„Wolken über Lützerath“ setzt dort an, wo die bekannten Bilder der Räumung des „letzten Dorfes“ aufhören: bei den Menschen, den Konfliktlinien und den Mechanismen hinter dem Symbol. Filmemacher Lukas Reiter verdichtet die Klimabewegung im sogenannten rheinischen Revier über drei Perspektiven – Aktivismus, Medienarbeit und Parlament – und macht daraus einen Film, der gleichzeitig nah dran und erstaunlich klar im Blick aufs große Ganze bleibt.
Von Werner Busch.
Die spektakulären Bilder der Räumung und der Zerstörung des „letzten Dorfs“ im rheinischen Braunkohle-Revier aus dem Januar 2023 sind längst Teil unseres kollektiven Mediengedächtnisses. Viele davon, wie den „Mönch von Lützerath“, kennt man – aus Livestreams, Nachrichten, Social Media, der eigenen Timeline. Die entscheidende Frage, die Regisseur Lukas Reiter gleich zu Beginn von „Wolken über Lützerarth“ stellt, lautet daher: Was kann ein Film darüber hinaus erzählen?
Der Film verdichtet das Geschehen rund um die Klimabewegung im Rheinland über drei Protagonist*innen: die Aktivistinnen Blinker und Ronni stehen dabei besonders im Fokus. Letztere war oft das Gesicht der Klimabewegung für die Presse, schon Jahre zuvor, im Hambacher Forst, und hinterfragt im Film immer wieder gekonnt den Info-War gegen die Klimaproteste und die eigene Pressearbeit.
Die dritte Protagonistin ist die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kathrin Henneberger, die es über viele Jahre harter Arbeit an der Front der Klimabewegung schließlich 2021 in den Bundestag schaffte. Und sich mit ihrem Amt und der Parteizugehörigkeit auch unbequemen Fragen stellen muss. Schließlich wurde Lützerath geräumt, während die Grünen Teil der Landesregierung in NRW und sogar der Bundesesregierung waren: „Der Deutsche Bundestag befürwortet zudem den Erhalt des Dorfes Lützerath am Tagebau Garzweiler und den Verzicht auf die Nutzung der Braunkohle unter dem Dorf“, hieß es noch im Juli 2022. Und der letzte Bewohner, Landwirt Eckhardt Heukamp, machte sich somit gut begründete Hoffnungen, dass sein jahrhundertealter Bauernhof am Rand des Tagesbaus doch noch erhalten bleiben könnte, auch wenn seine Nachbarn längst weg waren, und Haus für Haus um seinen Hof herum mit den Jahren abgerissen wurde.
Alle Hoffnungen zerstreuten sich in den kommenden Monaten und der Film dokumentiert mit herausragend montierten Sequenzen der Diskussionsrunden und Bürgerfragestunden, wie die als Gesetze interpretierten Wünsche eines Konzerns über wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlichen Entwicklungen stehen können.
Die Stärke des Films liegt genau in dieser Triangulation: Blinker steht für den unmittelbaren Aktivismus, für das Einsetzen des eigenen Körpers gegen eine falsche Politik, für die Bereitschaft, sich der Räumung auszusetzen. Ronni repräsentiert die Ebene, auf der Protest heute mehr denn je mitgedacht werden muss: Bilder, Narrative, Aufmerksamkeit, Reichweite – und die Frage, wie man in einem schnell drehenden Medienbetrieb überhaupt die Kontrolle über die eigene Geschichte behält. Henneberger wiederum bringt die inneren Widersprüche institutioneller Politik ins Bild: Einfluss nehmen zu wollen, während man zugleich Teil eines Apparats ist, der fragwürdige Kompromisse erzwingt und Symbole verwaltet. Wie der Film diese Perspektiven nebeneinander stehen lässt, keine einfache Antworten liefert, macht ihn klüger und damit zwingender als viele andere Filme zum Thema, die direkt in der Protestszene zu verorten sind. Die wechselsteigen Mechanismen von Kommunikation, Organisation und Politik hat man selten so gekonnt festgehalten gesehen wie hier.
