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In Verbindung – die Dokumentarfilme auf dem Internationalen Frauenfilmfest Dortmund I Köln

Das Panorama des Internationalen Frauenfilmfests ist aus rund 200 Sichtungen als kuratorische Antwort auf eine große, unbequeme Frage entstanden: Was ist heute relevant – und wer entscheidet das eigentlich? Die ausgewählten Filme setzen dabei auf ein gemeinsames Prinzip, das sich weniger als Thema denn als Haltung beschreiben lässt: Verbindung – als Suche, als politische Praxis, als Möglichkeit, in ausweglos wirkenden Situationen etwas in Bewegung zu bringen. Ko-Kuratorin und Filmszene.Koeln-Autorin Sandra Riedmair beschreibt den Auswahlprozess – und die Filme.

Von Sandra Riedmair.


Morgen beginnt das Internationale Frauenfilmfest, insgesamt über 100 Filme werden präsentiert, darunter acht aus der Sektion Panorama, die ich gemeinsam mit Vivien Buchhorn ausgewählt habe. Im Winter saßen wir zusammen und haben diskutiert. Aus etwa 200 eingereichten und recherchierten Filmen acht auszuwählen ist ein langer Weg. Gerade beim Dokumentarfilm erwischt man sich immer wieder dabei über Relevanz und Wichtigkeit, Weltlage und Dringlichkeit zu philosophieren. Gaza, Iran, Ukraine – aber was ist mit der Bedrohung indigener Sprachen in Westkanada? Oder doch die ostdeutsche Familiengeschichte? Was ist überhaupt relevant, was wichtig? Ist es nicht vermessen, das entscheiden zu wollen, hier im Dezember am Kamin in Flensburg? Doch zynisch darf man auch nicht werden, ein Panorama aus der sicheren Wärme heraus zu bauen, ist eine Gratwanderung, die man trotz aller Bedenken laufen muss, um eine Haltung zu finden. Eine, die sich der Frage nach Perspektive weder entzieht und ausliefert. Es braucht Kriterien, um eine Wahl zu treffen. Gute Kombinationen zu finden und die Filme in einen Dialog zu bringen, der über sie hinausweist.

Sandra Riedmair kuratierte zusammen mit Vivien Buchhorn das Panorama des IFFF 2026. Foto: privat

Wir haben uns am Ende für Filme entschieden, in denen etwas durchscheint, was man am besten mit einer Suche nach oder Entscheidung für Verbindung beschreiben lässt. Der Verlust von Verbindungen wird seit einigen Jahren in unterschiedlichsten Kontexten beklagt. Sei es im Digitalen, in der Nachbarschaft oder zur Welt. Es ist eine der schwierigsten Aufgaben, Verbindungen zu halten, wo es wackelt. Sie zu suchen, wo kalte Distanz herrscht und an sie zu glauben als politische Praxis. Insofern ist mit Verbindung mehr ein Geist gemeint, der diesen Filmen innewohnt, der ihre Kraft beschwört und zeigt, wie die Dinge durch das In Verbindung treten in ausweglosen Situationen gelingen können.

In I dreamed his name erscheint der Filmemacherin Ángela Carabalí der Geist ihres verschwundenen Vaters. Wie ein Ruf ist dieser Traum zu verstehen, der zwei Schwestern auf eine Reise in die Schatten der Kolonialgeschichte Kolumbiens schickt und fragt, ob sich kollektives Trauma transformieren und heilen lässt.

I Lost Sight Of The Landscape, Foto IFFF / National Film Board of Canada

In Vanishing Point blickt Bani Khoshnoudi in ihr Familienalbum. Ihr Cousin ist während es iranischen Revolution verschwunden und sie verspricht ihm, dass sein Kampf nicht umsonst war. Wir wandern durch Bilder aus dem Alltagsleben Teherans, wo sich immer wieder Möglichkeiten auftun, in denen etwas kippen kann: die Stimmung immer kurz davor, neuer Nullpunkt zu sein. So oft ist die Revolution im Kopf schon gelungen. Auf dem Weg dahin sind es vor allem die Frauen des Iran, die als Mütter, Schwestern und Freundinnen eine Revolution emotional tragen und die Traumaarbeit zur Lebensaufgabe wird.

Zusammenhalt als Alltagspraxis, aber ganz anders, erleben wir in Women and the Wind. Drei Frauen segeln über den Nordatlantik. Was zunächst wie ein ästhetischer Reisebericht daherkommt, ist weit mehr. Bewusst bricht der Film mit dem männlichen Narrativ des einsamen Helden, der in die Welt zieht und alles alleine schaffen will. Stattdessen sind es Gemeinschaft und Freundinnenschaft, die diese Reise möglich machen. Hier geht es nicht um Strecke, sondern das gemeinsame Erleben und das Vertrauen in sich selbst und ineinander, während ein Sturm das Schiff ins Wanken bringt und Sehkrankheiten Kräfte schwinden lassen.

