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Surrealismus im Kino: Live-Score zu La Coquille et le Clergyman & Meshes of the Afternoon

Wer an Film als Zustand glaubt, bekommt hier einen seltenen Abend: zwei kurze, radikale Klassiker des Avantgardekinos – live vertont von MELLOWDEATH. Germaine Dulacs surrealer Fiebertraum von 1927 und Maya Derens ikonisches Traumlabyrinth von 1943 treffen in den Lichtspielen Kalk auf ein „Nightmare Jazz“-Duo.

Von Werner Busch


Ein Kinoabend kann sich wie eine normale Verabredung anfühlen – oder wie ein surrealer Fiebertraum. Genau dahin führt das Stummfilmkonzert in den Lichtspielen Kalk, wenn MELLOWDEATH einen Live-Score zu zwei Avantgarde-Klassikern spielt – Germaine Dulacs La Coquille et le Clergyman (Frankreich 1927, 41 Min.) und Maya Derens Meshes of the Afternoon (USA 1943, 14 Min.). Termin ist Sonntag, 7. Juni 2026, 18:00 Uhr.

Dulacs Film ist eine Art frühes Kino der Obsession: ein Priester, ein General, Begehren, Macht, Eifersucht. Man versteht schnell, warum der Film bis heute so eine legendäre Reibung erzeugt: Er nimmt den Surrealismus ernst, ohne sich in Parolen zu flüchten. Es geht um Erotik, um Autorität, um den Körper, um Gewaltphantasien – alles in einer Form, die absichtlich rätselhaft bleibt und dadurch erst ihre Schärfe gewinnt. Dulac hat dafür 1927 kräftig Gegenwind bekommen; heute liest sich der Film wie ein früher Angriff auf die großen Institutionen, die sich gern als unantastbar inszenieren.

Meshes of the Afternoon wirkt im Vergleich konzentrierter, präziser – ein Traum, der immer wieder ansetzt, eine Figur, die im eigenen Kopf festhängt, Motive, die sich einbrennen: Schlüssel, Messer, Spiegelungen, Schatten, Silhouetten. Der Film hat etwas Handfestes und gleichzeitig etwas vollkommen Entrücktes. Er braucht keine großen Effekte, weil seine Spannung aus Wiederholung, Blick und Rhythmus kommt. Wer ihn einmal gesehen hat, merkt, wie viele spätere Bildideen hier ihren Ursprung haben.

Der dritte Akteur des Abends sitzt vor der Leinwand: MELLOWDEATH, ein instrumentales Duo aus Sara Neidorf (Drums) und Isabel Merten (Bass). Das Duo schickt die Zuhörer*innen auf eine gespenstische Fahrt durch hypnotische Rhythmen, Geistersurfen und Trauergesänge. Im November 2025 veröffentlichten sie ihr Debütalbum mit dem Titel „Mellowdeath“.

Titelbild: Meshes of the Afternoon (Maya Deren)

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