Allgemein Filmszene Aktuell

Autokino im Winter – Ein Erfahrungsbericht

Der erneute Lockdown zwingt Kinodeutschland zum Schließen. Ganz Kinodeutschland? Nein, das kleine gallische Dorf der Autokinos kann und darf die Fahne der Lichtspielhäuser noch hochhalten. Das Problem: Fand der erste Lockdown noch bei angenehmen Frühlingstemperaturen statt, so fällt der zweite in den Winter. Eigentlich keine Autokinosaison; ich selbst war bisher auch nur im Sommer dort. Für die Filmszene starte ich einen Selbstversuch, um zu sehen, ob das es auch im Winter eine Option ist.

Die Spielstätte in Porz liegt für mich nicht weit entfernt, hat aber natürlich damit zu kämpfen, dass die Verleiher ihre Starts abgesagt oder verschoben haben. Also laufen hier Filme, die vor dem ersten bzw. dem zweiten Lockdown gestartet wurden, wie Bad Boys for Life (2020) oder Tenet (2020), Filme, deren regulärer Kinostart aufgrund der Pandemie zugunsten eines Stream abgesagt wurde, die man hier aber noch auf Großleinwand sehen kann, wie Fatman (2020), oder Klassiker wie E.T. – Der Außerirdische (1982). Ich entscheide mich für Greenland (2020), dessen Kinolaufzeit mit Start am 22. Oktober durch den zweiten Lockdown auf rund eine Woche begrenzt war. Da es morgens noch regnet, warte ich mit dem Kartenkauf bis abends, doch es bleibt den Tag über trocken. Ich sehe, dass zwei Karnevalskonzerte im Autokino im Februar schon kurz nach ihrer Ankündigung ausverkauft sind, würde mich aber nicht wundern, wenn ich heute Abend allein dort wäre.

(GREENLAND: Tobis Film / Metropolitan FilmExport)

Das Ticket muss ich online auf der Homepage des Kinos kaufen, bezahle per Vorüberweisung und bekomme per Mail ein PDF mit QR-Code zugeschickt, das ich wahlweise ausdrucken oder direkt auf dem Smartphone anzeigen kann. Auf Anraten meiner Frau nehme ich noch eine Decke mit, bevor ich losfahre, was sich als gute Wahl erweist. Schon bei der Ankunft erlebe ich die erste Überraschung: Trotz niedriger Temperaturen (an diesem Abend 4 Grad) wird das Angebot gut angenommen. Am Eingang ist eine kleine Schlange, auf dem Platz sehe ich später eine niedrige dreistellige Anzahl von Autos.

Neben den sonst üblichen Hinweisen zur Snackbar oder eventuell benötigter Starthilfe nach der Vorstellung zeigt die Leinwand vor dem Film auch pandemiebedingte Anweisungen: Mindestens 1,50 Meter Abstand zwischen den Autos, das Verlassen des Fahrzeugs nur mit Maske gestattet. Auch sonst ist das Hygienekonzept überzeugend: Das Einlesen des QR-Codes am Eingang verläuft kontaktlos, für Toilettenbenutzung und Snackbar gibt es Laufwege. Die Besucher halten sich vorbildlich an die Abstände, auch vom Personal hat jede und jeder dauerhaft den Mund-Nasen-Schutz auf, selbst die Mitarbeiter hinten in der Küche der Snackbar – im Gegensatz zu manchem Restaurant oder Imbiss. Ich gehe in die Snackbar, um mir einen Radioempfänger für den Filmton gegen Pfand zu leihen.  Man kann den Ton auch über das Autoradio empfangen, doch ich will die Batterie schonen. Draußen kann man sich Abdeckfolien für die Autolichter besorgen, falls man den Motor laufen lassen möchte oder muss. Wie ich – getreu nach Murphy’s Law – erst am nächsten Tag auf der Homepage des Autokinos lese, hätte ich mir auch noch einen Heizlüfter gegen Pfand leihen können. Glücklicherweise habe ich ja meine Decke dabei.

