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40 Jahre Allerweltskino

Filme aus Afrika, Asien und Lateinamerika, lange bevor sie hierzulande größere Aufmerksamkeit fanden: Seit 40 Jahren erweitert das Allerweltskino den filmischen Horizont in Köln. Im Interview blicken Christina Büns und Lale Konuk zurück – und im September wird das Jubiläum mit Wang Bings monumentaler Youth-Trilogie und einem Klassiker aus den Anfangsjahren gefeiert.

Von Frank Olbert.


Wer einen Allerweltsnamen trägt, wünscht sich oft, auffälliger zu heißen. Einen Verein, der sich »Allerweltskino« nennt, plagen solche Sorgen sicher nicht: Seit nunmehr 40 Jahren zeigen seine Mitglieder Filme, die schon deswegen auffallen, weil sie alles andere als Mainstream sind.

Zu den Highlights der frühen Jahre zählte zum Beispiel Souleymane Cissés »Yeleen« (1987), dem manche Kritiker für den größen afrikanischen Film hielten, der bis dahin gedreht wurde. In Cannes jedenfalls war »Yeleen« der erste afrikanische Film, der auf diesem Festival eine Auszeichnung errang, nämlich den Preis der Jury. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zeigte das »Allerweltskino« verstärkt auch Produktionen aus Osteuropa, die ohne diese Initiative oft unter dem Radar hiesiger Filmrezeption geblieben wären. Erklärtes Ziel des Vereins ist es, eben solchen Filmen zur Sichtbarkeit zu verhelfen, die in der amerikanisch und europäisch dominierten Kinokultur unserer Breiten sonst keine Chance hätte. Das betrifft vor allem Produktionen aus der »Dritten Welt«, wie der heute sogenannte Globale Süden zu Zeiten der Gründung des »Allerweltskinos« noch genannt wurde.

Das schließt nicht aus, dass auch Filme auf die Leinwand kamen, die längst als absolute Klassiker gelten und deren Schauspieler zu Starruhm gelangten: Den Auftakt des »Allerweltskino« bestritt am 16. September 1986 Peter Weirs Drama »Ein Jahr in der Hölle«, in dem ein westlicher Journalist Mitte der 1960er-Jahre den Umsturz in Indonesien miterlebt – im Mittelpunkt standen die beiden Jungdarsteller Sigourney Weaver und Mel Gibson. Vor allem aber widmete sich das »Allerweltskino« Filmen aus Afrika und Südamerika, die sich in antikolonialer Perspektive mit der Geschichte ihrer Länder auseinandersetzten: »Wend Kuuni« (»Das Geschenk Gottes«, 1982) von Gaston Kaboré aus Burkina Faso zum Beispiel, der in der Tradition oraler Überlieferung steht und vom Schicksal eines Findelkindes berichtet. Oder »Iracema« (1974), der in halbdokumenarischer Direktheit die ökologische Katastrophe im Amazonasgebiet in den Blick nimmt. Dieser Film der Brasilianer Jorge Bodanzky und Orlando Senna war zur Zeit der Militärdiktatur verboten. Er schaffte es über die 40 Jahre des »Allerweltskino« hinweg immer wieder auf den Spielplan.

In Köln standen als Träger zunächst die evangelische Melanchton-Akademie, das Bildungswerk der Erzdiözese und die Volkshochschule hinter der Initiative. Als diese Institutionen sich zurückzogen, übernahm ein Verein die Regie. Bereits vor dem Start in Köln gab es ein »Allerweltskino« in Bonn, in Aachen und Leverkusen traten Ableger hinzu. Zu den großen Schritten, die der Verein nahm, gehören die Festivals, die noch heute für das Profil des »Allerweltskino« stehen – »Tüpisch Türkisch« zum Beispiel und »Visions of Iran«. Veranstaltungsorte des »Allerweltskino« sind seit einigen Jahren das Filmforum NRW – hier finden hauptsächlich die Festivals statt – sowie das Off Broadway in der Zülpicher Straße.

Im Interview berichten die Vorstandsvorsitzenden Christina Büns und Lale Konuk von der Arbeit des »Allerweltskino«.


Interview

Souleymane Cissés »Yeleen« (1987), Foto: Trigon Film

Christina Büns, Lale Konuk, wie ging es los mit dem Allerweltskino? Es startete 1986 als »entwicklungspolitische Filmreihe«, wie es damals hieß.

Lale Konuk: Joachim Steinigeweg, Martin Block und Ralph Sikau waren damals sehr aktiv – sie haben den Staffelstab mittlerweile an uns, Christina Büns als Vorstandsvorsitzende und mich als stellvertretende Vorstandsvorsitzende, weitergegeben. In den 80er-Jahren gründeten sich diverse Vereine, die sich der »Dritten Welt« widmeten, so lautete die Formulierung. Es gab einen großen Bedarf an Filmen aus Regionen, die wir heute dem »Globalen Süden« zuordnen würden. Das Allerweltskino hat diesem Bedürfnis von Anfang an Rechnung getragen und diesen Filmen und ihren Perspektiven in Köln einen Raum gegeben.

Wo wurden die Filme in den Anfängen gezeigt?

Christina Büns: Es begann in Bonn und ging dann nach Köln über – Aachen und Leverkusen waren auch mit von der Partie. In Köln war der Abspielort das Weisshaus-Kino, dann das Metropolis, und seit 2001 sind wir im Off-Broadway sowie im Filmforum im Museum Ludwig – dort überwiegend mit den Festivals.

