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„Das Filmteam wurde ein Teil des Rudels”

Das junge Regie-Duo Elsa Kremser und Levin Peter waren am Wochenende mit ihrem Film SPACE DOGS zu Gast beim 22. Stranger Than Fiction Dokumentarfilmfest. Im Gespräch berichten sie von der Entstehung des Films, den Drehbedingungen und der jahrelangen Vertrauensarbeit, die sowohl mit den wilden Tieren als auch mit dem Moskauer Raumfahrtinstitut notwendig war. 

Der Film SPACE DOGS erzählt die Geschichte der streunenden Hündin Laika, welche von der sowjetischen Raumfahrt aufgegriffen und als erstes Lebewesen ins All – und damit in den sicheren Tod geschickt wurde. Doch was geschah eigentlich, als Laikas toter Körper beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte? Diese Frage lässt Kremser und Levin die Legende weiterspinnen. In Form einer magisch-märchenhaften Erzählung mit russischem Voice-Over kehrt Laikas Geist zur Erde und in die Straßen Moskaus zurück. Gedreht aus Perspektive der Hunde und verwoben mit bisher unveröffentlichtem Filmmaterial aus der Ära der sowjetischen Raumfahrt, begleitet der Film die Abenteuer der möglichen Nachfahren Laikas im heutigen Moskau.

Das Regie-Duo Elsa Kremser und Levin Peter kennen sich bereits seit über zehn Jahren. SPACE DOGS ist ihr Debütfilm und das erste Filmprojekt mit der eigens gegründeten Produktionsfirma RAUMZEITFILM mit Sitz in Wien. Bereits während ihres gemeinsamen Studiums an der Filmakademie Ludwigsburg entstehen Filme in der Konstellation mit Bildgestalter Yunus Roy Imer und Sounddesigner Jonathan Schorr – letzterer mit seinem Studio mittlerweile in Köln ansässig.

Filmgespräch beim Stranger Than Fiction #22 im Filmforum NRW: v.l.n.r. Joachim Kühn (Real Fiction Filmverleih), Levin Peter&Elsa Kremser (Regie), Jonathan Schorr (Sounddesign)
Das Regie-Duo Kremser & Levin im Interview in der Filmpalette Köln

Seine Anfänge nahm der Film SPACE DOGS u.a. in NRW: 2016 erhielt Levin Peter das renommierte Gerd-Ruge Stipendium – eine Projektentwicklungsförderung der Filmstiftung NRW. Das Gerd-Ruge Stipendium lobt Levin als ein Stipendium, das sich besonders frei gestalten lässt. Es hat ihm und dem Team ermöglicht in besonders langen und aufwendigen Testphasen vor Ort eine Beziehung zu den Moskauer Straßenhunden zu entwickeln. „Es gab eine Art Casting, ja das stimmt!”, lacht Elsa Kremser. „Wir haben über 50 verschiedene Rudel gesehen. Schließlich haben wir uns für ein Rudel entschieden, dessen Revier sehr städtisch lag. Außerdem war unser Protagonist ein besonders junger Hund, der uns auf Anhieb sympathisch war. Er war so neugierig und wach und hatte diesen ständigen Ausprobier-Drang.” Genau dieser wird in Szenen deutlich, in denen er Party-Luftballons zerbeißt und an Motorhauben knabbert, bis die Alarmanlage ertönt. Amüsante Momente, die im Kinosaal für lautes Lachen sorgen. 

Die Drehbedingungen im winterlichen Moskau bei bis zu -25 Grad Celsius und das schnelle Folgen des Rudels mit der gesamten Filmtechnik im Gepäck bedeutete eine enorme Herausforderung für das kleine Team von fünf Leuten. Gefüttert haben sie die Hunde nie. „Wir mussten uns ja fragen: Wie schaffen wir es, dass sich die Hunde auch nach Monaten noch für uns interessieren? Durch unsere Beobachterrolle konnten wir eine langfristige Spannung aufrecht erhalten. Wir haben sehr viel Zeit damit verbracht das Rudel einfach nur zu beobachten – beim schlafen, essen, kämpfen, warten.. und wir sind ihnen gefolgt auf ihren täglichen, immer gleichen Wegen und Runden. Irgendwann haben die Hunde sogar auf uns gewartet – und das war der Moment, an dem wir wussten: Jetzt sind wir ein Teil des Rudels.”

Zugleich entstanden erst ab diesem Zeitpunkt die Bilder, die später im Film zu sehen sind und die eine besondere Nähe und Selbstverständlichkeit suggerieren. Die besonders nahe Kamera, die sich durchweg auf Augenhöhe mit den Tieren bewegt, ist ein Resultat dieser monatelangen Vertrauensarbeit.  „Es ist ein sehr physischer Film, der das Folgen der Hunde auch ungemütlich macht”, so Peter. Dennoch betonen die Regisseure, dass nach etwa der 8. Drehwoche die Präsenz der Kamera und des Teams in den Aufnahmen der Hunde verschwindet:

„Sie blicken nicht mehr direkt in die Kamera, ihre Unsicherheiten verschwinden. Dadurch wurden die Aufnahmen mit der Zeit weniger bruchhaft und es entstand ein freierer Blick auf die Tiere, mit dem sich die ZuschauerInnen auch besser auf den Film und die Tiere einlassen können.”

