Filmszene Aktuell

Zwischen Repression und Aufbruch: Visions of Iran startet am 10. Juni

Visions of Iran bringt vom 10. bis 14. Juni 2026 iranisches Kino nach Köln – in einer Zeit, in der Hinrichtungen, Krieg und anhaltende Repression zu einem furchtbaren Alltag geworden sind. Gerade deshalb wirkt das Festival wie ein notwendiges Gegenprogramm. Mit mutigen Filmen, die zeigen, wie Menschen unter Druck planen, leben und lieben – und Widerstand organisieren.

Von Werner Busch.


In den letzten Monaten haben im Iran erneut viele Menschen gegen das Mullah-Regime in Teheran protestiert, gegen Inflation, Misswirtschaft und dramatisch verschlechterte Lebensbedingungen. Ausgehend von der Hauptstadt weiteten sich die Demonstrationen landesweit aus. Die iranischen Behörden reagierten mit massiver Gewalt, Internet-Sperren und willkürlichen Massenverhaftungen. Amnesty International dokumentierte Folter, sexualisierte Gewalt und erzwungene Geständnisse gegen Inhaftierte. Tausende Iraner:inner wurden in den letzten Monaten erschossen und erhängt.

Durch die US-israelischen Angriffe ist das Regime keineswegs zusammengebrochen, sondern agiert – im Schatten von Krieg, Sanktionen, Ausnahmezustand und Informationskontrolle – vielerorts sogar selbstbewusster. Das alles bedeutet ein höchst gefährliches Klima, in dem schon ein falsches Wort, ein falscher Kontakt, eine falsche Spur im Netz existenzielle Folgen haben kann.

In so einer Lage ist ein Festival wie Visions of Iran natürlich mehr als ein Kulturtermin: Es ist eine fragile Form von Öffentlichkeit, die versucht, Stimmen und Bilder zu zeigen, während die Realität, aus der sie kommen, von Angst, Unsicherheit und politischer Gewalt überlagert wird. Gerade deshalb ist das Kuratieren so schwierig: Jede Auswahl wirkt wie eine Haltung, jedes Gespräch wie ein Risiko, jeder Gast wie eine Entscheidung unter Druck. Und trotzdem – oder gerade deswegen – wird das Festival zur notwendigen Geste: ein Versuch, Verbindung zu halten, Differenz auszuhalten und Iran nicht auf Schlagzeilen zu reduzieren, während im Hintergrund die Frage bleibt, wie viele Menschen diese Gegenwart noch das Leben kosten wird.

Das Programm von den Festivalleitern Amin Farzanefar und Lale Konuk ist auch in der aktuellen Ausgabe breit gefächert: Spiel- und Dokumentarfilme, Generationenblicke, Klassiker, Kurzfilmrollen, dazu ein Schwerpunkt auf den iranischen Süden. Und vorab, zur Eröffnung, präsentiert „Visions of Iran“ gemeinsam mit Theater Colonia Nassim Soleimanpours erfolgreiches Theaterexperiment „Weißes Kaninchen, Rotes Kaninchen“. Der bekannte Kölner Schauspieler Mohammad Ali Behboudi begegnet dem Text erstmals live auf der Bühne – ein Theaterabend im Kino: über Kontrolle, Freiheit und die Kraft der Kunst.

Ein paar Highlights aus dem Programm:

Frauen im Widerstand & Generation Z

Ein stark gesetzter Anker ist 𝐑𝐎𝐘𝐀, den Mahnaz Mohammadi persönlich vorstellt. Der Film erzählt von einer inhaftierten Menschenrechtsaktivistin und zeigt, wie schnell in einem repressiven System ein „normales“ Leben zur juristischen Gefahrenzone wird. Der Freitagabend bündelt zwei Filme, die wie ein Doppelspiegel funktionieren: In 𝐓𝐇𝐄 𝐂𝐑𝐎𝐖𝐃 (Sahand Kabiri) wollen junge Menschen „einfach nur“ eine Party organisieren – und genau dieses „einfach“ wird zum Problem. 𝐈𝐍𝐒𝐈𝐃𝐄 𝐀𝐌𝐈𝐑 (Amir Azizi) verschiebt den Blick von der Nacht zur Lebensfrage: bleiben oder gehen? Zusammen erzählen die Filme von einer Generation, die sich Freiräume nicht romantisch erträumt, sondern praktisch erkämpfen muss – manchmal schon für Dinge, die andernorts banal wirken.

Das Festival setzt einen klaren Fokus auf weibliche Perspektiven: 𝐀 𝐅𝐎𝐗 𝐔𝐍𝐃𝐄𝐑 𝐀 𝐏𝐈𝐍𝐊 𝐌𝐎𝐎𝐍 (Mehrdad Oskuei) bringt mit Soraya eine afghanische Protagonistin ins Zentrum, deren Tatkraft und Fantasie keine Grenzen zu kennen scheint. Mit 𝐓𝐇𝐄 𝐒𝐄𝐀𝐋𝐄𝐃 𝐒𝐎𝐈𝐋 (Marva Nabili, 1977) steht ein früher Klassiker weiblichen Filmschaffens auf dem Programm: wortkarg, konzentriert, rebellisch – ein Film, der nicht laut sein muss, um unmissverständlich zu sein.

Wenn man wissen will, wie sehr Zensur und Produktionsrealität das iranische Kino prägen, reicht oft schon ein Blick auf die Entstehungsgeschichte. 𝐓𝐇𝐄 𝐊𝐈𝐋𝐋𝐄𝐑 𝐀𝐍𝐃 𝐓𝐇𝐄 𝐒𝐀𝐕𝐀𝐆𝐄 (Hamid Nematollah) schafft es nach Jahren des Ringens endlich auf die Leinwand – ein düsterer Thriller mit Leila Hatami, der nicht nur Spannung liefert, sondern auch zeigt, wie viel Beharrlichkeit ein Film in bestimmten Kontexten braucht, um gezeigt zu werden.

Eröffnung als Theaterabend im Kino

Eine große Neuerung gibt es auch im Programm: Zur Eröffnung wird Nassim Soleimanpours Theaterexperiment 𝐖𝐄𝐈ß𝐄𝐒 𝐊𝐀𝐍𝐈𝐍𝐂𝐇𝐄𝐍, 𝐑𝐎𝐓𝐄𝐒 𝐊𝐀𝐍𝐈𝐍𝐂𝐇𝐄𝐍 in Kooperation mit Theater Colonia gespielt. Mohammad Ali Behboudi begegnet dem Text erstmals live auf der Bühne – ein Abend über Kontrolle, Freiheit und die Frage, was Kunst in Situationen von Druck eigentlich kann.

Für das vollständige Programm und Tickets: Website von Visions of Iran.

Titelbild: A FOX UNDER A PINK MOON von Mehrdad Oskueis

Veranstalter*innen..