Mit Filmen wie Ida und Cold War wurde der polnische Regisseur und Oscarpreisträger Paweł Pawlikowski international bekannt. In Vaterland richtet er seinen Blick nun auf Thomas Mann, dessen schwieriges Verhältnis zu Deutschland und die Konflikte innerhalb der Familie Mann – vor dem Hintergrund einer Reise durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland.
Von Andreas Füser.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begeben sich Literaturnobelpreisträger Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter, die Schauspielerin, Autorin und Kabarettistin Erika (Sandra Hüller), auf eine Reise durch ein Deutschland in Trümmern – von Frankfurt in der amerikanischen Besatzungszone bis ins sowjetisch kontrollierte Weimar.
Es ist 1949 der erste Besuch von Thomas Mann in Deutschland nach seiner Emigration und dem amerikanischen Exil. Zum Goethe-Jubiläum wünscht man sich auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze Worte des Trostes, der Zustimmung und der Vergebung vom größten aller Erzähler. Zwischen euphorischen Wagner-Erben und literarisch versierten Generälen wird Deutschlands wichtigster Schriftsteller hofiert und manchmal auch beschimpft, während das Drama seiner eigenen Familie leise eskaliert.
Thomas Mann reist gemeinsam mit seiner Tochter Erika, die er auch als Chauffeurin braucht, in einer amerikanischen Luxuslimousine, einem schwarzen Buick, durch das geteilte Deutschland. Es ist eine Reise in ein Land, zu dem Thomas Mann ein ambivalentes Verhältnis hat (siehe unten »Zum Hintergrund«). Aber Regisseur Paweł Pawlikowski, der die Überzeugung vertritt, dass man Geschichte nicht adäquat wiedergeben kann, legt den Fokus dann auch stärker auf das Verhältnis von Thomas Mann zu seiner Tochter Erika und seinem Sohn Klaus (August Diehl). Hanns Zischler spielt Thomas Mann dabei als unnahbaren, wenig empathischen Menschen, der in der Öffentlichkeit immer kontrolliert auftritt und auch gegenüber seinen Kindern eine große Distanz pflegt.
Zu der Frage nach historischen Fakten und filmischer Umsetzung meinte Pawlikowski, dass einige Freiheiten hinsichtlich der historischen Fakten und deren Chronologie genommen wurden, um das Persönliche und das Historische auf ergreifende und sich gegenseitig bereichernde Weise miteinander zu verbinden. Dabei habe man sich bemüht, der emotionalen und intellektuellen Wahrheit der Geschichte treu zu bleiben.
Es ist also kein historisch »korrekter« Film, aber doch einer, der die damalige gesellschaftliche Lage in Deutschland deutlich widerspiegelt und auch die Person Thomas Mann glaubhaft darstellt. Eine besondere Rolle spielt dabei die Musik von Johann Sebastian Bach (ohne dies hier näher zu spoilern).
In Schwarz-Weiß haben der Regisseur Paweł Pawlikowski und sein Kameramann Łukasz Żal eindrückliche Bilder der Nachkriegszeit in den beiden Teilen Deutschlands gefunden. Durch die Verwendung des fast quadratischen Academy-Bildformats (1.3:1), die Bildkompositionen und die sparsame Bewegung wird das, was das Publikum sieht, beschränkt.
Pawlikowski glaubt, wie gesagt, nicht, dass man Geschichte im Film erklären kann, und so werden in seiner inhaltlichen Umsetzung von Manns Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1949 und dessen Versuch, die Teilung und zunehmende ideologische Polarisierung seines Landes zu überwinden, offensichtliche Parallelen zur heutigen Zeit erkennbar.
Damit ist Vaterland nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern auch ein Spiegel der Gegenwart. Gerade in der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation bietet der Film Anlass zur Reflexion. Unabhängig davon bietet er zudem die Gelegenheit, sich mit Thomas Mann (noch einmal) zu beschäftigen und die Bedeutung dieses einflussreichen Schriftstellers, der über vielfältige Themen wie die Krise des Bürgertums, Politik, Sexualität und Familie schrieb, für die deutsche Geschichte zu erkennen.
Mit feiner Unerbittlichkeit überblendet Vaterland zugleich den Nullpunkt der deutschen Geschichte mit dem Finale einer Familiensaga.
Der Film startet am 3. September 2026 in den deutschen Kinos und wird in Köln zu sehen sein im:
- Cinenova
- Filmpalette
- Metropolis
- Odeon
- Residenz Astor Film Lounge
- Rex am Ring
- Weisshaus
Zum Hintergrund:
Thomas Mann zählte zu den wichtigsten prominenten Gegnern des Nationalsozialismus. Am 17.10.1930 hielt Thomas Mann eine Rede mit dem Titel »Appell an die Vernunft«.
