Zwischen Jazzkosmen, Walen und Berliner Nächten: Vom 15. bis 19. Juli bringt SEE THE SOUND wieder Musik auf die Kinoleinwand. Das Filmfestival der SoundTrack_Cologne bewegt sich dabei zwischen Jazz, Pop, Clubkultur und experimentellen Klangwelten – mit Filmen über David Bowie, Sun Ra, Bill Evans oder Boy George ebenso wie mit ungewöhnlichen Entdeckungen abseits großer Namen. Vier Empfehlungen aus dem Programm.
Von Werner Busch.
Wer Musikfilme liebt, kennt das Muster. Irgendwo zwischen Kinderzimmer, Welterfolg und Absturz wird die Karriere noch einmal ordentlich sortiert, dazwischen sprechen Weggefährt:innen in ehrfürchtigem Tonfall über das Genie im Mittelpunkt. Das kann unterhaltsam sein, nutzt sich aber auch erstaunlich schnell ab.
Das Musikfilm-Festival SEE THE SOUND, das die SoundTrack Cologne begleitet, schlägt in diesem Jahr erfreulich oft einen anderen Weg ein. Natürlich gibt es auch 2026 Filme über bekannte Namen wie David Bowie, Boy George, Diane Warren oder Stewart Copeland. Doch das Festival scheint sich weniger für den Sockel zu interessieren, auf den Musiker:innen im Laufe ihrer Karriere gestellt werden, als für die Orte, aus denen ihre Kunst überhaupt erst hervorgeht. Städte werden zu Klangräumen, Clubs zu politischen Laboren, Musik zu einer Form des Widerstands oder schlicht zu einer Möglichkeit, den eigenen Platz in der Welt zu finden.
Dieses Motiv zieht sich beinahe durch das gesamte Programm. Da ist der junge Schafhirte in „DJ Ahmet“, der mit elektronischen Beats gegen die Tradition aufbegehrt. Ein japanisches Pop-Idol kämpft in „Love on Trial“ gegen ein System, das Künstlerinnen sogar das Verlieben verbieten möchte. Das Ensemble Modern sucht in Proberäumen nach den Klängen von morgen, während der norwegische Trompeter Nils Petter Molvær Bild und Ton miteinander experimentieren lässt. Musik erscheint hier als Prozess, als Suche, manchmal sogar als Rettungsanker, selten einfach als das fertige Produkt.
Darin liegt die Stärke des diesjährigen Programms. SEE THE SOUND ist eine Expedition durch ganz unterschiedliche musikalische Welten. Mal führt sie in das Los Angeles der frühen Hip-Hop-Jahre, mal in den Berliner KitKatClub, mal in die Welt zeitgenössischer Komposition. Wer sich darauf einlässt, entdeckt neben bekannten Namen viele Filme, die vermutlich nie den Weg in den regulären Kinobetrieb finden werden.
Ein Abend im Orbit von Sun Ra
Wer nur einen einzigen Festivalabend besuchen möchte, könnte kaum eine bessere Wahl treffen als den Freitag im Odeon. Dort widmet SEE THE SOUND dem Jazzvisionär Sun Ra gleich zwei Filme, die sich beinahe wie zwei Kapitel derselben Geschichte ergänzen.
„The Magic City: Birmingham According to Sun Ra“ beginnt nicht im Weltall, sondern in Birmingham, Alabama. Der Film sucht nach den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, aus denen Herman Blount hervorging, bevor er sich selbst zu Sun Ra erklärte. Im Anschluss folgt „Sun Ra: Do the Impossible“, das den Musiker als Philosophen, Bandleader und Vordenker des Afrofuturismus porträtiert. Gemeinsam erzählen beide Filmeden Weg eines Künstlers von den Erfahrungen der Rassentrennung bis zu einer kosmischen Vision von Freiheit. Eine kluge Programmierung – und vermutlich einer der stärksten Festivalabende.
„The Magic City: Birmingham According to Sun Ra“, Foto: Naoko, CBA Verleih
Bill Evans – und das Schweigen zwischen zwei Tönen
Während viele Musikfilme möglichst viele Hits unterbringen möchten, setzt „Everybody Digs Bill Evans“ auf Zwischentöne. Grant Gee erzählt keinen klassischen Aufstieg-und-Fall-Mythos, er konzentriert sich auf wenige Wochen im Jahr 1961. Nach den legendären Village-Vanguard-Aufnahmen verliert Bill Evans seinen musikalischen Partner Scott LaFaro bei einem Autounfall und verstummt zunächst selbst.
