In ihrem autobiografischen Dokumentarfilm beschäftigt sich Jelena Ilić mit einer Vater-Tochter-Beziehung, die von psychischer Erkrankung, Angst und Sorge, aber auch von großer Zuneigung geprägt ist. Entstanden ist ein berührender, überraschend humorvoller und lebensbejahender Film, der mit unterschiedlichen Bildformen experimentiert und mit großer Offenheit von familiären Bindungen, Verantwortung und dem Wunsch nach Nähe erzählt.
Von Werner Busch.
Wie liebt man einen Menschen, vor dem man gleichzeitig Angst hat? Wie geht man mit einem Vater um, der einem viel bedeutet, dessen Verhalten aber immer wieder Verletzungen hinterlassen hat? Und wie viel Verantwortung kann und will man als erwachsenes Kind für seine Eltern übernehmen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Kölner Filmemacherin Jelena Ilić in ihrem Dokumentarfilm Eine Krankheit wie ein Gedicht. Einfache Antworten gibt es darauf nicht, und Ilić versucht auch gar nicht erst, welche zu finden.
Ilićs Vater Detlef Kissel leidet unter einer chronischen psychischen Erkrankung, die durch Drogenkonsum ausgelöste Psychosen mit sich bringt. In solchen Phasen verliert er den Bezug zur Realität, wird unberechenbar und teilweise auch gewalttätig. Nach einer schweren Körperverletzung wurde er in der forensischen Psychiatrie untergebracht. Fünf Jahre später steht seine Entlassung bevor. Für seine Tochter ist das eine beunruhigende Aussicht. Sie wünscht sich einen Vater, mit dem sie wieder ein Stück Normalität erleben kann, weiß allerdings nur zu gut, wie schnell diese Normalität zerbrechen kann.
Die Regisseurin, die an der Kunsthochschule für Medien Köln studierte, macht ihre eigene Unsicherheit zum Ausgangspunkt des Films. Sie besucht ihren Vater, spricht mit ihm am Telefon, befragt ihre Mutter und setzt sich mit der gemeinsamen Vergangenheit auseinander. Dabei spart sie die dunklen Seiten ihres Vaters ebenso wenig aus wie seine liebenswerten Eigenschaften. Detlef ist ein schwieriger Mensch, aber auch ein eigenwilliger Künstler, ein oft erstaunlich selbstironischer Gesprächspartner und ein Vater, der seiner Tochter offensichtlich viel bedeutet.
Ilić lässt die unterschiedlichen Seiten seiner Persönlichkeit nebeneinander bestehen. Sie hält unangenehme Momente aus, stellt Fragen und gesteht sich Gefühle zu, die sich mitunter gegenseitig ausschließen. Gerade in den Gesprächen zwischen Vater und Tochter wird deutlich, wie vertraut sich die beiden sind und wie groß gleichzeitig die Distanz sein kann, die seine Erkrankung zwischen ihnen geschaffen hat.
Eine besondere Rolle spielt die Kunst. Detlef hat seine psychischen Ausnahmezustände in zahlreichen Bildern, Fotografien und Skulpturen verarbeitet. Seine expressive, wilde Bildsprache eröffnet Einblicke in eine Wahrnehmung, die sich mit Worten schwer vermitteln lässt. Vater und Tochter verbindet zudem ein gemeinsames Comicbuch, an dem sie abwechselnd arbeiten. Auf den Seiten entstehen kleine Geschichten und Zeichnungen, mit denen sie ihr Gespräch auf andere Weise fortsetzen können.
Auch Ilić selbst nutzt in ihrem Film unterschiedliche Ausdrucksformen. Archivmaterial, Fotografien, Zeichnungen und Animationen durchbrechen die dokumentarischen Beobachtungen. Telefongespräche erhalten eine eigene grafische Gestaltung, Erinnerungen werden bildlich weitergesponnen. Die Montage von Sandra Brandl bringt die unterschiedlichen Materialien in einen lebendigen Rhythmus. Dabei entsteht eine abwechslungsreiche, gelegentlich verspielte Erzählweise, die gut zur Persönlichkeit der beiden Hauptfiguren passt. Manche Empfindungen lassen sich in einer Zeichnung eben leichter ausdrücken als in einem Gespräch.