Ronni vor dem Hof von Eckardt Heukamp, Foto: Transparentfilm
Natürlich gibt es die actionreichen Bilder der Räumung vom Januar 2023, die weißen Maleranzüge gegen die Protektoren der Bundespolizei, das Geräusch des Ausnahmezustands. Aber „Wolken über Lützerath“ ist kein Ereignisfilm, sondern hat seine stärksten Momente abseits der „Action“, findet sie zum Beispiel in Aufnahmen vom Leben vor Ort – vom Warten, vom Improvisieren, im Gespräch mit den Menschen. Was bedeutet es, sich über Wochen und Monate auf einen Ort einzulassen, der zugleich Zuhause, Bühne und Zielscheibe ist? Und wie verändert sich Wahrnehmung, wenn man weiß, dass das, was man baut, und der Ort, wo man lebt, bald vollständig vernichtet sein wird. Und nicht nur die Häuser auf dem Boden oder in den Bäumen, sondern dass auch der Boden auf dem man gestern noch stand, morgen im Loch des Tagebau Garzweiler verschwunden sein wird.
Was den Film so wirkungsvoll macht, ist insbesondere seine Montage: Immer wieder erlaubt er sich Abstand, kontemplative Passagen, Momente der Reflexion, nimmt Abstand von der Erregung der Ereignisse. Das ist wichtig, weil Lützerath als Symbol längst überladen ist: als Projektionsfläche, Kampfbegriff, moralischer Marker. Der Film nimmt dieses Symbol ernst, aber er arbeitet sich nicht daran ab. Er zeigt, wie Menschen in einem politischen Konflikt leben – und wie sehr dieser Konflikt zugleich über Bilder geführt wird. Und wie das Leben nach Lützerath weitergeht.
„Wolken über Lützerath“ ist viel mehr als ein Dokument der Räumung des „letzten Dorfs“, sondern ein Film, der auf beeindruckende Weise das Persönliche mit dem Politischen verschränkt: Er erzählt uns viel über Menschen, über Strategien, Zweifel und Brüche – und behält dabei immer das große Ganze im Blick, die strukturellen Kräfte, die diesen Konflikt formen. Ein Konflikt, der bis heute ungelöst ist.
„Wolken über Lützerath“ setzt dort an, wo die bekannten Bilder der Räumung des „letzten Dorfes“ aufhören: bei den Menschen, den Konfliktlinien und den Mechanismen hinter dem Symbol. Filmemacher Lukas Reiter verdichtet die Klimabewegung im sogenannten rheinischen Revier über drei Perspektiven – Aktivismus, Medienarbeit und Parlament – und macht daraus einen Film, der gleichzeitig nah dran und erstaunlich klar im Blick aufs große Ganze bleibt.
Von Werner Busch.
Die spektakulären Bilder der Räumung und der Zerstörung des „letzten Dorfs“ im rheinischen Braunkohle-Revier aus dem Januar 2023 sind längst Teil unseres kollektiven Mediengedächtnisses. Viele davon, wie den „Mönch von Lützerath“, kennt man – aus Livestreams, Nachrichten, Social Media, der eigenen Timeline. Die entscheidende Frage, die Regisseur Lukas Reiter gleich zu Beginn von „Wolken über Lützerarth“ stellt, lautet daher: Was kann ein Film darüber hinaus erzählen?
Der Film verdichtet das Geschehen rund um die Klimabewegung im Rheinland über drei Protagonist*innen: die Aktivistinnen Blinker und Ronni stehen dabei besonders im Fokus. Letztere war oft das Gesicht der Klimabewegung für die Presse, schon Jahre zuvor, im Hambacher Forst, und hinterfragt im Film immer wieder gekonnt den Info-War gegen die Klimaproteste und die eigene Pressearbeit.
