Am 23. und 24. Oktober feiert das Outframe Filmfest in Köln seine Premiere. Auf dem Programm stehen ungewöhnliche Entdeckungen aus fünf Jahrzehnten Filmgeschichte, die sich mit Subkulturen, Widerstand und alternativen Lebensentwürfen beschäftigen. Dazu gibt es Workshops und Diskussionen über die Möglichkeiten gemeinschaftlich organisierter Filmkultur. Festivalgründerin Lena Mrachacz hat mit Filmszene Köln über ihre Filmauswahl, die Schwierigkeiten bei der Recherche und ihre Vorstellungen von einem Kino als Ort der Begegnung gesprochen.
Von Werner Busch.
Eigentlich wollte Lena Mrachacz eine ganze Nacht lang Filme zeigen. Ein Kinomarathon, bei dem man am Abend kommt und bis in die frühen Morgenstunden bleibt. Aus dieser Idee ist schließlich ein zweitägiges Festival geworden, das am Freitag, 23. Oktober, im Filmhaus Köln beginnt. Die letzte Vorstellung startet um Mitternacht, bevor das Programm am Samstag mit Workshops und einem Filmabend in Köln-Mülheim fortgesetzt wird.
Outframe Filmfest Vol. 1: »Subcultures, Resistance & Shared Desires« heißt die erste Ausgabe des neuen Festivals, das sich der Filmgeschichte aus einer besonderen Perspektive nähert. Es versammelt Filme, die aus gesellschaftlichen Gegenbewegungen heraus entstanden sind, sich mit alternativen Lebensformen beschäftigen oder Menschen zeigen, die sich ihren Platz jenseits etablierter Konventionen geschaffen haben.
Hinter dem Festival steht die Kölner Filmkuratorin Lena Mrachacz, die in den vergangenen zehn Jahren in unterschiedlichen Bereichen der Filmbranche gearbeitet hat – in Kinos, bei Filmfestivals und im Filmverleih. Mit ihrem eigenen Projekt Countercuts veröffentlicht sie außerdem englischsprachige Texte über Film. Die Plattform entstand unter anderem aus der Beobachtung, dass es in Köln trotz seiner internationalen Kulturszene vergleichsweise wenige englischsprachige Angebote rund um das Kino gibt.
Lena Mrachacz, Foto: Werner Busch
Bei ihrer Beschäftigung mit Filmgeschichte und Filmkultur interessierte sie zunehmend die Frage, wie Kino auch unabhängig von kommerziellen Verwertungsinteressen funktionieren kann. »Wie funktionieren zum Beispiel politischer Aktivismus und Kino zusammen?«, fragt Mrachacz. Eine wichtige Rolle spielten dabei Filme, die aus dem Bedürfnis entstanden, Menschen und Erfahrungen sichtbar zu machen, die im etablierten Kino kaum vorkamen.
Filme, die aus Gegenbewegungen entstanden sind
Bei der Zusammenstellung des Programms interessierte sich Mrachacz besonders für Arbeiten, die unmittelbar aus Subkultur-Bewegungen hervorgegangen sind. Für die erste Ausgabe wollte sie bewusst auch weiter in die Filmgeschichte zurückblicken.
Ein Beispiel dafür ist Four Women (1975) von Julie Dash. Die US-amerikanische Filmemacherin gehörte zur sogenannten L.A. Rebellion, einer Bewegung vorwiegend schwarzer Filmschaffender, die seit den 1970er-Jahren an der UCLA entstand und den von weißen Perspektiven dominierten Hollywood-Kanon infrage stellte. Dashs siebenminütiger Film eröffnet gemeinsam mit David Schickeles Bushman (1971) am Freitag um 18 Uhr das Festivalprogramm.
Um 20 Uhr folgt unter dem Titel »Formation« ein Kurzfilmprogramm, das drei unterschiedliche subkulturelle Milieus vorstellt. In Guerillere Talks (1978) porträtiert Vivienne Dick Frauen aus der New Yorker No-Wave-Szene. Shinjuku Boys (1995) von Kim Longinotto und Jano Williams begleitet drei Menschen, die als Männer leben und in einem Tokyoter Host Club arbeiten.