Diese Rede ging als »Deutsche Ansprache« in die Geschichte ein und hat in der heutigen Zeit wieder eine beängstigende Aktualität, da sie sich sehr klar und deutlich gegen den Nationalsozialismus und rechte Tendenzen aussprach. Er nannte den Nationalsozialismus »eine Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsrohheit« mit »Massenkrampf, Budengeläut, Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Munde hat«. Mann fragte, ob »das Wunschbild einer primitiven, blutreinen, herzens- und verstandesschlichten, hackenzusammenschlagenden, blauäugig gehorsamen und strammen Biederkeit, diese vollkommene nationale Simplizität in einem reifen, viel erfahrenen Kulturvolk wie dem deutschen« überhaupt deutsch sei und in diesem Land verwirklicht werden könne.
Im Oktober 1932 warnte er erneut vor Hitler, dem Nationalismus und einer Autokratie.
Am 10. Mai 1933, dem Tag der »Bücherverbrennung«, wurde Thomas Mann aus dem Münchener Literaturbeirat ausgeschlossen. Seine Werke blieben allerdings von der Bücherverbrennung verschont. Anders war dies bei den Büchern seines Bruders Heinrich und seines Sohnes Klaus. 1938 übersiedelte Thomas Mann mit seiner Familie in die USA.
Manns Verhältnis zum Nachkriegsdeutschland:
Mann hatte zwischen sich und einflussreiche literarisch-publizistische Kreise des westlichen Nachkriegsdeutschlands einen Keil getrieben: In seinem offenen Brief »Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre« setzte er sich mit der Frage der deutschen Schuld auseinander. Drohbriefe waren die Folge, auch aufgrund seiner durchaus fragwürdigen Position zur Bombardierung deutscher Städte. Sein lapidarer Kommentar dazu lautete nämlich: »Alles muss bezahlt werden«. Eine durchaus diskutierbare Aussage.
Erst nach Jahren stellte sich eine gewisse Versöhnung zwischen Thomas Mann und »seinem Vaterland« ein.
Der Film Vaterland nimmt so die Reise Thomas Manns 1949 anlässlich der Feiern zu Goethes 200. Geburtstag nach Deutschland als Grundlage. Mann besuchte damals Frankfurt am Main (Trizone) und Weimar (sowjetische Zone). In Frankfurt erhielt er den (westdeutschen) Goethe-Preis, in Weimar den (ostdeutschen) Goethe-Nationalpreis. In Weimar traf er den Präsidenten des »Kulturbundes« und späteren Kulturminister der DDR Johannes R. Becher sowie Oberst Tiulpanow, Leiter der Informationsabteilung der SMAD. Beide wollen Mann für die Belange der DDR gewinnen. Gerade dieser Besuch in Weimar wurde in Westdeutschland äußerst misstrauisch betrachtet. Thomas Mann meinte dazu: »Ich kenne keine Zonen. Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet.«
Mit Filmen wie Ida und Cold War wurde der polnische Regisseur und Oscarpreisträger Paweł Pawlikowski international bekannt. In Vaterland richtet er seinen Blick nun auf Thomas Mann, dessen schwieriges Verhältnis zu Deutschland und die Konflikte innerhalb der Familie Mann – vor dem Hintergrund einer Reise durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland.
Von Andreas Füser.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begeben sich Literaturnobelpreisträger Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter, die Schauspielerin, Autorin und Kabarettistin Erika (Sandra Hüller), auf eine Reise durch ein Deutschland in Trümmern – von Frankfurt in der amerikanischen Besatzungszone bis ins sowjetisch kontrollierte Weimar.
Es ist 1949 der erste Besuch von Thomas Mann in Deutschland nach seiner Emigration und dem amerikanischen Exil. Zum Goethe-Jubiläum wünscht man sich auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze Worte des Trostes, der Zustimmung und der Vergebung vom größten aller Erzähler. Zwischen euphorischen Wagner-Erben und literarisch versierten Generälen wird Deutschlands wichtigster Schriftsteller hofiert und manchmal auch beschimpft, während das Drama seiner eigenen Familie leise eskaliert.
Thomas Mann reist gemeinsam mit seiner Tochter Erika, die er auch als Chauffeurin braucht, in einer amerikanischen Luxuslimousine, einem schwarzen Buick, durch das geteilte Deutschland. Es ist eine Reise in ein Land, zu dem Thomas Mann ein ambivalentes Verhältnis hat (siehe unten »Zum Hintergrund«). Aber Regisseur Paweł Pawlikowski, der die Überzeugung vertritt, dass man Geschichte nicht adäquat wiedergeben kann, legt den Fokus dann auch stärker auf das Verhältnis von Thomas Mann zu seiner Tochter Erika und seinem Sohn Klaus (August Diehl). Hanns Zischler spielt Thomas Mann dabei als unnahbaren, wenig empathischen Menschen, der in der Öffentlichkeit immer kontrolliert auftritt und auch gegenüber seinen Kindern eine große Distanz pflegt.
Zu der Frage nach historischen Fakten und filmischer Umsetzung meinte Pawlikowski, dass einige Freiheiten hinsichtlich der historischen Fakten und deren Chronologie genommen wurden, um das Persönliche und das Historische auf ergreifende und sich gegenseitig bereichernde Weise miteinander zu verbinden. Dabei habe man sich bemüht, der emotionalen und intellektuellen Wahrheit der Geschichte treu zu bleiben.
