Festival Filmszene Aktuell

Nancy Mac Granaky-Quaye und Abel Michael vom Afrika Film Festival Köln im Interview

Zum Programm des diesjährigen Afrika Film Festivals Köln gehören auch die beiden Kurzfilmnächste mit Shorts aus der Diaspora. Der erste Termin war am vergangenen Samstag, den 18. September, der zweite ist an diesem Samstag, den 25. September, um 22 Uhr im Filmforum im Museum Ludwig. Die Kuration des Programms mit insgesamt 12 Kurzfilmen übernahmen in diesem Jahr Nancy Mac Granaky-Quaye und Abel Michael, die sich letztes Jahr bei den Afrika Film Tagen trafen, der pandemiebedingt kleineren Alternative zum Afrika Film Festival.

Nancy Mac Granaky-Quaye ist Autorin, Regisseurin und Bildmischerin. Sie studierte Filmregie an der ifs internationale filmschule köln und drehte unter anderem den Kurzfilm Beento, der von ihren deutsch-ghanaischen Eltern handelt. Beento lief unter anderem in Addis Abeba, Princeton und beim Max-Ophüls-Filmfestival und gewann den ersten Preis Studentenfilm bei den NRW Shorts Cologne 2008. Sie ist dem Afrika Film Festival Köln schon lange verbunden. Ihre Doku I Have a Dream über die Black-Lives-Matter-Proteste lief u.a. im Rahmen des Black History Month 2021.

Foto by Francis Oghuma

Abel Michael ist Filmemacher und Inhaber seiner eigenen Filmagentur in Köln. Er lebt seit seinem siebten Lebensjahr in Deutschland und kommt ursprünglich aus Eritrea. Im Rahmen der Black-Lives-Matter-Proteste in Köln nahm er 2020 ein Video auf, um die Ereignisse festzuhalten und dem Thema Rassismus in Deutschland mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Kurzdokumentation wurde bei den letztjährigen Afrika Film Tagen gezeigt.

Guten Tag, Sie sind die Kurator*innen der Diaspora-Kurznächte in diesem Jahr. Sie haben sich letztes Jahr bei den Afrika Film Tagen kennengelernt. Dort lief ein Video von Herrn Michael, das er bei den BLM-Demonstrationen aufgenommen hat. Haben die Ereignisse des letzten Jahres, etwa die BLM-Proteste oder die dadurch ausgelöste Beschäftigung mit der westlichen Kolonialgeschichte, zum einen das Filmschaffen, zum anderen die Filmauswahl für diese Ausgabe des AFFK beeinflusst?

Abel: Ja, mir wurde die Wichtigkeit der Diversität in jeglicher Hinsicht noch bewusster als zuvor. Bei der Auswahl der Kurzfilme waren mir neben der Filmqualität, dem Storytelling, den Emotionen bzw. der Spannung auch die Vertretung verschiedener Milieus wichtig. Es sollte ein buntes und breites Spektrum an Kurzfilmen werden. 

Auch spielte für mich ein selbstbewusstes Auftreten der POC eine wichtige Rolle z.B. im Bezug auf unseren Natural Look. Es war mir wichtig, dass man sich nicht der Beauty Idealen der westlichen Gesellschaft bzw. der Werbemedien hingibt, sondern, dass man auch selbstbewusst seinen natürlichen Look tragen kann und soll. Das trägt zur Vielfalt der Gesellschaft bei. Deswegen war es uns wichtig den Kurzfilm „Dolapo is fine“ mit in die Auswahl zu nehmen.

Nancy: Die Black Lives Matter Proteste waren ja während der Pandemie, in der das Filmschaffen notgedrungen etwas eingeschränkt war, aber Filme finden immer ihren Weg. Ich selbst habe letztes Jahr auch eine Kurzdoku über die Proteste in Köln gedreht, die momentan auf einigen Festivals vor allem in den USA gezeigt wird. Ich denke, montan und im nächsten Jahr werden noch mehr Filme mit dem „Rückenwind“ von BLM entstehen. Die durch BLM angestoßenen Themen sind ja eigentlich schon immer auf der Tagesordnung gewesen, aber es ist schön zu sehen, dass sich die breite Masse inzwischen ein wenig dafür öffnet. 

Abel Michael

Ihre Auswahl deckt ein breites Spektrum an. Gibt es trotzdem bestimmte aktuelle Trends, die sie im Filmschaffen in der Diaspora ausmachen können?

Nancy: Ein steter Trend ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunftsgeschichte. Aktuelle Filme drehen sich auch häufig um das Thema Fremd- und Selbstbild, „Selfhealing“ und Empowerment, also Filme, die sich mit der Verarbeitung des Traumas Rassismus beschäftigen. Auf der anderen Seite widmen sich aktuelle Filme aber auch vermehrt einem neugewonnenen Selbstbewusstsein, was man vor allem im Afofuturismus sieht, in dem neuartige Perspektivwechsel vorgenommen werden. Dieses Jahr gibt es drei Filme dieses Genres in den Diaspora Shorts. 

Abel: Ich würde auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte erwähnen, die zur Steigerung des Selbstbewusstseins der POC beiträgt. Der Black History Month im Februar war dieses Jahr dementsprechend auch sehr prägnant. Rassismuskritik, die Aufklärung in Bezug auf Sprache, der Trend zum Natural Look und die vermehrte Wertschätzung Schwarzer Frauen sind aktuell richtungsweisend. Ich persönlich sehe im Afrofuturismus einen positiven Trend und großes Zukunftspotenzial.

