Festival Filmszene Aktuell

Köln bei der 50. Duisburger Filmwoche: Drei Filme, ein Jubiläumsbuch und Kino als Begegnungsort

Die Duisburger Filmwoche feiert vom 2. bis 8. November 2026 ihre 50. Ausgabe. Unter dem Motto „50 Jahre Gegenwart“ präsentiert das renommierte Dokumentarfilmfestival 21 Filme und ein umfangreiches Jubiläumsprogramm. Auch die Kölner Filmszene ist prominent vertreten: mit zwei Produktionen der Kunsthochschule für Medien, einem Film des KHM-Absolventen Lukas Marxt, einem Jubiläumsbuch aus einem Kölner Verlag und einer Veranstaltung der dokumentarfilminitiative.

Von Werner Busch.


Seit ihrer Gründung 1977 gehört die Duisburger Filmwoche zu den wichtigsten Treffpunkten des deutschsprachigen Dokumentarfilms. Das Festival hat sich dabei eine besondere Struktur bewahrt: Es gibt keine parallelen Filmvorführungen, und die ausführlichen Diskussionen im Anschluss sind ebenso wichtig wie die Filme selbst. Die Gespräche werden traditionell protokolliert und sind im Onlinearchiv „Protokult“ nachzulesen.

Zum 50. Jubiläum richtet die Filmwoche unter dem Motto „50 Jahre Gegenwart“ den Blick nicht nur zurück, sondern vor allem auf die Gegenwart und Zukunft des dokumentarischen Kinos. Die 21 ausgewählten Filme beschäftigen sich mit gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen, persönlichen Erfahrungen und den Möglichkeiten, Wirklichkeit filmisch darzustellen.

Gleich mehrere Beiträge kommen aus Köln. Besonders vertreten ist die Kunsthochschule für Medien Köln (KHM), die mit zwei aktuellen studentischen Produktionen im Wettbewerb präsent ist.

Zwei KHM-Filme über Erinnerung und politische Gewalt

In Das Monument bewegt sich beschäftigt sich Marja Suna Vormann mit der Erinnerung an die Opfer der argentinischen Militärdiktatur. Ausgangspunkt des 20-minütigen Dokumentarfilms ist der Parque de la Memoria in Buenos Aires, eine Gedenkstätte am Río de la Plata. Während der Diktatur zwischen 1976 und 1983 wurden Tausende Menschen verschleppt und ermordet, viele von ihnen bei sogenannten Todesflügen über dem Fluss abgeworfen.

Vormann folgt den Spuren der Verschwundenen und den Stimmen ihrer Angehörigen. Zwischen Gedenkstätte, Gerichtssaal und Plaza de Mayo entsteht ein Film über die fortdauernde Suche nach Gerechtigkeit und die Frage, wie sich Erinnerung lebendig halten lässt. Dabei geht es nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um den Widerstand gegen das Vergessen in der Gegenwart. Der Film erlebt in Duisburg seine Uraufführung.

Vorführung: Dienstag, 3. November, 14:20 Uhr.

Ebenfalls an der KHM entstanden ist Estahbes von Almourad Aldeeb. Der rund 80-minütige Dokumentarfilm verarbeitet die persönlichen Erfahrungen des syrischen Filmemachers, der am 31. Dezember 2013 in Damaskus verhaftet und in einem Gefängnis des Assad-Regimes inhaftiert wurde.

Nach dem Sturz des Regimes kehrte Aldeeb im Dezember 2024 nach Syrien zurück. Sein Film führt in die inzwischen verlassenen Gefängnisräume, in denen die Erinnerungen an Folter, Gewalt und den Tod von Mitgefangenen noch immer gegenwärtig sind. Es ist eine persönliche Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen und zugleich ein Versuch, Zeugnis abzulegen für diejenigen, die nicht überlebt haben. Sieben seiner Freunde starben unter Folter.

Der auf 16 mm gedrehte Film feierte im April 2026 beim Schweizer Dokumentarfilmfestival Visions du Réel seine Weltpremiere. Beim Filmfest München wurde er anschließend mit dem internationalen Publikumspreis ausgezeichnet.

Vorführung: Dienstag, 3. November, 16 Uhr.

Lukas Marxt dokumentiert die Feuerkatastrophe von Los Angeles

Mit >1,5°C: Pyropolitics and the New World ist ein weiterer Film mit Kölner Verbindung im Programm. Regisseur Lukas Marxt, der 2012 sein Diplom an der KHM abschloss und international als Film- und Videokünstler arbeitet, widmet sich darin den verheerenden Waldbränden, die Anfang 2025 weite Teile von Los Angeles zerstörten.

Marxt befand sich zu dieser Zeit für ein anderes Projekt in Südkalifornien. Gemeinsam mit dem Kameramann Carson Davis Brown begann er, die Feuer und ihre Folgen zu dokumentieren.

Sein 73-minütiger Film beobachtet brennende Landschaften, zerstörte Wohnviertel, die Arbeit der Feuerwehr und die Menschen, die durch die Katastrophe ihre Existenz verloren haben. In langen, teilweise beinahe hypnotischen Einstellungen zeigt Marxt die zerstörerische Kraft der Brände und die Veränderungen einer Stadt, in der ganze Straßenzüge innerhalb kürzester Zeit zu Ruinen werden.

Dabei geht es um mehr als die Dokumentation einer Naturkatastrophe. Der Film wirft Fragen nach den gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels auf und danach, wie unterschiedlich Menschen von seinen Auswirkungen betroffen sind. Die Feuer von Los Angeles erscheinen als Vorboten einer Zukunft, in der extreme Wetterereignisse zunehmend den Alltag bestimmen.

