Kölner Filme und Filmemacher:innen sind bei den Kurzfilmtagen Oberhausen 2026 besonder gut vertreten: mit einem Sonderprogramm zu Bernhard Marsch & Marran Gossov, das Cinephilie als Handarbeit feiert, und mit Wettbewerbsbeiträgen aus der KHM und dem Kölner Umfeld. Ein Überblick.
Von Werner Busch.
Wenn am heutigen 28. April in Oberhausen die Kurzfilmtage 2026 starten, ist das traditionell der Moment, in dem sich die Film-Landkarte in Deutschland neu sortiert: Was ist gerade in Bewegung, welche Handschriften tauchen auf, welche ästhetischen Risiken werden plötzlich preiswürdig. Dieses Jahr lohnt sich für Köln ein besonders genauer Blick – und zwar gleich aus drei Gründen: ein Sonderprogramm, das über den Filmclub 813 zurück nach Köln strahlt, dazu ein NRW-Wettbewerb mit mehreren KHM-Arbeiten und ein Deutscher Wettbewerb, in dem ebenfalls Kölner Namen und Themen auftauchen.
Sonderprogramm: Bernhard Marsch / Marran Gosov – Cinephilie zum Anfassen
Das Sonderprogramm trägt einen Titel, der wie eine Anleitung klingt: „Sammeln, reden, zeigen – Marran Gosov via Bernhard Marsch“. Ausgangspunkt ist der im vergangenen Jahr verstorbene Filmemacher und Filmclub-Leiter Bernhard Marsch (1962–2025) – und die Tatsache, dass ihm das Werk eines anderen Regisseurs mindestens so wichtig war wie sein eigenes: Marran Gosov (1933–2021). Gosov drehte zwischen 1965 und 1975 insgesamt 27 Kurzfilme und fünf Langfilme. Marsch bewahrte Kopien, organisierte Retrospektiven, schleppte Filmkartons durch die Republik – und hielt Gosovs Arbeiten in Umlauf, statt sie im Archiv einschlafen zu lassen. Genau diese Form von Cinephilie zum Anfassen, zum Zeigen, ist das eigentliche Thema dieses Programms.
Es erzählt auch Gosovs ungewöhnliche Biografie: Als Schriftsteller geriet er in Bulgarien mit der Zensur in Konflikt, floh 1960 nach Deutschland und landete eher zufällig im Filmgeschäft. Marsch fand ihn 2008 in einem bulgarischen Bergdorf unter seinem bürgerlichen Namen Tzvetan Marangosoff wieder – und aus dem Wiederfinden wurde Freundschaft und ein filmhistorisches Gespräch „vom Rand her“.
Gezeigt werden zwei Gosov-Programme: im ersten u. a. Sabine 18, Pfeiffer, Power Slide sowie Nach langen Jahren ein Wiedersehen… und Schöner Abschied. Programm 2 ergänzt das Spektrum u. a. mit Spielen in Deutschland (ein Filmset, ein türkischer Statist, der sich nicht fügen will), Kino (Samba als bitteres Interludium), Jimi und Bibi Bitter. Wer Gosov nicht kennt, bekommt hier keine „Einführung“, sondern eine Begegnung – pointiert, melancholisch, oft überraschend komisch.
Szenenbild aus Sabine 18, der im Sonderprogramm „Sammeln, reden, zeigen – Marran Gosov via Bernhard Marsch“ zu sehen ist, Foto: Kurzfilmtage Oberhausen
NRW-Wettbewerb
Im NRW-Wettbewerb geht es gleich mehrfach direkt über die Kunsthochschule für Medien Köln in den Wettbewerb.
Beneath the Night (Maximilian Karakatsanis) setzt einen kleinen, starken Ausgangspunkt: Ein U-Bahn-Fahrer mit bunten Haaren taucht plötzlich auf Werbeplakaten auf – und schon beginnen Sichtbares und Verborgenes zu verschwimmen.
Eine Tochter und zehn Söhne (Paula Milena Weise / Finn Ole Weigt) beobachtet Jugendliche am Rand von Bischkek: Zharkynai hat eine Green Card gewonnen und steht vor dem Abschied; Gespräche im Skatepark werden zum Film über Erwachsenwerden zwischen politischen Einflüssen und privater Zukunft.
Garden of Edie (Miri Klischat) bringt eine radikale, sehr persönliche Briefform ins Spiel: Edie schreibt an ihr jüngeres Ich – über Träume, katholische Prägung und den Weg, sich aus „düsteren Stimmen“ zu befreien.
Dazu kommt ein Kölner Duo, das seit Jahren zuverlässig für eigene Töne steht: Kommunist Kar Kommandos (Markus Mischkowski / Christos Dassios) ist eine 16-mm-Hommage an den Wartburg 353, als pastichierte Anger-Verneigung – kurz, lautlos, präzise.
