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30 Jahre Rapid Eye Movies: Die Kunst der Entdeckung

Seit drei Jahrzehnten bringt der Kölner Filmverleih Rapid Eye Movies außergewöhnliche Filme auf die Leinwand. Von japanischen Kultfilmen über den Bollywood-Boom bis zu international gefeierten Arthouse-Produktionen hat das Unternehmen die deutsche Kinolandschaft entscheidend mitgeprägt. Zum 30. Geburtstag lädt Rapid Eye Movies zu einer Ausstellung im Hallmackenreuther und einer Filmreihe mit selten gezeigten 35-mm-Kopien im Filmclub 813.

Von Werner Busch.


Partners in Film und im Leben: Stephan Holl und Antoinette Köster, das Duo hinter Rapid Eye Movies. Foto: Stephan Holl

„In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.“ Diesen Titel eines Films von Alexander Kluge und Edgar Reitz aus dem Jahr 1974 hat Rapid Eye Movies zum Motto seiner Jubiläumsausstellung gemacht. Ein passender Leitsatz für einen Filmverleih, der sich seit 30 Jahren mit bemerkenswerter Konsequenz dem außergewöhnlichen Kino verschrieben hat. Ob japanischer Experimentalfilm, Hongkong-Action, indisches Melodram oder europäisches Autorenkino: Bei Rapid Eye Movies waren die interessantesten Filme häufig diejenigen, von denen in Deutschland noch kaum jemand gehört hatte.

Anlässlich des 30-jährigen Bestehens haben die Gründer Stephan Holl und Antoinette Köster ihre Archive geöffnet. Vom 1. bis zum 8. November präsentiert Rapid Eye Movies im Kölner Hallmackenreuther eine Ausstellung mit Plakaten, Designs, Fotografien und Erinnerungsstücken aus drei Jahrzehnten Filmgeschichte. Dazu kommen Kurzfilme und Musik.

„Wir haben unser Archiv gehoben und durchkämmen gerade alles, was wir in den letzten 30 Jahren herausgebracht haben“, erzählt Stephan Holl im Gespräch mit Filmszene Köln. Darunter befinden sich nicht nur Werbematerialien und aufwendig gestaltete Filmplakate, sondern auch persönliche Fotografien von Dreharbeiten und Begegnungen mit Filmschaffenden. Aufnahmen mit John Woo, Alexander Kluge oder dem philippinischen Regisseur Khavn dokumentieren die Geschichte eines Unternehmens, das weit mehr geworden ist als ein klassischer Filmverleih.

„Man darf jetzt nicht eine Poster-Ausstellung erwarten“, betont Holl. Vielmehr gehe es um eine Mischung aus Filmgeschichte, Gestaltung und den persönlichen Beziehungen, die über Jahrzehnte gewachsen seien. Die Ausstellung versammelt Dokumente von Begegnungen, besonderen Momenten und Menschen, die dem Rapid Eye Movies-Team ans Herz gewachsen sind.

Eine Filmschule namens Filmpalette

Die Geschichte von Rapid Eye Movies beginnt in der Kölner Independent-Filmszene der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre. Stephan Holl arbeitete als Filmvorführer in der Filmpalette und gehörte 1990 zu den acht Gründungsmitgliedern des Filmclub 813. Dort entstand ein Umfeld, das sich jenseits des regulären Kinoprogramms für außergewöhnliche Filme begeisterte und mit großem Engagement unbekannte Werke auf die Leinwand brachte.

1996 gründeten Holl, Antoinette Köster und Sigrid Limprecht schließlich Rapid Eye Movies. Ausgangspunkt war ihre Begeisterung für das aktuelle asiatische Kino, das hierzulande damals außerhalb von Festivals und spezialisierten Filmclubs wenig präsent war.

Als erste Filmlizenz erwarben sie John Woos The Killer. Der erste reguläre Kinostart des jungen Verleihs war allerdings Mamoru Oshiis Anime-Klassiker Ghost in the Shell, der Ende 1996 zunächst im Kölner Broadway-Kino präsentiert wurde. Rückblickend war das ein bemerkenswertes Debüt: Der Science-Fiction-Film gilt längst als Meilenstein des japanischen Animationskinos und inspirierte maßgeblich das Sci-Fi-Genre.