Eine besonders ungewöhnliche Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte hat Dirty Girls von Michael Lucid. Der damals noch jugendliche Filmemacher dokumentierte 1996 mit einer Videokamera Mitschülerinnen in Santa Monica, die sich bewusst den gängigen weiblichen Schönheitsidealen widersetzten. Der Film geriet zunächst weitgehend in Vergessenheit, bis Lucid ihn Jahre später auf YouTube veröffentlichte. Dort erreichte er Millionen Aufrufe und wurde schließlich auch von Filmfestivals entdeckt. Im Februar 2026 lief er auf der Berlinale. Gerade solche Lebensläufe von Filmen findet Mrachacz faszinierend. »Ich interessiere mich immer auch über den Inhalt des Films hinaus für seine Entstehung, Auswertung und die Geschichte, die hinter ihm steckt«, erzählt sie.
Shinjuku Boys (1995) / Courtesy of Women Make Movies
Filmschätze zwischen YouTube und Filmarchiven
Die Recherche für Outframe war aufwendig. Mrachacz durchforstete historische Festivalprogramme, beschäftigte sich mit den Beständen des Berliner Arsenal und des New Yorker Museum of Modern Art und suchte auf YouTube sowie in teilweise schwer zugänglichen Onlinearchiven.
Noch schwieriger als das Auffinden der Filme war mitunter die Beschaffung vorführfähigen Materials. Bei einigen Wunschfilmen ließen sich die Rechte nicht klären, andere waren schlicht nicht mehr verfügbar.
Dabei waren teilweise ungewöhnliche Wege nötig. Für Dirty Girls schrieb Mrachacz den Regisseur über Instagram an. Der hatte die Rechte inzwischen an eine der Protagonistinnen übertragen und stellte den Kontakt ebenfalls über Instagram her.
Andere Filme waren über etablierte Vertriebsstrukturen zugänglich. Für Benjamin Mullinkossons The Last Year of Darkness (2023), der am Freitag um 22 Uhr läuft, stellte der Regisseur selbst das Material zur Verfügung. Der Dokumentarfilm begleitet junge Menschen in der Underground-Clubszene der chinesischen Millionenstadt Chengdu, deren Treffpunkt durch städtebauliche Veränderungen bedroht ist. Den Abschluss der Filmnacht bildet um Mitternacht Derek Jarmans Punkfilm Jubilee (1978), in dem Königin Elisabeth I. eine von Anarchie und Gewalt geprägte Zukunft Großbritanniens besucht.
Mit kleinen Mitteln selbst aktiv werden
Das Festival möchte die Auseinandersetzung mit Filmen über die Vorführungen hinaus fortsetzen. Dafür stehen zwei Workshops, die zugleich an die Tradition subkultureller Selbstorganisation anknüpfen.
Bereits am Freitag können Besucherinnen und Besucher zwischen 16 und 18 Uhr im Filmhaus-Foyer beim Siebdruck-Workshop mit Chris Wienand eigene T-Shirts oder andere mitgebrachte Stoffe mit einem Festivalmotiv bedrucken.
Am Samstag um 13 Uhr bietet die Filmemacherin und Illustratorin Lenia Friedrich einen Workshop zur Herstellung von Fanzines an. Diese selbst produzierten kleinen Magazine haben ihre Wurzeln unter anderem in der Science-Fiction-Fankultur und wurden später zu einem wichtigen Ausdrucksmittel der Punkbewegung und politischer Subkulturen.
Für Mrachacz passt das unmittelbar zu ihrer eigenen Arbeit mit Countercuts. »Wer darf eigentlich über Filme schreiben? Wer redet (öffentlich) über Filme? Und wie hoch ist die Hürde, in die Branche reinzukommen?«, fragt sie. Sie möchte Möglichkeiten schaffen, sich mit Film auseinanderzusetzen, ohne dass dafür ein bestimmter Ausbildungsweg, Kontakte oder eine etablierte Publikation erforderlich sind.
Die Rückkehr zu gedruckten Materialien findet sie auch angesichts der heutigen digitalen Medienlandschaft interessant. Sie beobachtet gerade bei jüngeren Menschen eine neue Begeisterung für physische Medien, von DVDs und Blu-rays bis zu selbst gestalteten Publikationen. Gleichzeitig fragt sie sich, wie viele Menschen angesichts der täglichen Informationsflut überhaupt noch längere Texte im Internet lesen. Ein selbst hergestelltes Heft könne einen anderen Zugang zum Inhalt ermöglichen.