Und schließlich ein Film, der den Strukturwandel mit Humor nimmt: Borderland (Klöfkorn Gavois) – „Wir sind noch neu in NRW und dachten, wir können die Tagebaulöcher auch selbst befüllen.“
Deutscher Wettbewerb
Holz! (Rainer Knepperges) kommt als poetischer Mini-Doku-Impuls daher und trägt eine eindeutig Kölner Handschrift: Knepperges ist Mitgründer des Filmclub 813 und seit Jahren eine der markanten Stimmen der „Kölner Gruppe“. Sein Film fragt, wie nachhaltige Raumfahrt aussehen könnte.
Ein neues Wort (Cana Bilir-Meier) knüpft an einen WDR-Wettbewerb von 1970 an, der ein alternatives Wort für „Gastarbeiter“ finden sollte. Ein Chor in München nimmt die über 30.000 Einsendungen als Material und verwandelt sie in eine musikalische Interpretation – ein Film über Sprache, Migration, Deutungshoheit und die Frage, was Begriffe eigentlich anrichten.
Als weiterer Köln-naher Titel läuft Knockout Dreams (Andreas Birkenheier): Im Mittelpunkt steht der 13-jährige Boxer Ilias, der in unsicheren Zeiten Halt sucht – im Ring und außerhalb. Birkenheier lebt und arbeitet in Köln als Cutter und Filmemacher.
Knockout Dreams ist im Deutschen Wettbewerb zu sehen, Foto: Andreas Birkenheier
– 01.05. · 15:00 · Lichtburg · Programm 1 (u. a. Eine Tochter und zehn Söhne, Borderland) – 02.05. · 18:00 · Walzenlager · Programm 1 (u. a. Eine Tochter und zehn Söhne, Borderland) – 01.05. · 20:00 · Lichtburg · Programm 2 (u. a. Beneath the Night, Garden of Edie, Kommunist Kar Kommandos) – 02.05. · 20:00 · Walzenlager · Programm 2 (u. a. Beneath the Night, Garden of Edie, Kommunist Kar Kommandos)
Deutscher Wettbewerb (Köln-Bezüge)
– 02.05. · 13:00 · Lichtburg · Programm 1 (u. a. Ein neues Wort) – 02.05. · 17:00 · Lichtburg · Programm 2 (u. a. Knockout Dreams) – 03.05. · 11:00 · Lichtburg · Programm 3 (u. a. Holz!)
Titelbild: Eine Tochter und Zehn Söhne von Paula Milena Weise und Finn Ole Weight / Foto: KHM
Kölner Filme und Filmemacher:innen sind bei den Kurzfilmtagen Oberhausen 2026 besonder gut vertreten: mit einem Sonderprogramm zu Bernhard Marsch & Marran Gossov, das Cinephilie als Handarbeit feiert, und mit Wettbewerbsbeiträgen aus der KHM und dem Kölner Umfeld. Ein Überblick.
Von Werner Busch.
Wenn am heutigen 28. April in Oberhausen die Kurzfilmtage 2026 starten, ist das traditionell der Moment, in dem sich die Film-Landkarte in Deutschland neu sortiert: Was ist gerade in Bewegung, welche Handschriften tauchen auf, welche ästhetischen Risiken werden plötzlich preiswürdig. Dieses Jahr lohnt sich für Köln ein besonders genauer Blick – und zwar gleich aus drei Gründen: ein Sonderprogramm, das über den Filmclub 813 zurück nach Köln strahlt, dazu ein NRW-Wettbewerb mit mehreren KHM-Arbeiten und ein Deutscher Wettbewerb, in dem ebenfalls Kölner Namen und Themen auftauchen.
Sonderprogramm: Bernhard Marsch / Marran Gosov – Cinephilie zum Anfassen
Das Sonderprogramm trägt einen Titel, der wie eine Anleitung klingt: „Sammeln, reden, zeigen – Marran Gosov via Bernhard Marsch“. Ausgangspunkt ist der im vergangenen Jahr verstorbene Filmemacher und Filmclub-Leiter Bernhard Marsch (1962–2025) – und die Tatsache, dass ihm das Werk eines anderen Regisseurs mindestens so wichtig war wie sein eigenes: Marran Gosov (1933–2021). Gosov drehte zwischen 1965 und 1975 insgesamt 27 Kurzfilme und fünf Langfilme. Marsch bewahrte Kopien, organisierte Retrospektiven, schleppte Filmkartons durch die Republik – und hielt Gosovs Arbeiten in Umlauf, statt sie im Archiv einschlafen zu lassen. Genau diese Form von Cinephilie zum Anfassen, zum Zeigen, ist das eigentliche Thema dieses Programms.
Es erzählt auch Gosovs ungewöhnliche Biografie: Als Schriftsteller geriet er in Bulgarien mit der Zensur in Konflikt, floh 1960 nach Deutschland und landete eher zufällig im Filmgeschäft. Marsch fand ihn 2008 in einem bulgarischen Bergdorf unter seinem bürgerlichen Namen Tzvetan Marangosoff wieder – und aus dem Wiederfinden wurde Freundschaft und ein filmhistorisches Gespräch „vom Rand her“.
