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Rache-Schuld-Vergebung

Am Donnerstag, 29. März, startet die neue Filmgeschichten-Reihe des Filmforum NRW e. V., die diesmal den Motivkomplex „Rache – Schuld – Vergebung“ in den Mittelpunkt rückt. Viele provokante und zumeist wenig gezeigte Filmklassiker und -raritäten stehen bis Dezember 2018 auf dem abwechslungsreichen Spielplan.

Die Reihe startet mit einem Osterspecial und zeigt am Gründonnerstag zum Auftakt mit Akira Kurosawas „Rashomon“ (1950) einen der großen japanischen Filmklassiker. Filmhistorikerin Prof. Dr. Lisa Gotto wird die Bedeutung der Motive in diesem Film, Kurosawas Schaffen, und der Reihe insgesamt in einem Vortrag vorstellen. Simone Stewens, Geschäftsführerin der ifs internationale filmschule köln wird ein Grußwort zum Auftakt geben. Schon am Ostermontag, 2. April, geht es weiter mit „Das 1. Evangelium – Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini, gezeigt in seinem originalen Aufführungsformat als 35mm-Filmkopie.

Filmszene Köln sprach mit der Filmkuratorin Marieke Steinhoff, die die Filmgeschichten-Reihe seit Beginn begleitet:

Filmszene: Das Thema der Filmgeschichten in diesem Jahr lautet „Rache – Schuld – Vergebung“, wie seid ihr auf dieses Thema gekommen?
Steinhoff: Die Reihe „Filmgeschichten“ wird von den Mitgliedern des Filmforum NRW e.V. kuratiert. Wir treffen uns in regelmäßigen Abständen, legen gemeinsam Themen und Motive fest und diskutieren mögliche Filme. Auf den Motivkomplex „Rache – Schuld – Vergebung“ konnten wir uns sehr schnell einigen, da diese Konstellation eine große Bandbreite bietet, vom klassischen Justizdrama über Actionfilme bis hin zu Subgenres wie Rape-and-Revenge-Filmen. Spannend ist hier natürlich, wie unterschiedlich die Motive je nach Genre, Entstehungszeit und -ort in den Filmen ausformuliert werden. Man lernt beim Vergleichen der Filme auf jeden Fall viel über Genre-Konventionen und Dramaturgie. Außerdem ermöglichen die Motive Einblicke in gesellschaftliche Moralvorstellungen der jeweiligen Zeit, was gerade jetzt, wo Diskussionen um Moral und Ethik wieder hoch im Kurs stehen, ein spannender Abgleich sein kann.

Filmszene: Auf welche Filme freust du dich persönlich besonders?
Steinhoff: Eigentlich fast alle! Sehr beeindruckt hat mich zum Beispiel „Fury“, das US-Debüt von Fritz Lang, den er kurz nach seiner Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland gedreht hat. Dort wird ein Mann fälschlicherweise verhaftet, landet im Gefängnis und wird dort von einer immer größer werdenden Gruppe von aufgebrachten Bürgern drangsaliert. Diese kopflose und destruktive Energie eines entfesselten Mobs und die Hysterie, mit der die Medien auf das Ereignis reagieren, kommen einem erschreckend aktuell vor. „Lady Snowblood“ auf großer Leinwand zu sehen wird auch großartig, sowohl visuell wie auch narrativ ist der Film beeindruckend und immer wieder auch sehr überraschend, und dann macht es natürlich Spaß, zu vergleichen, was Tarantino sich für seinen Remix „Kill Bill“ herausgezogen hat. Besonders intensiv fallen Fragen nach Schuld oder Unschuld natürlich im dokumentarischen Format aus, und da ist „Capturing the Friedmans“ von Andrew Jarecki ein sehr nachdrückliches Erlebnis. Der Film begleitet den Prozess gegen einen Vater und seinen Sohn, die wegen mehrfacher Kindesmisshandlung angeklagt sind. Ein wichtiger Bestandteil der Doku sind Home-Videos – die Familie filmte sich nämlich vor und während der Ermittlungen selber. Zusammen mit den Interviews und Prozessberichten, die Jarecki hinzufügt, ergibt sich ein unlösbares Puzzle, das den Zuschauer auf sich selbst zurückwirft und zu der Instanz macht, die zweifelt oder verurteilt.

Filmszene: Was macht den Film „Rashomon“ zu einem idealen Auftakt für die Reihe?
Steinhoff: Mit „Rashomon“ begann nicht nur Kurosawas internationale Karriere, der Film hat auch Japan final das Tor zum Weltkino geöffnet. Im Zentrum steht ein Verbrechen, das von vier verschiedenen Personen erlebt und in einander widersprechender Weise erzählt wird. Die Handlung wird seitdem sowohl als psychologisches Phänomen, als „Rashomon-Effekt“, als auch als philosophische Parabel von der Subjektivität der Realität diskutiert. Entscheidend für „Rashomon“ ist aber, dass es am Ende nicht um die Auflösung der „richtigen“ Geschichte geht, sondern um eine helfende Geste, die die Frage nach der Wahrheit überflüssig erscheinen lässt. Schuldig machen sich bei Kurosawa diejenigen, die nur an ihrem eigenen Ego interessiert sind und in Schwarz-Weiß-Schemata denken. Hoffnung wiederum verspricht der Mensch, der Gut und Böse als Einheit akzeptiert und sich im entscheidenden Moment dafür entscheidet, das Richtige zu tun, nämlich anderen zu helfen. Ein sehr humanistischer Ansatz also, den ich als Antwort auf die immer heikle Frage nach der Wahrheit sehr schön finde.

Detaillierte Informationen zum gesamten Programm unter: www.filmforumnrw.de

Eintritt: 6,50 / 5,50 EUR ermäßigt, Sammelkarte (für alle 12 Filmgeschichten-Vorstellungen): 60,- Euro.Karten nur an der Kinokasse.

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