Für den zweiten Festivaltag hat Mrachacz bewusst einen weiteren Veranstaltungsort gesucht. Am Samstagabend zieht Outframe in die queer-kollektiv geführte Bar OYA MÜLLEM an der Buchheimer Straße.
»Mir war total wichtig, das Programm auch aus dem Kino herauszuholen«, erklärt sie. »Ich glaube, dass mit Filmen ganz viel passiert, wenn man sie in anderen Kontexten zeigt.« So könne auch ein Publikum erreicht werden, das sich von klassischen Filmfestivals möglicherweise weniger angesprochen fühlt. Der Besuch einer vertrauten Bar sei für manche Menschen niedrigschwelliger als der Gang in ein etabliertes Programmkino.
Um 19 Uhr ist dort das Frankfurter kinokollektivkino e. V. zu Gast. Das Kollektiv setzt sich seit mehreren Jahren für die Wiederbelebung des Berger Kinos in Frankfurt-Bornheim ein. Ziel ist ein gemeinschaftlich getragenes Stadtteilkino, dessen Programm von unterschiedlichen Menschen mitgestaltet werden kann.
Das Kollektiv präsentiert zunächst unter dem Titel »I Contain Multitudes« ein Kurzfilmprogramm über transweibliche Lebensrealitäten. Anschließend geht es in einem von Isabel Beisiegel moderierten Gespräch um die Möglichkeiten und Schwierigkeiten eines partizipatorischen Kinobetriebs und um Kino als Subkultur selbst.
Wie kann man ein Kino gemeinschaftlich organisieren? Wer entscheidet über das Programm? Und wie lässt sich ein kultureller Ort finanzieren, ohne sämtliche Entscheidungen an erwarteten Besucher:innenzahlen auszurichten?
Für Mrachacz berühren diese Fragen den Kern ihrer eigenen Vorstellungen von Filmkultur. Das Kino ist für sie auch ein sogenannter dritter Ort, ein Treffpunkt außerhalb von Wohnung und Arbeitsplatz. »Ich sehe Kino immer auch als einen Raum, wo man sich einfach aufhalten kann, wo man in Kontakt kommt.«
Wie wichtig ihr solche Orte sind, hat sie selbst erfahren. Während ihres Medienwissenschaftsstudiums an der Universität zu Köln gab es noch ein kleines Kellerkino am Institut. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein 72-stündiger Filmmarathon, den ein Dozent dort veranstaltete. Man konnte kommen und gehen, wann man wollte, und blieb oft viel länger als ursprünglich geplant.
»Das war ein einschneidendes Erlebnis. Einfach mitten in der Nacht aufzutauchen und zu sagen: Super, jetzt gucke ich den Film mit, der halt gerade läuft.« Später arbeitete Mrachacz selbst in verschiedenen Kinos. Während der pandemiebedingten Schließungen wurde ihr besonders bewusst, wie sehr ihr diese Orte als Treffpunkte fehlten.
Langfristig träumt sie davon, selbst ein Kino zu betreiben – am liebsten an einem Ort, an dem kulturelle Angebote bislang rar sind. Ein Kino, das auch Menschen offensteht, die eigene Ideen ausprobieren oder Veranstaltungen organisieren möchten.
Ein Festival, das weiterwachsen soll
Outframe versteht Mrachacz ausdrücklich als Anfang. Die Bezeichnung »Vol. 1« ist bewusst gewählt. Sie möchte das Festival jährlich fortsetzen und darüber hinaus auch während des Jahres kleinere Veranstaltungen organisieren. Dabei geht es ihr nicht um Besucher:innenzahlen oder immer größere Programme. »Ich will kein riesengroßes Festival haben, weil dann gar nicht erst dieses Gemeinschaftliche entsteht, das ich suche.«
Vielmehr hofft sie, dass sich rund um das Festival ein Kreis von Menschen bildet, die wiederkommen, eigene Ideen einbringen und sich irgendwann auch an der Programmgestaltung beteiligen.