Animierte Sequenzen des Vater-Tochter-Comicbooks brechen immer wieder die dokumentarischen Aufnahmen auf und verleihen Gedanken und Gefühlen eine eigene Bildsprache. Foto: mindjazz
Überraschend ist der Humor, den Ilić immer wieder zulässt. Manche Dialoge besitzen eine geradezu absurde Komik, die sich aus der eigentümlichen Persönlichkeit des Vaters und dem vertrauten Umgang zwischen beiden entwickelt. Diese Momente machen einen wesentlichen Teil des Charmes des Films aus. Sie zeigen zugleich, dass die Beziehung zwischen Vater und Tochter trotz aller Belastungen von gemeinsamen Erinnerungen, Zuneigung und einer besonderen Art des Humors getragen wird.
Die Tochter ist längst auch zur Verantwortlichen geworden. Sie muss Entscheidungen treffen, sich kümmern, organisieren und mit der Sorge leben, dass ihr Vater erneut die Kontrolle verlieren könnte. Die vertrauten Eltern-Kind-Rollen haben sich verschoben. In den Begegnungen der beiden wird spürbar, wie sehr diese Verantwortung auf ihr lastet und wie schwierig es ist, zwischen Fürsorge und Selbstschutz eine Balance zu finden. Die Frage, wie viel Nähe sie zulassen kann, begleitet sie durch den gesamten Film.
Der Film konzentriert sich auf die persönliche Ebene und widersteht der Versuchung, die Erfahrungen mit ihrem Vater zum Ausgangspunkt einer umfassenderen Betrachtung psychischer Erkrankungen oder des psychiatrischen Maßregelvollzugs zu machen. Diese Konsequenz macht den Film so stark. Er vertraut darauf, dass die Begegnungen zwischen Vater und Tochter, ihre Gespräche, Konflikte und Momente der Nähe genug erzählen. Fragen nach Verantwortung, Selbstbestimmung und den Grenzen familiärer Fürsorge ergeben sich dabei ganz von selbst, ohne dass der Film sie eigens ausformulieren müsste.
Eine Krankheit wie ein Gedicht ist ein lebendiger und einfallsreicher Dokumentarfilm, der auch schwierige und schmerzhafte Erfahrungen mit großer Offenheit behandelt. Die Regisseurin begegnet ihrem Vater mit Zuneigung und Neugier, ohne die Vergangenheit zu beschönigen. Dass dabei immer wieder Platz für Witz, Zärtlichkeit und überraschend schöne Augenblicke bleibt, macht den Film besonders sehenswert.
Am Ende steht die Geschichte einer Vater-Tochter-Beziehung, in der vieles ungelöst bleibt. Und doch ist Eine Krankheit wie ein Gedicht ein erstaunlich lebensbejahender Film, voller Wärme, Humor und Zuneigung. Jelena Ilić zeigt ihren Vater als Menschen mit einer unverwechselbaren Persönlichkeit, mit all seinen Widersprüchen, Eigenheiten und liebenswerten Seiten. Seine Erkrankung ist ein großer Teil seines Lebens, aber sie definiert ihn nicht vollständig. Selten gelingt es einem so persönlichen Dokumentarfilm, seinen Protagonisten derart nahezukommen und zugleich genügend Abstand zu bewahren, um über die Familiengeschichte hinauszuweisen.
Die große Intimität dieser Begegnungen wirkt dabei zu keinem Zeitpunkt unangenehm oder bloßstellend. Vielmehr liegt in der Offenheit, mit der Ilić ihre Beziehung zum Vater erkundet, eine tiefe Wahrhaftigkeit, die weit über diese besondere Familiengeschichte oder über das Thema psychische Erkrankungen hinausreicht. Man erfährt unweigerlich auch etwas über sich selbst, über die eigenen Eltern, über Nähe, Erwartungen und all die Widersprüche, die familiäre Beziehungen prägen.
Die Entwicklung von Eine Krankheit wie ein Gedicht wurde bereits 2022 durch ein Stipendium des Filmbüro NW unterstützt. Für die Produktion gewann Jelena Ilić mit Melanie Andernach (Made in Germany) eine erfahrene Produzentin, die 2024 für Sieben Winter in Teheran mit dem Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit Knut Losen produzierte sie den Film, der unter anderem von der Film- und Medienstiftung NRW, der Mitteldeutschen Medienförderung, dem Kuratorium junger deutscher Film und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde.
Nach einer erfolgreichen Festivaltour mit mehreren Auszeichnungen, darunter die Publikumspreise beim Filmfestival Max Ophüls Preis und beim Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln, ist Eine Krankheit wie ein Gedicht seit dem 8. Oktober bundesweit im Kino zu sehen. In Köln läuft der Film aktuell im Odeon in der Südstadt.
