Filmszene Aktuell

Große Leinwand, eigene Meinung: Cinepänz startet mit neuer Festivalleitung

Vom 10. bis 15. Oktober gehört ein beträchtlicher Teil der Kölner Kinolandschaft wieder dem jungen Publikum. Cinepänz bringt Kinder und Jugendliche mit Filmen zusammen, die im regulären Kinoprogramm leicht untergehen würden – und macht aus dem Sehen ein gemeinsames Erlebnis. 2026 startet das traditionsreiche Festival zudem mit einer neuen Doppelspitze.

Von Werner Busch.


Für ein Kind kann ein Filmfestival eine ziemlich große Sache sein. Man geht nicht einfach zu einer Vorstellung, bei der nach dem Abspann das Licht angeht und alle nach Hause gehen. Als erstes begrüßt jemand das Publikum, vielleicht sitzt die Regisseurin ein paar Reihen weiter, nachher werden Fragen gestellt. Andere Kinder lachen an denselben Stellen, finden etwas langweilig oder großartig und reden darüber. Manche sitzen sogar in einer Jury und entscheiden selbst, welcher Film einen Preis bekommt.

Feierlich und aufregend nannte eine Teilnehmerin der Cinepänz-Kinderjury ihre Festivalerfahrung vor kurzem. Das trifft einen wesentlichen Reiz solcher Festivals ziemlich gut. Kino wird für ein paar Tage zu einem besonderen Ort, und Kinder erleben, dass ihre Wahrnehmung eines Films zählt. Bei Cinepänz dürfen die Jurys der 10- bis 13-Jährigen und der 14- bis 16-Jährigen nach einem vorbereitenden Workshop die Wettbewerbsfilme sehen, diskutieren und am Ende selbst die Preisträger bestimmen.

Diese Idee begleitet das Festival schon lange. Seine Geschichte reicht bis zum ersten Kölner Kinderfilmfest 1989 zurück, seit 2003 trägt es den Namen Cinepänz. Veranstalter ist das jfc Medienzentrum, das in diesem Jahr selbst sein 50-jähriges Bestehen feiert. Aus dem damaligen Kinderfilmfest ist über die Jahrzehnte ein stadtweites Festival für ein Publikum von den ersten Kinojahren bis ins Jugendalter geworden.

Kino dort, wo die Kinder sind

Bemerkenswert ist dabei bis heute die Struktur. Cinepänz findet im Filmforum NRW, im Filmhaus, im Odeon oder in den Lichtspielen Kalk statt, zieht aber ebenso in die Alte Feuerwache, den Kulturbunker Mülheim, das Jugendzentrum in Sülz und weitere Bürger- und Jugendzentren. Das ist ein kulturpolitisch durchaus wichtiger Teil des Konzepts. jfc-Geschäftsführerin Patricia Gläfcke hatte im Frühjahr im Gespräch mit Filmszene darauf hingewiesen, dass eben nicht jedes Kind für einen Kinobesuch quer durch Köln fahren könne. Also kommt ein Teil des Festivals dorthin, wo sein Publikum lebt.

Gerade für junge Zuschauer:innen liegt darin eine Qualität, die sich schwer in Besucherzahlen ausdrücken lässt. Viele Kinderfilme jenseits der großen Marken und Franchises haben im regulären Kinobetrieb nur begrenzte Sichtbarkeit. Ein Festival kann ihnen einen Saal, Aufmerksamkeit und einen Zusammenhang geben. Ein brasilianischer Animationsfilm steht dann gleichberechtigt neben einem deutschen Spielfilm oder einem Dokumentarfilm aus Mexiko. Und die Auswahl vermittelt nebenbei eine Vorstellung davon, wie unterschiedlich Kino aussehen, klingen und erzählen kann.

Cinepänz verbindet diese Filmauswahl sehr bewusst mit Vermittlung. Vorstellungen für Schulen und Kitas werden von Gesprächen mit Medienpädagog:innen oder Filmschaffenden begleitet, hinzu kommen Workshops zu Animation, Audiodeskription, Geräuschen und Filmproduktion. Einige Vorführungen werden in Deutsche Gebärdensprache übersetzt, für sensible Inhalte gibt es Content Notes. Das junge Publikum bekommt damit Instrumente an die Hand, um über Bilder, Inszenierung und Themen zu sprechen – und muss sich nicht mit der Rolle des stillen Konsumenten begnügen.

Die neue Spitze des Jungen Filmfestivals sind Diana Kaiser (li.) und Sophie Dettmar, Foto: jfc Medienzentrum

Neue Doppelspitze

2026 beginnt für das Festival zugleich ein neues Kapitel. Seit dem 1. Mai leiten Diana Kaiser und Sophie Dettmar Cinepänz gemeinsam. Kaiser arbeitet seit 2021 beim jfc und verantwortete dort unter anderem Medienbildungsprojekte wie Kulturcaster und MedienConcret; zuvor sammelte sie Erfahrung als Creative Producerin. Dettmar kommt selbst aus der Filmpraxis: Sie ist Dokumentarfilmregisseurin und arbeitet seit mehreren Jahren in Film- und Medienbildung sowie Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2025 gehört sie zum jfc-Team.

