Im August setzt das Kölner OFF Broadway seine neue Filmreihe »Best OFF FLINTA« fort. Entwickelt und kuratiert wird sie von Mitarbeitenden des Kinos, die Filme von FLINTA-Regisseur:innen in wechselnden Themenschwerpunkten zusammenbringen. Im Interview mit Filmszene Köln sprechen sie über die Entstehung der Reihe, ihre kuratorischen Überlegungen und die Idee, den filmischen Kanon um weitere Perspektiven zu erweitern.
Von Werner Busch.
Werner Busch: Wie ist die Idee zu BEST OFF FLINTA entstanden? Gab es einen konkreten Auslöser oder war es ein Wunsch, der im Team schon länger vorhanden war?
Ja, den Wunsch gab es schon länger im Team. Sowohl sich in die Programmgestaltung aktiv einzubringen, als auch dies als Möglichkeit zu nutzen, das bestehende Programm zu erweitern und der dominanten Präsenz von cis-männlichen Regisseuren etwas entgegenzusetzen. Vor ungefähr zwei Jahren ist die Idee erstmals im Gespräch mit Kolleg:innen bei der Arbeit aufgekommen und wir sind sofort auf positive Resonanz gestoßen. Außerdem ist uns aufgefallen, dass gerade Filmreihen, die sich der Wiederaufführung von Filmen widmen sich meistens auf den »Kanon«, der leider stark cis-männlich geprägt ist, fokussieren.
Unser Reihenname versteht sich als Anspielung darauf und möchte verdeutlichen, dass das Beste eben nicht unbedingt das ist, was seit Jahren immer wieder aufgewärmt wird und als Filmklassiker gilt. Nach vielen Ideen, »Was-wäre-wenn«-Szenarien bei der Arbeit und ersten Gesprächen mit der Geschäftsführung hat sich die Idee dieses Frühjahr konkretisiert und wir konnten endlich mit der Planung anfangen. Dementsprechend ist die Freude jetzt umso größer, dass die Reihe endlich stattfindet und wir unsere Ideen realisieren können.
In einem Insta-Post habt ihr geschrieben, dass 2025 nur rund 20 Prozent der im OFF Broadway gezeigten Filme von FLINTA-Regisseur:innen inszeniert wurden. Ist das ein Wert, der für die aktuelle Kino-Landschaft typisch ist? Ich hätte erwartet, dass es in Arthouse-Kinos wie dem OFF ohnehin mehr Prozent wären.
Ja, das hatten wir auch. Umso ernüchternder war es, und gleichzeitig ist dieser Wert tatsächlich ziemlich bezeichnend für die gesamte Kinolandschaft! Bei einem großen Cineplex hätte es uns auch nicht verwundert, aber konkret nachzuzählen, hat uns noch einmal vor Augen geführt, wie groß das Ungleichgewicht tatsächlich ist. Dieses zieht sich durch die gesamte Kinolandschaft und ist das Ergebnis eines Systems, das jahrzehntelang Projekte von cis-Männern bevorzugt und primär gefördert hat. Denkt man an die großen Kinoklassiker und Blockbuster, findet man kaum einen Film, hinter dem eine FLINTA-Regisseur:in steht.
Natürlich gibt es vor allem im Arthouse-Kino schon länger vermehrt Filme von FLINTA-Regisseur:in, doch dabei handelt es sich meistens um kleine Produktionen mit einem schmalen Marketingbudget, und somit gehen solche Filme in der doch sehr von Wettbewerb und Kapitalismus geprägten Kinolandschaft unter. Deswegen setzen wir mit der FLINTA-Reihe den Fokus auf eben diese Filme und wollen mit der Reihe auch zeigen, welche enorme Bandbreite der FLINTA-Filmkanon zu bieten hat.
Was ist euch am Begriff FLINTA wichtig? Was eröffnet dieser programmatisch?
Der filmische Kanon und auch viele Kinoprogramme werden bis heute überwiegend von cis-männlichen Perspektiven geprägt. Für uns war deshalb schnell klar, dass es nicht ausreicht, diesem Ungleichgewicht ausschließlich cis-weibliche Perspektiven gegenüberzustellen. Mit dem Begriff FLINTA möchten wir den Blick bewusst weiter öffnen. Uns ist es wichtig, Kinokultur intersektional zu denken und unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und filmische Identitäten sichtbar zu machen.