Gezeigt werden zwei Gosov-Programme: im ersten u. a. Sabine 18, Pfeiffer, Power Slide sowie Nach langen Jahren ein Wiedersehen… und Schöner Abschied. Programm 2 ergänzt das Spektrum u. a. mit Spielen in Deutschland (ein Filmset, ein türkischer Statist, der sich nicht fügen will), Kino (Samba als bitteres Interludium), Jimi und Bibi Bitter. Wer Gosov nicht kennt, bekommt hier keine „Einführung“, sondern eine Begegnung – pointiert, melancholisch, oft überraschend komisch.
NRW-Wettbewerb
Im NRW-Wettbewerb geht es gleich mehrfach direkt über die Kunsthochschule für Medien Köln in den Wettbewerb.
Beneath the Night (Maximilian Karakatsanis) setzt einen kleinen, starken Ausgangspunkt: Ein U-Bahn-Fahrer mit bunten Haaren taucht plötzlich auf Werbeplakaten auf – und schon beginnen Sichtbares und Verborgenes zu verschwimmen.
Eine Tochter und zehn Söhne (Paula Milena Weise / Finn Ole Weigt) beobachtet Jugendliche am Rand von Bischkek: Zharkynai hat eine Green Card gewonnen und steht vor dem Abschied; Gespräche im Skatepark werden zum Film über Erwachsenwerden zwischen politischen Einflüssen und privater Zukunft.
Garden of Edie (Miri Klischat) bringt eine radikale, sehr persönliche Briefform ins Spiel: Edie schreibt an ihr jüngeres Ich – über Träume, katholische Prägung und den Weg, sich aus „düsteren Stimmen“ zu befreien.
Dazu kommt ein Kölner Duo, das seit Jahren zuverlässig für eigene Töne steht: Kommunist Kar Kommandos (Markus Mischkowski / Christos Dassios) ist eine 16-mm-Hommage an den Wartburg 353, als pastichierte Anger-Verneigung – kurz, lautlos, präzise.
Und schließlich ein Film, der den Strukturwandel mit Humor nimmt: Borderland (Klöfkorn Gavois) – „Wir sind noch neu in NRW und dachten, wir können die Tagebaulöcher auch selbst befüllen.“
Deutscher Wettbewerb
Holz! (Rainer Knepperges) kommt als poetischer Mini-Doku-Impuls daher und trägt eine eindeutig Kölner Handschrift: Knepperges ist Mitgründer des Filmclub 813 und seit Jahren eine der markanten Stimmen der „Kölner Gruppe“. Sein Film fragt, wie nachhaltige Raumfahrt aussehen könnte.
Ein neues Wort (Cana Bilir-Meier) knüpft an einen WDR-Wettbewerb von 1970 an, der ein alternatives Wort für „Gastarbeiter“ finden sollte. Ein Chor in München nimmt die über 30.000 Einsendungen als Material und verwandelt sie in eine musikalische Interpretation – ein Film über Sprache, Migration, Deutungshoheit und die Frage, was Begriffe eigentlich anrichten.
Als weiterer Köln-naher Titel läuft Knockout Dreams (Andreas Birkenheier): Im Mittelpunkt steht der 13-jährige Boxer Ilias, der in unsicheren Zeiten Halt sucht – im Ring und außerhalb. Birkenheier lebt und arbeitet in Köln als Cutter und Filmemacher.
Köln-Programmüberblick: Termine der Köln-Bezüge
Sonderprogramm Marran Gosov via Bernhard Marsch
– 02.05. · 15:00 · Sunset · Marran Gosov Programm 1
– 03.05. · 15:15 · Sunset · Marran Gosov Programm 2
NRW-Wettbewerb (Köln-Bezüge)
– 01.05. · 15:00 · Lichtburg · Programm 1 (u. a. Eine Tochter und zehn Söhne, Borderland)
– 02.05. · 18:00 · Walzenlager · Programm 1 (u. a. Eine Tochter und zehn Söhne, Borderland)
– 01.05. · 20:00 · Lichtburg · Programm 2 (u. a. Beneath the Night, Garden of Edie, Kommunist Kar Kommandos)
– 02.05. · 20:00 · Walzenlager · Programm 2 (u. a. Beneath the Night, Garden of Edie, Kommunist Kar Kommandos)
Deutscher Wettbewerb (Köln-Bezüge)
– 02.05. · 13:00 · Lichtburg · Programm 1 (u. a. Ein neues Wort)
– 02.05. · 17:00 · Lichtburg · Programm 2 (u. a. Knockout Dreams)
– 03.05. · 11:00 · Lichtburg · Programm 3 (u. a. Holz!)
Titelbild: Eine Tochter und Zehn Söhne von Paula Milena Weise und Finn Ole Weight / Foto: KHM