Die dritte Protagonistin ist die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kathrin Henneberger, die es über viele Jahre harter Arbeit an der Front der Klimabewegung schließlich 2021 in den Bundestag schaffte. Und sich mit ihrem Amt und der Parteizugehörigkeit auch unbequemen Fragen stellen muss. Schließlich wurde Lützerath geräumt, während die Grünen Teil der Landesregierung in NRW und sogar der Bundesesregierung waren: „Der Deutsche Bundestag befürwortet zudem den Erhalt des Dorfes Lützerath am Tagebau Garzweiler und den Verzicht auf die Nutzung der Braunkohle unter dem Dorf“, hieß es noch im Juli 2022. Und der letzte Bewohner, Landwirt Eckhardt Heukamp, machte sich somit gut begründete Hoffnungen, dass sein jahrhundertealter Bauernhof am Rand des Tagesbaus doch noch erhalten bleiben könnte, auch wenn seine Nachbarn längst weg waren, und Haus für Haus um seinen Hof herum mit den Jahren abgerissen wurde.
Alle Hoffnungen zerstreuten sich in den kommenden Monaten und der Film dokumentiert mit herausragend montierten Sequenzen der Diskussionsrunden und Bürgerfragestunden, wie die als Gesetze interpretierten Wünsche eines Konzerns über wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlichen Entwicklungen stehen können.
Die Stärke des Films liegt genau in dieser Triangulation: Blinker steht für den unmittelbaren Aktivismus, für das Einsetzen des eigenen Körpers gegen eine falsche Politik, für die Bereitschaft, sich der Räumung auszusetzen. Ronni repräsentiert die Ebene, auf der Protest heute mehr denn je mitgedacht werden muss: Bilder, Narrative, Aufmerksamkeit, Reichweite – und die Frage, wie man in einem schnell drehenden Medienbetrieb überhaupt die Kontrolle über die eigene Geschichte behält. Henneberger wiederum bringt die inneren Widersprüche institutioneller Politik ins Bild: Einfluss nehmen zu wollen, während man zugleich Teil eines Apparats ist, der fragwürdige Kompromisse erzwingt und Symbole verwaltet. Wie der Film diese Perspektiven nebeneinander stehen lässt, keine einfache Antworten liefert, macht ihn klüger und damit zwingender als viele andere Filme zum Thema, die direkt in der Protestszene zu verorten sind. Die wechselsteigen Mechanismen von Kommunikation, Organisation und Politik hat man selten so gekonnt festgehalten gesehen wie hier.
Natürlich gibt es die actionreichen Bilder der Räumung vom Januar 2023, die weißen Maleranzüge gegen die Protektoren der Bundespolizei, das Geräusch des Ausnahmezustands. Aber „Wolken über Lützerath“ ist kein Ereignisfilm, sondern hat seine stärksten Momente abseits der „Action“, findet sie zum Beispiel in Aufnahmen vom Leben vor Ort – vom Warten, vom Improvisieren, im Gespräch mit den Menschen. Was bedeutet es, sich über Wochen und Monate auf einen Ort einzulassen, der zugleich Zuhause, Bühne und Zielscheibe ist? Und wie verändert sich Wahrnehmung, wenn man weiß, dass das, was man baut, und der Ort, wo man lebt, bald vollständig vernichtet sein wird. Und nicht nur die Häuser auf dem Boden oder in den Bäumen, sondern dass auch der Boden auf dem man gestern noch stand, morgen im Loch des Tagebau Garzweiler verschwunden sein wird.
Was den Film so wirkungsvoll macht, ist insbesondere seine Montage: Immer wieder erlaubt er sich Abstand, kontemplative Passagen, Momente der Reflexion, nimmt Abstand von der Erregung der Ereignisse. Das ist wichtig, weil Lützerath als Symbol längst überladen ist: als Projektionsfläche, Kampfbegriff, moralischer Marker. Der Film nimmt dieses Symbol ernst, aber er arbeitet sich nicht daran ab. Er zeigt, wie Menschen in einem politischen Konflikt leben – und wie sehr dieser Konflikt zugleich über Bilder geführt wird. Und wie das Leben nach Lützerath weitergeht.
„Wolken über Lützerath“ ist viel mehr als ein Dokument der Räumung des „letzten Dorfs“, sondern ein Film, der auf beeindruckende Weise das Persönliche mit dem Politischen verschränkt: Er erzählt uns viel über Menschen, über Strategien, Zweifel und Brüche – und behält dabei immer das große Ganze im Blick, die strukturellen Kräfte, die diesen Konflikt formen. Ein Konflikt, der bis heute ungelöst ist.