Die Grundidee des Festivals bleibt gut erkennbar. Rund 50 Filme aus verschiedenen Ländern umfasst die diesjährige Auswahl, darunter aktuelle Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme, Kurzfilmprogramme, Köln-Premieren und Wiederentdeckungen. Statt das komplette Programm durchzugehen, lohnt der Blick auf einige Veranstaltungen, an denen sich die Arbeitsweise von Cinepänz besonders schön ablesen lässt.

Ein Samenkorn eröffnet das Festival

Zur Eröffnung am Samstag, 10. Oktober, um 12 Uhr im Filmforum NRW läuft Papayas große Reise von Priscilla Kellen. Der brasilianische Animationsfilm erzählt ohne Dialoge von einem kleinen Samenkorn, das entgegen seiner vorgesehenen Bestimmung nicht sofort Wurzeln schlagen, sondern zunächst die Welt entdecken möchte. Die Reise führt schließlich dorthin, wo menschliches Leben der Natur kaum noch Raum lässt.

Der Film hatte 2026 auf der Berlinale seine deutsche Festivalpremiere und ist bei Cinepänz erstmals in Köln zu sehen. Dass ausgerechnet ein Film ohne gesprochene Sprache die Ausgabe eröffnet, passt dabei sehr gut zu einem Festival, das schon die Jüngsten ans Kino heranführen will. Bilder, Bewegung, Geräusche und Musik müssen die Geschichte tragen. Nach der Vorstellung endet der Vormittag nicht an der Saaltür: Im Foyer gibt es Bastel-, Lese- und Fotoangebote, im Museum Ludwig schließt sich ein Workshop an, in dem Kinder eigene Collagen gestalten können.

Wie unmittelbar ein Festival die Distanz zwischen Leinwand und Publikum verkürzen kann, zeigt auch Koschka. Der sechsjährigen und älteren Kindern empfohlene Film von Bernd Sahling erzählt von Jan, seinen Freund:innen und einer zugelaufenen Katze. Bei beiden Cinepänz-Vorführungen sitzt mit Ilkay Yalcin einer der jungen Darsteller im Saal. Kinder können ihn anschließend selbst fragen, wie ein Drehtag funktioniert, wie man eine Rolle spielt oder was am Set passiert. Für Erwachsene mögen solche Fragen selbstverständlich erscheinen. Für ein Kind, das gerade einen Film gesehen hat und wenige Minuten später einem Gleichaltrigen aus diesem Film gegenübersitzt, kann daraus ein sehr konkretes Verständnis davon entstehen, dass Kino von Menschen gemacht wird.

Dass Cinepänz mit seinem Publikum mitwächst, zeigt die andere Seite des Programms. Der Dokumentarfilm Niñxs – Das Leben glitzert richtet sich an Jugendliche ab 14 Jahren. Kani Lapuerta begleitet Karla über acht Jahre auf ihrem Weg der Transition und ins junge Erwachsenenleben. Gezeigt wird der Film gemeinsam mit dem Internationalen Frauen Film Fest Dortmund/Köln und dem anyway; anschließend gibt es ein Gespräch mit dem Publikum. Solche Filme nehmen Erfahrungen junger Menschen ernst und schaffen im Kino einen geschützten Rahmen, in dem über das Gesehene gesprochen werden kann.

Die erste eigene Kinokultur

Kinder lernen bei Cinepänz Kino hier als Kulturort kennen. Sie erleben einen Film auf einer großen Leinwand mit anderen Menschen, begegnen Filmschaffenden, können Fragen stellen, selbst etwas produzieren, abstimmen oder als Jury ein Urteil begründen. Aus einem Kinobesuch kann so die Erfahrung entstehen, dass Filme etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben – und dass man über ihre Geschichten ebenso sprechen darf wie über ihre Bilder, ihren Ton oder die Art, wie sie gemacht wurden.

Wer früh erlebt, dass Kino so funktionieren kann, erinnert sich womöglich später weniger an die pädagogische Absicht als an einen vollen Saal, einen aufregenden Film und das Gefühl, mit der eigenen Meinung willkommen gewesen zu sein. Genau dafür sind sechs Tage Festival ziemlich gut investierte Zeit.

Junges Filmfestival Köln / Cinepänz
10.–15. Oktober 2026
Eröffnung: Samstag, 10. Oktober, 12 Uhr, Filmforum NRW
Papayas große Reise, Regie: Priscilla Kellen

Programm, Spielzeiten und Tickets: cinepaenz.de


Titelbild: COCO – LEBENDIGER ALS DAS LEBEN, Foto: Disney / Pixar

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