In ihrem autobiografischen Dokumentarfilm beschäftigt sich Jelena Ilić mit einer Vater-Tochter-Beziehung, die von psychischer Erkrankung, Angst und Sorge, aber auch von großer Zuneigung geprägt ist. Entstanden ist ein berührender, überraschend humorvoller und lebensbejahender Film, der mit unterschiedlichen Bildformen experimentiert und mit großer Offenheit von familiären Bindungen, Verantwortung und dem Wunsch nach Nähe erzählt.
Von Werner Busch.
Wie liebt man einen Menschen, vor dem man gleichzeitig Angst hat? Wie geht man mit einem Vater um, der einem viel bedeutet, dessen Verhalten aber immer wieder Verletzungen hinterlassen hat? Und wie viel Verantwortung kann und will man als erwachsenes Kind für seine Eltern übernehmen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Kölner Filmemacherin Jelena Ilić in ihrem Dokumentarfilm Eine Krankheit wie ein Gedicht. Einfache Antworten gibt es darauf nicht, und Ilić versucht auch gar nicht erst, welche zu finden.
Ilićs Vater Detlef Kissel leidet unter einer chronischen psychischen Erkrankung, die durch Drogenkonsum ausgelöste Psychosen mit sich bringt. In solchen Phasen verliert er den Bezug zur Realität, wird unberechenbar und teilweise auch gewalttätig. Nach einer schweren Körperverletzung wurde er in der forensischen Psychiatrie untergebracht. Fünf Jahre später steht seine Entlassung bevor. Für seine Tochter ist das eine beunruhigende Aussicht. Sie wünscht sich einen Vater, mit dem sie wieder ein Stück Normalität erleben kann, weiß allerdings nur zu gut, wie schnell diese Normalität zerbrechen kann.
Die Regisseurin, die an der Kunsthochschule für Medien Köln studierte, macht ihre eigene Unsicherheit zum Ausgangspunkt des Films. Sie besucht ihren Vater, spricht mit ihm am Telefon, befragt ihre Mutter und setzt sich mit der gemeinsamen Vergangenheit auseinander. Dabei spart sie die dunklen Seiten ihres Vaters ebenso wenig aus wie seine liebenswerten Eigenschaften. Detlef ist ein schwieriger Mensch, aber auch ein eigenwilliger Künstler, ein oft erstaunlich selbstironischer Gesprächspartner und ein Vater, der seiner Tochter offensichtlich viel bedeutet.
Ilić lässt die unterschiedlichen Seiten seiner Persönlichkeit nebeneinander bestehen. Sie hält unangenehme Momente aus, stellt Fragen und gesteht sich Gefühle zu, die sich mitunter gegenseitig ausschließen. Gerade in den Gesprächen zwischen Vater und Tochter wird deutlich, wie vertraut sich die beiden sind und wie groß gleichzeitig die Distanz sein kann, die seine Erkrankung zwischen ihnen geschaffen hat.
Eine besondere Rolle spielt die Kunst. Detlef hat seine psychischen Ausnahmezustände in zahlreichen Bildern, Fotografien und Skulpturen verarbeitet. Seine expressive, wilde Bildsprache eröffnet Einblicke in eine Wahrnehmung, die sich mit Worten schwer vermitteln lässt. Vater und Tochter verbindet zudem ein gemeinsames Comicbuch, an dem sie abwechselnd arbeiten. Auf den Seiten entstehen kleine Geschichten und Zeichnungen, mit denen sie ihr Gespräch auf andere Weise fortsetzen können.
Auch Ilić selbst nutzt in ihrem Film unterschiedliche Ausdrucksformen. Archivmaterial, Fotografien, Zeichnungen und Animationen durchbrechen die dokumentarischen Beobachtungen. Telefongespräche erhalten eine eigene grafische Gestaltung, Erinnerungen werden bildlich weitergesponnen. Die Montage von Sandra Brandl bringt die unterschiedlichen Materialien in einen lebendigen Rhythmus. Dabei entsteht eine abwechslungsreiche, gelegentlich verspielte Erzählweise, die gut zur Persönlichkeit der beiden Hauptfiguren passt. Manche Empfindungen lassen sich in einer Zeichnung eben leichter ausdrücken als in einem Gespräch.
