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Zehn Jahre Studio Argento: Die Traumathek im Herzen der Kölner Filmszene

Die Traumathek ist eine der letzten großem Videotheken Deutschlands – und längst viel mehr als das. Seit über 30 Jahren bewahrt sie filmische Schätze, die anderswo kaum zu finden sind. Mit ihrem kleinen Ladenkino Studio Argento, das gerade seinen zehnten Geburtstag gefeiert hat, ist sie zudem zu einem lebendigen Treffpunkt der Kölner Filmszene geworden.

Von Werner Busch.


Als Karin Hüttenhofer am 1. Februar 1994 in der Kölner Lützowstraße die Traumathek eröffnete, waren Videotheken ein florierendes Geschäft. Allerdings hatte sie etwas anderes im Sinn als die üblichen Regale voller Hollywood-Blockbuster und der Sleazy-Ecke hinterm Vorhang. Ihre Inspiration kam aus Berlin: Dort betrieb der legendäre Graf Haufen das Videodrom, einen Umschlagplatz für obskure Filmschätze aus aller Welt. Über dessen Versandhandel waren VHS-Kassetten erhältlich, die aus Hongkong, England oder den Niederlanden importiert wurden – in Originalfassung, ungekürzt und in Deutschland häufig überhaupt nicht verfügbar.

Genau solche Filme wollte Hüttenhofer auch in Köln zugänglich machen. Asiatisches Kino, experimentelle Arbeiten, Underground- und Independent-Filme, italienische Gialli und Horrorfilme, die man hierzulande oft nur in verstümmelten Fassungen kannte. Und natürlich die Filme ihres Lieblingsregisseurs Dario Argento, dessen Trauma (1993) sogar zum Namensgeber der Videothek wurde. Eine cineastische Schatzkammer entstand, in der man Filme entdecken konnte, von deren Existenz man zuvor nicht einmal wusste. Die Traumathek wurde schnell zum Kultort für Filmbegeisterte.

Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, gehört sie zu den letzten verbliebenen Videotheken Deutschlands. Und man könnte sie mit gutem Recht zu den bemerkenswertesten zählen.

Vom VHS-Regal zum blutroten Kinosaal

Dass sie heute weiter existiert, ist allerdings keineswegs selbstverständlich. Mit dem Niedergang des klassischen Verleihgeschäfts musste sich auch die Traumathek immer wieder neu erfinden. Zum Filmverleih gesellte sich ein umfangreiches Verkaufsangebot mit Filmbüchern, Plakaten, seltenen DVDs und Blu-rays, Soundtracks und allerlei cineastischen Memorabilia. Wer ein originelles Weihnachtsgeschenk für Filmfreunde sucht, kann hier Stunden verbringen. Neben Raritäten aus der Filmgeschichte finden sich Bücher über Filmkunst, Musik und Feminismus, ungewöhnliche Editionen und viele Dinge, die es im gewöhnlichen Handel kaum gibt.

2014 kam ein Filmcafé hinzu, das mit seinen gemütlichen Sitzgelegenheiten zum Verweilen und Nerd-Talk einlädt. Und im September 2016 folgte der vielleicht entscheidende Schritt: Dort, wo zuvor VHS-Regale zu stauben angefangen hatten, entstand ein kleiner Vorführraum. Das Studio Argento war geboren.

Natürlich ist auch dieses Kino eine Hommage an Dario Argento. Die Wände wurden von der Traumathek-Crew gleich dreimal in jenem intensiven Blutrot gestrichen, das an seinen Film Profondo Rosso erinnert. Rund 25 Menschen finden hier Platz. Das macht das Studio zu einem ungewöhnlich intimen Ort für Filmvorführungen, bei denen man sich beinahe wie im heimischen Wohnzimmer fühlt – nur mit größerer Leinwand und Gleichgesinnten, die die eigene Filmbegeisterung teilen.

