Slider

Tanz, Film, digitale Räume – 10 Jahre Moovy Tanzfilmfestival

Seit zehn Jahren bringt das Moovy Tanzfilmfestival in Köln Choreographie und Filmkunst zusammen. Festivalgründerin Ágota Harmati spricht über die Entwicklung von Moovy, die internationale Tanzfilmszene, virtuelle Realität und die Frage, warum die Kamera beim Tanzfilm selbst Teil der Choreographie wird. Die Jubiläumsausgabe startet am 4. Oktober im Filmforum NRW.

Von Frank Olbert.


Wenn Choreographie auf Cinematographie trifft, vermählen sich beide Bewegungskünste zum Tanzfilm. In Europa gibt es dafür eine vitale Szene mit zahlreichen Festivals, allen voran das „Cinedans – Dance on Screen Festival“ in Amsterdam, das nicht allein Filme zeigt, sondern auch Symposien veranstaltet und als „Cinedans on Tour“ um die Welt reist. Zu den herausragenden Veranstaltungen dieser Art zählt seit nunmehr zehn Jahren auch ein Kölner Forum, das Moovy Tanzfilmfestival, das im Jubiläumsjahr mit Meg Stuarts „Sulphur Edges“ eröffnet (am 4. Oktober um 18 Uhr im Filmforum NRW im Museum Ludwig). Auch hier umfasst das Konzept weit mehr als die Vorführung der Filme. Neben begleitenden Gesprächen – zum Beispiel ist Meg Stuart anwesend, um über ihr Werk zu sprechen – kann sich das Publikum in Workshops weiterbilden oder im Rahmen eines Symposions Kenntnisse vertiefen.

Ágota Harmati, Foto: privat.

Treibende Kraft hinter Moovy ist seit Beginn Ágota Harmati, die in Ungarn geboren wurde und unter anderem Kunstgeschichte und Romanistik in Madrid, Köln und Berlin studierte. „Ich bin von Hause aus Kunsthistorikerin und Kuratorin und habe immer wieder an der Schnittstelle zwischen unterschiedlichen künstlerischen Formaten gearbeitet. Und dies genreübergreifend: Performance, Film, bildende Kunst – all das gehört dazu“, sagt Ágota Harmati im Gespräch. „Auf spanischen Festivals habe ich internationale Tanzfilme von ganz unterschiedlichen Choreographen und Filmemachern vorgeführt, was sehr gut angenommen wurde. Die Filme wurden auch im öffentlichen Raum gezeigt, in lauen spanischen Sommernächten in engen Altstadtgassen. Das war sehr schön.“ Dann zog es sie aus dem warmen Süden des Kontinents in den Norden –  „und so, wie Migranten alles Mögliche nach Deutschland mitbringen, habe ich den Tanzfilm mitgebracht“, meint sie selbstironisch. „Nein, so war es natürlich nicht. Tanzfilm als Kunstform gibt es schon lange – ich habe als Kuratorin nur dafür gesorgt, dass man sie sieht.“

Was einen Tanzfilm zum Tanzfilm macht

Im Alleingang gründete sie vor zehn Jahren das Moovy Tanzfilmfestival und ist im Verlauf seiner Entwicklung immer wieder unterschiedliche Konstellationen zur Kooperation eingegangen, denn eines ihrer großen Anliegen ist es, dass nicht nur europäische oder nordamerikanische Filme auf dem Festival zu sehen sind – „also Filme, die lange diesen künstlerischen Bereich dominierten. Für mich war immer wichtig, dass Lateinamerika, Asien und Afrika mehr zur Geltung kommen. Und so kam es immer wieder zu Kooperationen mit unterschiedlichen Kuratoren. Dieses Netzwerk funktioniert mittlerweile sehr gut“.

Das Festival wuchs und dehnte sich auch im Hinblick auf den organisatorischen und personellen Aufwand immer mehr aus: Mehr als 1.000 Einreichungen gibt es pro Jahr. Die künstlerische Leitung durch Ágota Harmati wird durch weitere Kurator*innen ergänzt, das Symposion muss eigens geplant werden, es gibt eine facettenreiche Öffentlichkeitsarbeit und zahlreiche Partner und Förderer, darunter die Kunststiftung NRW, die Stadt Köln und das Kölner Tanzarchiv. Im Mittelpunkt aber steht die Botschaft, die Ágota Harmati seit Anbeginn leitet: „Künstlerischer Tanzfilm – das bedeutet, hier werden künstlerische Choreographien für das Medium Film entwickelt. Das ist etwas völlig anderes als abgefilmter Tanz: dabei handelt es sich um Dokumentationen. Beim Tanzfilm hingegen ist die Kamera Teil der Choreographie. Das ist der wesentliche Punkt, wobei es allgemeine Gesetze für Tanzfilme nicht gibt. Dafür sind sie zu unterschiedlich.“