Wie schwierig die finanziellen Voraussetzungen dafür sind, weiß sie aus eigener Erfahrung. Erst im vierten Anlauf erhielt sie eine Förderung für das Festival. Unterstützt wird die erste Ausgabe vom Kulturamt der Stadt Köln. Dennoch bleibt die Finanzierung eine Herausforderung, insbesondere wenn es darum geht, die beteiligten Menschen angemessen zu bezahlen.
Mrachacz betrachtet es kritisch, dass so viele Kulturveranstaltungen auf ehrenamtliches Engagement und geringe Aufwandsentschädigungen angewiesen sind. »Wenn wir das alle nur noch ehrenamtlich machen, dann ist das keine Branche mehr. Und es bleibt bei allen die persönliche Frage, wie lange sie sich diese Arbeit noch leisten können. Dabei ist Kulturarbeit eine so wichtige Arbeit.«
Für die Zukunft von Outframe wünscht sie sich deshalb auch Strukturen, die kontinuierliche Zusammenarbeit ermöglichen. Zunächst geht es darum, herauszufinden, wie das Publikum auf das neue Festival reagiert und welche Begegnungen daraus entstehen.
Das Motto dafür hat sie im Gespräch schon gefunden: »Man muss es halt einfach mal machen.«
Outframe Filmfest Vol. 1: »Subcultures, Resistance & Shared Desires« findet am Freitag, 23. Oktober, und Samstag, 24. Oktober 2026, im Filmhaus Köln und im OYA Müllem statt. Die Kinovorführungen kosten jeweils 6 Euro. Die Workshops sowie die Abschlussveranstaltung im OYA sind kostenlos. Für den Fanzine-Workshop wird um Anmeldung gebeten. Das Festivalprogramm enthält auch Informationen zu Sprachfassungen, Untertiteln und möglichen belastenden Filminhalten.
Das vollständige Programm und Tickets gibt es auf der Website des Outframe Filmfests www.countercuts.com
Titelbild: Dirty Girls (Michael Lucid, 1996/2000) / Courtesy of Michael Lucid, Amber Willat und Harper Willat
Am 23. und 24. Oktober feiert das Outframe Filmfest in Köln seine Premiere. Auf dem Programm stehen ungewöhnliche Entdeckungen aus fünf Jahrzehnten Filmgeschichte, die sich mit Subkulturen, Widerstand und alternativen Lebensentwürfen beschäftigen. Dazu gibt es Workshops und Diskussionen über die Möglichkeiten gemeinschaftlich organisierter Filmkultur. Festivalgründerin Lena Mrachacz hat mit Filmszene Köln über ihre Filmauswahl, die Schwierigkeiten bei der Recherche und ihre Vorstellungen von einem Kino als Ort der Begegnung gesprochen.
Von Werner Busch.
Eigentlich wollte Lena Mrachacz eine ganze Nacht lang Filme zeigen. Ein Kinomarathon, bei dem man am Abend kommt und bis in die frühen Morgenstunden bleibt. Aus dieser Idee ist schließlich ein zweitägiges Festival geworden, das am Freitag, 23. Oktober, im Filmhaus Köln beginnt. Die letzte Vorstellung startet um Mitternacht, bevor das Programm am Samstag mit Workshops und einem Filmabend in Köln-Mülheim fortgesetzt wird.
Outframe Filmfest Vol. 1: »Subcultures, Resistance & Shared Desires« heißt die erste Ausgabe des neuen Festivals, das sich der Filmgeschichte aus einer besonderen Perspektive nähert. Es versammelt Filme, die aus gesellschaftlichen Gegenbewegungen heraus entstanden sind, sich mit alternativen Lebensformen beschäftigen oder Menschen zeigen, die sich ihren Platz jenseits etablierter Konventionen geschaffen haben.
Hinter dem Festival steht die Kölner Filmkuratorin Lena Mrachacz, die in den vergangenen zehn Jahren in unterschiedlichen Bereichen der Filmbranche gearbeitet hat – in Kinos, bei Filmfestivals und im Filmverleih. Mit ihrem eigenen Projekt Countercuts veröffentlicht sie außerdem englischsprachige Texte über Film. Die Plattform entstand unter anderem aus der Beobachtung, dass es in Köln trotz seiner internationalen Kulturszene vergleichsweise wenige englischsprachige Angebote rund um das Kino gibt.