Gibt es in bestimmten Ländern Communities, die aktivere Filmemacher*innen als jene in anderen Ländern sind? Falls ja, können Sie sich Gründe dafür vorstellen?

Nancy: Als FilmemacherIn ist es leichter Filme zu machen, wenn entsprechende Strukturen bestehen, es Netzwerke und Förderung gibt. Oft ist ein Filmstudium eine wichtige Grundlage. In Ländern, in denen die soziale Ungerechtigkeit groß und die Teilhabe in der Mehrheitsgesellschaft klein ist, ist es für marginalisierte Menschen generell schwerer Filme zu machen. Auf der anderen Seite ist dieses Ungleichgewicht aber oft auch ein Motor, der FilmemacherInnen antreibt und Themen für ihre Geschichten liefert. Je größer und selbstbewusster eine Community auftritt, je weniger man sie ignorieren kann und will, umso höher ist wohl auch ihr Output. Die USA sind aufgrund der Größe und der Hollywood-Historie wahrscheinlich Vorreiter.

Abel: Apropos USA: Man sieht dort oder auch beispielsweise in England die Vertretung von POC in Filmen als Darsteller, Hauptfiguren, Regisseure und Produzenten deutlich häufiger als beispielsweise in Deutschland oder generell in Europa. Ich denke, das liegt daran, dass dort die Strukturen für sie in die Filmlandschaft geebneter sind. Dort ist es völlig normal POC als Hauptfiguren in hochgepriesenen Filmen zu sehen. In Deutschland entwickelt sich das. Mir gefällt, dass man sich hier zwar langsam jedoch konstant immer weiter von klischeebehafteten Rollen löst. 

Wie schwer fiel die Auswahl? Mussten Sie bestimmte „Darlings“ aus ihrer Vorauswahl entfernen, die Sie bei mehr Platz gern im Programm gesehen hätten?

Abel: Das Auswahlverfahren war nicht einfach, weil wir viele gute Kurzfilme hatten, die wir gerne gezeigt hätten. Da haben Nancy und ich viel Gesprächszeit investiert, nochmals die Filme verglichen, abgewogen und am Ende entschieden. 

Unsere Intention war es den Puls der Zeit zu treffen, die aktuell wichtigen Themen aufzugreifen, Diversität zu feiern, Unterhaltung zu bieten, Afrofuturismus zu präsentieren und auch der Humor sollte nicht zu kurz kommen.

Nancy: Bei den Einreichungen waren mehrere Filme, die das Thema „Selfhealing“ hatten. Ein Thema, dass für Teile der Schwarzen Community vor allem nach den Black Lives Matter Protesten letztes Jahr wichtig zu sein scheint. Gerne hätten wir noch mehr in diese Richtung gedacht und ein Programm gestaltet, auch um der Community etwas zurückzugeben. Leider waren die Programmplätze aber begrenzt. Auch mehr queere Filme hätten wir uns im Programm gewünscht. Manchmal werden Filme zu spät fertiggestellt, dann, wenn das Programm schon festgezurrt ist und nicht mehr umgestellt werden kann.

Haben Sie in der gezeigten Auswahl bestimmte Favoriten?

Nancy: Da alle Kurzfilme um den Kurzfilmpreis konkurrieren, fände ich es ungerecht, unsere Favoriten zu nennen.

Abel: Das würde ich genauso unterschreiben 🙂

Was hoffen Sie, kann das Publikum für Lehren aus dem diesjährigen Programm ziehen bzw. welche Erfahrungen möchten Sie gern darüber vermitteln?

Abel: Diversität ist wertvoll, bereichernd und wichtig. Das ist meine Message. Ich hoffe, dass die POC in ihrem Selbstbewusstsein weiter gestärkt werden, in dem sie sehen, was es für großartige Filme von Filmemacher*innen aus der Diaspora gibt.

Nancy: Dass die Welt vielschichtig und divers ist, dass Schwarze Filme universell, unterhaltsam, spannend und qualitativ hochwertig sind und dass es Zeit ist, sich auf neue Narrative einzulassen.

Die meisten POC, die ich kenne, schauen nur noch Filme, in denen sie sich selbst auch repräsentiert sehen.

Sie selbst sind Filmemacher*innen. Wie ist die Erfahrung „auf der anderen Seite“ des Bewerbungsprozesses zu sein, selbst aus den Bewerbungen von Kolleg*innen auswählen zu müssen?

Nancy: Einerseits schrecklich, weil man weiß, wieviel Herzblut in einem Film stecken kann.

Man möchte niemanden enttäuschen, weil es Schwarze FilmemacherInnen ohnehin schon schwer haben. Auf der anderen Seite ist es ein unglaubliches Vergnügen Filme zu sichten, die mit der eigenen Lebensrealität korrespondieren. 

Abel: Der Auswahlprozess war schon ziemlich hart, weil man weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt und man diese Arbeit auch durch die Aufnahme in die Diaspora Shorts noch mehr wertschätzen möchte. Es war auch ein Privileg diese großartigen Filme sehen zu können, wofür ich sehr dankbar bin. 

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