Immer in guter Gesellschaft: Traumathek-Gründerin Karin Hüttenhofer und Regisseur Jörg Buttgereit, Foto: Werner Busch

Filmabende, die es nur hier gibt

Zehn Jahre später hat sich das Studio Argento zu einem festen Bestandteil der Kölner Kinolandschaft entwickelt. Das Programm ist so eigenwillig wie die Traumathek selbst. Kultklassiker und filmhistorische Entdeckungen wechseln sich mit feministischen Filmreihen, experimentellen Arbeiten und obskuren Genreperlen ab. Alejandro Jodorowskys Der heilige Berg gehört zu den traditionellen Jahresabschlussvorführungen. Daneben gibt es Filmabende mit Gästen, Gespräche, Lesungen, Buchpräsentationen und Happenings. In Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Schönecker werden sogar Filme auf 16-mm-Material gezeigt. Es sind Veranstaltungen, für die in einem regulären Kinobetrieb kein Platz wäre und die man in dieser Form anderswo selten erlebt.

Immer wieder geben sich im Studio Argento auch prominente Gäste die Klinke in die Hand. Filmemacher Jörg Buttgereit, der Autor und wandelnde Film-Gelehrte Christian Keßler, dessen Auftritte regelmäßig ausverkauft waren, oder der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger gehören zu den Unterstützern und Gästen der Traumathek. Sie präsentierten Filme, lasen aus ihren Büchern, hielten Vorträge und teilten ihre Begeisterung mit einem Publikum, das oft nicht weniger filmverrückt ist als sie selbst.

Eine der schönsten Anekdoten aus der Geschichte der Traumathek ereignete sich allerdings ganz ohne vorherige Ankündigung. Am 28. Oktober 2021 spazierte plötzlich Gaspar Noé in den Laden. Der französische Regisseur von Irreversibel, Enter the Void und Climax stöberte zunächst unerkannt durch die Regale, bis sich herausstellte, wer da gerade zu Besuch war. Noé hatte kurz zuvor seinen Film Vortex gedreht, in dem ausgerechnet Dario Argento eine der Hauptrollen spielt. Als er erfuhr, dass die Traumathek und ihr kleines Kino nach Argento benannt waren und Karin Hüttenhofer eine glühende Verehrerin des italienischen Regisseurs ist, war er begeistert. Er ließ sich das Studio Argento zeigen, zückte kurzerhand sein Smartphone und rief Dario Argento persönlich an. Dann drückte er Karin das Telefon in die Hand: »Talk, talk!« Und plötzlich unterhielt sich die Kölner Videothekarin mit ihrem großen Idol, auf Italienisch und Englisch. Ein vollkommen unwirklicher Moment, den das Team anschließend euphorisch auf seiner Website festhielt. Wie schön, wenn das Leben die schönsten Filmmomente schreibt.

Das Engagement wird inzwischen auch offiziell gewürdigt. Die Film- und Medienstiftung NRW zeichnet die Traumathek seit mehreren Jahren im Rahmen ihres Kinoprogrammpreises aus – Seite an Seite mit den etablierten Filmkunstkinos des Landes. Zuletzt erhielt sie 2025 erneut einen Sonderpreis als Kulturort. Dass eine ehemalige Videothek mit ihrem kleinen Ladenkino in dieser Gesellschaft auftaucht, ist eine bemerkenswerte Anerkennung ihrer filmkulturellen Arbeit.

Eine weitere Entwicklung dürfte Karin Hüttenhofer besonders freuen: Immer mehr Filmbegeisterte entdecken das Studio Argento für eigene Veranstaltungen. Der Raum kann für private Vorführungen gemietet werden, um mit Freunden endlich einmal wieder einen Lieblingsfilm gemeinsam auf der Leinwand zu erleben. Aus solchen Treffen entwickeln sich neue Gemeinschaften, die weit über den einzelnen Filmabend hinausreichen.