Bei ihrer Beschäftigung mit Filmgeschichte und Filmkultur interessierte sie zunehmend die Frage, wie Kino auch unabhängig von kommerziellen Verwertungsinteressen funktionieren kann. »Wie funktionieren zum Beispiel politischer Aktivismus und Kino zusammen?«, fragt Mrachacz. Eine wichtige Rolle spielten dabei Filme, die aus dem Bedürfnis entstanden, Menschen und Erfahrungen sichtbar zu machen, die im etablierten Kino kaum vorkamen.
Filme, die aus Gegenbewegungen entstanden sind
Bei der Zusammenstellung des Programms interessierte sich Mrachacz besonders für Arbeiten, die unmittelbar aus Subkultur-Bewegungen hervorgegangen sind. Für die erste Ausgabe wollte sie bewusst auch weiter in die Filmgeschichte zurückblicken.
Ein Beispiel dafür ist Four Women (1975) von Julie Dash. Die US-amerikanische Filmemacherin gehörte zur sogenannten L.A. Rebellion, einer Bewegung vorwiegend schwarzer Filmschaffender, die seit den 1970er-Jahren an der UCLA entstand und den von weißen Perspektiven dominierten Hollywood-Kanon infrage stellte. Dashs siebenminütiger Film eröffnet gemeinsam mit David Schickeles Bushman (1971) am Freitag um 18 Uhr das Festivalprogramm.
Um 20 Uhr folgt unter dem Titel »Formation« ein Kurzfilmprogramm, das drei unterschiedliche subkulturelle Milieus vorstellt. In Guerillere Talks (1978) porträtiert Vivienne Dick Frauen aus der New Yorker No-Wave-Szene. Shinjuku Boys (1995) von Kim Longinotto und Jano Williams begleitet drei Menschen, die als Männer leben und in einem Tokyoter Host Club arbeiten.
Eine besonders ungewöhnliche Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte hat Dirty Girls von Michael Lucid. Der damals noch jugendliche Filmemacher dokumentierte 1996 mit einer Videokamera Mitschülerinnen in Santa Monica, die sich bewusst den gängigen weiblichen Schönheitsidealen widersetzten. Der Film geriet zunächst weitgehend in Vergessenheit, bis Lucid ihn Jahre später auf YouTube veröffentlichte. Dort erreichte er Millionen Aufrufe und wurde schließlich auch von Filmfestivals entdeckt. Im Februar 2026 lief er auf der Berlinale. Gerade solche Lebensläufe von Filmen findet Mrachacz faszinierend. »Ich interessiere mich immer auch über den Inhalt des Films hinaus für seine Entstehung, Auswertung und die Geschichte, die hinter ihm steckt«, erzählt sie.
Filmschätze zwischen YouTube und Filmarchiven
Die Recherche für Outframe war aufwendig. Mrachacz durchforstete historische Festivalprogramme, beschäftigte sich mit den Beständen des Berliner Arsenal und des New Yorker Museum of Modern Art und suchte auf YouTube sowie in teilweise schwer zugänglichen Onlinearchiven.
Noch schwieriger als das Auffinden der Filme war mitunter die Beschaffung vorführfähigen Materials. Bei einigen Wunschfilmen ließen sich die Rechte nicht klären, andere waren schlicht nicht mehr verfügbar.
Dabei waren teilweise ungewöhnliche Wege nötig. Für Dirty Girls schrieb Mrachacz den Regisseur über Instagram an. Der hatte die Rechte inzwischen an eine der Protagonistinnen übertragen und stellte den Kontakt ebenfalls über Instagram her.
Andere Filme waren über etablierte Vertriebsstrukturen zugänglich. Für Benjamin Mullinkossons The Last Year of Darkness (2023), der am Freitag um 22 Uhr läuft, stellte der Regisseur selbst das Material zur Verfügung. Der Dokumentarfilm begleitet junge Menschen in der Underground-Clubszene der chinesischen Millionenstadt Chengdu, deren Treffpunkt durch städtebauliche Veränderungen bedroht ist. Den Abschluss der Filmnacht bildet um Mitternacht Derek Jarmans Punkfilm Jubilee (1978), in dem Königin Elisabeth I. eine von Anarchie und Gewalt geprägte Zukunft Großbritanniens besucht.