Dass ausgerechnet ein Dokumentarfilmer sein Spielfilmdebüt diesem Moment widmet, verspricht einen ungewöhnlichen Blick auf einen der größten Jazzpianisten des 20. Jahrhunderts. Nicht Virtuosität steht im Mittelpunkt, sondern Trauer, Stille und die mühsame Rückkehr zur Musik, zur Kreativität.
Wenn der Wal zurücksingt
In „The Musician and the Whale“ erfährt der französische Komponist Rone, dass seine Musik Buckelwale anzieht. Also fährt er hinaus aufs Meer, um einem Wal ein eigens komponiertes Stück vorzuspielen. Klingt zunächst nach einer dieser Ideen, die nachts um halb zwei entstehen und morgens verworfen werden. Offenbar war das hier anders.
Ob der Wal tatsächlich antwortet, ist letztlich gar nicht die entscheidende Frage. Spannender scheint, was der Film über Kommunikation erzählt – darüber, wie Musik Grenzen überschreiten kann, selbst wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. Unter den zahlreichen Künstlerporträts des Festivals dürfte dies einer der ungewöhnlichsten Beiträge sein.
Musik entsteht selten allein
Fast ein wenig im Schatten der prominenten Namen läuft „Ensemble Modern – Why We Play“. Thorsten Schütte begleitet eines der bedeutendsten Ensembles für zeitgenössische Musik nicht auf der Bühne, sondern während der Proben. Dort, wo Klang noch tastend entsteht, wo diskutiert, verworfen und neu begonnen wird. Das passt natürlich gut zu einem Festival, das Musik immer wieder als gemeinschaftlichen Prozess versteht und nicht bloß als fertiges Werk.
Natürlich gäbe es noch zahlreiche weitere Entdeckungen. Das Open-Air-Programm reicht von Kate Bush bis zur Tragikomödie „DJ Ahmet“, im Filmhaus treffen Hip-Hop-Geschichte, J-Pop, Dark Wave und Berliner Clubkultur aufeinander, und mit dem Stummfilmkonzert „Hanseaten“ erhält ein hundert Jahre alter Film durch die eigens komponierte Live-Musik von Cécile Lacharme ein zweites Leben.
Zwischen Jazzkosmen, Walen und Berliner Nächten: Vom 15. bis 19. Juli bringt SEE THE SOUND wieder Musik auf die Kinoleinwand. Das Filmfestival der SoundTrack_Cologne bewegt sich dabei zwischen Jazz, Pop, Clubkultur und experimentellen Klangwelten – mit Filmen über David Bowie, Sun Ra, Bill Evans oder Boy George ebenso wie mit ungewöhnlichen Entdeckungen abseits großer Namen. Vier Empfehlungen aus dem Programm.
Von Werner Busch.
Wer Musikfilme liebt, kennt das Muster. Irgendwo zwischen Kinderzimmer, Welterfolg und Absturz wird die Karriere noch einmal ordentlich sortiert, dazwischen sprechen Weggefährt:innen in ehrfürchtigem Tonfall über das Genie im Mittelpunkt. Das kann unterhaltsam sein, nutzt sich aber auch erstaunlich schnell ab.
Das Musikfilm-Festival SEE THE SOUND, das die SoundTrack Cologne begleitet, schlägt in diesem Jahr erfreulich oft einen anderen Weg ein. Natürlich gibt es auch 2026 Filme über bekannte Namen wie David Bowie, Boy George, Diane Warren oder Stewart Copeland. Doch das Festival scheint sich weniger für den Sockel zu interessieren, auf den Musiker:innen im Laufe ihrer Karriere gestellt werden, als für die Orte, aus denen ihre Kunst überhaupt erst hervorgeht. Städte werden zu Klangräumen, Clubs zu politischen Laboren, Musik zu einer Form des Widerstands oder schlicht zu einer Möglichkeit, den eigenen Platz in der Welt zu finden.
Dieses Motiv zieht sich beinahe durch das gesamte Programm. Da ist der junge Schafhirte in „DJ Ahmet“, der mit elektronischen Beats gegen die Tradition aufbegehrt. Ein japanisches Pop-Idol kämpft in „Love on Trial“ gegen ein System, das Künstlerinnen sogar das Verlieben verbieten möchte. Das Ensemble Modern sucht in Proberäumen nach den Klängen von morgen, während der norwegische Trompeter Nils Petter Molvær Bild und Ton miteinander experimentieren lässt. Musik erscheint hier als Prozess, als Suche, manchmal sogar als Rettungsanker, selten einfach als das fertige Produkt.