Um die Frage nach dem Wie im Geschichten erzählen, geht es auf dem Frauenfilmfest und in dieser Sektion immer wieder. Auch die Geschichte eines Landes kann so oder so erzählt werden. Lana Daher entschied sich aus 20.000 Quellen unterschiedlichster Videos, Filmen und Musik eine Kulturgeschichte des Libanons zu schreiben. Do You Love Me ist non-lineare Geschichtsschreibung, wild, fließend und sprunghaft zugleich und macht die Bedeutung des Archivs als Instrument der Geschichtsschreibung deutlich. Dieses Archiv ist multiperspektivisch.

Auch in The Strike ist es ein Archiv, das Ausgangspunkt eines Nachdenkens über den weiblichen Körper und seine Funktion im Patriarchat wird. In einem radikal ehrlichen Text der früheren Pornodarstellerin Ovidie erzählt die Autorin von ihrem Sexstreik. Wofür lohne sich Hetero-Sex überhaupt, angesichts der Gewalt, der Strapazen um den Körper, die Abwertung, die trotzdem nicht ausbliebe. Die Filmemacherin Gabrielle Stemmer verbindet diesen Text mit den Archivaufnahmen aus der Welt der Arbeit und der Herstellung von Schönheitsprodukten, ohne den Text dadurch zu historisieren. Im Gegenteil, gerade diese Collage schafft eine derart kühle Distanz, dass die andauernden Kämpfe von weiblichen Körpern im Patriarchat nicht als selbstmitleidig, sondern selbstermächtigend und in konsequenter Verbindung mit ihrer Geschichte erfahrbar werden.

The Strike von Gabrielle Stemmer, Foto: IFFF

Wie ein Leben ohne Sex wiederum konkret aussehen kann, zeigt eher nebenbei der Film Agathas Almanac. Agatha ist über 90, seit jeher alleinstehend und glückliche Bewohnerin eines abgelegenen Hauses in der Landschaft Kanadas. Ihr Wissen um Pflanzen, Gemüsesorten, Aufbewahrung und Haltbarmachung ist keine Romantisierung des Landlebens, sondern zeigt eine Lebenshaltung und ein Art zu sein, abseits moderner Beschleunigung. Manchmal verspielt, dann wieder roh filmt Amalie Atkins in 16mm-Aufnahmen ihre Tante in einem Zeitraum von sechs Jahren und zeigt das Altern in einem farbenfrohen Licht.

Während Agatha mit ihrem Garten verbunden ist, ist es Sophie Bédard Marcotte in I lost sight of the landscape mit ihrem Filmthema. Und das ist ihr Nachbar, ein Theaterregisseur, der in einer Schaffenskrise steckt, die ironischerweise um den Sisyphus kreist. Dieser liebevolle Blick auf den Anderen erzählt auf subversive Weise vom Erzählen selbst – und der Suche nach der richtigen Geschichte. Doch wie im Leben gibt es diese auch im Film nicht, zumindest oft nicht so, wie man’s erwartet. Hier bestimmen Zufälle, Einfälle, Hinfallen und Aufstehen die Lebensbahnen mit viel Humor und Selbstironie.

Neben diesen Filmen komplementiert der achte Film Fia Fabula die Auswahl um die sogenannten Formfragen, die Teil der Panorama Sektion sind. Im Zentrum steht ein Film, der die klassische Kinoerfahrung herausfordert. Eine künstlerische Intervention der Filmemacherin Alice Dalgalarrondo begleitet den Film, der sich mit feministischem Storytelling beschäftigt. Sechs Frauenfiguren verweben ihre Geschichten, Arbeiterinnen in Brasilien spinnen Fäden und Ariadne den bekannten roten, um den Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Sie fragen nach den Pionierinnen der Filmgeschichte, nach Adam und Eva und verloren gegangenem Wissen. Und da sind wir wieder angekommen bei der Anfangsfrage, wer erzählt wie von was? Diese Frage ist eine des Filmemachens und des Kuratierens. Und deshalb beschäftigen wir uns auch in einem Panel damit, was feministisches Kuratieren sein kann oder bieten muss.

Vivien Buchhorn spricht mit Betty Schiel, María Zafra Cortés und Anouschka de Andrade in dem Panel Traum ohne Job? Wie werden wir feministische Filmkurator*innen?, am Sonntag direkt vor Fia Fabula im Filmhaus, moderiert von der Festivalleitung Maxa Zoller.

Alle Infos zu diesen Filmen und Programmen sowie zu allen anderen, findet ihr auf der Homepage. Wir freuen uns auf euch.


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