Mit kleinen Mitteln selbst aktiv werden
Das Festival möchte die Auseinandersetzung mit Filmen über die Vorführungen hinaus fortsetzen. Dafür stehen zwei Workshops, die zugleich an die Tradition subkultureller Selbstorganisation anknüpfen.
Bereits am Freitag können Besucherinnen und Besucher zwischen 16 und 18 Uhr im Filmhaus-Foyer beim Siebdruck-Workshop mit Chris Wienand eigene T-Shirts oder andere mitgebrachte Stoffe mit einem Festivalmotiv bedrucken.
Am Samstag um 13 Uhr bietet die Filmemacherin und Illustratorin Lenia Friedrich einen Workshop zur Herstellung von Fanzines an. Diese selbst produzierten kleinen Magazine haben ihre Wurzeln unter anderem in der Science-Fiction-Fankultur und wurden später zu einem wichtigen Ausdrucksmittel der Punkbewegung und politischer Subkulturen.
Für Mrachacz passt das unmittelbar zu ihrer eigenen Arbeit mit Countercuts. »Wer darf eigentlich über Filme schreiben? Wer redet (öffentlich) über Filme? Und wie hoch ist die Hürde, in die Branche reinzukommen?«, fragt sie. Sie möchte Möglichkeiten schaffen, sich mit Film auseinanderzusetzen, ohne dass dafür ein bestimmter Ausbildungsweg, Kontakte oder eine etablierte Publikation erforderlich sind.
Die Rückkehr zu gedruckten Materialien findet sie auch angesichts der heutigen digitalen Medienlandschaft interessant. Sie beobachtet gerade bei jüngeren Menschen eine neue Begeisterung für physische Medien, von DVDs und Blu-rays bis zu selbst gestalteten Publikationen. Gleichzeitig fragt sie sich, wie viele Menschen angesichts der täglichen Informationsflut überhaupt noch längere Texte im Internet lesen. Ein selbst hergestelltes Heft könne einen anderen Zugang zum Inhalt ermöglichen.
Das Kino ist überall
Für den zweiten Festivaltag hat Mrachacz bewusst einen weiteren Veranstaltungsort gesucht. Am Samstagabend zieht Outframe in die queer-kollektiv geführte Bar OYA MÜLLEM an der Buchheimer Straße.
»Mir war total wichtig, das Programm auch aus dem Kino herauszuholen«, erklärt sie. »Ich glaube, dass mit Filmen ganz viel passiert, wenn man sie in anderen Kontexten zeigt.« So könne auch ein Publikum erreicht werden, das sich von klassischen Filmfestivals möglicherweise weniger angesprochen fühlt. Der Besuch einer vertrauten Bar sei für manche Menschen niedrigschwelliger als der Gang in ein etabliertes Programmkino.
Um 19 Uhr ist dort das Frankfurter kinokollektivkino e. V. zu Gast. Das Kollektiv setzt sich seit mehreren Jahren für die Wiederbelebung des Berger Kinos in Frankfurt-Bornheim ein. Ziel ist ein gemeinschaftlich getragenes Stadtteilkino, dessen Programm von unterschiedlichen Menschen mitgestaltet werden kann.
Das Kollektiv präsentiert zunächst unter dem Titel »I Contain Multitudes« ein Kurzfilmprogramm über transweibliche Lebensrealitäten. Anschließend geht es in einem von Isabel Beisiegel moderierten Gespräch um die Möglichkeiten und Schwierigkeiten eines partizipatorischen Kinobetriebs und um Kino als Subkultur selbst.
Wie kann man ein Kino gemeinschaftlich organisieren? Wer entscheidet über das Programm? Und wie lässt sich ein kultureller Ort finanzieren, ohne sämtliche Entscheidungen an erwarteten Besucher:innenzahlen auszurichten?