Ein schönes Beispiel ist der Cologne Film Club, der sich seit 2022 regelmäßig im Studio Argento trifft. Entstanden aus privaten Filmabenden in einem Wohnzimmer, entwickelte sich dort eine wachsende internationale Film-Community. Inzwischen veranstaltet der Club sogar öffentliche Vorführungen in den Lichtspielen Kalk. Das Studio Argento ist damit längst mehr als ein Ort, an dem Filme gezeigt werden: Hier entstehen neue Initiativen, Freundschaften und Ideen für die Kölner Kinokultur.

Karin Hüttenhofer und Florian Prasser von der Kölner Traumathek beim Kinoprogrammpreis NRW 2025.
Foto: © Hojabr Riahi / Film- und Medienstiftung NRW

Mehr als 18.000 Filme gegen die Streaming-Müdigkeit

Bei all diesen Aktivitäten gerät beinahe in Vergessenheit, dass das ursprüngliche Herzstück der Traumathek weiterhin existiert: der Filmverleih. Mehr als 18.000 Titel umfasst das Archiv inzwischen, von frühen Werken der Filmgeschichte über Stummfilme und internationale Klassiker bis zu aktuellen Produktionen. Schon 2020 bezeichnete die Film- und Medienstiftung NRW die Sammlung als größtes privatwirtschaftliches Filmarchiv Nordrhein-Westfalens. Jede Woche kommen neue Titel hinzu.

Und dieses Angebot wird gerade jetzt wieder interessanter. Denn während Streamingdienste mit gigantischen Bibliotheken werben, wächst bei manchen Filmbegeisterten die Ernüchterung. Filme wechseln ständig die Plattform, verschwinden aus den Katalogen oder sind trotz mehrerer Abonnements überhaupt nicht verfügbar. Wer nach einem bestimmten Werk, einer seltenen Fassung oder dem Frühwerk eines Regisseurs sucht, stößt sehr schnell an Grenzen. Die Streaming-Müdigkeit ist längst Realität. Die Traumathek bietet hier etwas, das kein Algorithmus ersetzen kann: einen über Jahrzehnte gewachsenen Bestand und Menschen, die sich mit diesen Filmen auskennen.

»Ich will das Filmgucken zelebrieren«, erklärte Karin Hüttenhofer jüngst in einem Interview mit t-online. Hier werden Filme gesammelt, gezeigt, besprochen und weiterempfohlen. Es geht um Neugier, Entdeckungen und die Freude daran, Filmbegeisterung mit anderen zu teilen.

Dass die vergangenen Jahre mit dem Druck der All-you-can-eat-Streaming-Mentalität á la Netflix nicht immer einfach waren, gehört ebenfalls zur Geschichte. 2017 stand die Traumathek sogar kurz vor dem Aus und konnte nur dank der Unterstützung ihrer Kundschaft und zahlreicher Filmfreunde weitermachen. Umso schöner ist es, wie vielfältig sich der Laden heute präsentiert.

Zum zehnten Geburtstag des Studio Argento wurde am 22. Oktober mit Klaus Lemkes Sylvie von 1973 gefeiert, geschnitten von Editing-Legende Peter Przygodda. Ein passender Jubiläumsfilm für einen Ort, der sich seine Unabhängigkeit und seinen Eigensinn bewahrt hat.

Nach über 30 Jahren ist die Traumathek weit davon entfernt, bloß ein nostalgisches Überbleibsel aus der VHS-Ära zu sein. Sie hat sich zu einem kleinen, aber überaus vitalen Zentrum der Filmkultur entwickelt, in dem immer wieder Menschen zusammenkommen, um ihre Leidenschaft für das Kino zu teilen.

Und das ist vielleicht das Schönste an dieser Geschichte: Ausgerechnet eine Videothek, deren Geschäftsmodell längst als ausgestorben gilt, sorgt heute für neue Bewegung in der Kölner Kinolandschaft. Auf die nächsten zehn Jahre Studio Argento!


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