In den folgenden Jahren etablierte sich Rapid Eye Movies als eine der wichtigsten Adressen für asiatisches Kino in Deutschland. Das Unternehmen brachte Filme von Takeshi Kitano, Takashi Miike, Park Chan-wook und vielen weiteren Regisseuren heraus, deren Namen heute zum festen Bestandteil der internationalen Filmkultur gehören.

Nicht selten war Rapid Eye Movies den großen Verleihern einige Jahre voraus. Sonatine von Takeshi Kitano, Audition von Takashi Miike oder Joint Security Area von Park Chan-wook erreichten durch den Kölner Verleih ein deutsches Publikum, bevor ihre Regisseure international zu gefeierten Größen wurden.

Takeshi Kitano als Yakuza Murakawa in Sonatine (1993), bei dem er auch Regie führte. © Rapid Eye Movies.

Das hatte allerdings auch seine Schattenseiten. „Unser Schicksal war oft, dass wir die ersten Filme von heute berühmten Filmemachern hatten“, erinnert sich Holl. Sobald diese mit großen Festivalpreisen ausgezeichnet wurden, verfügten andere Unternehmen über die finanziellen Möglichkeiten, sich ihre nächsten Werke zu sichern. Rapid Eye Movies blieb häufig die Rolle des Entdeckers.

Von Bollywood zum internationalen Autorenkino

Der große kommerzielle Durchbruch folgte zu Beginn der 2000er-Jahre mit einem ganz anderen Genre: dem populären indischen Kino. Mit Kabhi Khushi Kabhie Gham – In guten wie in schweren Tagen und weiteren Filmen mit Shah Rukh Khan erschloss Rapid Eye Movies ein Publikum, dessen Begeisterung in Deutschland zuvor weitgehend unterschätzt worden war.

Die Kombination aus Kinoauswertung, sorgfältig synchronisierten DVD-Veröffentlichungen und Fernsehlizenzen entwickelte sich zu einem außerordentlichen Erfolg. Über Jahre hinweg prägte Rapid Eye Movies den deutschen Markt für Bollywood-Filme entscheidend mit.

Doch die Rahmenbedingungen änderten sich. Internationale Streaminganbieter machten den direkten Lizenzverkauf für indische Produktionsfirmen zunehmend attraktiver. Zugleich ließ die Begeisterung für den Boom nach. Rapid Eye Movies musste sich verkleinern und neu orientieren.

Der japanische Regisseur SABU, Foto: Stephan Holl

Was blieb, war die ursprüngliche Lust am Entdecken. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Programm weit über seine asiatischen Wurzeln hinaus. Filme wie Attenberg von Athina Rachel Tsangari, Searching for Sugar Man von Malik Bendjelloul, Drive My Car von Ryūsuke Hamaguchi oder All We Imagine as Light von Payal Kapadia zeigen die enorme Bandbreite des heutigen Verleihs.

Auch die Produktion eigener Filme wurde zu einem wichtigen Arbeitsfeld. Bereits 2011 entstand mit Underwater Love eine ebenso ungewöhnliche wie folgerichtige Verbindung verschiedener Rapid Eye-Vorlieben: ein japanisches Pink-Film-Musical, fotografiert von Christopher Doyle und mit Musik von Stereo Total.

Es folgten zahlreiche internationale Kooperationen, etwa mit dem japanischen Regisseur SABU, dem philippinischen Filmemacher Khavn, der Schauspielerin Lilith Stangenberg und Alexander Kluge. Aus der Zusammenarbeit von Kluge, Khavn und Stangenberg entstand 2020 der experimentelle Spielfilm Orphea, der seine Premiere auf der Berlinale feierte.

Für Rapid Eye Movies sind solche Projekte Ausdruck einer Arbeitsweise, die sich nur bedingt nach Marktmechanismen richtet. Oft entwickeln sich Filme aus langjährigen Freundschaften und künstlerischen Begegnungen. Der Verleih ist deshalb auch Produktionsfirma, Netzwerk und eine Art kreatives Familienunternehmen.

Alte Filme, neue Entdeckungen

Ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld ist inzwischen die Wiederentdeckung und Restaurierung älterer Filme. Mit der Reihe Zeitlos hat Rapid Eye Movies Werke unterschiedlichster Herkunft erneut ins Kino gebracht, darunter Filme von Alexander Kluge, Seijun Suzuki und Edward Yang.