Wie lautet die Programmatik des Vereins, der das Allerweltskino betreibt?

Christina Büns: In unserer Satzung halten wir fest, dass im Mittelpunkt unseres Vereins Filme aus aller Welt stehen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Filmen aus dem Globalen Süden und auf Filmkulturen jenseits des amerikanischen und europäischen Mainstreams. Es geht aber auch um bestimmte Themen: um Globalisierung und die damit verbundenen Machtverhältnisse, Herausforderungen und Chancen. Um Migration, interkulturelle Begegnung und Zusammenleben sowie die Klimakrise. Wichtig ist uns dabei, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und Filmkulturen nicht aus einer vermeintlich übergeordneten europäischen Perspektive heraus zu betrachten.

Wer kuratiert das Programm?

Das geschieht im Verein. Jeder und jede hat die Möglichkeit, Vorschläge einzubringen. Wir sind rund 20 Ehrenamtliche, zum Teil noch Mitglieder, die seit den Anfängen dabei sind. Auch Jüngere sind dabei, und beruflich ist die Palette ganz unterschiedlich. Viele haben einen kulturellen und filmischen Hintergrund, zwei Mitglieder kommen vom Fernsehen, zwei weitere arbeiten journalistisch, andere wie ich arbeiten in der Entwicklungszusammenarbeit.

Welche Rolle spielen die Festivals?

Lale Konuk: Ein wichtiger Kooperationspartner ist das Afrika Film Festival Köln. Bei »Tüpisch Türkisch« und »Visions of Iran« ist das Allerweltskino selbst Träger der Festivals. An den Ukrainischen Filmtagen, den Kölner Kino Nächten und dem geplanten DOK Brasil Cologne beteiligen wir uns ebenfalls. Die Festivals sind für uns eine wichtige Möglichkeit, bestimmte Filmkulturen und Perspektiven noch stärker sichtbar zu machen und gemeinsam mit anderen AkteurInnen ein vielfältiges Programm in Köln auf die Beine zu stellen.

Wie steht das Allerweltskino in der aktuellen Situation als politisches Signal da, in einer Zeit, in der Multikulturalismus lächerlich gemacht wird, falls man nicht gleich versucht, dies zu untergraben und abzuschaffen?

Lale Konuk: Das Allerweltskino sendet ganz bewusst auch ein politisches Signal. Das zeigt sich beispielsweise beim Festival »Tüpisch Türkisch«, bei dem wir eng mit der LGBTQ+-Szene in Ankara zusammenarbeiten und versuchen, deren Filmauswahl bei uns zu präsentieren. Gleichzeitig spüren wir den starken Druck, unter dem queere Communities in der Türkei stehen und der ihre kulturelle Arbeit zunehmend einschränkt. Umso wichtiger ist es für uns, als verlässlicher Ansprechpartner da zu sein: Sobald queere FilmemacherInnen einen Film realisieren können, möchten wir ihnen die Möglichkeit geben, ihre Arbeiten bei uns zu zeigen und damit Sichtbarkeit und Öffentlichkeit zu schaffen.

Christina Büns: Zum Bildungsauftrag, den wir als Verein ernst nehmen, gehört für uns auch, die Filme zu kontextualisieren. Deshalb gibt es vor Filmbeginn immer eine Einführung, in der es zum Beispiel um den filmischen, gesellschaftlichen oder politischen Kontext geht. Dabei wollen wir die Filme nicht einfach aus einer europäischen Perspektive heraus erklären, sondern auch die Perspektiven und Zusammenhänge berücksichtigen, aus denen sie selbst entstanden sind. Wir wollen Filme also nicht einfach nur zeigen, sondern auch dazu anregen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Lale Konuk: Bei unseren Festivals arbeiten wir mit KuratorInnen und ModeratorInnen, die mit den jeweiligen Themen bestens vertraut sind, sensibel für Zwischentöne sind und zugleich kulturelle Brücken schlagen können. Uns ist wichtig, dass nicht ausschließlich eine weiße Perspektive die Deutungshoheit bestimmt. Deshalb geben wir den Filmschaffenden selbst Raum und lassen sie ihre Arbeiten und Perspektiven vorstellen – gerade auch im Kurzfilmprogramm.


Sonderprogramm zum Jubiläum

Die Sonne der Hyänen (1977) ist ein Film aus der Anfangszeit des »Allerweltskino« über Tourismus und den Wandel in einem tunesischen Dorf. Das Screening ist kostenfrei.

Das Wang-Bing-Trilogie-Special »Youth« im Filmforum NRW:

  • Teil 1: »Spring« (Qingchun) – Freitag, 11. September, 18.00 Uhr: Einblicke in den Alltag junger Textilarbeiter in China (212 Min.).
  • Teil 2: »Hard Times« (Qingchun: Ku) – Samstag, 12. September, 14.00 Uhr: Fokus auf den Kampf um Löhne und faire Bezahlung (226 Min.).
  • Teil 3: »Homecoming« (Qingchun: Gui) – Samstag, 12. September, 19.30 Uhr: Der dritte Teil der Dokumentarreihe im Filmforum NRW.

Im Off Broadway Kino:

  • Die Sonne der Hyänen – Dienstag, 15. September: Ein Film aus der Anfangszeit des »Allerweltskino« von Ridha Behi (1977) über Tourismus und den Wandel in einem tunesischen Dorf (Kostenfreie Veranstaltung).

Titelbild: »Spring« (Qingchun) (c) Pyramide Films

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