Es ist also kein historisch »korrekter« Film, aber doch einer, der die damalige gesellschaftliche Lage in Deutschland deutlich widerspiegelt und auch die Person Thomas Mann glaubhaft darstellt. Eine besondere Rolle spielt dabei die Musik von Johann Sebastian Bach (ohne dies hier näher zu spoilern).
In Schwarz-Weiß haben der Regisseur Paweł Pawlikowski und sein Kameramann Łukasz Żal eindrückliche Bilder der Nachkriegszeit in den beiden Teilen Deutschlands gefunden. Durch die Verwendung des fast quadratischen Academy-Bildformats (1.3:1), die Bildkompositionen und die sparsame Bewegung wird das, was das Publikum sieht, beschränkt.
Pawlikowski glaubt, wie gesagt, nicht, dass man Geschichte im Film erklären kann, und so werden in seiner inhaltlichen Umsetzung von Manns Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1949 und dessen Versuch, die Teilung und zunehmende ideologische Polarisierung seines Landes zu überwinden, offensichtliche Parallelen zur heutigen Zeit erkennbar.
Damit ist Vaterland nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern auch ein Spiegel der Gegenwart. Gerade in der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation bietet der Film Anlass zur Reflexion. Unabhängig davon bietet er zudem die Gelegenheit, sich mit Thomas Mann (noch einmal) zu beschäftigen und die Bedeutung dieses einflussreichen Schriftstellers, der über vielfältige Themen wie die Krise des Bürgertums, Politik, Sexualität und Familie schrieb, für die deutsche Geschichte zu erkennen.
Mit feiner Unerbittlichkeit überblendet Vaterland zugleich den Nullpunkt der deutschen Geschichte mit dem Finale einer Familiensaga.
Der Film startet am 3. September 2026 in den deutschen Kinos und wird in Köln zu sehen sein im:
Zum Hintergrund:
Thomas Mann zählte zu den wichtigsten prominenten Gegnern des Nationalsozialismus. Am 17.10.1930 hielt Thomas Mann eine Rede mit dem Titel »Appell an die Vernunft«.
Diese Rede ging als »Deutsche Ansprache« in die Geschichte ein und hat in der heutigen Zeit wieder eine beängstigende Aktualität, da sie sich sehr klar und deutlich gegen den Nationalsozialismus und rechte Tendenzen aussprach. Er nannte den Nationalsozialismus »eine Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsrohheit« mit »Massenkrampf, Budengeläut, Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Munde hat«. Mann fragte, ob »das Wunschbild einer primitiven, blutreinen, herzens- und verstandesschlichten, hackenzusammenschlagenden, blauäugig gehorsamen und strammen Biederkeit, diese vollkommene nationale Simplizität in einem reifen, viel erfahrenen Kulturvolk wie dem deutschen« überhaupt deutsch sei und in diesem Land verwirklicht werden könne.
Im Oktober 1932 warnte er erneut vor Hitler, dem Nationalismus und einer Autokratie.
Am 10. Mai 1933, dem Tag der »Bücherverbrennung«, wurde Thomas Mann aus dem Münchener Literaturbeirat ausgeschlossen. Seine Werke blieben allerdings von der Bücherverbrennung verschont. Anders war dies bei den Büchern seines Bruders Heinrich und seines Sohnes Klaus. 1938 übersiedelte Thomas Mann mit seiner Familie in die USA.
Manns Verhältnis zum Nachkriegsdeutschland:
Mann hatte zwischen sich und einflussreiche literarisch-publizistische Kreise des westlichen Nachkriegsdeutschlands einen Keil getrieben: In seinem offenen Brief »Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre« setzte er sich mit der Frage der deutschen Schuld auseinander. Drohbriefe waren die Folge, auch aufgrund seiner durchaus fragwürdigen Position zur Bombardierung deutscher Städte. Sein lapidarer Kommentar dazu lautete nämlich: »Alles muss bezahlt werden«. Eine durchaus diskutierbare Aussage.
Erst nach Jahren stellte sich eine gewisse Versöhnung zwischen Thomas Mann und »seinem Vaterland« ein.
Der Film Vaterland nimmt so die Reise Thomas Manns 1949 anlässlich der Feiern zu Goethes 200. Geburtstag nach Deutschland als Grundlage. Mann besuchte damals Frankfurt am Main (Trizone) und Weimar (sowjetische Zone). In Frankfurt erhielt er den (westdeutschen) Goethe-Preis, in Weimar den (ostdeutschen) Goethe-Nationalpreis. In Weimar traf er den Präsidenten des »Kulturbundes« und späteren Kulturminister der DDR Johannes R. Becher sowie Oberst Tiulpanow, Leiter der Informationsabteilung der SMAD. Beide wollen Mann für die Belange der DDR gewinnen. Gerade dieser Besuch in Weimar wurde in Westdeutschland äußerst misstrauisch betrachtet. Thomas Mann meinte dazu: »Ich kenne keine Zonen. Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet.«