Wir verstehen unsere Filmreihe dabei auch als Beitrag zu einer feministischen Kinokultur. Ein kuratiertes Filmprogramm kann bestehende Sehgewohnheiten hinterfragen, den filmischen Kanon erweitern und Werke zusammenbringen, die sonst selten miteinander in Verbindung gesetzt werden. So entstehen neue Dialoge und Perspektiven, die zeigen, dass das Kino schon immer von einer Vielfalt an Stimmen geprägt war – auch wenn diese lange nicht die gleiche Sichtbarkeit erhalten haben. Mit unserer Filmreihe möchten wir genau diesen Stimmen Raum geben, FLINTA-Regisseur:innen sichtbar machen und verdeutlichen, wie nachhaltig ihre Werke die Filmgeschichte und das zeitgenössische Kino geprägt haben.
Mit eurer ersten Programmreihe „Coming of Age“ widmet ihr euch zum Auftakt einem Genre, das viele Menschen mit klassischen Jugendgeschichten verbinden. Was macht gerade dieses Thema aus eurer Sicht besonders geeignet, um unterschiedliche FLINTA-Perspektiven sichtbar zu machen?
Coming-of-Age ist zum einen ein Genre, mit dem sich viele Menschen identifizieren können, und erfreut sich zum anderen großer Popularität. Die Suche nach der eigenen Identität, das Erwachsenwerden und das Austesten der eigenen Grenzen sind universelle Erfahrungen, die gleichzeitig sehr unterschiedlich erlebt werden. Gerade deshalb eignet sich das Genre besonders gut, um die Vielfalt von FLINTA-Perspektiven sichtbar zu machen und eröffnet ganz unterschiedliche filmische Herangehensweisen.
Coming-of-Age-Geschichten aus FLINTA-Perspektiven erzählen deshalb oft nicht nur vom Erwachsenwerden, sondern auch davon, sich gegen normative Vorstellungen von Geschlecht, Körper, Begehren und Lebensentwürfen zu behaupten. Ob Body Horror als Metapher für körperliche Veränderung, feinfühlige Erzählungen über die erste Liebe und queere Selbstfindung oder Geschichten, in denen das Verlassen des Elternhauses zum Akt der Emanzipation wird – gerade diese Bandbreite macht das Genre so spannend.
Für uns ist Coming of Age deshalb ein idealer Auftakt für die Filmreihe. Gleichzeitig bildet der erste Themenblock einen Einstieg in den größeren FLINTA-Filmkanon, den wir in den kommenden Themenblöcken um weitere Genres erweitern möchten.
Raw ist das Regiedebüt von Julia Ducournau, Foto: Wild Bunch
Eure erste Staffel vereint Filme von Dee Rees, Greta Gerwig und Julia Ducournau. Was verbindet diese drei Werke für euch – oder worin unterscheiden sie sich?
Was die drei Filme für uns verbindet, ist vor allem ihr Blick auf das Erwachsenwerden und die Suche nach der eigenen Identität. Alle erzählen von jungen Menschen, die versuchen, ihren Platz in der Welt zu finden und sich von den Erwartungen ihres Umfelds zu lösen. Gleichzeitig wählen sie dafür ganz unterschiedliche filmische Ansätze: Pariah erzählt ruhig und realistisch von queerer Selbstfindung und dem Wunsch nach Selbstakzeptanz. Lady Bird verbindet Humor und Emotionalität, um Themen wie Familie, Freundschaft und das Erwachsenwerden zu behandeln. Raw geht einen völlig anderen Weg und nutzt Body Horror als Metapher für Begehren, Veränderung und die Unsicherheiten des Erwachsenwerdens. Gerade diese Vielfalt macht die Filme für uns spannend – sie zeigen, dass ähnliche Themen auf ganz unterschiedliche Weise erzählt werden können.
Ein weiterer Aspekt, der die drei Filme verbindet, ist, dass sie allesamt Regiedebüts sind. Sie markieren den Beginn dreier beeindruckender Filmkarrieren und zeigen bereits das außergewöhnliche künstlerische und filmische Können von Dee Rees, Greta Gerwig und Julia Ducournau. Für uns ist das ein schöner Ausgangspunkt für die Filmreihe: drei Debüts, die auf ganz unterschiedliche Weise zeigen, wie kraftvoll neue Stimmen das Kino bereichern können.
Ihr beschreibt den ersten Film Pariah als einen Film, den ihr »endlich auf die große Leinwand bringen« wollt. Welche Rolle spielt für euch das Kino als gemeinsamer Ort der Filmerfahrung?
Wir verstehen das Kino als einen sozialen und kulturellen Raum – einen Ort des Zusammenkommens, des Austauschs und der Begegnung. Im gemeinsamen Sehen entstehen Erfahrungen, die sich zu Hause nur schwer reproduzieren lassen: Man lacht, erschrickt oder fühlt mit anderen mit, und genau daraus können Gespräche entstehen, die über den Film hinausreichen.