Die physische Atmosphäre ist auch der großartigen Vertonung und dem Sounddesign geschuldet. Tatsächlich gelang es Simon Peter und Jonathan Schorr irgendwann die Hunde zu verkabeln und auf diese Weise unmittelbare Aufnahmen möglich zu machen. „Natürlich konnten wir die Hunde nicht davon abhalten, ständig in die plüschige Tonkatze zu beißen.” Für die Nachsynchronisation kamen unter anderem auch Kölner Hunde zum Einsatz, erzählen Jonathan Schorr und das Team erheitert.

Eine weitere Besonderheit des Films ist das zuvor unveröffentlichte historische Filmmaterial, welches in einem Keller des „Institute of Biomedical Problems” auftauchte und das auf einzigartige Weise die Forschungen zu den sowjetischen Hunde-Kosmonauten dokumentiert. Zu sehen sind in Form von Lehrfilmen die brutalen Trainings und Operationen, welche die Hunde in den Vorbereitungen auf ihre Raumfahrtmissionen durchlaufen mussten. Von diesem Material zu erfahren und es schließlich verwenden zu dürfen, bedeutete eine über drei Jahre währende Recherche- und Überzeugungsarbeit.

„Das Institut wollte uns das Material lange Zeit nicht geben – aus Angst vor westlichen Medien und neuen Skandalen.”

Im Kontext der sogenannten „Biomissionen” in den 60er Jahren geriet das Institut aufgrund von Tierversuchen bereits in der Vergangenheit in die Kritik. Schließlich konnten wir sie aber von der Idee unseres Films überzeugen und dass es uns um etwas anderes ging. Das gelang letztlich nur mithilfe von Sergej Kachkin, der die komplette Archiv-Recherche für uns betreut hat.” Das Material war zudem komplett stumm – ein Fakt, der dazu führte, eine eigene Filmmusik zu komponieren (John Gürtler & Jan Miserre). Das hatte den schönen Nebeneffekt, dass es nun zusätzlich zu dem Film auch einen Soundtrack auf Platte gibt. 

Im Film kommen neben den Hunde-Kosmonauten noch weitere Tiere vor, die allesamt als tragische Figuren für die Massenunterhaltung des Menschen herhalten müssen: Ein Show-Schimpanse und zwei Landschildkröten im heutigen Moskau, deren Vorfahren ebenfalls ins All geschickt wurden. Die vielen kleinen märchenhaften Momente im Film waren inspiriert von Sci-Fi Klassikern, russischen Märchen, Tiergeschichten und Spielfilmen. „Stanislaw Lem, Terry Pratchett und Andersen. Vor allem aber auch der Film “Arabian Nights” von Miguel Gomes”, verraten die Regisseure.

„Es gibt keine Vorbilder für das Erzählen mit Hunden. Wie zeigt man deren Emotionen? Wie übersetzt man ihre Sprache im Film?

Das mussten wir erst alles entwickeln. Das Wissen über Straßenhunde ist allgemein kaum vorhanden. Wir mussten viel mit den Moskauern sprechen und uns auf unsere Intuition verlassen.”

„Hattet ihr manchmal Angst in der Begegnung mit den wilden Straßenhunden?“, frage ich die beiden. „Es gab Situationen, in denen wir fremden Rudeln der Stadt begegneten und es zu einer Konfrontation mit den Hunden “unseres” Rudels kam. Teilweise mussten wir deren kämpferischen Austragungen mit ansehen. Wir konnten und wollten da nicht eingreifen und hatten einfach Angst um ihr Leben. Tatsächlich hatten wir mehr Angst vor der Polizei in Moskau. Es gab ständig irgendwelche Kontrollen und wir hatten oft keine offiziellen Drehgenehmigungen. Uns hätte das Visum jederzeit entzogen werden können”, berichten Kremser und Peter. 

Und wie geht es weiter? „Die Resonanz war sehr groß – SPACE DOGS hat insgesamt über 40 Festivalzusagen bekommen und kommt Ende Mai auch in die deutschen Kinos.” Der Film ist nur der erste Teil einer Hunde-Trilogie, die sie planen. Der zweite Teil „Dreaming Dogs and Barking Men” wird aktuell schon gedreht. Wieder mit Moskauer Straßenhunden, im Fokus diesmal die Geschichte einer obdachlosen Frau und einem Straßenhund, deren Zusammenleben und gemeinsame Verdrängung in die Peripherie der Stadt. Die Regiearbeit werden sie sich auch weiterhin teilen: „Wir sind sowieso Befürworter einer Komplizenschaft quer durch alle Departements. Man hat mehr Mut und geht als Duo mehr Wagnisse ein. Und man ist resistenter gegen das Bedürfnis der Förderer nach Sicherheit und Kalkulierbarkeit.“

Interview: Lara Nickel

SPACE DOGS – Ein Film von Elsa Kremser & Levin Peter

Deutschland/Österreich 2019, 91 min

Heute Abend 4. Februar 2020 nochmals in Brühl, Zommkino, 20:15 Uhr beim Stranger Than Fiction Dokumentarfilmfest.

Ab 28. Mai 2020 im Kino

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