videos, wie sie mit meinen Nichten Schlitten fahren. Ich schicke ihnen ein Video, wie ich von der Polizei getackelt werde“. Aber von Familie und Freunden kommt nur wenig Ermutigung, der Aktivismus schafft anscheinend oft Distanz zu den Menschen in ihrem engsten Umfeld zu schaffen. Eine von vielen bitteren Erkenntnissen des Films: politische Arbeit kann Einsam machen.
Visuell bleibt der Film eher sachlich, findet aber auch immer wieder überwältigende Aufnahmen für sein Thema, etwa bei den abgestorbenen Wäldern im Harz rund um den Brocken, die wie apokalyptische Visionen aus der Zukunft anmuten. Seifferts Fahrten – bis hin zur absurderweise kohlebetriebenen Brockenbahn – bekommen dadurch eine doppelte Schicht: Es sind Wege durch Kindheitsräume, die verschwinden, und zugleich Wege durch Widersprüche, die wir uns längst angewöhnt haben.
„Das Gewicht der Welt“ ist nicht nur ein Film über Klimapolitik, sondern über Wissenschaftsskepsis, Ignoranz und die moderne Kunst, sich nicht zuständig zu fühlen. Der Film insistiert darauf, dass Fakten Grundlage von Politik sein müssen – und dass es demokratiegefährdend wird, wenn Lüge und Gefühlssurrogate diese Grundlage ersetzen. Seine größte Angst ist nicht „die Katastrophe“ als Ereignis, sondern die Gewöhnung an das Wegsehen.
Der Film startet am 7. Mai in den deutschen Kinos und wird zunächst im OFF-Broadway, Odeon und Weisshaus Kino zu sehen sein. Die kommenden Termine: