Visar Morinas Von Scham und Geld erzählt von einer Familie, die ihre wirtschaftliche Existenz verliert – und davon, was mit menschlichen Beziehungen geschieht, wenn plötzlich alles einen Preis bekommt. Nach seinem Triumph beim Sundance Film Festival kommt der neue Film des KHM-Absolventen jetzt ins Kino. In Köln ist Morina gleich mehrfach zu Gast.
Von Werner Busch.
»Ich brauche Geld.« Mit diesen Worten beginnt Von Scham und Geld. Noch ist das Geldproblem überschaubar. Hatixhe melkt die Kühe auf dem Familienhof im ländlichen Kosovo, ihr Schwager Liridon bittet sie darum, bei ihrem Mann Shaban ein gutes Wort für ihn einzulegen. Wenig später sind Liridon und die Kühe verschwunden. Der Bruder hat die Tiere verkauft und sich abgesetzt – und damit der Familie praktisch über Nacht ihre Lebensgrundlage genommen. (epd Film)
Shaban und Hatixhe ziehen mit ihren drei Töchtern und Shabans Mutter nach Pristina. Hatixhes wohlhabende Schwester und deren Mann nehmen sie zunächst auf und verschaffen ihnen Arbeit. Doch mit der Hilfe beginnt eine neue Form der Abhängigkeit. Hatixhe pflegt den schwer kranken Vater ihres Schwagers, das Paar putzt in dessen Nachtclub, Shaban sucht zusätzlich auf der Straße nach Gelegenheitsjobs. Für Medikamente, neue Schuhe für die Tochter oder eine eigene Wohnung reicht das Geld trotzdem kaum.
Visar Morina erzählt diese Geschichte nicht als eine Abfolge großer Katastrophen. Viel bedrückender ist, wie alltäglich die Demütigungen werden. Hier fehlen zwei Euro, dort muss um einen Vorschuss gebeten werden. Arbeit wird angeboten, aber so schlecht bezahlt, dass sie kaum aus der Not führt. Eine geschenkte Jacke kann plötzlich keine freundliche Geste mehr sein, sondern ein Hinweis darauf, wer geben darf und wer nehmen muss. Selbst innerhalb der Familie werden Beziehungen zunehmend in Leistungen, Schulden und Gegenleistungen übersetzt.
Darin liegt die Stärke von Von Scham und Geld: Der Film muss seine gesellschaftliche Diagnose kaum aussprechen, weil sie permanent in den kleinen Situationen sichtbar wird. Geld ist nicht einfach das, was Shaban und Hatixhe fehlt. Es verändert die Hierarchien zwischen Menschen. Wer besitzt, entscheidet. Wer nichts besitzt, muss bitten, warten, Dankbarkeit zeigen und zunehmend Bedingungen akzeptieren, die er sich nicht ausgesucht hat.
Morina selbst hat beschrieben, dass ihn bei den Recherchen besonders die Frage beschäftigte, was von menschlichen Beziehungen übrigbleibt, wenn immer mehr Dinge in Geldwert übersetzt werden. Shaban soll im Verlauf des Films ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass seine persönliche Misere nicht nur persönliches Versagen ist, sondern mit gesellschaftlichen Klassenverhältnissen zusammenhängt.
Zwei unterschiedliche Antworten auf dieselbe Not
Dabei macht Morina aus Shaban keinen einfachen Helden. Astrit Kabashi spielt ihn als Mann, dessen Stolz zugleich seine letzte Verteidigung und zunehmend ein Problem ist. Shaban will arbeiten. Er will seine Familie ernähren und niemandem etwas schulden. Gerade deshalb trifft ihn jede Form der Abhängigkeit umso härter. Kabashi zeigt diesen Verschleiß vor allem körperlich: in der Haltung, im Blick, in den kurzen Momenten, in denen Shaban schluckt, anstatt etwas zu erwidern.
Flonja Kodheli setzt dem als Hatixhe eine andere Strategie entgegen. Sie ist pragmatischer, erkennt schneller, welche Kompromisse notwendig sind, damit die Familie durchkommt. Als ihre Schwester sich um den gesellschaftlichen Ruf sorgt, fällt der vielleicht wichtigste Satz des Films: »Scham ist ein Luxus.« Wer nicht weiß, wie Medikamente oder Kinderschuhe bezahlt werden sollen, kann sich bestimmte Vorstellungen von Stolz schlicht nicht leisten.
Gerade im Zusammenspiel von Kabashi und Kodheli verhindert der Film, dass daraus eine schematische Gegenüberstellung wird. Die Ehe von Hatixhe und Shaban gehört zu den wenigen Beziehungen, die sich der Logik des Tauschgeschäfts lange entziehen. Kleine Berührungen, Blicke und beiläufige Gesten reichen Morina dafür. Dass zwei Menschen freundlich miteinander umgehen, ohne etwas dafür zu erwarten, wird in dieser Umgebung beinahe zu einem widerständigen Akt.
Auch deshalb bleibt der Film trotz seiner Härte menschlich. Morina betrachtet seine Figuren niemals von oben. Er interessiert sich weder für exotisierende Armutsbilder noch dafür, Shabans Not möglichst spektakulär auszustellen. Der soziale Druck entsteht gerade daraus, dass die Familie arbeitet, sich bemüht und zunächst scheinbar alles »richtig« macht – und dennoch immer weiter abrutscht.
Eine Stadt, in der alles seinen Preis hat
Die Kamera von Janis Mazuch folgt den Figuren häufig aus unmittelbarer Nähe. Auf dem Land gibt es Erde, Tiere, körperliche Arbeit und noch einen Zusammenhang zwischen Tätigkeit und Ergebnis. Pristina erscheint dagegen als Raum permanenter Bewegung: Verkehr, Baustellen, Bars, neue Wohnanlagen und Menschen, die am Straßenrand darauf warten, für einen Tageslohn mitgenommen zu werden. Morina und Mazuch wollten nach eigener Aussage gerade keine schönen, komponierten Schauwerte produzieren, sondern möglichst nah an den Figuren und ihren Darsteller*innen bleiben.
Besonders prägnant wird das an der Straße, an der Shaban mit anderen Männern auf Arbeit wartet. Autos kommen, Arbeitskräfte werden ausgewählt, Menschen zurückgelassen. Arbeit funktioniert hier buchstäblich wie ein Markt. Im Hintergrund steht irgendwann die Bill-Clinton-Statue von Pristina – ein Bild, das die jüngere politische Geschichte des Kosovo in Morinas Gegenwartserzählung hineinholt, ohne dass daraus ein Geschichtsreferat werden müsste.
Später landet Shaban ausgerechnet als Sicherheitsmann in einer Gated Community. Er bewacht den Wohlstand anderer, während ihm selbst das Geld für grundlegende Dinge fehlt. Solche Konstellationen sind sehr deutlich gesetzt, wirken aber selten wie nachträglich angehängte Symbole. Morina entwickelt sie aus Shabans alltäglicher Arbeit.
Auch die Tonspur trägt wesentlich zur Unruhe bei. Mario Batkovics Musik verbindet dissonante, drängende Passagen mit Elementen albanischer Musik. Morina hat erzählt, dass diese Musik für ihn eng mit persönlichen Erinnerungen und zugleich mit einer Kultur verbunden sei, in der Geschichten stark über Musik weitergegeben werden.
Über weite Strecken bleibt Von Scham und Geld konsequent im Sozialrealismus. Umso stärker wirkt ein später Moment, in dem sich der Film für kurze Zeit davon entfernt und etwas Traumhaftes, beinahe Märchenhaftes bekommt. Das passt zu Morinas ursprünglicher Vorstellung der Geschichte: Hatixhe und Shaban seien für ihn zunächst Figuren einer Art Märchen gewesen – inspiriert von der Frage, wie seine eigenen Eltern heute in einer solchen Situation leben würden.
Die 129 Minuten nehmen sich Zeit. Wiederholt sieht man Shaban Arbeit suchen, warten, hoffen, sich erneut anbieten. Diese Wiederholung gehört zum Prinzip des Films: Prekarität besteht eben nicht aus einem einzigen dramatischen Tiefpunkt, sondern aus der täglichen Wiederkehr derselben Frage, wie das Geld bis morgen reichen soll. Morina steigert diese Situationen nicht künstlich zu immer größeren Katastrophen. Er lässt sie sich ablagern.
Damit gelingt ihm ein Film, der sehr konkret vom heutigen Kosovo erzählt und zugleich weit über diesen Ort hinausweist. Die Welt, in die Hatixhe und Shaban geraten, ist keine besondere kosovarische Ausnahme. Unsichere Beschäftigung, explodierende Wohnkosten, die Abhängigkeit von familiärer Unterstützung und eine Arbeitswelt, in der der Wert eines Menschen mit seiner ökonomischen Verwertbarkeit verwechselt wird, sind längst keine lokalen Phänomene mehr. Das wissen nicht nur Tankstellen-Nutzer im Jahr 2026.
Von Scham und Geld formuliert daraus keine theoretische Abhandlung. Der Film bleibt bei seinen Figuren. Gerade deshalb trifft seine gesellschaftliche Analyse. Nicht Armut allein ist hier das eigentliche Thema, sondern die Frage, was sie mit Würde, Liebe, Familie und Selbstachtung macht.
Ein Film mit Kölner Wurzeln
Visar Morina, 1979 in Prishtina geboren, studierte von 2004 bis 2009 an der Kunsthochschule für Medien Köln. Sein Abschlussfilm Der Schübling und der anschließend entstandene Kurzfilm Von Hunden und Tapeten liefen international auf Festivals. Es folgten die Langfilme Babai (2015) und Exil (2020), in denen Morina immer wieder Beziehungen zwischen Kosovo und Deutschland, Migration, Zugehörigkeit und soziale Fremdheit untersuchte. Von Scham und Geld ist sein dritter langer Spielfilm. Auch hinter der Kamera setzt sich die Kölner Verbindung fort: Bildgestalter Janis Mazuch und Produzentin Pia Hellenthal sind ebenfalls KHM-Absolvent*innen.
Mit seinem neuen Film kehrt Morina erstmals in einem Langfilm vollständig in den Kosovo zurück. Die Weltpremiere fand am 25. Januar 2026 beim Sundance Film Festival statt, wo Von Scham und Geld den Grand Jury Prize im World Cinema Dramatic Competition gewann. Bei seiner Deutschlandpremiere auf dem Filmfest München folgte der mit 10.000 Euro dotierte CineMasters Award. Der deutsche Kinostart ist am 24. September 2026.
Rund um den Kinostart ist Morina nun mit dem Film bei Sondervorstellungen unterwegs. Direkt nach Köln folgt beispielsweise am 21. September eine Hamburger Premiere im Abaton mit Morina sowie Astrit Kabashi und Flonja Kodheli.
In Köln gibt es bereits vier Tage vor dem offiziellen Kinostart gleich zwei Premierenmöglichkeiten. Am Sonntag, 20. September, um 18 Uhr läuft der Film im Filmhaus Köln. Anschließend findet ein Filmgespräch mit Visar Morina und weiteren Gästen statt; angekündigt sind auch Mitglieder des Ensembles. Da die Vorstellung ausverkauft war, kam eine zweite Premiere am selben Abend hinzu: Um 20 Uhr zeigt die Filmpalette Von Scham und Geld in Anwesenheit von Visar Morina und Hauptdarsteller Astrit Kabashi. Beide Vorstellungen sind jedoch bereits ausverkauft!
Doch hier gibt es noch Tickets: Am 28. September ist Von Scham und Geld Teil des ersten Albanian Film Festival Köln, das vom ABC Book Club Köln organisiert wird.
Die Kölner Screenings
Sonntag, 20. September 2026, 18:00 Uhr (AUSVERKAUFT!)
Filmhaus Köln
Köln-Premiere – anschließend Filmgespräch mit Visar Morina und weiteren Gästen
Maybachstraße 111, 50670 Köln
(Filmhaus Köln)
Sonntag, 20. September 2026, 20:00 Uhr (AUSVERKAUFT!)
Filmpalette Köln
Premiere mit Regisseur Visar Morina und Hauptdarsteller Astrit Kabashi
Lübecker Straße 15, 50668 Köln
(Filmpalette Köln)
Montag, 28. September 2026, 21:00 Uhr
Filmhaus Köln
Albanian Film Festival Köln 2026
Maybachstraße 111, 50670 Köln
(Filmhaus Köln)
Von Scham und Geld
Deutschland/Kosovo/Slowenien/Albanien/Nordmazedonien/Belgien 2026, 129 Min., Regie: Visar Morina, Drehbuch: Visar Morina und Doruntina Basha, Kamera: Janis Mazuch, Montage: Joëlle Alexis, Musik: Mario Batkovic, mit Astrit Kabashi, Flonja Kodheli, Kumrije Hoxha, Fiona Gllavica, Alban Ukaj und Tristan Halilaj. FSK 12. Kinostart: 24. September 2026.
Visar Morinas Von Scham und Geld erzählt von einer Familie, die ihre wirtschaftliche Existenz verliert – und davon, was mit menschlichen Beziehungen geschieht, wenn plötzlich alles einen Preis bekommt. Nach seinem Triumph beim Sundance Film Festival kommt der neue Film des KHM-Absolventen jetzt ins Kino. In Köln ist Morina gleich mehrfach zu Gast.
Von Werner Busch.
»Ich brauche Geld.« Mit diesen Worten beginnt Von Scham und Geld. Noch ist das Geldproblem überschaubar. Hatixhe melkt die Kühe auf dem Familienhof im ländlichen Kosovo, ihr Schwager Liridon bittet sie darum, bei ihrem Mann Shaban ein gutes Wort für ihn einzulegen. Wenig später sind Liridon und die Kühe verschwunden. Der Bruder hat die Tiere verkauft und sich abgesetzt – und damit der Familie praktisch über Nacht ihre Lebensgrundlage genommen. (epd Film)
Shaban und Hatixhe ziehen mit ihren drei Töchtern und Shabans Mutter nach Pristina. Hatixhes wohlhabende Schwester und deren Mann nehmen sie zunächst auf und verschaffen ihnen Arbeit. Doch mit der Hilfe beginnt eine neue Form der Abhängigkeit. Hatixhe pflegt den schwer kranken Vater ihres Schwagers, das Paar putzt in dessen Nachtclub, Shaban sucht zusätzlich auf der Straße nach Gelegenheitsjobs. Für Medikamente, neue Schuhe für die Tochter oder eine eigene Wohnung reicht das Geld trotzdem kaum.
Visar Morina erzählt diese Geschichte nicht als eine Abfolge großer Katastrophen. Viel bedrückender ist, wie alltäglich die Demütigungen werden. Hier fehlen zwei Euro, dort muss um einen Vorschuss gebeten werden. Arbeit wird angeboten, aber so schlecht bezahlt, dass sie kaum aus der Not führt. Eine geschenkte Jacke kann plötzlich keine freundliche Geste mehr sein, sondern ein Hinweis darauf, wer geben darf und wer nehmen muss. Selbst innerhalb der Familie werden Beziehungen zunehmend in Leistungen, Schulden und Gegenleistungen übersetzt.
Darin liegt die Stärke von Von Scham und Geld: Der Film muss seine gesellschaftliche Diagnose kaum aussprechen, weil sie permanent in den kleinen Situationen sichtbar wird. Geld ist nicht einfach das, was Shaban und Hatixhe fehlt. Es verändert die Hierarchien zwischen Menschen. Wer besitzt, entscheidet. Wer nichts besitzt, muss bitten, warten, Dankbarkeit zeigen und zunehmend Bedingungen akzeptieren, die er sich nicht ausgesucht hat.
Morina selbst hat beschrieben, dass ihn bei den Recherchen besonders die Frage beschäftigte, was von menschlichen Beziehungen übrigbleibt, wenn immer mehr Dinge in Geldwert übersetzt werden. Shaban soll im Verlauf des Films ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass seine persönliche Misere nicht nur persönliches Versagen ist, sondern mit gesellschaftlichen Klassenverhältnissen zusammenhängt.
Zwei unterschiedliche Antworten auf dieselbe Not
Dabei macht Morina aus Shaban keinen einfachen Helden. Astrit Kabashi spielt ihn als Mann, dessen Stolz zugleich seine letzte Verteidigung und zunehmend ein Problem ist. Shaban will arbeiten. Er will seine Familie ernähren und niemandem etwas schulden. Gerade deshalb trifft ihn jede Form der Abhängigkeit umso härter. Kabashi zeigt diesen Verschleiß vor allem körperlich: in der Haltung, im Blick, in den kurzen Momenten, in denen Shaban schluckt, anstatt etwas zu erwidern.
Flonja Kodheli setzt dem als Hatixhe eine andere Strategie entgegen. Sie ist pragmatischer, erkennt schneller, welche Kompromisse notwendig sind, damit die Familie durchkommt. Als ihre Schwester sich um den gesellschaftlichen Ruf sorgt, fällt der vielleicht wichtigste Satz des Films: »Scham ist ein Luxus.« Wer nicht weiß, wie Medikamente oder Kinderschuhe bezahlt werden sollen, kann sich bestimmte Vorstellungen von Stolz schlicht nicht leisten.
Gerade im Zusammenspiel von Kabashi und Kodheli verhindert der Film, dass daraus eine schematische Gegenüberstellung wird. Die Ehe von Hatixhe und Shaban gehört zu den wenigen Beziehungen, die sich der Logik des Tauschgeschäfts lange entziehen. Kleine Berührungen, Blicke und beiläufige Gesten reichen Morina dafür. Dass zwei Menschen freundlich miteinander umgehen, ohne etwas dafür zu erwarten, wird in dieser Umgebung beinahe zu einem widerständigen Akt.
Auch deshalb bleibt der Film trotz seiner Härte menschlich. Morina betrachtet seine Figuren niemals von oben. Er interessiert sich weder für exotisierende Armutsbilder noch dafür, Shabans Not möglichst spektakulär auszustellen. Der soziale Druck entsteht gerade daraus, dass die Familie arbeitet, sich bemüht und zunächst scheinbar alles »richtig« macht – und dennoch immer weiter abrutscht.
Eine Stadt, in der alles seinen Preis hat
Die Kamera von Janis Mazuch folgt den Figuren häufig aus unmittelbarer Nähe. Auf dem Land gibt es Erde, Tiere, körperliche Arbeit und noch einen Zusammenhang zwischen Tätigkeit und Ergebnis. Pristina erscheint dagegen als Raum permanenter Bewegung: Verkehr, Baustellen, Bars, neue Wohnanlagen und Menschen, die am Straßenrand darauf warten, für einen Tageslohn mitgenommen zu werden. Morina und Mazuch wollten nach eigener Aussage gerade keine schönen, komponierten Schauwerte produzieren, sondern möglichst nah an den Figuren und ihren Darsteller*innen bleiben.
Besonders prägnant wird das an der Straße, an der Shaban mit anderen Männern auf Arbeit wartet. Autos kommen, Arbeitskräfte werden ausgewählt, Menschen zurückgelassen. Arbeit funktioniert hier buchstäblich wie ein Markt. Im Hintergrund steht irgendwann die Bill-Clinton-Statue von Pristina – ein Bild, das die jüngere politische Geschichte des Kosovo in Morinas Gegenwartserzählung hineinholt, ohne dass daraus ein Geschichtsreferat werden müsste.
Später landet Shaban ausgerechnet als Sicherheitsmann in einer Gated Community. Er bewacht den Wohlstand anderer, während ihm selbst das Geld für grundlegende Dinge fehlt. Solche Konstellationen sind sehr deutlich gesetzt, wirken aber selten wie nachträglich angehängte Symbole. Morina entwickelt sie aus Shabans alltäglicher Arbeit.
Auch die Tonspur trägt wesentlich zur Unruhe bei. Mario Batkovics Musik verbindet dissonante, drängende Passagen mit Elementen albanischer Musik. Morina hat erzählt, dass diese Musik für ihn eng mit persönlichen Erinnerungen und zugleich mit einer Kultur verbunden sei, in der Geschichten stark über Musik weitergegeben werden.
Über weite Strecken bleibt Von Scham und Geld konsequent im Sozialrealismus. Umso stärker wirkt ein später Moment, in dem sich der Film für kurze Zeit davon entfernt und etwas Traumhaftes, beinahe Märchenhaftes bekommt. Das passt zu Morinas ursprünglicher Vorstellung der Geschichte: Hatixhe und Shaban seien für ihn zunächst Figuren einer Art Märchen gewesen – inspiriert von der Frage, wie seine eigenen Eltern heute in einer solchen Situation leben würden.
Die 129 Minuten nehmen sich Zeit. Wiederholt sieht man Shaban Arbeit suchen, warten, hoffen, sich erneut anbieten. Diese Wiederholung gehört zum Prinzip des Films: Prekarität besteht eben nicht aus einem einzigen dramatischen Tiefpunkt, sondern aus der täglichen Wiederkehr derselben Frage, wie das Geld bis morgen reichen soll. Morina steigert diese Situationen nicht künstlich zu immer größeren Katastrophen. Er lässt sie sich ablagern.
Damit gelingt ihm ein Film, der sehr konkret vom heutigen Kosovo erzählt und zugleich weit über diesen Ort hinausweist. Die Welt, in die Hatixhe und Shaban geraten, ist keine besondere kosovarische Ausnahme. Unsichere Beschäftigung, explodierende Wohnkosten, die Abhängigkeit von familiärer Unterstützung und eine Arbeitswelt, in der der Wert eines Menschen mit seiner ökonomischen Verwertbarkeit verwechselt wird, sind längst keine lokalen Phänomene mehr. Das wissen nicht nur Tankstellen-Nutzer im Jahr 2026.
Von Scham und Geld formuliert daraus keine theoretische Abhandlung. Der Film bleibt bei seinen Figuren. Gerade deshalb trifft seine gesellschaftliche Analyse. Nicht Armut allein ist hier das eigentliche Thema, sondern die Frage, was sie mit Würde, Liebe, Familie und Selbstachtung macht.
Ein Film mit Kölner Wurzeln
Visar Morina, 1979 in Prishtina geboren, studierte von 2004 bis 2009 an der Kunsthochschule für Medien Köln. Sein Abschlussfilm Der Schübling und der anschließend entstandene Kurzfilm Von Hunden und Tapeten liefen international auf Festivals. Es folgten die Langfilme Babai (2015) und Exil (2020), in denen Morina immer wieder Beziehungen zwischen Kosovo und Deutschland, Migration, Zugehörigkeit und soziale Fremdheit untersuchte. Von Scham und Geld ist sein dritter langer Spielfilm. Auch hinter der Kamera setzt sich die Kölner Verbindung fort: Bildgestalter Janis Mazuch und Produzentin Pia Hellenthal sind ebenfalls KHM-Absolvent*innen.
Mit seinem neuen Film kehrt Morina erstmals in einem Langfilm vollständig in den Kosovo zurück. Die Weltpremiere fand am 25. Januar 2026 beim Sundance Film Festival statt, wo Von Scham und Geld den Grand Jury Prize im World Cinema Dramatic Competition gewann. Bei seiner Deutschlandpremiere auf dem Filmfest München folgte der mit 10.000 Euro dotierte CineMasters Award. Der deutsche Kinostart ist am 24. September 2026.
Rund um den Kinostart ist Morina nun mit dem Film bei Sondervorstellungen unterwegs. Direkt nach Köln folgt beispielsweise am 21. September eine Hamburger Premiere im Abaton mit Morina sowie Astrit Kabashi und Flonja Kodheli.
In Köln gibt es bereits vier Tage vor dem offiziellen Kinostart gleich zwei Premierenmöglichkeiten. Am Sonntag, 20. September, um 18 Uhr läuft der Film im Filmhaus Köln. Anschließend findet ein Filmgespräch mit Visar Morina und weiteren Gästen statt; angekündigt sind auch Mitglieder des Ensembles. Da die Vorstellung ausverkauft war, kam eine zweite Premiere am selben Abend hinzu: Um 20 Uhr zeigt die Filmpalette Von Scham und Geld in Anwesenheit von Visar Morina und Hauptdarsteller Astrit Kabashi. Beide Vorstellungen sind jedoch bereits ausverkauft!
Doch hier gibt es noch Tickets: Am 28. September ist Von Scham und Geld Teil des ersten Albanian Film Festival Köln, das vom ABC Book Club Köln organisiert wird.
Die Kölner Screenings
Sonntag, 20. September 2026, 18:00 Uhr (AUSVERKAUFT!)
Filmhaus Köln
Köln-Premiere – anschließend Filmgespräch mit Visar Morina und weiteren Gästen
Maybachstraße 111, 50670 Köln
(Filmhaus Köln)
Sonntag, 20. September 2026, 20:00 Uhr (AUSVERKAUFT!)
Filmpalette Köln
Premiere mit Regisseur Visar Morina und Hauptdarsteller Astrit Kabashi
Lübecker Straße 15, 50668 Köln
(Filmpalette Köln)
Montag, 28. September 2026, 21:00 Uhr
Filmhaus Köln
Albanian Film Festival Köln 2026
Maybachstraße 111, 50670 Köln
(Filmhaus Köln)
Von Scham und Geld
Deutschland/Kosovo/Slowenien/Albanien/Nordmazedonien/Belgien 2026, 129 Min., Regie: Visar Morina, Drehbuch: Visar Morina und Doruntina Basha, Kamera: Janis Mazuch, Montage: Joëlle Alexis, Musik: Mario Batkovic, mit Astrit Kabashi, Flonja Kodheli, Kumrije Hoxha, Fiona Gllavica, Alban Ukaj und Tristan Halilaj. FSK 12. Kinostart: 24. September 2026.