Der Film feierte Ende Oktober beim DOK Leipzig seine Weltpremiere und ist nun auch in Duisburg zu sehen.

Vorführung: Freitag, 6. November, 14:45 Uhr.

50 Jahre Filmgeschichte in einem Buch aus Köln

Der Sammelband Arbeiten für das Kino erscheint bei StrzeleckiBooks, dem 2009 von der Kölner Grafikerin und Verlegerin Carmen Strzelecki gegründeten Verlag. StrzeleckiBooks hat sich mit sorgfältig gestalteten Publikationen zu Kunst, Film und Musik einen Namen gemacht und arbeitet seit vielen Jahren mit Institutionen der Kölner Kulturszene zusammen, darunter das Museum Ludwig, das Filmforum NRW und die KHM.

Für das Jubiläumsbuch haben die Herausgeber Alexander Scholz und Patrick Holzapfel 50 Texte zu 50 Jahrgängen der Duisburger Filmwoche versammelt. Filmemacher:innen, Kritiker:innen, Wissenschaftler:innen und Filmvermittler:innen setzen sich darin mit Filmen, ästhetischen Entwicklungen und den gesellschaftlichen Bedingungen des dokumentarischen Kinos auseinander. Statt einer klassischen Festivalchronik ist eine vielstimmige Sammlung entstanden, die historische Perspektiven mit aktuellen Fragen verbindet. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Filme selbst, sondern auch die Menschen und Institutionen, die dafür sorgen, dass dokumentarische Arbeiten entstehen, gezeigt, diskutiert und bewahrt werden können.

Das Buch wird am Dienstag, 3. November, um 18:30 Uhr im Rahmen einer Veranstaltung mit Lesungen und Gesprächen offiziell vorgestellt. Ergänzend läuft der für das Jubiläum neu digitalisierte Dokumentarfilm Knittelfeld – Stadt ohne Geschichte von Gerhard Friedl.

Der Band ist ab dem 2. November für 28 Euro erhältlich.

EN PLUS 1: Die dfi fragt nach der Zukunft des Kinos

Eine weitere Kölner Beteiligung findet sich im umfangreichen Rahmenprogramm „Arbeiten für das Kino“. Die dokumentarfilminitiative (dfi) im Filmbüro NW präsentiert gemeinsam mit ARTE den Filmabend EN PLUS 1, der das Kino als sozialen, politischen und kulturellen Raum untersucht. Im Mittelpunkt steht die Frage, wem das Kino gehört und welche Möglichkeiten es für Gemeinschaft, Emanzipation und gesellschaftliche Teilhabe eröffnet. Drei Filme aus unterschiedlichen Jahrzehnten nähern sich diesen Themen aus feministischen und queeren Perspektiven.

In Audience (1982) richtet die US-amerikanische Experimentalfilmerin Barbara Hammer ihre 16-mm-Kamera auf das eigene Publikum. Vor und in den Kinos spricht sie mit Zuschauer:innen über lesbische Repräsentation, Pornografie und Feminismus. Der Film zeigt das Kino als Ort, an dem gesellschaftliche Auseinandersetzungen unmittelbar zwischen Leinwand und Publikum stattfinden.

Carmen (1999) von Anja Salomonowitz erzählt von einer Frau, deren Leidenschaft für das Kino geradezu körperliche Dimensionen annimmt. Die Beziehung zu ihrem Wiener Lieblingskino steht dabei auch für die emotionale Bindung an einen Ort, der von kommerziellen Veränderungen bedroht ist.

In Cinema Alcázar (1997) der nicaraguanischen Regisseurin Florence Jaugey wird ein ehemaliges Kino nach einem Erdbeben zur Behausung. Der Film erzählt davon, wie ein Ort, der einst für gemeinsame Filmerlebnisse geschaffen wurde, eine neue, existenzielle Funktion erhält.

Die Einführung übernimmt Michelle Koch von der dokumentarfilminitiative. Das Programm schlägt damit eine Brücke zu einer zentralen Frage des gesamten Jubiläums: Welche Bedeutung hat das Kino heute noch als öffentlicher Ort der Begegnung, des Austauschs und der gemeinsamen Erfahrung?

Vorführung: Donnerstag, 5. November, 21:30 Uhr.

Carmen (1999) von Anja Salomonowitz erzählt von einer Frau, die eine leidenschaftliche Beziehung zu ihrem Wiener Lieblingskino pflegt.
Foto: © Anja Salomonowitz / sixpackfilm

Ein Jubiläum mit vielen Verbindungen

Mit ihren unterschiedlichen Beiträgen zeigt die Kölner Filmszene bei der 50. Duisburger Filmwoche eine große Bandbreite: von aktuellen studentischen Dokumentarfilmen über die experimentelle Arbeit eines international etablierten Künstlers bis hin zur filmkulturellen Vermittlung und publizistischen Auseinandersetzung mit dem Kino. Das passt zum Selbstverständnis der Filmwoche, die seit fünf Jahrzehnten nicht nur Filme präsentiert, sondern vor allem Räume schafft, in denen über Bilder, ihre Entstehung und ihre gesellschaftliche Bedeutung diskutiert werden kann.

Die 50. Duisburger Filmwoche findet vom 2. bis 8. November 2026 im filmforum Duisburg statt. Das vollständige Programm und Informationen zum Ticketverkauf gibt es auf der Festivalwebsite.


Titelbild: Das Monument bewegt sich (2026) von Marja Suna Vormann erinnert an die Opfer der argentinischen Militärdiktatur. Eine Produktion der Kunsthochschule für Medien Köln. © Marja Suna Vormann


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