Festival Filmszene Aktuell

Musik medial erfahrbar machen: See the Sound 2021

Seit gestern ist auch die diesjährige Ausgabe des Kölner Festivals „See the Sound“ angelaufen, das parallel zu und gemeinsam mit der Convention SoundTrack_Cologne stattfindet. Beide Veranstaltungen haben sich der musikalischen Untermalung von Filmen und Medien verschrieben und gehen noch bis Sonntag, den 21. November. Während SoundTrack_Cologne vor allem ein Branchenevent für Kulturschaffende ist, präsentiert das Publikumsfestival „See the Sound“ anschauliche Arbeiten zu dem Thema.

Etwa Sound of Metal (2019), der in diesem Jahr Oscars für den besten Ton und den besten Schnitt gewann und für vier weitere Goldjungs, unter anderem als bester Film, nominiert war. In Deutschland war das Drama über einen Metal-Drummer, der sein Gehör verliert und sich mit der neuen Situation arrangieren muss, nicht im Kino zu sehen, sondern wurde direkt via Streaming ausgewertet. Am Samstag kann man sich um 22:30 Uhr von den Qualitäten des Regie-Zweitlings von Darius Marder auf Großleinwand in der Filmpalette überzeugen. Mit seinem Tondesign, welches das sich ändernde Hörvermögen von Protagonist Ruben Stone (Riz Ahmed) erfahrbar machen will, passt Sound of Metal zum Titel und Motto des Festivals wie kaum ein anderer Film: See the Sound.

Sound of Metal (2019)

Andere Filme bedienen andere Musikrichtungen. Bereits am Eröffnungstag liefen die Hip-Hop-Dokus American Rapstar (2020) und It’s Yours: A Story of Hip Hop and the Internet (2020), welche das neue Umfeld des amerikanischen Sprechgesangs beleuchten. Stars wie Wiz Khalifa vermarkten sich selbst, hebeln traditionelle Auswertungsstrategien und Regeln des Musik-Business durch neue mediale Wege aus, funktionieren jedoch immer noch so gut als Bürgerschreck (gerade im Amerika der Trump-Jahre) und Jugendidole wie Vorgänger vom Kaliber von NWA.

French Waves (2017) ist ebenfalls eine Dokumentation, spürt jedoch den französischen Wurzeln von Techno- und House-Musik nach (Donnerstag, 22:30 Uhr, Odeon). Frankreich und seine vor allem elektronische Musik bespielen einen eigenen Programmpunkt. Neben French Waves gehören drei weitere Filme dazu. Laurent Garnier: Off the Record (2021) behandelt ebenfalls die Ursprünge der französischen Technoszene und folgt dem titelgebenden DJ anhand bisher unveröffentlichter Archivaufnahmen Samstag, 22:30 Uhr, Odeon). Auch Sébastian Tellier: Many Lives (2020) nähert sich dem titelgebenden Künstler dokumentarisch an, der jedoch in der Popmusik beheimatet ist (bereits am Mittwoch gezeigt). Ein Spielfilm dagegen ist Le Choc du Futur (2020), der sein Publikum zurück in die 1970er versetzt. Protagonistin Ana will sich in der männerdominierten Musikszene durchsetzen und kreiert dafür einen neuen Sound mit elektronischen Geräten (Freitag, 22:30 Uhr, Odeon).

Le Choc du Futur (2020)

Damit würde Ana aber auch prima in die Rubrik „Starke Frauen in der Musik“ passen. Insgesamt fünf Arbeiten setzen sich dokumentarisch mit weiblichen Musikschaffenden auseinander. Delia Derbyshire – The Myths and the Legendary Tapes (2020) befasst sich mit der der britischen Elektropionierin, welche unter anderem die Dr. Who-Titelmelodie schrieb (Sonntag, 15:30 Uhr, Filmpalette), The Go-Go‘s (2020) mit der US-amerikanischen Indie-Popband, welche zu Beginn der 1980er die Charts stürmte (Donnerstag, 22:15 Uhr, Filmpalette). Lydia Lunch – The War Is Never Over (2019) porträtiert die Künstlerin und Spoken-Word-Poetin (Donnerstag, 19:00 Uhr, Filmpalette), Fanny: The Right to Rock (2020), das Quintett Fanny, welches als erste Frauenband eine LP bei einem Major Label veröffentlichte. Heute ist ihr Einfluss auf die Musikindustrie etwas vergessen, doch nach 50 Jahren steht eine Reunion an (Donnerstag, 22:30 Uhr, Filmpalette). Underplayed (2020) widmet sich nicht einzelnen Künstlerinnen, sondern einer Szene: In Stacey Lees Film geht es um DJanes, die in ihrem männlich dominierten Beruf um geschlechtliche, ethnisch und sexuelle Gleichberechtigung kämpfen (Sonntag, 19:00 Uhr, Filmpalette).

Doch nicht nur dieser Programmpunkt, auch viele der Wettbewerbsbeiträge zeigen auf, dass Musik nicht nur Freizeitspaß ist, sondern auch (gesellschafts)politische Dimensionen hat. The Forbidden Strings (2019), eine weitere dokumentarische Arbeit, zeigt drei afghanische Männer und eine iranische Frau, die eine Rockband bilden. Und zwar eine, die ihr erstes Konzert im vom Krieg zerrissenen Afghanistan geben will (Samstag, 19:00 Uhr Turistarama). A Song Called Hate (2020) rollt die Geschehnisse des Eurovision Song Contest 2019 als Non-Fiction-Nachbetrachtung auf. Die isländische Band Hatari erschütterte damals die Friede-Freude-Eierkuchen-Veranstaltung in Tel Aviv mit einem skandalösen, explizit politischen Auftritt (Sonntag, 21:00 Uhr, Turistarama). Insgesamt sind acht Filme im Wettbewerb des Festivals zu sehen.

Alle Infos zum Programm und zum Ticketerwerb gibt es auf der Homepage des Festivals.

Nils Bothmann

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