Überraschend ist der Humor, den Ilić immer wieder zulässt. Manche Dialoge besitzen eine geradezu absurde Komik, die sich aus der eigentümlichen Persönlichkeit des Vaters und dem vertrauten Umgang zwischen beiden entwickelt. Diese Momente machen einen wesentlichen Teil des Charmes des Films aus. Sie zeigen zugleich, dass die Beziehung zwischen Vater und Tochter trotz aller Belastungen von gemeinsamen Erinnerungen, Zuneigung und einer besonderen Art des Humors getragen wird.
Die Tochter ist längst auch zur Verantwortlichen geworden. Sie muss Entscheidungen treffen, sich kümmern, organisieren und mit der Sorge leben, dass ihr Vater erneut die Kontrolle verlieren könnte. Die vertrauten Eltern-Kind-Rollen haben sich verschoben. In den Begegnungen der beiden wird spürbar, wie sehr diese Verantwortung auf ihr lastet und wie schwierig es ist, zwischen Fürsorge und Selbstschutz eine Balance zu finden. Die Frage, wie viel Nähe sie zulassen kann, begleitet sie durch den gesamten Film.
Der Film konzentriert sich auf die persönliche Ebene und widersteht der Versuchung, die Erfahrungen mit ihrem Vater zum Ausgangspunkt einer umfassenderen Betrachtung psychischer Erkrankungen oder des psychiatrischen Maßregelvollzugs zu machen. Diese Konsequenz macht den Film so stark. Er vertraut darauf, dass die Begegnungen zwischen Vater und Tochter, ihre Gespräche, Konflikte und Momente der Nähe genug erzählen. Fragen nach Verantwortung, Selbstbestimmung und den Grenzen familiärer Fürsorge ergeben sich dabei ganz von selbst, ohne dass der Film sie eigens ausformulieren müsste.
Eine Krankheit wie ein Gedicht ist ein lebendiger und einfallsreicher Dokumentarfilm, der auch schwierige und schmerzhafte Erfahrungen mit großer Offenheit behandelt. Die Regisseurin begegnet ihrem Vater mit Zuneigung und Neugier, ohne die Vergangenheit zu beschönigen. Dass dabei immer wieder Platz für Witz, Zärtlichkeit und überraschend schöne Augenblicke bleibt, macht den Film besonders sehenswert.
Am Ende steht die Geschichte einer Vater-Tochter-Beziehung, in der vieles ungelöst bleibt. Und doch ist Eine Krankheit wie ein Gedicht ein erstaunlich lebensbejahender Film, voller Wärme, Humor und Zuneigung. Jelena Ilić zeigt ihren Vater als Menschen mit einer unverwechselbaren Persönlichkeit, mit all seinen Widersprüchen, Eigenheiten und liebenswerten Seiten. Seine Erkrankung ist ein großer Teil seines Lebens, aber sie definiert ihn nicht vollständig. Selten gelingt es einem so persönlichen Dokumentarfilm, seinen Protagonisten derart nahezukommen und zugleich genügend Abstand zu bewahren, um über die Familiengeschichte hinauszuweisen.
Die große Intimität dieser Begegnungen wirkt dabei zu keinem Zeitpunkt unangenehm oder bloßstellend. Vielmehr liegt in der Offenheit, mit der Ilić ihre Beziehung zum Vater erkundet, eine tiefe Wahrhaftigkeit, die weit über diese besondere Familiengeschichte oder über das Thema psychische Erkrankungen hinausreicht. Man erfährt unweigerlich auch etwas über sich selbst, über die eigenen Eltern, über Nähe, Erwartungen und all die Widersprüche, die familiäre Beziehungen prägen.
Die Entwicklung von Eine Krankheit wie ein Gedicht wurde bereits 2022 durch ein Stipendium des Filmbüro NW unterstützt. Für die Produktion gewann Jelena Ilić mit Melanie Andernach (Made in Germany) eine erfahrene Produzentin, die 2024 für Sieben Winter in Teheran mit dem Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit Knut Losen produzierte sie den Film, der unter anderem von der Film- und Medienstiftung NRW, der Mitteldeutschen Medienförderung, dem Kuratorium junger deutscher Film und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde.
Nach einer erfolgreichen Festivaltour mit mehreren Auszeichnungen, darunter die Publikumspreise beim Filmfestival Max Ophüls Preis und beim Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln, ist Eine Krankheit wie ein Gedicht seit dem 8. Oktober bundesweit im Kino zu sehen. In Köln läuft der Film aktuell im Odeon in der Südstadt.