Körper und Bewegung im digitalen Raum

Das Festival besitzt auch einen reflexiven, theoretischen Teil, und schon im zweiten Jahr trat das Thema der virtuellen Realität zum Programm hinzu. „Die neuen digitalen Künste in der Interaktion mit Tanz, Körper, Bewegung haben eine neue Welt eröffnet“, sagt Ágota Harmati. Das wollte sie nicht nur zeigen, sondern auch in einen diskursiven Kontext bringen. So kam es zum Symposion, nicht allein als Forum zur Selbstreflexion, sondern auch zur Vernetzung zwischen den Künstlerinnen und Künstlern. „Hochschulen und andere Institutionen an unterschiedlichen Orten der Welt haben sich mit dem Phänomen der Digitalität auseinandergesetzt, aber es gab noch keine Verbindung untereinander“, so die Festivalleiterin.

Auch ethischen Fragen, die im Zuge der Digitalisierung aufgeworfen wurden, stellte sich das Festival, Fragen zu Kultur und Demokratie, nicht nur, weil mehr Menschen Filme produzieren können, sondern auch, weil man mittlerweile von einer digitalen Sparte sprechen kann. „Wie werden Theater oder Museen in der Zukunft aussehen? Zur Stadtplanung gehört, dass man Orte für Kultur schafft – wo und wie werden solche Orte im digitalen Raum geschaffen? Das ist nicht definiert. Zur Zeit beherrschen und steuern die Techunternehmen alles. Es kann aber nicht sein, dass alles, auch im Kulturbereich, davon abhängt.“

Auch THE ELECTRAS von Reut Shemesh ist im Rahmen von Moovy 2026 zu sehen, Foto: Reut Shemesh

Das Filmprogramm erfährt thematisch und ästhetisch eine kontinuierliche Erneuerung, nicht zuletzt dadurch, dass sehr junge Leute ihre Filme einreichen, wie Ágota Harmati sagt. „In ihrer künstlerischen Qualität sind diese Filme vollkommen ausgereift, trotz des jungen Alters ihrer Urheber. Ich war zum Beispiel sehr erstaunt von einem Regisseur von den Philippinen, John Paul Soriano, der gerade mal 21 Jahre alt ist.“ In seinem Film „Hataw“ bereichert Soriano das Genre durch eine Streetdance-Variante, die er mit dem Selbstfindungsprozess seines 19-jährigen Protagonisten verbindet. Politik, Psychologie und Tanz hingegen verschmelzen in „Yellow-blue Butterflies“ der ukrainischen Regisseurin Yelyzaveta Golubenko, die mit traumatisierten Kindern zusammengearbeitet hat. Beide Filme laufen im Festivalprogramm „Beyond Innocence“, das sich an ein erwachsenes Publikum richtet, aber mit der Lebenswelt junger Menschen auseinandersetzt.

Über das eigentliche Festivalprogramm hinaus legt Moovy ein Touring-Programm auf, das einerseits die internationalen Festivals umfasst, andererseits aber auch den Nahbereich in Nordrhein-Westfalen. „Mit ‚Moovy NRW‘ gehen wir besonders gerne in kleinere Gemeinden“, so Ágota Harmati. „Dort zeigen wir unser Programm, zudem bieten wir aber auch Workshops für Kinder und Jugendliche an, die selber Filme produzieren können. Das macht allen Beteiligten unglaublich viel Spaß. Einer meiner Lieblingsorte ist Windeck, eine Gemeinde, die aus vielen Orten mit insgesamt nur 19.000 Einwohnern besteht. Dort arbeiten wir in erster Linie mit den Schulen zusammen.“

Auch mit Hochschulen steht das Festival in intensiver Verbindung, wie der Kunsthochschule für Medien und der ifs Internationale Filmschule in Köln, mit der Hochschule für Kunst und Tanz, mit dem Institut für Tanz und Bewegungskultur an der Sporthochschule in Köln. In nur zehn Jahren hat das Festival unter der Leitung von Ágota Harmati den Radius seiner Aktivitäten konsequent ausgeweitet und blickt auch schon ins elfte Jahr. Mit einem Open Call sucht Moovy 2027 Tanzfilme und Choreographien für virtuelle und erweiterte Realität. Kein Stillstand also, Tanz heißt schließlich, in Bewegung zu bleiben.

Oneironautica I, Foto: (c) Laurenz Ulrich

Die 10. Ausgabe des Festivals wird am 4. Oktober 2026 um 18 Uhr im Filmforum im Museum Ludwig eröffnet und dauert bis zum 18. Oktober.

Das Programm findet ihr auf www.moovy-festival.com


Einreichungen für 2027 unter filmfreeway.com/Moovy
(Einsendeschluss 28.02.2027)

Titelbild: Tanzfilmspaziergäne wird es auch vor dem Filmforum NRW geben, Foto: Bibiana Jimenez / Moovy

Veranstalter*innen..