Darin liegt die Stärke des diesjährigen Programms. SEE THE SOUND ist eine Expedition durch ganz unterschiedliche musikalische Welten. Mal führt sie in das Los Angeles der frühen Hip-Hop-Jahre, mal in den Berliner KitKatClub, mal in die Welt zeitgenössischer Komposition. Wer sich darauf einlässt, entdeckt neben bekannten Namen viele Filme, die vermutlich nie den Weg in den regulären Kinobetrieb finden werden.
Ein Abend im Orbit von Sun Ra
Wer nur einen einzigen Festivalabend besuchen möchte, könnte kaum eine bessere Wahl treffen als den Freitag im Odeon. Dort widmet SEE THE SOUND dem Jazzvisionär Sun Ra gleich zwei Filme, die sich beinahe wie zwei Kapitel derselben Geschichte ergänzen.
„The Magic City: Birmingham According to Sun Ra“ beginnt nicht im Weltall, sondern in Birmingham, Alabama. Der Film sucht nach den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, aus denen Herman Blount hervorging, bevor er sich selbst zu Sun Ra erklärte. Im Anschluss folgt „Sun Ra: Do the Impossible“, das den Musiker als Philosophen, Bandleader und Vordenker des Afrofuturismus porträtiert. Gemeinsam erzählen beide Filmeden Weg eines Künstlers von den Erfahrungen der Rassentrennung bis zu einer kosmischen Vision von Freiheit. Eine kluge Programmierung – und vermutlich einer der stärksten Festivalabende.
Bill Evans – und das Schweigen zwischen zwei Tönen
Während viele Musikfilme möglichst viele Hits unterbringen möchten, setzt „Everybody Digs Bill Evans“ auf Zwischentöne. Grant Gee erzählt keinen klassischen Aufstieg-und-Fall-Mythos, er konzentriert sich auf wenige Wochen im Jahr 1961. Nach den legendären Village-Vanguard-Aufnahmen verliert Bill Evans seinen musikalischen Partner Scott LaFaro bei einem Autounfall und verstummt zunächst selbst.
Dass ausgerechnet ein Dokumentarfilmer sein Spielfilmdebüt diesem Moment widmet, verspricht einen ungewöhnlichen Blick auf einen der größten Jazzpianisten des 20. Jahrhunderts. Nicht Virtuosität steht im Mittelpunkt, sondern Trauer, Stille und die mühsame Rückkehr zur Musik, zur Kreativität.
Wenn der Wal zurücksingt
In „The Musician and the Whale“ erfährt der französische Komponist Rone, dass seine Musik Buckelwale anzieht. Also fährt er hinaus aufs Meer, um einem Wal ein eigens komponiertes Stück vorzuspielen. Klingt zunächst nach einer dieser Ideen, die nachts um halb zwei entstehen und morgens verworfen werden. Offenbar war das hier anders.
Ob der Wal tatsächlich antwortet, ist letztlich gar nicht die entscheidende Frage. Spannender scheint, was der Film über Kommunikation erzählt – darüber, wie Musik Grenzen überschreiten kann, selbst wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. Unter den zahlreichen Künstlerporträts des Festivals dürfte dies einer der ungewöhnlichsten Beiträge sein.
Musik entsteht selten allein
Fast ein wenig im Schatten der prominenten Namen läuft „Ensemble Modern – Why We Play“. Thorsten Schütte begleitet eines der bedeutendsten Ensembles für zeitgenössische Musik nicht auf der Bühne, sondern während der Proben. Dort, wo Klang noch tastend entsteht, wo diskutiert, verworfen und neu begonnen wird. Das passt natürlich gut zu einem Festival, das Musik immer wieder als gemeinschaftlichen Prozess versteht und nicht bloß als fertiges Werk.
Natürlich gäbe es noch zahlreiche weitere Entdeckungen. Das Open-Air-Programm reicht von Kate Bush bis zur Tragikomödie „DJ Ahmet“, im Filmhaus treffen Hip-Hop-Geschichte, J-Pop, Dark Wave und Berliner Clubkultur aufeinander, und mit dem Stummfilmkonzert „Hanseaten“ erhält ein hundert Jahre alter Film durch die eigens komponierte Live-Musik von Cécile Lacharme ein zweites Leben.
Titelbild: Diane Warren: Relentless, Foto: Drexler Films, MasterClass, XTR