Dabei interessiert sich Rapid Eye Movies weniger für den bloßen Klassikerstatus als für Filme, die auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch aufregend wirken. Ein besonderer Erfolg gelang mit der Wiederaufführung von Edward Yangs Yi Yi.

Dass dieses Engagement mitunter ein wirtschaftliches Risiko darstellt, weiß Holl nur zu gut. Die ursprünglich ambitionierte Idee, monatlich einen wiederentdeckten Film neu ins Kino zu bringen, musste zurückgefahren werden. Das Publikum für manche Entdeckungen blieb schlicht zu klein.

Dennoch ist Rapid Eye Movies seiner Kinoleidenschaft treu geblieben. Auch im Jubiläumsjahr setzt der Verleih auf außergewöhnliche Filme und ungewöhnliche Kooperationen. Mit Für immer 16, dem auf Super 8 gedrehten Spielfilmdebüt des Stereo-Total-Musikers Brezel Göring, war Rapid Eye Movies im Sommer 2026 auch als Produktionsfirma im Kino vertreten. Die Kamera führte dabei Stephan Holl höchstpersönlich.

Ende Oktober schließt sich zudem ein besonderer Kreis: John Woos The Killer, mit dem die Geschichte von Rapid Eye Movies einst ihren Anfang nahm, kehrt am 29. Oktober in die deutschen Kinos zurück.

Der Film, mit dem alles begann, ist jetzt wieder zurück im Kino: John Woos The Killer (1989), Foto © Film Workshop / Golden Princess Film Production.

Zurück zu den Wurzeln: 35 Millimeter im Filmclub 813

Zum Jubiläum gibt es außerdem ein Wiedersehen mit dem Ort, an dem die Filmleidenschaft von Stephan Holl wesentlich geprägt wurde. Gemeinsam mit dem Filmclub 813 veranstaltet Rapid Eye Movies im November eine Reihe mit selten gezeigten Original-Filmkopien.

Die stammen aus dem umfangreichen Rapid Eye-Archiv, das inzwischen im Filmmuseum Düsseldorf aufbewahrt wird. Darunter befinden sich zahlreiche 35-mm-Kopien asiatischer Filme, die auf diesem Format heute kaum noch öffentlich zu sehen sind.

Den Auftakt macht am 9. November Der gnadenlose Vollstrecker von Kuei Chih-Hung. Es folgen Johnnie Tos The Mission am 13. November, Shunya Itôs Sasori – Scorpion am 14. November und Shu Lea Cheangs I.K.U. am 26. November. Alle vier Vorstellungen beginnen um 20 Uhr.

Holl selbst will bei den Vorführungen dabei sein. Ein Wiedersehen nicht nur mit den Filmen, sondern auch mit einer Kinokultur, deren Bewahrung ihn seit Jahrzehnten beschäftigt.


Jubiläumsausstellung

Die Jubiläumsausstellung im Hallmackenreuther richtet den Blick dagegen auf das gesamte kreative Universum von Rapid Eye Movies. Bei der Eröffnung am Sonntag, 1. November, von 15 bis 22 Uhr kann mit dem Team gefeiert werden. Die Ausstellung läuft anschließend noch bis einschließlich 8. November, täglich von 10 bis 22 Uhr. Vom 2. bis zum 8. November gibt es jeweils von 18 bis 19 Uhr zusätzlich Musik und einen Shop mit Raritäten aus dem Rapid Eye Movies-Archiv, Vinyl, limitierten Editionen, Prints und Kurzfilmen.

Drei Jahrzehnte Filmgeschichte, unzählige Entdeckungen und persönliche Begegnungen – und ein Verleih, der nach wie vor nicht in erster Linie danach fragt, welche Filme das Publikum sehen will, sondern welche es unbedingt gesehen haben sollte.

30 Jahre Rapid Eye Movies – Ausstellung „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“

Eröffnung: Sonntag, 1. November 2026, 15–22 Uhr
Ausstellung: 1.–8. November 2026
Ort: Hallmackenreuther, Brüsseler Platz 9, Köln
Öffnungszeiten: täglich 10–22 Uhr (Eröffnung ab 15 Uhr)
Musik & Shop: 2.–8. November, täglich 18–19 Uhr

Titelbild: Stephan Holl im Vorführraum des Filmclub 813

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