Für Mrachacz berühren diese Fragen den Kern ihrer eigenen Vorstellungen von Filmkultur. Das Kino ist für sie auch ein sogenannter dritter Ort, ein Treffpunkt außerhalb von Wohnung und Arbeitsplatz. »Ich sehe Kino immer auch als einen Raum, wo man sich einfach aufhalten kann, wo man in Kontakt kommt.«
Wie wichtig ihr solche Orte sind, hat sie selbst erfahren. Während ihres Medienwissenschaftsstudiums an der Universität zu Köln gab es noch ein kleines Kellerkino am Institut. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein 72-stündiger Filmmarathon, den ein Dozent dort veranstaltete. Man konnte kommen und gehen, wann man wollte, und blieb oft viel länger als ursprünglich geplant.
»Das war ein einschneidendes Erlebnis. Einfach mitten in der Nacht aufzutauchen und zu sagen: Super, jetzt gucke ich den Film mit, der halt gerade läuft.« Später arbeitete Mrachacz selbst in verschiedenen Kinos. Während der pandemiebedingten Schließungen wurde ihr besonders bewusst, wie sehr ihr diese Orte als Treffpunkte fehlten.
Langfristig träumt sie davon, selbst ein Kino zu betreiben – am liebsten an einem Ort, an dem kulturelle Angebote bislang rar sind. Ein Kino, das auch Menschen offensteht, die eigene Ideen ausprobieren oder Veranstaltungen organisieren möchten.
Ein Festival, das weiterwachsen soll
Outframe versteht Mrachacz ausdrücklich als Anfang. Die Bezeichnung »Vol. 1« ist bewusst gewählt. Sie möchte das Festival jährlich fortsetzen und darüber hinaus auch während des Jahres kleinere Veranstaltungen organisieren. Dabei geht es ihr nicht um Besucher:innenzahlen oder immer größere Programme. »Ich will kein riesengroßes Festival haben, weil dann gar nicht erst dieses Gemeinschaftliche entsteht, das ich suche.«
Vielmehr hofft sie, dass sich rund um das Festival ein Kreis von Menschen bildet, die wiederkommen, eigene Ideen einbringen und sich irgendwann auch an der Programmgestaltung beteiligen.
Wie schwierig die finanziellen Voraussetzungen dafür sind, weiß sie aus eigener Erfahrung. Erst im vierten Anlauf erhielt sie eine Förderung für das Festival. Unterstützt wird die erste Ausgabe vom Kulturamt der Stadt Köln. Dennoch bleibt die Finanzierung eine Herausforderung, insbesondere wenn es darum geht, die beteiligten Menschen angemessen zu bezahlen.
Mrachacz betrachtet es kritisch, dass so viele Kulturveranstaltungen auf ehrenamtliches Engagement und geringe Aufwandsentschädigungen angewiesen sind. »Wenn wir das alle nur noch ehrenamtlich machen, dann ist das keine Branche mehr. Und es bleibt bei allen die persönliche Frage, wie lange sie sich diese Arbeit noch leisten können. Dabei ist Kulturarbeit eine so wichtige Arbeit.«
Für die Zukunft von Outframe wünscht sie sich deshalb auch Strukturen, die kontinuierliche Zusammenarbeit ermöglichen. Zunächst geht es darum, herauszufinden, wie das Publikum auf das neue Festival reagiert und welche Begegnungen daraus entstehen.
Das Motto dafür hat sie im Gespräch schon gefunden: »Man muss es halt einfach mal machen.«
Outframe Filmfest Vol. 1: »Subcultures, Resistance & Shared Desires« findet am Freitag, 23. Oktober, und Samstag, 24. Oktober 2026, im Filmhaus Köln und im OYA Müllem statt. Die Kinovorführungen kosten jeweils 6 Euro. Die Workshops sowie die Abschlussveranstaltung im OYA sind kostenlos. Für den Fanzine-Workshop wird um Anmeldung gebeten. Das Festivalprogramm enthält auch Informationen zu Sprachfassungen, Untertiteln und möglichen belastenden Filminhalten.
Das vollständige Programm und Tickets gibt es auf der Website des Outframe Filmfests www.countercuts.com
Titelbild: Dirty Girls (Michael Lucid, 1996/2000) / Courtesy of Michael Lucid, Amber Willat und Harper Willat