Nach etwas Werbung startet der Film, irgendwann beginnt die Scheibe nach und nach zu beschlagen. Ich bin nicht der Einzige, der dieses Problem hat: Immer mal wieder werden auf dem Platz Motoren gestartet, wie ich an den Autolichtern erkenne. Auch ich muss alle 20 bis 30 Minuten den Motor anmachen, um mit der Lüftung kurz die Scheibe freizupusten. Schon bei Sommervorstellungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Autokino nicht ganz so immersiv ist wie reguläres Kino, da die Leinwand den Sichtraum eben nicht komplett ausfüllt (deshalb empfehle ich, ruhig eine der vorderen Reihen zu nehmen). Mit der Kälte und dem Beschlagen der Scheibe kommen weitere Ablenkungen dazu und doch komme ich gut in den Film hinein.

Der ist weder besonders gut noch besonders schlecht. Actionheld Gerard Butler ist dieses Mal nicht als furchtloser Spartanerchef, als knüppelharter Secret-Service-Agent oder als rüpelhafter Cop zu sehen, sondern als ganz normaler Architekt. Als ein Kometeneinschlag die Erde bedroht und er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn für eine Notevakuierung ausgewählt wird, muss er sich durch die USA schlagen, die im Angesicht der Katastrophe immer mehr im Chaos versinken. Vieles davon ist aus anderen Filmen bekannt: Die Rettung einiger weniger angesichts begrenzter Kapazitäten gab es schon in Katastrophenfilmen wie Deep Impact (1998) und 2012 (2009), die Odyssee einer Kleingruppe, die im Angesicht des drohenden Untergangs Gefahren meistert und das Beste sowie das Schlechteste in ihren Mitmenschen hervorkommen sieht, gemahnt an Werke wie Krieg der Welten (2005), Carriers (2009), These Final Hours (2013) oder World War Z (2013). Am Ende rettet kein Held den Tag, die Krise wird einfach nur gemanagt – vielleicht ist Greenland der passende Film für Pandemiezeiten. Manche Bilder sind so aktuell wie man es zum Drehzeitpunkt kaum erahnen konnte: Die Horde ausrastender Bürger, die sich mit Waffengewalt Zugang zu einer Militärbasis verschafft und so zu „ihrem“ vermeintlichen Recht kommen will, wirkt wenige Tage nach dem Sturm auf das Kapitol in Washington noch einmal ganz anders, die Szenen mit brennenden Landschaften und einem feuerroten Himmel gemahnen an die letzten Waldbrände in Australien und den USA. Regisseur Ric Roman Waugh inszeniert das alles routiniert, aber wirklich Alleinstellungsmerkmale fehlen dem Film. Doch ich merke: Trotz aller Umstände ist auch diese Sichtung immer noch Kino und ich werde mich daher an Greenland besser erinnern als an manchen Film, den ich zu Hause gesehen habe.

Nach kurzer Heimfahrt bin ich dann froh über die warme Dusche und denke währenddessen darüber nach, was ich das nächste Mal anders machen würde, wenn ich im Winter ins Autokino gehe. Zum einen würde ich mir wohl noch Abdeckplanen für die Licht ausleihen. Ich war nicht allein mit dem wiederholten Einschalten des Motors, es hat mich bei anderen nicht gestört und ich scheine auch niemanden gestört zu haben, aber ich finde es doch rücksichtsvoller. Zum anderen würde ich mir dickere Socken anziehen oder – mit meinem jetzigen Wissen – direkt einen Heizlüfter ausleihen. Doch unterm Strich kann ich sagen, dass das Autokino auch im Winter eine Option ist, auch wenn man für seine Filmleidenschaft dabei kleine Opfer bringen muss.

Alle aktuellen Einlassbedingungen und das Programm für die nächste Zeit finden sich auf der Homepage des Autokinos Köln-Porz.

Nils Bothmann

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