Im Kontext einer FLINTA-Filmreihe wünschen wir uns, dass das Kino ein möglichst offener und sicherer Raum ist, in dem unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Die gemeinsame Filmerfahrung schafft eine besondere Form der Aufmerksamkeit.
Filme wie Pariah, der in Deutschland nie einen regulären Kinostart hatte und deshalb nur selten auf der großen Leinwand zu sehen war, gewinnen an Kraft, wenn sie gemeinsam im Kinosaal erlebt werden und anschließend Gespräche anstoßen.
Deshalb verstehen wir unsere Filmreihe nicht nur als eine Reihe von Filmvorführungen, sondern als Einladung, Filme gemeinsam zu entdecken. Für Werke, die im regulären Kinobetrieb oft unterrepräsentiert sind, kann das Kino ein Ort sein, an dem sie die Sichtbarkeit und Wertschätzung erhalten, die sie verdienen.
BEST OFF FLINTA ist ja von euch, als Mitarbeitenden des OFF Broadway Kinos, initiiert worden. Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Kollektiv? Wie trefft ihr Programmentscheidungen und wie entstehen die Themenschwerpunkte?
Die Zusammenarbeit im Kollektiv ist für uns vor allem von einem solidarischen und demokratischen Miteinander geprägt. Programmentscheidungen treffen wir gemeinsam und versuchen dabei, die unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Interessen aller Beteiligten einzubeziehen. Gleichzeitig teilen wir die Aufgaben nach den jeweiligen Stärken und Interessen auf, sodass jede Person ihre eigenen Fähigkeiten in den Prozess einbringen kann. Wir empfinden es als großes Privileg, dass in unserer Gruppe Menschen mit unterschiedlichem Vorwissen aus den Bereichen Kino- und Festivalarbeit, Filmschaffen, Gender Studies, Design und weiteren Disziplinen zusammenkommen und gemeinsam an einem Programm arbeiten. Diese Vielfalt bereichert unsere kuratorische Arbeit und führt immer wieder zu neuen Ideen und Diskussionen, auf die einzelne Personen allein vielleicht nicht gekommen wären.
Was uns dabei verbindet, ist vor allem die gemeinsame Begeisterung für das Kino und die Freude daran, Filme zu entdecken, miteinander in Beziehung zu setzen und mit anderen zu teilen. Gleichzeitig verbindet uns eine enge freundschaftliche Basis. Wir kennen uns gut, arbeiten gerne zusammen und haben dadurch einen Raum geschaffen, in dem neue Ideen entstehen können und auch unterschiedliche Meinungen ihren Platz haben. Die Themen für unsere Schwerpunkte entstehen meist aus gemeinsamen Überlegungen. Dabei treffen persönliche Lieblingsfilme auf Werke, die schon lange auf unserer Watchlist stehen, und auf Themen, die uns auch über das Kino hinaus beschäftigen. Aus diesen Gesprächen entwickeln sich nach und nach die Ideen für die einzelnen Themenblöcke. Uns ist wichtig, dass die Auswahl nicht nur aus einer theoretischen Perspektive entsteht, sondern ebenso aus einer persönlichen Leidenschaft für Filme und dem Wunsch, bestimmte Werke mit einem Publikum zu teilen.
Welche Kriterien sind euch bei der Filmauswahl besonders wichtig?
Bei der Filmauswahl ist uns vor allem wichtig, dass die Freude am Kino im Mittelpunkt steht. Wir möchten Filme zeigen, die auf der großen Leinwand erlebt werden wollen und vielleicht nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdienen. Dabei geht es uns darum, FLINTA-Perspektiven sichtbar zu machen, die im regulären Kinobetrieb oft weniger Raum erhalten, und Werke zu entdecken, die neue Zugänge zu unterschiedlichen Themen und Lebensrealitäten eröffnen. Gleichzeitig ist die Auswahl immer auch von der Lust am gemeinsamen Filmschauen geprägt. Wir möchten unser Publikum zum Nachdenken anregen, aber genauso zum Lachen, Mitfühlen und Staunen bringen. Ein Filmabend soll keine reine Wissensvermittlung sein, sondern vor allem eine schöne gemeinsame Kinoerfahrung schaffen.
Auch wir persönlich freuen uns darauf, unsere Lieblingsfilme auf der Leinwand zu sehen oder einen Film zu entdecken, der schon lange auf unserer Watchlist steht. Wichtig ist uns außerdem, dass die Reihe einen niedrigschwelligen Zugang ermöglicht. Wir möchten sowohl Menschen ansprechen, die sich bereits intensiv mit feministischen Themen und Filmkritik beschäftigen, als auch diejenigen, die bisher vielleicht weniger Berührungspunkte damit hatten, aber neugierig und offen sind. Die Filme sollen keine Vorkenntnisse voraussetzen oder ausschließlich über eine theoretische Ebene funktionieren, sondern Menschen neugierig machen und dazu einladen, sich auf neue Themen und Perspektiven einzulassen. Im besten Fall entdeckt man dabei nicht nur einen neuen Film, sondern stößt auch auf Fragen oder Themen, mit denen man sich bisher noch nicht beschäftigt hat.
Lady Bird ist das Debüt von Greta Gerwig und erhielt fünf Oscar-Nominierungen in 2018, Foto: Universal Pictures
Habt ihr schon Ideen, in welche Richtung sich die Reihe nach dem ersten Themenblock entwickeln könnte? Welche filmischen Perspektiven oder Genres würdet ihr künftig gerne stärker in den Fokus rücken?
Auf jeden Fall – wir haben bereits viele Ideen für den nächsten Themenblock! Uns ist wichtig, dass die Reihe nicht bei einem einzelnen Thema stehen bleibt, sondern unterschiedliche Facetten des FLINTA-Filmschaffens sichtbar macht. Inhaltlich interessieren uns vor allem Themen und Genres, die bisher stark von cis-männlichen Perspektiven geprägt wurden.
Besonders spannend finden wir die Frage, wie sich klassische Genres verändern, wenn sie aus einer FLINTA-Perspektive erzählt werden – sei es Horror, Action, Thriller oder Science-Fiction. Gleichzeitig möchten wir uns mit Themen beschäftigen, die im Kino oft zu wenig Raum bekommen: etwa Darstellungen von Freundschaft und Solidarität zwischen FLINTA-Personen, queere Liebesgeschichten und Lebensrealitäten oder die Frage, wie Männlichkeit und männliche Figuren von FLINTA-Regisseur:innen inszeniert werden.
Und das sind nur einige Beispiele – wir haben bereits viele weitere Ideen gesammelt und freuen uns darauf, diese im Rahmen der Reihe umzusetzen. Unser Ziel ist es, mit jedem Themenblock neue Perspektiven auf das Kino zu eröffnen und zu zeigen, wie vielfältig FLINTA-Filmschaffen ist – nicht nur thematisch, sondern auch ästhetisch und genreübergreifend. Wir wünschen uns, dass die Filmreihe langfristig einen Raum schafft, in dem bekannte und weniger bekannte Werke miteinander in Dialog treten und der filmische FLINTA-Kanon Stück für Stück erweitert und zugänglich gemacht wird.
Was wünscht ihr euch, dass Besucher:innen nach einem Abend bei Best OFF FLINTA mit nach Hause nehmen?
Wir wünschen uns, dass die Besucher:innen bei einem Abend bei uns vor allem eine schöne und bereichernde Kinoerfahrung machen. Das Kino ist für uns ein Ort des gemeinsamen Erlebens, des Austauschs und der Inspiration – und genau diese Atmosphäre möchten wir mit der Reihe schaffen. Wir hoffen, dass Menschen sich auf die Filme einlassen, miteinander ins Gespräch kommen und vielleicht noch lange nach dem Kinobesuch über das Gesehene nachdenken.
Gleichzeitig möchten wir auch den Blick dafür öffnen, wie sehr unsere Sehgewohnheiten und unser filmischer Kanon oft von cis-männlichen Perspektiven geprägt sind. Viele von uns haben unzählige Filme gesehen, ohne bewusst darüber nachzudenken, aus welcher Perspektive sie erzählt werden und welche Stimmen dabei vielleicht weniger sichtbar waren. Unsere Reihe soll dazu ein Gegengewicht schaffen und zeigen, wie viele spannende, vielfältige und außergewöhnliche Filme von FLINTA-Regisseur:innen entstanden sind und weiterhin entstehen.
Besonders schön wäre es natürlich, wenn Besucher:innen eine neue Regisseur:in oder einen neuen Film für sich entdecken – vielleicht sogar einen neuen Lieblingsfilm – und Lust bekommen, sich weiter mit den Themen und Perspektiven auseinanderzusetzen, die in der Filmreihe behandelt werden. Wenn die Filme über den Kinosaal hinaus weiterwirken, weiterempfohlen werden und neue Gespräche über Kino, Perspektiven und Repräsentation entstehen, dann ist das genau die Art von Austausch, die wir mit der Reihe anregen möchten.
Im August setzt das Kölner OFF Broadway seine neue Filmreihe »Best OFF FLINTA« fort. Entwickelt und kuratiert wird sie von Mitarbeitenden des Kinos, die Filme von FLINTA-Regisseur:innen in wechselnden Themenschwerpunkten zusammenbringen. Im Interview mit Filmszene Köln sprechen sie über die Entstehung der Reihe, ihre kuratorischen Überlegungen und die Idee, den filmischen Kanon um weitere Perspektiven zu erweitern.
Von Werner Busch.
Werner Busch: Wie ist die Idee zu BEST OFF FLINTA entstanden? Gab es einen konkreten Auslöser oder war es ein Wunsch, der im Team schon länger vorhanden war?
Ja, den Wunsch gab es schon länger im Team. Sowohl sich in die Programmgestaltung aktiv einzubringen, als auch dies als Möglichkeit zu nutzen, das bestehende Programm zu erweitern und der dominanten Präsenz von cis-männlichen Regisseuren etwas entgegenzusetzen. Vor ungefähr zwei Jahren ist die Idee erstmals im Gespräch mit Kolleg:innen bei der Arbeit aufgekommen und wir sind sofort auf positive Resonanz gestoßen. Außerdem ist uns aufgefallen, dass gerade Filmreihen, die sich der Wiederaufführung von Filmen widmen sich meistens auf den »Kanon«, der leider stark cis-männlich geprägt ist, fokussieren.
Unser Reihenname versteht sich als Anspielung darauf und möchte verdeutlichen, dass das Beste eben nicht unbedingt das ist, was seit Jahren immer wieder aufgewärmt wird und als Filmklassiker gilt. Nach vielen Ideen, »Was-wäre-wenn«-Szenarien bei der Arbeit und ersten Gesprächen mit der Geschäftsführung hat sich die Idee dieses Frühjahr konkretisiert und wir konnten endlich mit der Planung anfangen. Dementsprechend ist die Freude jetzt umso größer, dass die Reihe endlich stattfindet und wir unsere Ideen realisieren können.
In einem Insta-Post habt ihr geschrieben, dass 2025 nur rund 20 Prozent der im OFF Broadway gezeigten Filme von FLINTA-Regisseur:innen inszeniert wurden. Ist das ein Wert, der für die aktuelle Kino-Landschaft typisch ist? Ich hätte erwartet, dass es in Arthouse-Kinos wie dem OFF ohnehin mehr Prozent wären.
Ja, das hatten wir auch. Umso ernüchternder war es, und gleichzeitig ist dieser Wert tatsächlich ziemlich bezeichnend für die gesamte Kinolandschaft! Bei einem großen Cineplex hätte es uns auch nicht verwundert, aber konkret nachzuzählen, hat uns noch einmal vor Augen geführt, wie groß das Ungleichgewicht tatsächlich ist. Dieses zieht sich durch die gesamte Kinolandschaft und ist das Ergebnis eines Systems, das jahrzehntelang Projekte von cis-Männern bevorzugt und primär gefördert hat. Denkt man an die großen Kinoklassiker und Blockbuster, findet man kaum einen Film, hinter dem eine FLINTA-Regisseur:in steht.
Natürlich gibt es vor allem im Arthouse-Kino schon länger vermehrt Filme von FLINTA-Regisseur:in, doch dabei handelt es sich meistens um kleine Produktionen mit einem schmalen Marketingbudget, und somit gehen solche Filme in der doch sehr von Wettbewerb und Kapitalismus geprägten Kinolandschaft unter. Deswegen setzen wir mit der FLINTA-Reihe den Fokus auf eben diese Filme und wollen mit der Reihe auch zeigen, welche enorme Bandbreite der FLINTA-Filmkanon zu bieten hat.
Was ist euch am Begriff FLINTA wichtig? Was eröffnet dieser programmatisch?
Der filmische Kanon und auch viele Kinoprogramme werden bis heute überwiegend von cis-männlichen Perspektiven geprägt. Für uns war deshalb schnell klar, dass es nicht ausreicht, diesem Ungleichgewicht ausschließlich cis-weibliche Perspektiven gegenüberzustellen. Mit dem Begriff FLINTA möchten wir den Blick bewusst weiter öffnen. Uns ist es wichtig, Kinokultur intersektional zu denken und unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und filmische Identitäten sichtbar zu machen.
Wir verstehen unsere Filmreihe dabei auch als Beitrag zu einer feministischen Kinokultur. Ein kuratiertes Filmprogramm kann bestehende Sehgewohnheiten hinterfragen, den filmischen Kanon erweitern und Werke zusammenbringen, die sonst selten miteinander in Verbindung gesetzt werden. So entstehen neue Dialoge und Perspektiven, die zeigen, dass das Kino schon immer von einer Vielfalt an Stimmen geprägt war – auch wenn diese lange nicht die gleiche Sichtbarkeit erhalten haben. Mit unserer Filmreihe möchten wir genau diesen Stimmen Raum geben, FLINTA-Regisseur:innen sichtbar machen und verdeutlichen, wie nachhaltig ihre Werke die Filmgeschichte und das zeitgenössische Kino geprägt haben.
Mit eurer ersten Programmreihe „Coming of Age“ widmet ihr euch zum Auftakt einem Genre, das viele Menschen mit klassischen Jugendgeschichten verbinden. Was macht gerade dieses Thema aus eurer Sicht besonders geeignet, um unterschiedliche FLINTA-Perspektiven sichtbar zu machen?
Coming-of-Age ist zum einen ein Genre, mit dem sich viele Menschen identifizieren können, und erfreut sich zum anderen großer Popularität. Die Suche nach der eigenen Identität, das Erwachsenwerden und das Austesten der eigenen Grenzen sind universelle Erfahrungen, die gleichzeitig sehr unterschiedlich erlebt werden. Gerade deshalb eignet sich das Genre besonders gut, um die Vielfalt von FLINTA-Perspektiven sichtbar zu machen und eröffnet ganz unterschiedliche filmische Herangehensweisen.
Coming-of-Age-Geschichten aus FLINTA-Perspektiven erzählen deshalb oft nicht nur vom Erwachsenwerden, sondern auch davon, sich gegen normative Vorstellungen von Geschlecht, Körper, Begehren und Lebensentwürfen zu behaupten. Ob Body Horror als Metapher für körperliche Veränderung, feinfühlige Erzählungen über die erste Liebe und queere Selbstfindung oder Geschichten, in denen das Verlassen des Elternhauses zum Akt der Emanzipation wird – gerade diese Bandbreite macht das Genre so spannend.
Für uns ist Coming of Age deshalb ein idealer Auftakt für die Filmreihe. Gleichzeitig bildet der erste Themenblock einen Einstieg in den größeren FLINTA-Filmkanon, den wir in den kommenden Themenblöcken um weitere Genres erweitern möchten.
Eure erste Staffel vereint Filme von Dee Rees, Greta Gerwig und Julia Ducournau. Was verbindet diese drei Werke für euch – oder worin unterscheiden sie sich?
Was die drei Filme für uns verbindet, ist vor allem ihr Blick auf das Erwachsenwerden und die Suche nach der eigenen Identität. Alle erzählen von jungen Menschen, die versuchen, ihren Platz in der Welt zu finden und sich von den Erwartungen ihres Umfelds zu lösen. Gleichzeitig wählen sie dafür ganz unterschiedliche filmische Ansätze: Pariah erzählt ruhig und realistisch von queerer Selbstfindung und dem Wunsch nach Selbstakzeptanz. Lady Bird verbindet Humor und Emotionalität, um Themen wie Familie, Freundschaft und das Erwachsenwerden zu behandeln. Raw geht einen völlig anderen Weg und nutzt Body Horror als Metapher für Begehren, Veränderung und die Unsicherheiten des Erwachsenwerdens. Gerade diese Vielfalt macht die Filme für uns spannend – sie zeigen, dass ähnliche Themen auf ganz unterschiedliche Weise erzählt werden können.
Ein weiterer Aspekt, der die drei Filme verbindet, ist, dass sie allesamt Regiedebüts sind. Sie markieren den Beginn dreier beeindruckender Filmkarrieren und zeigen bereits das außergewöhnliche künstlerische und filmische Können von Dee Rees, Greta Gerwig und Julia Ducournau. Für uns ist das ein schöner Ausgangspunkt für die Filmreihe: drei Debüts, die auf ganz unterschiedliche Weise zeigen, wie kraftvoll neue Stimmen das Kino bereichern können.
Ihr beschreibt den ersten Film Pariah als einen Film, den ihr »endlich auf die große Leinwand bringen« wollt. Welche Rolle spielt für euch das Kino als gemeinsamer Ort der Filmerfahrung?
Wir verstehen das Kino als einen sozialen und kulturellen Raum – einen Ort des Zusammenkommens, des Austauschs und der Begegnung. Im gemeinsamen Sehen entstehen Erfahrungen, die sich zu Hause nur schwer reproduzieren lassen: Man lacht, erschrickt oder fühlt mit anderen mit, und genau daraus können Gespräche entstehen, die über den Film hinausreichen.
Im Kontext einer FLINTA-Filmreihe wünschen wir uns, dass das Kino ein möglichst offener und sicherer Raum ist, in dem unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Die gemeinsame Filmerfahrung schafft eine besondere Form der Aufmerksamkeit.
Filme wie Pariah, der in Deutschland nie einen regulären Kinostart hatte und deshalb nur selten auf der großen Leinwand zu sehen war, gewinnen an Kraft, wenn sie gemeinsam im Kinosaal erlebt werden und anschließend Gespräche anstoßen.
Deshalb verstehen wir unsere Filmreihe nicht nur als eine Reihe von Filmvorführungen, sondern als Einladung, Filme gemeinsam zu entdecken. Für Werke, die im regulären Kinobetrieb oft unterrepräsentiert sind, kann das Kino ein Ort sein, an dem sie die Sichtbarkeit und Wertschätzung erhalten, die sie verdienen.
BEST OFF FLINTA ist ja von euch, als Mitarbeitenden des OFF Broadway Kinos, initiiert worden. Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Kollektiv? Wie trefft ihr Programmentscheidungen und wie entstehen die Themenschwerpunkte?
Die Zusammenarbeit im Kollektiv ist für uns vor allem von einem solidarischen und demokratischen Miteinander geprägt. Programmentscheidungen treffen wir gemeinsam und versuchen dabei, die unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Interessen aller Beteiligten einzubeziehen. Gleichzeitig teilen wir die Aufgaben nach den jeweiligen Stärken und Interessen auf, sodass jede Person ihre eigenen Fähigkeiten in den Prozess einbringen kann. Wir empfinden es als großes Privileg, dass in unserer Gruppe Menschen mit unterschiedlichem Vorwissen aus den Bereichen Kino- und Festivalarbeit, Filmschaffen, Gender Studies, Design und weiteren Disziplinen zusammenkommen und gemeinsam an einem Programm arbeiten. Diese Vielfalt bereichert unsere kuratorische Arbeit und führt immer wieder zu neuen Ideen und Diskussionen, auf die einzelne Personen allein vielleicht nicht gekommen wären.
Was uns dabei verbindet, ist vor allem die gemeinsame Begeisterung für das Kino und die Freude daran, Filme zu entdecken, miteinander in Beziehung zu setzen und mit anderen zu teilen. Gleichzeitig verbindet uns eine enge freundschaftliche Basis. Wir kennen uns gut, arbeiten gerne zusammen und haben dadurch einen Raum geschaffen, in dem neue Ideen entstehen können und auch unterschiedliche Meinungen ihren Platz haben. Die Themen für unsere Schwerpunkte entstehen meist aus gemeinsamen Überlegungen. Dabei treffen persönliche Lieblingsfilme auf Werke, die schon lange auf unserer Watchlist stehen, und auf Themen, die uns auch über das Kino hinaus beschäftigen. Aus diesen Gesprächen entwickeln sich nach und nach die Ideen für die einzelnen Themenblöcke. Uns ist wichtig, dass die Auswahl nicht nur aus einer theoretischen Perspektive entsteht, sondern ebenso aus einer persönlichen Leidenschaft für Filme und dem Wunsch, bestimmte Werke mit einem Publikum zu teilen.
Welche Kriterien sind euch bei der Filmauswahl besonders wichtig?
Bei der Filmauswahl ist uns vor allem wichtig, dass die Freude am Kino im Mittelpunkt steht. Wir möchten Filme zeigen, die auf der großen Leinwand erlebt werden wollen und vielleicht nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdienen. Dabei geht es uns darum, FLINTA-Perspektiven sichtbar zu machen, die im regulären Kinobetrieb oft weniger Raum erhalten, und Werke zu entdecken, die neue Zugänge zu unterschiedlichen Themen und Lebensrealitäten eröffnen. Gleichzeitig ist die Auswahl immer auch von der Lust am gemeinsamen Filmschauen geprägt. Wir möchten unser Publikum zum Nachdenken anregen, aber genauso zum Lachen, Mitfühlen und Staunen bringen. Ein Filmabend soll keine reine Wissensvermittlung sein, sondern vor allem eine schöne gemeinsame Kinoerfahrung schaffen.
Auch wir persönlich freuen uns darauf, unsere Lieblingsfilme auf der Leinwand zu sehen oder einen Film zu entdecken, der schon lange auf unserer Watchlist steht. Wichtig ist uns außerdem, dass die Reihe einen niedrigschwelligen Zugang ermöglicht. Wir möchten sowohl Menschen ansprechen, die sich bereits intensiv mit feministischen Themen und Filmkritik beschäftigen, als auch diejenigen, die bisher vielleicht weniger Berührungspunkte damit hatten, aber neugierig und offen sind. Die Filme sollen keine Vorkenntnisse voraussetzen oder ausschließlich über eine theoretische Ebene funktionieren, sondern Menschen neugierig machen und dazu einladen, sich auf neue Themen und Perspektiven einzulassen. Im besten Fall entdeckt man dabei nicht nur einen neuen Film, sondern stößt auch auf Fragen oder Themen, mit denen man sich bisher noch nicht beschäftigt hat.
Habt ihr schon Ideen, in welche Richtung sich die Reihe nach dem ersten Themenblock entwickeln könnte? Welche filmischen Perspektiven oder Genres würdet ihr künftig gerne stärker in den Fokus rücken?
Auf jeden Fall – wir haben bereits viele Ideen für den nächsten Themenblock! Uns ist wichtig, dass die Reihe nicht bei einem einzelnen Thema stehen bleibt, sondern unterschiedliche Facetten des FLINTA-Filmschaffens sichtbar macht. Inhaltlich interessieren uns vor allem Themen und Genres, die bisher stark von cis-männlichen Perspektiven geprägt wurden.
Besonders spannend finden wir die Frage, wie sich klassische Genres verändern, wenn sie aus einer FLINTA-Perspektive erzählt werden – sei es Horror, Action, Thriller oder Science-Fiction. Gleichzeitig möchten wir uns mit Themen beschäftigen, die im Kino oft zu wenig Raum bekommen: etwa Darstellungen von Freundschaft und Solidarität zwischen FLINTA-Personen, queere Liebesgeschichten und Lebensrealitäten oder die Frage, wie Männlichkeit und männliche Figuren von FLINTA-Regisseur:innen inszeniert werden.
Und das sind nur einige Beispiele – wir haben bereits viele weitere Ideen gesammelt und freuen uns darauf, diese im Rahmen der Reihe umzusetzen. Unser Ziel ist es, mit jedem Themenblock neue Perspektiven auf das Kino zu eröffnen und zu zeigen, wie vielfältig FLINTA-Filmschaffen ist – nicht nur thematisch, sondern auch ästhetisch und genreübergreifend. Wir wünschen uns, dass die Filmreihe langfristig einen Raum schafft, in dem bekannte und weniger bekannte Werke miteinander in Dialog treten und der filmische FLINTA-Kanon Stück für Stück erweitert und zugänglich gemacht wird.
Was wünscht ihr euch, dass Besucher:innen nach einem Abend bei Best OFF FLINTA mit nach Hause nehmen?
Wir wünschen uns, dass die Besucher:innen bei einem Abend bei uns vor allem eine schöne und bereichernde Kinoerfahrung machen. Das Kino ist für uns ein Ort des gemeinsamen Erlebens, des Austauschs und der Inspiration – und genau diese Atmosphäre möchten wir mit der Reihe schaffen. Wir hoffen, dass Menschen sich auf die Filme einlassen, miteinander ins Gespräch kommen und vielleicht noch lange nach dem Kinobesuch über das Gesehene nachdenken.
Gleichzeitig möchten wir auch den Blick dafür öffnen, wie sehr unsere Sehgewohnheiten und unser filmischer Kanon oft von cis-männlichen Perspektiven geprägt sind. Viele von uns haben unzählige Filme gesehen, ohne bewusst darüber nachzudenken, aus welcher Perspektive sie erzählt werden und welche Stimmen dabei vielleicht weniger sichtbar waren. Unsere Reihe soll dazu ein Gegengewicht schaffen und zeigen, wie viele spannende, vielfältige und außergewöhnliche Filme von FLINTA-Regisseur:innen entstanden sind und weiterhin entstehen.
Besonders schön wäre es natürlich, wenn Besucher:innen eine neue Regisseur:in oder einen neuen Film für sich entdecken – vielleicht sogar einen neuen Lieblingsfilm – und Lust bekommen, sich weiter mit den Themen und Perspektiven auseinanderzusetzen, die in der Filmreihe behandelt werden. Wenn die Filme über den Kinosaal hinaus weiterwirken, weiterempfohlen werden und neue Gespräche über Kino, Perspektiven und Repräsentation entstehen, dann ist das genau die Art von Austausch, die wir mit der Reihe anregen möchten.
Interview: Werner Busch
Titelbild: Jakob Stählin